Berlin trägt Kippa, Foto: Jamal Tuschick
Berlin trägt Kippa, Foto: Jamal Tuschick
Tuschicks Kolumne

Unsere Juden

Am 17. April 2018 wurde in Berlin ein arabischer Israeli von einem Syrer angegriffen, weil er experimentell eine Kippa trug. Auf die Attacke reagierte die Jüdische Gemeinde in einem Initiativverbund mit der Aktion „Berlin trägt Kippa“. Jamal Tuschick war am 25. April dabei.

Als Lea Rosh bei der größten #BerlinträgtKippa-Kundgebung von „unseren Juden“ anfing, die „zu uns gehören“ und die „wir beschützen müssen“, fiel mir Zvi Rexs brillante Bemerkung ein: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“

Die Absonderung beginnt in der Sprache. Sie macht der Gemeinheit Platz im öffentlichen Raum. Unsere Berlin*innen applaudierten im Gemeinschaftsrausch. Der allgemeine Bürgerkrieg pausierte auf einem Wohlfühlkissen des guten Willens.

Auf der Charlottenburger Fasanenstraße demonstrierten 2500 Teilnehmer*innen ihre Solidarität mit den in Berlin lebenden Juden. Betont wurde, dass man seit Jahrzehnten in Deutschland nicht mehr so viele Kippaträger*innen auf einem Platz gesehen habe. Gleichwohl solle niemand auf die Idee kommen, sich mit einer Kippa auf Berliner Straßen sicher zu fühlen. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, erklärte: „Ich mache mir Sorgen, wenn Juden mit Kippa durch die Stadt laufen.“

„Hören wir auf mit dem Einzelfallgerede“, sagte Volker Kauder. Der Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion forderte Anpassung von den Migranten. Jemand erinnerte daran, dass jüdische Einrichtungen in Deutschland unter Polizeischutz stehen. Wie kann das sein im Land der Täter? Die Scham- und Ruchlosigkeit, die sich in der Latenz ausspricht, ist genauso deutsch wie der Wunsch nach Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und wem eigentlich?

Was ist ein deutscher Jude?

Ein Jude in Deutschland? Ein Deutscher jüdischen Glaubens? Ein Deutscher mit jüdischen Vorfahren? Ein von seinem Jüdischsein in eine Bekennerrolle Gezwungener? Alles ist möglich, aber nichts identisch. Was bei der Anti-Antisemitismus-Zusammenkunft vor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in Rede stand, ist in erster Linie eine deutsche Angelegenheit. Für keinen Juden geht die Welt unter, sollte Deutschland als sicheres Land ausfallen.

Es geht nicht um jüdische Verluste, sondern um bundesrepublikanische. Nach der Generalausbürgerung im Faschismus, bedeutet Normalität, dass eine jüdische Lebensplanung in Deutschland nicht ohne Notfallplan auskommt. Diese Realität lässt die Mehrheitsgesellschaft kalt. Zum großen Spiel gehört, darüber hinwegzureden und sich von islamistischen Antisemitismusimporten Ablenkung vom häuslichen Antisemitismus zu versprechen.

Als ob es ohne ausländischen Antisemitismus auch nur ein Vorurteil weniger gäbe. Jeremy Issacharoff verlangte den Nulltoleranzkurs im Kampf gegen das Gebrechen Ressentiment. Der israelische Botschafter in Deutschland hatte schon eine Rede im Brandenburger Landtag hinter sich. Er war da anlässlich Israels 70. Unabhängigkeitstages in die Bütt gestiegen. Er plädierte für ein demokratisches Bodybuilding im Wettbewerb israelischer und deutscher Jugendlicher.

Das Wunder der deutsch-israelischen Freundschaft steht im Schatten des Wunders Israel. Ohne diesen Staat könnten Deutsche schwerlich die Leichtigkeit des postnazistischen Pogos (und all die Gewinne der kulturellen Appropriation) auf der Achse Tel Aviv/Berlin genießen.

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erstellt am 26.4.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.