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In ihrem 2016 erschienenen Roman „Unterleuten“ zeichnet Juli Zeh ein Gesellschaftsporträt und erzählt vom Rückbau eines Dorfes in Brandenburg. Das Potsdamer Hans Otto Theater zeigt den Bestseller nun in eigener Bearbeitung. Walter H. Krämer hat die gelungene Inszenierung gesehen.

Theater

Solche Dramen braucht das Land

Juli Zeh hat sich in Deutschland als Schriftstellerin und streitbare Intellektuelle einen Namen gemacht. Ihr Roman „Unterleuten“ erschien 2016 und wurde umgehend zum Bestseller. In diesem Buch zeichnet sie modellhaft ein Gesellschaftsporträt, vor allem aber ein Bild vom Rückbau eines Dorfes. Die Handlung spielt im Jahr 2010. Dem Jahr, in dem Hochwasser den Osten der Republik heimsuchte, eine Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg mehr als 20 Menschenleben forderte, die BP-Ölplattform Deepwater–Horizon im Golf von Mexiko explodierte, Lena Meyer-Landrut mit „Satellite“ den Eurovision Song Contest gewann, das Wort „Wutbürger“ zum Wort des Jahres und das Wort „alternativlos“ zum Unwort des Jahres gekürt wurden.

Unterleuten ist ein kleines Dorf in Brandenburg. Weitab vom Moloch Berlin. Unberührte Natur, freundliche Menschen. Alteingesessene und Zugezogene haben ihr Arrangement miteinander getroffen: Man regelt die Dinge über den Gartenzaun. Konfliktlösungen erfolgen auf Augenhöhe, ohne gleich die Staatsmacht zu Hilfe zu holen. Alte Geschichten lässt man dort, wo sie hingekehrt wurden: unterm Teppich. Doch der Schein trügt. Spätestens als eine Investmentfirma einen Windpark am Ortsrand errichten will, ist die vermeintliche Idylle gestört. Denn plötzlich brechen alte und neue Interessenkonflikte wieder auf. Zum Beispiel der zwischen dem Wendegewinner Gombrowski (Jan-Kaare Koppe), dem Vorsitzenden der Ökologica und dem Wendeverlierer Kron, einem Immer-noch-Kommunisten (Christoph Hohmann). Alle, auch die Großstadtflüchtlinge, die sich hier eingerichtet haben, ziehen auf das nun eröffnete Schlachtfeld.

Das in „Unterleuten“ groß angelegte Gesellschaftspanorama ist eine kluge Analyse der fragilen sozialen Situation unserer Gegenwart. Die Autorin verdichtet in ihrem Roman das Leben in einem fiktiven Dorf der Nachwendezeit in Brandenburg. Darin finden sich schrullige Originale, schräge Hipster und ein Deal mit einem Investmentfond, der die Dorfgemeinschaft immer mehr zersetzt. Damit gewährt Juli Zeh Einblicke in ein gesellschaftliches Miteinander oder besser Gegeneinander, das geradezu nach einer Adaption für die Bühne schreit, die ja oft vergeblich bei Dramatikern nach diesen großen Stoffen und einem Abbild heutiger Gesellschaft sucht.

Dreizehn Schauspieler und ein Kind: „Unterleuten“ am Hans Otto Theater Potsdam, Foto: HL Böhme

Im Hans Otto Theater in Potsdam haben die Dramaturgin Ute Scharfenberg und der Regisseur Tobias Wellemeyer den Roman für die Bühne bearbeitet und Beachtliches dabei auf die Bühne gestemmt. Das Bühnenbild von Alexander Wolf besteht im Wesentlichen aus über der Bühne verteilten Baumstämmen, einem Hinweisschild auf die Autobahnen nach Hamburg und Berlin im Hintergrund und zwei Auf- und Abgängen in den Bühnenboden. Einfach, aber gut geeignet für das Panorama der unterschiedlichen Personen und deren Auf- und Abtritte. Insgesamt dreizehn Schauspieler*innen und ein Kind entfalten dieses Gesellschaftsbild in insgesamt 27 Rollen. Der Bühnenraum vorne sehr klar und in hellem Licht für das offene Tagesgeschehen. Nach hinten eher dunkel und zeitweise im Nebel für die unheimlichen, kriminellen und brutalen Handlungen.

Unterleuten hat, wie alle Dörfer im Osten, Anfang der Sechzigerjahre Zwangskollektivierung, Enteignung und Umwandlung der Güter in eine LPG erlebt, es hat die Wende als neuerlichen Schock überstanden, als neuerliche Enteignung, die der einstige Großbauer Rudolf Gombrowski für sich zu nutzen verstand, indem er aus der LPG seine eigene GmbH gemacht hat.

Koppeln statt Windräder

Zwanzig Jahre später (wir schreiben jetzt das Jahr 2010) hat sich die Welt im Dorf erneut verändert, denn jetzt leben da auf einmal all die Zuzügler aus Berlin, Großstadtflüchter und Naturnaivlinge, die weder mit der DDR-Geschichte (und den zugehörigen Leichen) noch mit dem Landleben wirklich etwas zu tun haben. Um zwei exemplarische Paare handelt es sich dabei: den Akademiker Gerhard Fließ (Bernd Geiling), der als Karikatur seiner selbst zum übellaunigen Vogelschützer mutiert ist, und seine junge Frau Jule Fließ-Weiland (Zora Klostermann), die nichts anderes als das Wohl des Säuglings im Blick hat. Außerdem gibt es die sehr resolute Pferdenärrin (Katrin Hauptmann), die sich in den Kopf gesetzt hat, eine Art Pferdehotel für Großstädter zu schaffen. Sie will Koppeln statt Windräder. Mit taffen Managermethoden versucht sie, ihre Gegenspieler zu manipulieren. Sie glaubt: Wer Pferde dominiert, kann das auch mit Menschen. Kooperative Dominanz und Non-Verbal Leading ist dabei ihr Motto. Sie wird begleitet von ihrem langhaarigen Freund (Johannes Heinrich), der in der Computerspielbranche sein Geld verdient. Und dann ist da noch ein schwerreicher Investor aus Bayern (Konrad Meiler), der Land einfach nur deshalb kauft, weil er es kann und die Zeit hat zu warten, bis die nächste Shoppingmall, Tankstelle oder aber – wie in diesem Fall – ein Windpark errichtet werden soll.

Der Inszenierung gelingt es, die Figuren sowohl aus einer Innen- als auch aus einer Außenperspektive zu zeigen, sodass sie mal unsympathisch, mal vom Schicksal gezeichnet und höchst bemitleidenswert wirken. Diese Sichtwechsel machen den Reiz der Inszenierung aus und lassen nach und nach komplexe Figuren entstehen.

Jeder misstraut jedem: „Unterleuten“ am Hans Otto Theater Potsdam, Foto: HL Böhme

Energiewende ja – aber doch nicht im eigenen Garten! Als Vogelschützer ist Gerhard Fließ natürlich für die Energiewende, aber nicht hinter seinem Haus! Die Inszenierung erzählt von Menschen, die aus Egoismus ihre Überzeugungen verraten. Wie der Konflikt immer schärfer wird, erleben die Zuschauer*innen aus unterschiedlichen Perspektiven. Schließlich misstraut jeder jedem, die Dorfgemeinschaft zerbricht.

„Der eine denkt sich was bei dem, was er tut, ein anderer unterstellt ihm ein völlig anderes Motiv, und der Dritte denkt noch mal was darüber. So entsteht ein wahnsinniges Knäuel von Auffassungen und Meinungen und Geschichten, und nicht eine davon ist richtig, sondern das Knäuel ist die Wirklichkeit, eine riesige Menge von Widersprüchen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, das zu häkeln“, so die Romanautorin Juli Zeh über die Figuren. Und man merkt der Inszenierung an, dass die beteiligten Akteure*innen bereit waren, dem zu folgen und es auf der Bühne umzusetzen.

Das Bühnengeschehen zeigt und untersucht beispielhaft den Zustand unserer Gesellschaft. Gewinner gibt es in dieser Geschichte keine. Der Kampf um das ausschließlich private Glück verändert sie alle. Jeder folgt nur noch seinen eigenen Interessen. Gemeinschaft und Verständnis für den jeweils anderen gibt es nicht mehr. Aus dem Vogelschützer Fließ wird ein Totschläger, der Kommunist Krohn wird zum Windradkönig und die Siegernatur Linda bleibt als Gebrochene zurück.

Was den Ausblick auf den Zustand unserer Gesellschaft betrifft, – kein erfreulicher Abend. Was die Umsetzung auf der Bühne angeht, ein wahrhaft gelungener und ein notwendiger ohnehin. Dem allesamt gut aufgelegten und spielfreudigen Ensemble sei Dank. Denn solche Dramen braucht das Land, brauchen die Theater!

Bleibt noch der Hinweis auf den Namensgeber des Theaters (im Foyer erinnert ein Schriftbild daran): Hans Otto war einer der hoffnungsvollsten jungen Schauspieler Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In Berlin engagiert, wurde er von den Nazis erst gekündigt, dann verhaftet und schließlich zu Tode gefoltert. In einem offenen Brief an Heinrich George bezeichnete Bertolt Brecht ihn als „einen Mann seltener Art, weil unkäuflich“.

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erstellt am 17.4.2018

„Unterleuten“ am Hans Otto Theater Potsdam, Foto: HL Böhme

Theater in Potsdam

Unterleuten

von Juli Zeh
Bearbeitung von Ute Scharfenberg

Regie Tobias Wellemeyer
Bühne Alexander Wolf
Kostüme Ines Burisch

Bis 21. Mai 2018

Hans Otto Theater