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Nicht nur Mateo Vilagrasas Werk, sondern auch der Künstler selbst ist der Versuch, Wahrheiten zu finden. Er malt, was er lebt und lebt, was er malt. Isabelle Ushky befasst sich mit der Geschichte Vilagrasas und liefert Einblicke in die kommende Ausstellung des spanischen Künstlers im Frankfurter Instituto Cervantes.

Ausstellung

Die Sphäre des Menschseins

Mateo Vilagrasas Ausstellung „La Luz“ und die „Winterreise“ der Kammeroper Frankfurt

Von Isabelle Ushky

Mateo Vilagrasa, Foto: Angel Marcos, 1986
Mateo Vilagrasa, 1986

Mateo Vilagrasas Malerei ist ein Gedankenexperiment, das nicht nur zeigt, was der Mensch sieht, sondern auch das, was er denkt und fühlt. Um diese verborgene Ebene sichtbar zu machen, begibt sich Vilagrasa auf die Suche nach Identität. Für ihn existiert die Kunst durch den Künstler, der hinter ihr steht. Der Künstler Mateo Vilagrasa wurde 1944 in Castellón, Spanien geboren. In den siebziger Jahren verlässt er seine Heimat, um der Franco-Diktatur zu entfliehen. Diese Flucht führt ihn über Paris nach Frankfurt direkt in den Geist der 68er-Bewegung. Die Zeit in Frankfurt wird für Vilagrasa ein prägendes Moment des Lernens. Der Kampf für Freiheit stiftet erstmals einen Sinn für die gesellschaftliche Bedeutung des eigenen künstlerischen Schaffens.

Um seine künstlerischen Fähigkeiten zu schärfen, nimmt Vilagrasa an Städel-Klassen teil und definiert seine künstlerische Stimme. Er spielt mit dem Licht, schöpft das gesamte Farbspektrum aus, lässt das Licht aus nur einem Farbton hervortreten, malt helles und trübes Licht. Umrisse verschwimmen, Pigmente und Inhalte verschmelzen. Vilagrasa selbst, der Kunst, Literatur und Philosophie zusammendenkt, ist eine solche Verschmelzung. Mit wachsendem Drang setzt sich der junge Künstler in seiner Frankfurter Zeit mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule auseinander, besucht Vorlesungen Theodor W. Adornos und begegnet Herbert Marcuse und Angela Davis. Vilagrasa begreift Wahrheit als eine Praxis, die man nicht in den Landschaften der Natur findet, sondern in sich selbst suchen muss: als eine Reise durch Irrtümer, als einen Versuch. Seine Zeichnungen, Bilder und Grafiken wecken schnell das Interesse von Galeristen und Sammlern.

Nach einem tragischen Unfall in 2006, der Vilagrasa in den Rollstuhl zwingt, verliert der Künstler die physische Fähigkeit, zu malen, seine künstlerische Triebkraft jedoch bleibt ungebrochen. Er schreibt das Buch „Libro de Libros“, das Buch der Bücher, in dem Vilagrasa sich anhand von Notizen und Reflexionen vergangener Reisen durch Europa und Afrika mit der für ihn nach dem fundamentalen Lebenseinschnitt noch dringlicher gewordenen Frage beschäftigt, was ihn, oder den Künstler überhaupt, ausmacht. Das im Menschen Verborgene auf den Punkt zu bringen, bleibt der Kern der Suche Vilagrasas, die auf scharfsinnige Weise beeindruckende Details aufdeckt und sich nicht von dem Umstand trüben lässt, dass sie wahrscheinlich nie vollkommen abgeschlossen sein wird.

Die Offenheit für das komplexe Zusammenspiel von Literatur, Philosophie, Musik und Malerei in der Kunst verbindet Mateo Vilagrasa und den Regisseur und Leiter der Frankfurter Kammeroper Rainer Pudenz seit vielen Jahren. Beide suchen das Direkte, den Kontakt zum Betrachter oder Zuschauer, um möglichst klar zum Ausdruck zu bringen, was nicht nur die Künstler in ihrer langjährigen Freundschaft und Kooperation miteinander verbindet, sondern auch das Publikum: menschliche Gefühle. Liebe, Wut, Trauer, Empathie. Rainer Pudenz und Mateo Vilagrasa sind Freunde des Experimentierens, der Umgestaltung und des Versuchs, immer wieder Wege der Kunst zu wählen, die in die Tiefe gehen, damit etwas Wahres an die Oberfläche gelangen kann.

In seinem Buch der Bücher schreibt Vilagrasa: „Der Künstler will im Schaffensprozess nicht irgendwohin gelangen, er kämpft, leidet, reißt sich in Stücke, erduldet, empfindet Freude, vögelt Eros, lacht, um zu umfassen, nicht weil er die Nummer eins sein will, er denkt sich auch kein Kabelfernsehen aus, um Informationen zu verbreiten, sondern will ein Detail, ein Glied der Kette erschaffen, ein Spinnennetz, ein Netz, einen Ölfleck auf dem Wasser“. Mit diesem Ansatz durchbricht Vilagrasa die Enge einer Kunst, die sich auf Trennlinien beruft, zugunsten einer Kooperation, die gegenseitig befruchtet. Ein Bruch, durch den das Licht eindringen kann.

Das Instituto Cervantes zeigt ab dem 28. April bis zum 2. Juni die Retrospektive „Mateo Vilagrasa – La Luz“, die den Großteil von Mateo Vilagrasas in Frankfurt entstandenen Werken vereinigt und durch die Phasen seines dynamischen künstlerischen Werdegangs führt. Im Rahmen dieser Ausstellung wird im Instituto Cervantes ab dem 29. April die „Winterreise“ von Franz Schubert mit eigens für diese Inszenierung komponierten Liedern des zeitgenössischen Komponisten Andrea Cavallari in einer großen Installation Mateo Vilagrasas aufgeführt. Auch Cavallari experimentiert mit traditionellen Formen, um die Geschichte der „Winterreise“ für das gegenwärtige Publikum so greifbar wie möglich zu machen.

Kammeroper Winterreise-Plakat
Kammeroper Winterreise-Plakat

Der von Franz Schubert im Jahre 1827 komponierte Liederzyklus erzählt von der Reise eines Wanderers, der durch die Erfahrung von Einsamkeit und Fremdheit „existentiellen Schmerz“ empfindet. Schubert, an Syphilis erkrankt, komponierte die „Winterreise“, eine der gefühlsintensivsten Kompositionen der Romantik, ein Jahr vor seinem Tod. Der zeitgenössische Komponist und bildende Künstler Andrea Cavallari, der durch seine Lieder gemeinsam mit Schubert die „Winterreise“ neu erzählt, wurde in den USA geboren und engagiert sich neben seiner eigenen musikalischen und künstlerischen Tätigkeit für Musik- und Kunstförderung. Im Rahmen der Ausstellung werden sechs Aufführungen der „Winterreise“ stattfinden, die zusammen mit Mateo Vilagrasas Werken einen vielschichtigen Komplex bilden.

Isabelle Ushky absolvierte kürzlich ihr Abitur und wirkt zurzeit in der Frankfurter Galerie Art Virus an Kunst- und Literaturprojekten mit. Im Herbst beginnt sie ein Studium der Psychologie.

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erstellt am 26.4.2018

Mateo Vilagrasa: Almuth, 1972 Foto: Instituto Cervantes

Ausstellung im Instituto Cervantes

Mateo Vilagrasa – La Luz

Eröffnung: Samstag 28. April 2018 um 18 Uhr

Siehe Kulturtipp

Mateo Vilagrasa: Autoretrato, 1995 Foto: Instituto Cervantes

Mateo Vilagrasa: Autoretrato, 1995 Foto: Instituto Cervantes

Primero de mayo, 1972 Foto: Instituto Cervantes