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In dem jüngst erschienenen Band „Die extrem kurze Zeit der Seligkeit“ versammelt der Darmstädter Wissenschaftler, Autor und Künstler PH Gruner zehn Kurzgeschichten und ein Hörspiel. Das Buch bedient extrem ansprechend die Bedürfnisse weit- und weltläufiger Seelen, findet Bruno Laberthier.

Buchkritik

In die Ferne

Paul-Hermann Gruner, Foto: Anna Meuer
Paul-Hermann Gruner, Foto: Anna Meuer

„Piper Nigrum“, eines der elf Kammerstückchen aus der jüngsten Textsammlung des 1. Darmstädter Turmschreibers PH Gruner, enthält geschmacksstarke Prosa und poetologische Botschaft in einem. In der Kürze liegt die Würze, lautet die Selbstauskunft des Autors über sein Werk, und selbige (die Würze) genügt nur dann den hehren Ansprüchen des Kenners und der Kennerin, wenn sie angemessen raffiniert und raffiniert angemessen sind. Vor allem aber will sie gut gemahlen sein.

Rohstoff- und Stoffqualität zählen bei Gewürzen wie bei guter Literatur also viel, sie sind aber nicht alles. Der titelgebende schwarze Pfeffer aus der Kurzgeschichte über eine vom Einkauf heimgekehrte Figur namens Abel will auch standesgemäß zerkleinert werden – was in der Story lediglich ein französisches Peugeot-Mahlwerk vermag. Gruner hat als Literat dieselben Ansprüche, bei ihm kommt genauso wenig die Salz-und-Pfeffer-Garnitur der Nullachtfünfzehnrestaurants auf den Tisch, sondern nur die 1A-Ware aus dem Feinkostregal. Tatsächlich bringt er diesen Anspruch nicht nur auf den Tisch, sondern auch am Gaumen des Literaturgourmets vorbei in den Magen, durch den die Liebe und alles andere geht, was Schriftsteller seit je her fasziniert.

Straßenbahn nach Süden

Da wäre zum einen Gruners sympathische Weit- und Weltläufigkeit, die seine zehn Kurzgeschichten plus ein Hörspiel aus den allzubekannten heimatlichen Milieus in die Ferne (meist die mediterrane) ziehen lassen. „Linie 19“, die Auftaktshortstory, zeigt paradigmatisch, wie man im grunerschen Kosmos reist und dabei nicht nur sich selbst, sondern auch die Regeln der Welt und die leserlichen Erwartungsstandards sanft transformiert. Von einer Haltestelle in Darmstadt fährt eine imaginäre Straßenbahn in südliche Richtung. Der letzte fahrplanmäßige Halt auf dieser Seite der Weltwirklichkeit wird subtil passiert, die Realität as we know it löst sich auf. Passagiere und Fahrer tauscht der Erzähler stillschweigend aus, um sie höchstselbst bis an eine Endstation zu lenken, die an der dalmatinischen Küste liegt, oder zu liegen scheint:

„Die Architektur hat sich zurückgezogen, die Oberleitung hat sich zurückgezogen, die Vegetation hat sich zurückgezogen. Und nun auch die Schienen. Sie enden blind, ohne Schild, ohne Vorzeichen, ohne Vorwarnung. So, wie es auf dieser Strecke üblich ist. Die Rollgeräusche der Metallräder auf dem löchrigen und holprigen Asphalt dieser küstennahen kroatischen Nebenstraße betäuben, bedröhnen und verkreischen das Ohr“.

Man ist im Lande Phantasmagoristan. Gruner wird nicht nur hier – und nicht nur wegen des Eisenbahn-Morphings zum ungebahnten Verkehrsmittel – zum Darmstädter Danilo Kiš, dessen fahrplanobsessive Figuren wiederum bei Bruno Schulz abgeschaut zu sein scheinen, dem jüdisch-polnischen Großmeister von ins Überwirkliche übersteigerten Modernebeschreibungen. Der elliptische Duktus und die Kurzsatzkaskaden der hochassoziativen Art, dazu das genüssliche Zermahlen von Wörtern mit der Absicht, ihren breiten semantischen Würzgehalt zur Geltung zu bringen (Oberleitung, Bauten, Vegetation, Schienen: alles ‚zurückgezogen‘), sind das andere Insignium der Grunerprosa und seiner Dialoge.

Balkon in Haifa

Reisen und Reminiszenzen, die wundersamen Dinge und Seiten des Alltags, natürlich Menschen – vor allem junge weibliche und in Ehren altgewordene – werden auf diese Weise zu Sujets von Kurzgeschichten, die stets und merklich von einem Erzählermännchen präsentiert werden (bisweilen auch einem tierischen Katzenmännchen in „Ein Abgrund an Hoffnung“). Am Lago Maggiore spielen gleich zwei Kammerstücke, beide mit Altherrenbesetzung und binnengewässerlichen Abstrusitäten: mal säuft der See (!) ab, mal treibt in ihm ein deutsches U-Boot sein Unwesen. Zwei Stories widmen sich fiktiven Kindheitserinnerungen an die Wonnen der Wörterbuchlektüre und ein geglücktes Bier-Pansch-Manöver, das den mütterlichen Zorn wegen Blauer Briefe erfolgreich verwässert. In literaturüblicher Als-Ob-Stellung erlebenswert sind schließlich zwei junge Damen, die Gruner seiner Leserschaft in feiner Körnung vormalt und vormahlt: Lydia und eine israelische Fagottspielerin.

In „Absinth und Pastis“ vertreiben sich ein anonymer Mann und besagte Lydia, beide deutsch, in einer provenzalischen Kneipe die Zeit. Gruner zeichnet die Heldin so begehrenswert wie talentiert am ‚Leo‘, dem Tischkicker der Marke Leonhart. Zum Highlight avanciert neben Lydia die dichte Beschreibung des Spiels mit den kleinen Bällen, die den Wirt irgendwann zweifingerbreit über den Bauchnabel treffen und niederstrecken. „Der Balkon in Haifa“ beschreibt den Ort, an dem in aller Herrgottsfrühe die längste und möglicherweise am längsten in leserlicher Erinnerung bleibende Kurzgeschichte ihrer Klimax zustrebt. Tüchtig durchblutet wird die Geschichte vorher schon; es wird urologisch und kalkuliert riskant, wenn auf einer israelischen Familienfeier spekuliert wird, wie viele Menschen in einen VW Käfer passen. Der Aschenbecher des Autos findet keine Erwähnung, zum Glück.

PH Gruners Kurzprosa muss man wollen. Sie ist nichts für den schnellen Verzehr und wird dem einen oder der anderen ziemlich pikant vorkommen. Die Nichtpfefferallergischen werden belohnt mit weit- und weltläufigen Betrachtungen der seligmachenden Art.

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erstellt am 20.4.2018

PH Gruner
Die extrem kurze Zeit der Seligkeit
Zehn Kurzgeschichten und ein Hörspiel
Herausgegeben von der Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde e.V.
172 Seiten
ISBN: 978-3-87390-405-7
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2018

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