Lesung

Verrat am Vater

Johann Scheerer erzählte im Berliner Frannz Club von der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma und stellte sein Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ vor. Jamal Tuschick berichtet von der Lesung.

Am Abend des 25. März 1996 erfährt die Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer, dass ihr Mann Jan Philipp Reemtsma entführt wurde. Dreiunddreißig Tage fürchtet sie sich gemeinsam mit ihrem dreizehnjährigen Sohn Johann (Scheerer) vor der schlimmsten Nachricht. Nach einer Lösegeldzahlung von dreißig Millionen Mark kommt Reemtsma frei. Nun beginnen die Zumutungen der Presse. Die Familie flieht von Blankenese nach New York. Da bemerkt Johann die Taubheit seiner Empfindungen. Das gedimmte Licht in einem „zum Einsturz gebrachten und von jeder Selbstbestimmung getrennten Leben“ beschreibt er in der autobiografischen Erzählung „Wir sind dann wohl die Angehörigen“.

Mit dem Buch habe er sich auf das Terrain des Vaters begeben. Johann Scheerer verhehlt im Berliner Frannz Club die Skrupel nicht, die ihm zunächst Wege versperrten, auf väterlichen Domänen Land zu nehmen. Der vor dem Sprachmagnaten Arno Schmidt in Stellung gegangene, mit einer eigenen Verarbeitung der Entführung („Im Keller“) aufwartende Literaturwissenschaftler und Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma fand die ihm nur aus Erzählungen bekannte Darstellung des Angehörigen bereichernd und bemerkte kritisch nur die Zeichenfehler. Das offenbart der Musiker und Produzent Scheerer im Gespräch mit Thomas Böhm und in Anwesenheit des Lektors, der für das Buch den Geburtskanal gegraben hat. Olaf Petersenn regte Scheerers „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ an. Sonst wäre dieses Buch nicht entstanden, und eine Befreiung hätte nicht stattgefunden.

Scheerer wäre ein Gefangener des Schweigens geblieben. Ein nie vor Gericht verhandeltes Verbrechen, das von den Entführern an den Angehörigen begangen wurde, gibt dem Titel eine Bedeutung, die den Chancen der Lakonie überlegen ist.

Scheerer schildert die größte Erschütterung seiner Jugend oft sachlich und manchmal so, als stecke er noch in einem pubertären Trotzverhau. Man spürt die Last des eindrucksvollen Vaters; der Sohn kann ihn sich kaum hilflos verstellen, obwohl er weiß, dass Reemtsma massiver Gewalt unterliegt. Er rechnet mit einem tödlichen Ausgang der Entführung. Seine einzigen Referenzen sind Inszenierungen des Sujets. Dazu passt die Verwandlung des Elternhauses in ein Feldlager. Der Krisenstab tagt auch in den Schlafzimmern. Der Polizeieinsatz entmündigt die Angehörigen. Johann spielt dagegen auf einer neuen Gitarre an. Das erste Lebenszeichen dokumentiert die hinfällige Verfassung des Opfers. Die Entführer trumpfen martialisch auf. Die erste Geldübergabe scheitert. Das Desaster geht in die Verlängerung. Johann quält ein schlechtes Gewissen. Die Kunde von der Entführung war mit einer Erleichterung verbunden. Johann wusste sofort, dass er als Angehöriger eine Lateinarbeit nicht schreiben musste. Der „Verrat am Vater“ wurde zur Belastung. Auch hier bot das Schreiben die Erlösung.

Johann Scheerer, Wir sind dann wohl die Angehörigen – Die Geschichte einer Entführung, Piper, 240 Seiten

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Tuschicks Kolumne

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erstellt am 19.4.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Johann Scheerer, Foto: Jamal Tuschick
Johann Scheerer, Foto: Jamal Tuschick