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Am Wiener Burgtheater setzt Andrea Breth auf präzise Arbeit mit den Schauspielern, das Theater in der Josefstadt zeigt das politische Stück „In der Löwengrube“. Am Volkstheater gibt man Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“. Benjamin Brittens Oper „A Midsummer Night's Dream“ überzeugt derweil am Theater an der Wien, berichtet Thomas Rothschild.

Bühne

Politik und Psychologie im Wiener Theater

Das Netz spricht eine unmissverständliche Sprache. Tschechow? Ereignislos. Tarkovksij? Langatmig. Andrea Breth? Fade. Der Schaden, den Radio, Fernsehen, Unterhaltungsindustrie angerichtet haben, ist unübersehbar. Und er ist irreversibel. Neil Postmans Titel „Wir amüsieren uns zu Tode“ erweist sich zunehmend als Untertreibung. Das Verschwinden der Geduld, der Befähigung zur Aufmerksamkeit, zur Konzentration bedeutet ein Verschwinden dessen, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

Am Burgtheater findet „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ statt. Was es bedeutet, dass es vom Geld abhängt, ob der schwindsüchtige Edmund Tyrone überleben oder sterben wird, interessiert Eugene O'Neill nicht. Ihn beschäftigt der Geiz von James Tyrone, der am Krankenhaus seines Sohnes spart. Er ist kein politischer, sondern ein psychologischer Dramatiker, und Andrea Breth nimmt, Obamacare or not, daran keine Korrektur vor.

Andrea Breth hält sich, wie gewohnt, streng an den Text. Mit bewundernswertem Starrsinn beharrt sie auf einem Theaterverständnis, das von seinen Gegnern als obsolet verdächtigt wird. Sie setzt auf präzise Arbeit mit den Schauspielern, und dafür stehen ihr mit Corinna Kirchhoff als morphinsüchtiger Mary Tyrone, mit Sven-Eric Bechtolf als ihr Mann James, dessen – psychologisch erklärte – Sparsamkeit das Leben des Sohns Edmund zu riskieren droht, mit August Diehl als dieser Sohn (unvergessen Jens Harzer in dieser Rolle bei den Salzburger Festspielen), mit Alexander Fehling als dessen versoffener und verhurter Bruder und mit Andrea Wenzl in der kleinen Rolle des Hausmädchens Cathleen überragende Interpreten zur Verfügung.

„Eines langen Tages Reise in die Nacht“ am Burgtheater, Foto: Bernd Uhlig

Der Vorwurf, in Andrea Breths Inszenierung finde keine Entwicklung statt, der Endzustand werde schon zu Beginn angedeutet, übersieht, dass das Stück an einem einzigen Tag spielt, man sich die Vorgeschichte imaginieren muss, das Ende tatsächlich fast erreicht ist. Gerade darin besteht die Hoffnungslosigkeit: dass es keinen Ausweg gibt, dass die Katastrophe mit zwingender Notwendigkeit eintreten muss. Das zu zeigen kann man sich nicht der Dramaturgie eines Entwicklungsstücks bedienen.

„Eines langen Tages Reise in die Nacht“ ist ein verzweifeltes Stück, und Andrea Breth versucht nicht, dies zu beschönigen. Aber die Ursachen für die Hoffnungslosigkeit liegen bei ihr – und bei Eugene O'Neill – nicht in den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern in den Menschen. Da hilft auch die Phrase, dass das Private politisch sei, nicht weiter. „Die Hölle, das sind die anderen“: das kann man, muss man aber nicht politisch verstehen.

Der Stoff ist ernsthaft

Ein dezidiert politisches Stück ist „In der Löwengrube“ von Felix Mitterer. Stephanie Mohr hat es am Theater in der Josefstadt inszeniert. Es geht um den jüdischen Schauspieler Kirsch – das reale Modell für die Figur hieß Leo Reuss –, der, nachdem er auf Betreiben der Nazis entlassen wurde, in der Maskerade eines Tirolers an seiner früheren Arbeitsstelle grandiose Erfolge feiert, als Wilhelm Tell zumal, der zum Deutschen ernannte Schweizer Held. Die Handlung zeigt Berührungspunkte mit Klaus Manns mehrfach dramatisiertem „Mephisto“ und mit dem ursprünglich als Theaterstück geschriebenen Film „Ehe im Schatten“. Der Stoff könnte ernsthafter nicht sein, aber Mitterer arbeitet auch hier mit den Stilzügen des Volksstücks und den Verfahren des Schwanks. Florian Teichtmeister spielt den falschen Tiroler virtuos, aber diszipliniert, ohne die Verkleidungskomödie in Ulk ausarten zu lassen. Auch der Auftritt von Claudius von Stolzmann als Goebbels ist ein Kabinettstück kabarettistischer Imitation in der Tradition von Chaplins „Großem Diktator“ und von Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ und zugleich beklemmend unheimlich.

„In der Löwengrube“ am Theater in der Josefstadt, Foto: Moritz Schell

Zwischen politischem und psychologischem Theater bewegt sich Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ nach Gerhart Hauptmann. Die Sprache freilich unterscheidet Palmetshofer radikal von Mitterer. Während dieser immer auf dem kürzesten Weg zur Sache kommt, den Formulierungen wenig Freiraum lässt, sie vielmehr einschränkungslos in den Dienst der Aussage nimmt, pflegt Palmetshofer eine Sprachornamentik, in der sich die Semantik gelegentlich zu verlieren scheint. Die Dialoge gewinnen bei ihm ein Eigengewicht. Politisch bildet der Dialog zwischen dem arrivierten Thomas Hoffmann (Markus Meyer) und dessen ehemaligem Freund, dem Linken Alfred Loth (Michael Martens) den Höhepunkt. Um sie herum faszinieren einmal mehr die Burgschauspieler Dörte Lyssewski, Marie-Luise Stockinger, Stefanie Dvorak, Fabian Krüger und Michael Abendroth durch eine Darstellungskunst, wie man sie anderswo allzu selten sieht. Palmetshofers Bearbeitung und die Regie von Dušan David Pařízek tragen allerdings nicht unbedingt zur Übersichtlichkeit bei. Die naturalistische Vorlage verwandelt sich in eine fast chaotische, eher expressionistische Szenenfolge im Simultanbühnenbild des Regisseurs. Im Gegensatz zu Andrea Breth drückt der aufs Tempo. Umso stärker freilich kommen die wenigen Momente des Innehaltens, der Besinnung zur Geltung.

Ein Kurzschuss sorgt für Dunkelheit

Am Volkstheater, wo „In der Löwengrube“, eigentlich im Auftrag des Theaters in der Josefstadt entstanden, vor 20 Jahren mit dem Kabarettisten und Schauspieler Erwin Steinhauer uraufgeführt wurde, gibt man Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“. Üblicherweise sieht man Stücke wie dieses in den spezialisierten Boulevardtheatern, die es in vielen Großstädten gibt. Christian Brey, bewährt als Komödienregisseur und selbst ein urkomischer Schauspieler, verlässt sich denn ganz auf die Mechanismen der leichten Komödie. Das geht nicht immer gut. Brey überschätzt das Lachpotential von schlecht passenden Perücken, und es fragt sich, jenseits der political correctness, ob man wirklich noch die uralten Klischees von tuntigen Schwulen servieren muss. Am komischsten ist interessanterweise Stefan Suske als Colonel Melkett. Er feixt nicht, er überschlägt sich weder in seinen Bewegungen, noch mit seiner Stimme. Sein Underplay, das im Kontrast steht zur Spielweise des restlichen Ensembles, ist tatsächlich komisch. Der Grundeinfall von Shaffers Erfolgsstück ist schlicht: Ein Kurzschuss sorgt für Dunkelheit, und immer, wenn es dunkel sein soll, wird die Bühne hell erleuchtet, so dass das Publikum sieht, was den Figuren auf der Bühne verborgen bleibt. Eine der bekanntesten Szenen der Pekingoper zeigt den Schwertkampf eines Gastes mit einem Wirt im Dunkeln. Die Technik ist die selbe wie bei Shaffer, nur wird sie hier nicht komisch, sondern virtuos umgesetzt.

„Komödie im Dunkeln“ am Volkstheater, Foto: www.lupispuma.com / Volkstheater

Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten des gegenwärtigen Theaters, dass es den Paratext nicht als Teil eines Theatertextes begreift. Er steht, mehr noch als die Dialoge, zur Disposition. Und fast schon als Pflichtübung definiert das Bühnenbild um, was der Autor im Sinn hatte. Selbst für Andrea Breth hat Martin Zehetgruber einen Raum entworfen, der weit von O'Neills Vorstellungen entfernt ist. Anstelle eines Wohnzimmer in einem Sommerhaus sieht man eine Steinwüste und das Skelett eines Wals am Rande des Meers.

Der Wald wird zur Turnhalle

Damiano Michieletto liebt es, Opern durch die eigenwillige Verlegung in einen anderen als den vorgesehenen Raum umzudeuten. Den „Sommernachtstraum“, für den der Wald traditionell in der einen oder anderen Form unverzichtbar schien, wird bei ihm und seinem Bühnenbildner Paolo Fantin im Theater an der Wien zu einer Turnhalle. Das kann man machen, aber es bringt für das Verständnis des Werks nichts ein und muss auch an manchen Stellen ignoriert werden, weil Libretto und Musik widersprechen.

Sowohl Shakespeare wie auch der Komponist der Opernfassung von „A Midsummer Night's Dream“ Benjamin Britten sperren sich gegen Versuche der Transformation. Und so überzeugen die Handwerker-Szenen durch ihren Witz, auch wenn die Handwerker Schuluniformen tragen, die romantischen Partien schütteln nie ganz die Erinnerung an Max Reinhardt ab, und Michielettos Anspruch, die bekannte Story aus der Perspektive Pucks zu zeigen, wirkt eher verquält und originalitätssüchtig als originell.

Aber da ist eben Brittens Musik, die so vielgestaltig, so einfallsreich, so zeitlos klingt, dass man sich wundern muss, wieso diese Oper nicht häufiger gespielt wird. Diese Musik ist, wo es die Handlung erfordert, ausgesprochen humorvoll, dann wieder verleihen ihr Glissandi und die Celesta etwas Mystisches, Geheimnisvolles. Sowohl die Sänger, allen voran der Countertenor Bejun Mehta als Oberon, wie auch die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Antonello Manacorda übertreffen sich selbst in Klanggestaltung und Differenzierungsvermögen. So kommt am Ende mehr heraus als ein Traum, nämlich ein großer Opernabend.

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erstellt am 19.4.2018

„Eines langen Tages Reise in die Nacht“ am Burgtheater, Foto: Bernd Uhlig

Inszenierungen in Wien

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