Chirurgen greifen in unser Leben ein. Und es besteht die Gefahr, dass es sich nach dem Eingriff ganz anders oder gar nicht fortsetzt. Bernd Leukert hat Verse aus dem Klinikbett von Ria Endres, Robert Gernhardt und Paul-Henri Campbell gelesen, in denen die Gefahr präsent ist.

OP-Verse

Aus tiefster Not

Auch wenn er es nicht wissen will, spürt jeder, der im Krankenhaus operiert werden muss, dass es da – bei aller Fachkompetenz der Ärzte – um Leben und Tod geht, um die aktuelle Gefahr, den Eingriff nicht zu überleben. Die Lyrik, die sich kraft ihrer spezifischen Schwerkraft den letzten Dingen zuneigt, hat gleichwohl keine eigene Sparte rund um das Skalpell eingerichtet. Das Klinikbett ist dennoch hin und wieder der Ort der Not, die sich in Versen Bahn bricht.

Ria Endres, die am 20. Juni 2015 plötzlich das Bewusstsein verliert und stürzt, berichtet: „Viele Monate musste ich still liegen, damit die Wirbel wieder zusammenwachsen konnten. Ich war lange sprachlos. Nach und nach kamen jedoch die Wörter wieder zurück. Ich begann Buchstaben ins iPhone zu tippen. Das war ein Ausweg. Und so schrieb ich die ‚nichts überstürzen’-Gedichte nachts auf einer winzigen hellen Fläche, wenn an Schlaf nicht zu denken war.“

Die Wiedergewinnung der Sprache geschieht über eine obsessive Vergegenwärtigung des durch einen „Sekundentod“ verursachten Sturzes auf den Asphalt und nach dem Erleiden der Schmerzattacken des mit einer „Schraubenleiter“ fixierten Rückens.

Sturz- und Schmerzvariationen sind das hauptsächlich. Da gibt es nichts zu lachen, wohl aber zuweilen zu ironisieren: schön postierte/ lila Narben/ für ein Video/ moderne Kunst/ auf meinem Rücken/ keine Fälschung … Zumeist jedoch teilt sich die Not mit, das Ausgeliefertsein, die Angst und die Ängste: … im Bett/ durch verfallene Gänge/ geschoben/ seh ich die Geister/ an der Decke oben/ sie spielen mit meinen/ Hirnströmen herum/ lieben das Delirium

Das sich bildliche Zurechtlegen dessen, was in der Narkose nicht erfahrbar war und dennoch erlitten wurde, das Nacherzählen dessen, was eben nicht erlebt wurde, durchzieht den Gedichtband: und dann kam das Skalpell/ es war tüchtig/ und arbeitete schnell/ Muskeln und Knochen/ lagen in Stücken/ auf meinem/ chaotischen Rücken. – Durch den Grund, den Anlass, die Umstände ihrer Entstehung und den Zweck haben diese iPhone-Gedichte etwas Rohes behalten. Der Charakter des Unmittelbaren, Ungefilterten ist deshalb mit mancherlei Schwebestoffen und Wortgeröll durchsetzt und rutscht auch zuweilen ins angstbesetzte Kindliche, wie in „Anruf(ung)“: Gespenster/ klopfen im Schrank/ sie wolln mir was sagen/ und nicht ins Jenseits vertagen// grüß Gott/ die Oma ist so klein/ und betet einen Kinderreim …

Der Kinderreim wirkt auch sonst in einigen Versen (die Eule reißt/ die Augen auf/ sie kann so schön/ im Dunkeln sehn), auch da, wo das Reimwort die Gedanken in die Nische lenkt: Ich bin ungebrochen/ du bist nicht bestochen/ kann bald aufrecht stehn … oder: … doch meine Füße/ streifen den Asphalt/ bin eine unauffällige Gestalt.

„nichts überstürzen“ ist ein Dokument der Sprachfindung, auch der schwierigen Regeneration des Realitätssinns, eines Zustands, in dem Engel und Geister tätig oder untätig sind. Doch, obwohl es um mein armes/ zitternd Leben geht, ist die Beschreibungslust, die Reflexion und Selbstreflexion in diesem Band ebenso präsent: und das Glück/ nicht tot zu sein/ kam als/ Wimpernschlag/ zur Tür herein.

Ein erfahrener Humorist

Vor Jahrzehnten erschien, als Schlussteil des Bandes „Lichte Gedichte“ von Robert Gernhardt, der Zyklus „Herz in Not. Tagebuch eines Eingriffs in einhundert Eintragungen“, ein Jahr später als Einzelband. Schon der zweite Eintrag, „Vorgeschichte: Stummer Infarkt“ zeigt die distanzierte Haltung des Autors zu seiner lebensgefährlichen Erkrankung: Sind Sie der Herr Gernhardt?/ Ich bringe die Rechnung/ für knapp sechzig Jahre/ gut Essen, schön Trinken,/ stramm Schaffen, träg Sitzen,/ hoch Fliegen, tief Sumpfen – :/ Bitte hier, links oben, quittieren.

Der 2006 gestorbene Gernhardt, als Schriftsteller und Zeichner einer der Protagonisten der Frankfurter Satireszene in den Zentralorganen „Pardon“ und „Titanic“ und Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“, ein erfahrener Humorist also, hat seine hundert Siebenzeiler in einer Art déformation professionnelle als pointenverdächtige Kommentare angelegt. Doch die in Prä-Op und Post-Op unterteilte Sammlung erlaubt ihm das nicht immer. Am Vorabend der OP, in einem Moment der Besinnung, schreibt er: Der letzte Abend/ der Unversehrtheit,/ der Körperunschuld,/ der Körperdummheit./ Morgen abend werd ich/ ein anderer sein. Versehrter bestimmt. Auch verständiger? Und nach dem Aufwachen in der Intensivstation notiert er: Bett an Bett/ Herr Atatt, Herr Gernhardt./ Herrn Gernhardt geschieht,/ was Herrn Atatt geschehn ist./ Grad wird Herr Atatt/ extubiert. Befremdet/ lauscht Herr Gernhardt den Lauten, die er gleich/ ausstoßen wird.

Wer diese zumeist lakonischen Einträge liest, dem wird sich auch die unterschwellige Angst vermitteln, die sie hervorgebracht hat, und manchmal auch die Mühe, unter diesen Umständen auch noch eine Pointe unterzubringen. Die schönste fällt ihm am Morgen der Operation ein: „Bei so schönem Wetter/ sollte man eigentlich/ im Freien operieren,/ auf blühender Wiese,/ die Stirnen umkränzt/ von Blüten: „Schwester –/ Binden Sie doch mal bitte die Primel hier ab!“ Außer der Siebenzeiligkeit hat Gernhardt in diesem Buch keine weitere lyrische Anstrengung unternommen.

Und so stellt sich bei all den aus der Existenznot entstandenen literarischen Miniaturen dem Leser die Frage: Was verdankt sich der poetischen Kraft, was der (Mit-)Leiderfahrung? Ist es nicht herzlos, bei solchen Botschaften aus tiefster Not den kalten Blick walten zu lassen? Oder, anders gewendet, warum war es den Kranken daran gelegen, Schmerz und Todesangst in mehr oder weniger artifizielle Lyrik zu verwandeln? Greifen wir in der Todesnähe nach den Sternen, die sich entfernen?

Die nackte Diesseitigkeit

„ein heer von engeln und scholastern“ ist der zweite Zyklus überschrieben, der im Band „nach den narkosen“ von Paul-Henri Campbell mit dem Gedicht „rückkehrer“ schließt: sein blut ist vom vorübergehen des klopfens/ so zäh geworden/ dass es nicht mehr rinnt/ ihm ist als obs/ aus tausend opfern tropfte/ doch vergiften tausend opfer seinen sinn// der leichte stich der gleißend kalten nadel/ die sich ins allerbleichste fleisch versenkt,/ ist wie ein kuss vom tier

Nicht alles ist sprachbildlich so aufgeladen, aber schon das Eingangsgedicht, „chirurg“, des Zyklus’ „nach den narkosen“ beginnt mit expressionistischer Wucht: wie axthieb wie hindurch wie brustbein/ wie kalter nasser schmerz wie heillos/ wie erwachen wie ohne wie mit wie naht/ der nacht// wielos so sie naht ist nachtnaht/ so ist sie spur des skalpells

Campbell ist 1982 in Boston (USA) mit einem Herzfehler geboren worden, ist also, so lang er denken kann, mit Krankenhäusern vertraut. 2015, nach der vierten Schrittmacher OP, erlebt er, wie ein zweijähriger Knabe mit gleichem Befund und in gleicher Situation, stirbt. Nachdem der Lyriker Bände über Raumfahrt, einen Flugzeugträger oder den A-Train veröffentlicht hatte, beschäftigt er sich nun, wie er in seinen Anmerkungen schreibt, mit seiner eigenen Insuffizienz und merkt, dass er in der sprachlichen „Salutonormativität“ fremd ist, einer Sprache, die „von einer unverschämten Vitalität“ ist: „Die Sprache aber, die ich meine, kommt aus der Insuffizienz. Sie weiß von vornherein, dass sie eine andere Welt bewohnt.“

Tatsächlich eignet der lyrischen Sprache Campbells eine Unvollständigkeit, wie sie allerdings als poetische Technik auch ohne klinischen Befund verbreitet ist. Auslassungen, Verkürzungen, Iterationen, Stauchungen aktivieren das sinngebende Lesen. Und oft gelingt es. Überdies sind vereinzelt und geschickt Binnenreime in den Texten versteckt. Und der letzte Zyklus, der sich auf den Krankenstand bezieht und mit dem berührenden Gedicht „geschälte mandarinen“ endet, „medtronic KAPPA KSR 901“, ist gar nach der Methode der von Arnold Schönberg so genannten „entwickelnden Variation“ gearbeitet. – Das Schlusskapitel umfasst noch einmal vier Zyklen, die nichts vom Skalpell wissen, sondern von Gärten ohne Menschen handeln, mit dem radiohörenden Heidegger sprechen, in experimentellen Diptychen das digitale Dharma besehen und liebevoll-sarkastisch katholische Gerätschaften beschreiben.

Campbell schreibt englisch und deutsch (auch Altgriechisches kommt vor), aber es handelt sich dabei nicht um Übersetzungen. Dass er klassische Philologie und katholische Theologie studierte, plakatieren seine Gedichte nicht, sie verbergen es aber auch nicht: schon wieder hat dich der minotaur/ niedergetrampelt

„nach den narkosen“ hat eine aus der Not im artifiziellen Elaborat bewahrte Dringlichkeit, die sich auch in der „erschaffung des feigenblatts“ kundtut: angeboren wie er auch heißen mag/ dieb in der nacht schwarzer seraphim/ der fliegengott oder blutiger ludwig/ er mischte im leib noch vor der zeit/ noch bevor du es selbst bist der »ja«/ bevor noch du es ihm gibst/ dein wort er mischte vorm »ja«/ bevor du zustimmtest du selbst/ und selbst aus neigung fielst

In seinen informativen, programmatischen Anmerkungen charakterisiert Campbell diese gewichtige Lyrik selbst am besten: „Es gibt hier keine Zeugenschaft im Opfertäterdelirium, sondern nur Aufruhr, die nackte Diesseitigkeit, die sich in ihrer Ausdrücklichkeit zu behaupten versucht und gegen den Abbruch ihrer Selbstverständigung rebelliert. … Es ist Rebellion ohne Anklage – ein trotziges Lamento.“

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erstellt am 20.4.2018

Historisches OP-Team, Foto: Schön Kliniken / Wikimedia Commons

Ria Endres
nichts überstürzen
Gedichte
Taschenbuch, 144 Seiten
ISBN: 9783890863450
Rimbaud, Aachen 2017

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Robert Gernhardt
Herz in Not
Tagebuch eines Eingriffs in einhundert Eintragungen
Pappeinband, 109 Seiten
ISBN: 9783596160723
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2004

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Paul-Henri Campbell
nach den narkosen
Gedichte
Broschiert, 96 Seiten
ISBN: 9783884235560
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2017

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