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In seinem „Was aus der Heimat wurde, während ich lange weg war“ kehrt der Germanist Karl Heinz Götze nach fast vierzig Jahren in seinen nordhessischen Geburtsort zurück. Das Buch ist eine Mischung aus Kindheitserinnerung und soziologischer Analyse, aus Autobiographie und kritischer Landschaftsbeschreibung. Harry Oberländer findet es lesenswert.

Buchkritik

Die Lehre des Reinhardswaldes

Heimat ist ein schillernder Begriff, für den die Brüder Grimm in ihrem Wörterbuch die Übersetzungen patria und domicilium anbieten und uns wissen lassen, dass das Wort althochdeutsch heimôti lautete. Zwischen Vaterland und Zuhause oszilliert und funkelt dieses sehr deutsche Wort bis in die neuesten politischen Debatten. Selbst dem Innenminister Seehofer, der sich Heimatminister nennt, rutschte öffentlich der Verdacht heraus, er könnte sich nun selber leicht mit dem Leiter eines Heimatmuseums verwechseln. „Man soll seiner Heimat nicht allzu treu sein, sie ist auch uns nicht treu“, schrieb Moritz Heimann, der von 1895 bis 1925 der erste Lektor des S. Fischer Verlages war, ein deutscher Jude, der mit seiner Familie in einem Dorf in der Mark Brandenburg lebte.

Bei S. Fischer ist 2017 ein Buch erschienen, in dem ein ebenso untreuer wie anhänglicher Sohn seine Heimat beschreibt, die er in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verließ, um in Marburg zu studieren, sich in Bremen zu habilitieren und sich als Professor für deutsche Literatur und Zivilisation in Aix-en-Provence niederzulassen. „Was aus der Heimat wurde, während ich lange weg war“ ist der Titel einer Erzählung, die zwischen Kindheits- und Jugenderinnerungen, Reportage und sozialwissenschaftlichem Essay changiert und Einblicke in das Mentalitätsgefüge der nordhessischen Provinz bietet. Der Ort liegt mitten im Reinhardswald und heißt Hofgeismar, dort ist Karl Heinz Götze in den fünfziger Jahren aufgewachsen.

Ansicht von Hofgeismar, Foto: Flodur63 / Wikimedia Commons
Ansicht von Hofgeismar, Foto: Flodur63 / Wikimedia Commons

Damals war Hofgeismar Kreisstadt und als Ackerbürgerstadt Zentrum für die Dörfer rundum, das jährliche Volksfest hieß damals wie heute Viehmarkt. Es gab aber auch damals schon ein Gymnasium, die Albert-Schweitzer-Schule, und einen Ortsteil namens Gesundbrunnen, an dem 1637 eine Heilquelle entdeckt und von den hessischen Landgrafen mit einem Tempel überbaut wurde. Drum herum entstand eine fürstliche Sommerresidenz mit dem frühklassizistischen Schlösschen Schönburg, in dem heute die evangelische Akademie untergebracht ist.

Literarische Umgehungsstraßen

Hierher kommt der Autor von Süden angefahren. Durch die Kurve bei der alten Abdeckerei auf die Kette der kleinen erkalteten Vulkane zu, die Kelzer Berg, Schöneberg, Heuberg und Westberg heißen, ein Weg, der sich vor wenigen Jahren änderte, als Hofgeismar eine Umgehungsstraße bekam. Das war wesentlich später als die Umgehungsstraßen in Südhessen, die durch Peter Kurzeck und Andreas Maier bereits in die deutsche Literatur eingegangen sind. Auch Kurzeck und Maier beschreiben und beklagen die Verluste, die ihren Kindheitslandschaften zugefügt wurden.

Karl Heinz Götze erzählt anschaulich, aber nicht sentimental von seiner Kindheit, in der es im Winter noch Eisblumen an den Fenstern gab und es wehtat, morgens unter der Daunendecke hervorzukriechen und in die Kälte hinein aufzustehen. Es gab für Vater und Mutter und die Großeltern, die sich vier Zimmer in einer Etagenwohnung teilten, vieles noch nicht, was heute überall selbstverständlich ist, keinen Kühlschrank, keine Zentralheizung, dafür eine Küche mit einem gusseisernen verkachelten Herd und eine Speisekammer nebenan.

Götze beschreibt das damalige Deutschland, die Bundesrepublik vor der Studentenrevolte der späten sechziger Jahre als ein Land, das sich an die Verbrechen der Nazis nicht erinnern wollte. Das hat ihn nicht zum Emigranten im klassischen Sinne gemacht, aber doch dazu beigetragen, seinen Lebensmittelpunkt nach Frankreich zu verlegen. Die Rückkehr nach Deutschland, von der der Untertitel des Buches spricht, hat regelmäßig stattgefunden und ist auch keine endgültige geworden.

Hofgeismar war früher, als ich dorthin zur Schule fuhr, die Kreisstadt, Bad Karlshafen, wo ich jetzt wieder lebe, findet bei Karl Heinz Götze durchaus lobende Erwähnung als ein Städtchen, „das sich in seiner Symmetrie und seinen Bauten in schlichtem, sozusagen protestantischen Barock von der ländlichen nordhessischen Fachwerkstradition deutlich abhebt.“ Hier sind die strukturellen Probleme allerdings deutlich größer als in Hofgeismar. Sinkende Bevölkerungszahlen und sinkende Touristenzahlen – in meiner Kindheit hieß der Tourist hier noch Kurgast – haben zu Leerständen in der historischen Altstadt geführt. Mit 5,5 Millionen Euro Zuschüssen des Bundes wird dort gerade eine neue Schleuse zur Weser gebaut, die das historische Hafenbecken wieder zum Bootshafen machen wird. Die Aufwertung soll zur Initialzündung für eine gesteigerte Attraktivität der Kurstadt werden.

Verschwiegene Geschichte

Ein wesentlicher Grund, Hofgeismar zu verlassen, war für Karl Heinz Götze das Tabu, das über der Nazizeit lag. In Hofgeismar und Karlshafen war die Geschichte vermint. Man sprach nicht darüber. „Im Zentrum des Tabus stand das Schweigen über die Hofgeismarer Juden. Ich wusste, dass es ‚früher’ in Hofgeismar Juden gegeben haben musste. Davon zeugte der jüdische Friedhof ‚an den Schanzen’, den wir wenn überhaupt, nur mit großer Scheu betraten. Fast immer war er ohnehin abgeschlossen. Ich wusste ziemlich jung von der systematischen Ermordung der Juden. Aus der Schule. Aus der Presse. Das Schweigen war nicht total, sondern selektiv. Es war nicht ‚oben’, sondern es war ‚unten’. Die Tatsachen waren als Zahlen bekannt … , aber nicht als Gesichter aus der Nähe, weder als Gesichter der Täter noch als Gesichter der Opfer.“

Die Beschäftigung mit dem Schicksal der Hofgeismarer Juden begann erst 1983 als der Gymnasiallehrer und ehrenamtliche Museumsleiter Helmut Burmeister das Schweigen über die Ereignisse ‚unten’ brach. „Das, was man vorher nicht wusste, schreibt Götze dazu, „kam allmählich in dreißig Jahren Forschung und Publikationen ans Licht; was man vorher nur abstrakt aus dem Schulbuch kannte, bekam Gesicht, das Gesicht der Opfer, aber auch der Täter.“

Am Ende sehen wir den Autor dieses lesenswerten Buches, dieser eigenwilligen Mischung aus Kindheitserinnerung und vergleichender soziologischer Analyse, aus Autobiographie und kritischer Landschaftsbeschreibung, auf dem Friedhof stehen. Noch einmal reflektiert er den Heimatbegriff mit Hilfe der Madame de Staël, die Heimweh lediglich als Gelegenheit zur gepflegten Konversation ansah und mit Hilfe von Goethe, der ihr beipflichtete, indem er Heimat in der Geselligkeit gleichgesinnter Gesprächspartner verortete. Nicht der romantische Lindenbaum am Brunnen vor dem Tore, erst recht nicht die militarisierte Romantik mit ihren deutschen Eichen, die nicht fallen können, machen die Heimat aus und auch nicht die Märchen der Brüder Grimm, von denen das Dornröschen der Sababurg zugeordnet und unter touristischen Markenschutz gestellt wurde. Mit der Idylle Grimms Märchenland um die Sababurg im Reinhardswald könnte es bald schon vorbei sein angesichts der Windräder, die die Landschaft Windpark für Windpark zum Verschwinden bringen. Auch die Toten, die auf dem Friedhof liegen, darunter seine Eltern, halten den Autor hier nicht fest. Ein Glücksgefühl, wie es Adornos Erinnerung an Amorbach begleitet, will sich bei ihm nicht einstellen. Ja, er könnte hier leben, denn die Gesellschaft hat sich positiv verändert. Aber warum sollte er den Blick auf die Montagne Sainte-Victoire eintauschen gegen den Blick auf Westberg und Heuberg? Sein Fazit: „Es ist gut, wenn man eine Heimat hat. Es ist gut, wenn man das Glück hat, sich mit ihr aussöhnen zu können. Es ist gut, wenn man ohne Wehmut wieder wegfahren kann.“

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erstellt am 16.4.2018

Karl Heinz Götze
Was aus der Heimat wurde, während ich lange weg war
Eine Rückkehr nach Deutschland
Gebunden, 320 Seiten
ISBN: 978-3-10-002488-6
S. Fischer, Frankfurt am Main 2017

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