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Foto: A.Pollmeier
Am runden Tisch, Foto: A.Pollmeier

Am 12. Mai finden unter schwierigen politischen Bedingungen im Irak Parlamentswahlen statt. Sechs Monate zuvor nahmen drei irakische Autorinnen an einer Informationsreise teil, die sie auch nach Frankfurt führte. Hier wollten sie die Redaktion von Faust-Kultur kennenlernen. Wie kann Menschlichkeit mitten in einer Diktatur und im Krieg überleben? Kann man sich vor manipulativer Propaganda schützen? Und woher weiß ich, welche Analysen klug und welche Gefühle aufrichtig sind? – Diese großen Fragen hatte ich im Sinn, als die Arabisch-Übersetzerin Leila Chammaa zusammen mit dem Übersetzer Imad M. Karim und den drei Autorinnen aus dem Irak meine Wohnung betraten. Mit Tee und Kaffee wollte ich die Gäste im kalten Dezember in wohnlicher Atmosphäre willkommen heißen. Der Adventskranz auf dem Tisch, an dem gerade die erste Kerze angezündet war, wirkte für mich jedoch plötzlich unpassend idyllisch.

Redaktionsbesuch irakischer Autorinnen

»Jedes Thema ist vermint«

Nidaa Hasan, Suhad Issa und Zainab Aleani waren erst vor wenigen Tagen aus der Krisenregion Irak nach Deutschland gekommen. Die Nichtregierungsorganisation elbarlament hatte die engagierten Autorinnen eingeladen, um sie mit Menschen zusammenzuführen, deren Leben ebenfalls mit dem Schreiben verbunden ist. Auf die Redaktion des Onlinemagazins Faust-Kultur waren sie aufmerksam geworden, weil dort bereits seit 2012 Texte von syrischen AutorInnen, die zum Teil noch in der Heimat leben, publiziert werden.

Alle drei Besucherinnen aus dem Irak hatten an Schreibwerkstätten teilgenommen, die Leila Chammaa im Auftrag von elbarlament in Basra im Irak durchgeführt hat. Ziel dieser Initiative ist es, die Teilnehmerinnen in ihrem gesellschaftlichen Engagement zu ermutigen und Möglichkeiten des Austauschs zu schaffen.

Suhad Issa (43) schreibt seit etwa zwanzig Jahren in einem Onlinemagazin Beiträge und Gedichte. Sie hat Bücher veröffentlicht und ist Mitglied im Schriftstellerverband. Als Journalistin kümmert sie sich auch um Nachwuchsförderung. „Schreiben ist Leben“, sagt sie. Auch Zainab Aleani (46) publiziert seit vielen Jahren eigene Lyrikanthologien. Im Elternhaus gab es eine große Bibliothek, in der auch die Bücher ihres Vaters standen. Durch ihn angeregt, schreibt sie seit ihrer Jugend Gedichte. Schon früh träumte sie, einmal eigene Werke neben die ihres Vaters ins Regal stellen zu können. Im Gegensatz zu Suhad und Zainab war Nidaa Hasan (27) bis zur Teilnahme an der Schreibwerkstatt nicht schreibend aktiv. Sie arbeitet bis heute als Krankenschwester in einer Krebsstation. Erst über den Workshop hat sie ihr eigenes Talent zum Schreiben entdeckt.

Im Gespräch mit den drei Autorinnen wird unmittelbar spürbar: Schreiben ist für sie ein möglicher Weg, ihre Menschlichkeit in schwierigen Lebensumständen zu bewahren. Diesen hohen Stellenwert des eigenen Ausdrucks hatte bereits die Journalistin Birgit Svensson wahrgenommen. 2015 gab sie den Anstoß, eine Anthologie mit Gedichten und Erzählungen irakischer Frauen zu veröffentlichen. Die Texte erschienen zunächst in Basra auf Arabisch und wurden später auch ins Deutsche übersetzt. Der Erfolg motivierte zum Weitermachen.

Unter dem Motto „Writing for life“ haben darum Birgit Svensson und später auch die Nichtregierungsorganisation elbarlament Frauen mit Workshops gezielt zum Schreiben ermutigt und ihnen die Möglichkeit gegeben, sich über regionale und religiöse Grenzen hinweg auszutauschen. In Zusammenarbeit mit dem Goetheinstitut und dem Auswärtigen Amt fanden zwischen März 2016 und Januar 2018 bereits acht Schreibwerkstätten im Irak statt, 125 Frauen haben bisher daran teilgenommen.

Nidaa Hasan, Suhad Issa und Zainab Aleani haben unabhängig voneinander an Schreibwerkstätten teilgenommen, die von Leila Chammaa geleitet worden sind. Beim Workshop in Basra bot sich zudem die Gelegenheit, die archäologischen Stätten und kulturellen Schätze von Basra kennenzulernen. “Dort habe ich zum ersten Mal eine christliche Kirche und eine historische Bibliothek betreten”, erzählt Zainab.

Besonders beeindruckt hat die drei Teilnehmerinnen die Haltung, mit der Leila Chammaa ihnen entgegengetreten ist. “Ich wollte nicht belehren, mein Ziel war eher, dass wir voneinander lernen,” erklärt Leila. “Gerade deswegen haben wir dich geliebt,” fällt ihr Zainab ins Wort. Sie wirkt noch immer berührt: “Beim Workshop ist nicht das Wissen wichtig, das du hast, sondern, dass du dich in dein Gegenüber einfühlen kannst.” Suhad nickt bestätigend: “Ich habe in der Schreibwerkstatt nicht das Schreiben selbst gelernt, sondern die Art und Weise, wie man jemandem begegnet. Ich unterrichte ja auch und von Leila habe ich gelernt, wie es gelingt, Wissen zu vermitteln.”

Schreibwerkstatt im Irak

Teilnehmerinnen einer Schreibwerkstatt im Irak
Film & Fotografie: Themenbüro GmbH

Als Frau gehört werden

„In den Workshops versuche ich, einfache Themen vorzuschlagen, über die geschrieben werden soll“, erklärt Leila Chammaa. „Doch nichts ist neutral, jedes Thema ist vermint“, berichtet die Übersetzerin. „An jedem Tag der Schreibwerkstatt gab es körperliche Zusammenbrüche.“

Wie tief die gemeinsame Schreiberfahrung Wirkung entfaltet, beschreiben auch die drei Autorinnen in der Tischrunde. „Mein Leben ist wie das vieler Frauen bisher kaum wahrgenommen worden“, erzählt Suhad Issa. „Beim Schreiben spürte ich plötzlich, wie gut es ist, auch über sich zu sprechen. Noch heute bin ich Leila dankbar, dass sie mich damals in die Lage versetzt hat, mich an Ereignisse in meiner Kindheit zu erinnern und darüber zu schreiben.“

Auch Zainab Safi Abbas bekräftigt, wie überwältigend die Erfahrung war, in der Schreibrunde zum ersten Mal über Erlebnisse zu sprechen, die sie als Kind erlebt hatte. „Ich musste mich nach meinem Bericht in mein Zimmer zurückziehen und weinen. Das Erlebnis, dass mir jemand zuhört, hat mich zutiefst berührt. Es war, wie wenn eine göttliche Stimme meinen Worten lauscht…, irakische Frauen werden in der Gesellschaft eher an den Rand gedrängt, man hat ihnen bisher keine Stimme eingeräumt. Später habe ich dann mit meinem Vater telefoniert und ihm erzählt, wie gut es ist, dass es ausländische Kräfte gibt. Er fragte, warum aber weinst Du? Es war, als ob für mich ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Ich bin auf Schriftstellerinnen gestoßen, die meine Stimme vernommen und für meine Gedanken Verständnis gezeigt haben.“

Kollektives Weinen

Die Bereitschaft, mit Empathie auf die Erlebnisse der anderen Werkstatt-Teilnehmerinnen zu reagieren, ist ein Schlüsselerlebnis, das in dieser Tischrunde immer wieder angesprochen wird. Leila Chammaa erinnert sich an eine Situation während der ersten Schreibwerkstatt in Basra. Jeder sollte damals von eigenen Sinneserfahrungen erzählen. Eine junge Frau sprach darüber, dass ein bestimmter Geruch sie an ihre Mutter erinnert, die bereits gestorben ist. Als sie dies erzählte, weinte sie und alle anderen Teilnehmerinnen begannen ebenfalls zu weinen. „Es gab einen Moment lang eine Art 'kollektives Weinen',“ beschreibt Leila diese Situation. Jede Zuhörerin habe selbst einen Todesfall erlebt, sei er auf natürliche Weise, durch den Krieg oder durch eine Hinrichtung geschehen. „Die Stimmung ist in der Gruppe nach diesem „kollektiven Weinen“ verändert gewesen. Zwar hat man später wieder gelacht und Witze erzählt, aber alle waren sich viel näher.”

Doch nicht nur die Nähe hatte sich vertieft. Auch das Auftreten der Teilnehmerinnen veränderte sich. „Es war üblich, das Geschriebene den anderen vorzulesen“, berichtet Leila Chammaa. „Vorher taten die Frauen dies leise, fast schüchtern blickten sie im Sitzen auf ihr Blatt, nach dem Weinen sind auch die scheuen Frauen aufgestanden und lasen aufrecht stehend mit fester Stimme ihren Text.“

Eine Besonderheit der Schreibwerkstätten ist es, dass hier Frauen aus unterschiedlichen Regionen und mit unterschiedlichen religiösen Bindungen zusammenkommen. Diese Zusammensetzung, so Suhad, hat uns in die Lage versetzt, etwas über die Tragödien, die die anderen erlebt haben, zu erfahren. Es war, als wären wir selbst dabei gewesen.“

Seit 1920 haben die Kriege in der Region nicht aufgehört. Oft gibt es politisch motivierte Gewalttaten, mit denen man gezielt versucht, die Freude und das Lachen zu untergraben, erklärt Suhad. Mit dieser Absicht explodiert zum Beispiel vor einem Fest plötzlich eine Bombe. Doch je größer eine Katastrophe ist, umso stärker schließen sich die Menschen zusammen. “Als wir spürten, dass uns die Jugend durch Hoffnungslosigkeit verloren geht, haben wir versucht, den Funken der Hoffnung durch Schreiben und andere Aktivitäten am Leben zu erhalten,” erzählt Suhad. Nach der großen Explosion in Bagdad hat sie eine Internetkampagne initiiert, um andere zu ermutigen: „Wir müssen trotzdem feiern, Hoffnung und Freude dürfen uns nicht verlassen solange wir leben!“

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erstellt am 16.4.2018

Suhad Issa und Zainab Alaeani, Foto: Themenbüro GmbH

Nidaa Hasan, Foto: Themenbüro GmbH

Leila Chammaa

Leila Chammaa, Foto: Themenbüro GmbH

Leila Chammaa wurde 1965 in Beirut geboren und studierte Islamwissenschaft, Arabistik und Politologie an der Freien Universität Berlin. Sie ist seit 1992 Übersetzerin arabischer Prosa und Lyrik ins Deutsche und arbeitete als Dozentin für Arabisch im Auswärtigen Amt. 2002 gründete sie die Agentur Alif zur Vermittlung arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum. 2004 war sie Koordination der literarischen Lesungen im arabischen Ehrengastprogramm auf der Frankfurter Buchmesse und sie war drei Jahre Teil der Jury des Internationalen Literaturpreises.

Frauen schreiben fürs LebenSchreibwerkstätten elbarlament im Irak
Film & Fotografie: Themenbüro GmbH

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