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Man schreibt das Jahr 1968.
Anfang April klettert das Lied „Sittin´ on the Dock of the Bay“ von Otis Redding auf Platz 1 in den Charts. „Looks like nothin's gonna change / Everything seems to stay the same.“
In Memphis klettert das Thermometer auf 24 °C. Nach einem langen Winter breitet sich der Frühling langsam aus, im Süden blühen die prachtvollen Magnolien. Und die Aussicht auf Friedensverhandlungen im Vietnamkrieg lässt neue Hoffnung aufblühen.
Auf der anderen Seite des Atlantiks – in Frankfurt am Main – brennt es in der Nacht zum 3. April auf der Zeil: Gudrun Ensslin und Andreas Baader legen Brandbomben in den Frankfurter Kaufhäusern Schneider und Kaufhof, um gewaltsam gegen die Napalm-Bombardements der USA in Vietnam zu demonstrieren. Der Anschlag gilt als Geburtsstunde der Rote Armee Fraktion (RAF).
Am gleichen Tag im April besucht Dr. Martin Luther King, Jr. die Stadt Memphis im US-Bundesstaat Tennessee, wo er sich dem gewaltlosen Protest der schikanierten und unterbezahlten schwarzen Arbeiter der Stadtreinigung anschließt. In seiner berühmten Rede „I´ve Been to the Mountaintop“ an diesem Abend bestätigt der mutige Bürgerrechtler wieder einmal den Weg des gewaltlosen Widerstands: „Es gibt in dieser Welt keine Wahl mehr zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit. Entweder Gewaltlosigkeit oder Nicht-Existenz. Genau an diesem Punkt stehen wir heute.“
In jenem Jahr ist der darauffolgende Tag, der 4. April, ein Donnerstag; eine Woche später liegt Gründonnerstag, drei Tage später Ostern. Nach dem Aufenthalt in Memphis hatte sich King vorgenommen, verlängerte Exerzitien mit dem renommierten Pater Thomas Merton zu machen. Eine nötige Auszeit stand an.
Während seines Aufenthalts in Memphis übernachtet der Bürgerrechtler King – wie schon etliche Male vorher – im Lorraine Motel. Am frühen Abend des 4. April, kurz vor Sonnenuntergang, verlässt er Zimmer 306 im 1. Stock und geht auf den Balkon. King sieht den Musiker Ben Branch unten im Hof und posaunt fröhlich seinen Liedwunsch für den Abend herunter: „Ben, I want you to play `Precious Lord´ for me. Play it real pretty.” „You know I will”, erwidert der Saxofonist.
Sekunden später, um 18.01 Uhr, fällt der Schuss…

Zum 50. Todestag Martin Luther Kings

I´ve been to the mountaintop

Von Jeffrey Myers

„Ich werde gewaltlos sein, weil ich darin die Antwort auf die Probleme der Menschheit sehe.“ Martin Luther King, Jr.

Dass das Martin-Luther-King-Jahr 2018 dem Reformationsjahr 2017 folgt, scheint mehr als passend, denn der große Bürgerrechtler teilt seinen Namen und vieles mehr mit dem großen Reformator Martin Luther. Der 50. Todestag von Martin Luther King, Jr. am 4. April bietet die Gelegenheit, sowohl über die Gemeinsamkeiten der beiden Reformer als auch über die Aktualität der Botschaft Kings nachzudenken.
 
Interessanterweise wurde der mutige Baptistenprediger und Nobelpreisträger nicht als Martin, sondern als Michael geboren. Es wird erzählt, dass Martin Luther King, Sr., der einst ebenfalls den Geburtsnamen Michael trug, sowohl seinen eigenen Vornamen als auch den seines Sohnes von Michael zu Martin Luther umgeändert haben soll, nachdem er Deutschland anlässlich eines Kirchenkongresses im Jahre 1934 besuchte und in Berührung mit dem Erbe des deutschen Reformators kam. Beeindruckt von Martin Luther und seiner Reformation, soll King nach seiner Rückkehr den Namen Michael für Vater wie Sohn abgelegt haben. 
 
Bei einer Ansprache in Berlin in der Waldbühne am 13. September 1964 weist King auf seinen Namensvetter im Zusammenhang mit der Beharrlichkeit im Kampf gegen die Unterdrückung hin: „…und unsere einzige Antwort (könnte) nur die eures großen Reformators Martin Luther sein: `Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.´ So begann unsere Bewegung, nicht durch die Pläne der Menschen, sondern durch das mächtige Handeln Gottes.”
 
Wenn es um die Wahrnehmung des Interesses an der Bedeutung der beiden Reformer geht, scheint King dabei zu sein, Luther einzuholen. Für viele Menschen, meint die Historikerin Katharina Kunter, ist Martin Luther King, Jr. die wirkmächtigste Lutherverkörperung der Gegenwart.
 
Während der Reformator Martin Luther eine eher konforme Linie im Verhältnis von Staat und Obrigkeit vertritt, die den Protestantismus während der darauffolgenden Jahrhunderte stark prägen wird, wählt sein Namensträger Martin Luther King, Jr. knapp 500 Jahre später eine kritische Haltung den staatlichen Gewalten gegenüber. Und wo Luther sich vor der Anwendung von Gewalt nicht scheut, vertritt King eine konsequent gewaltfreie Haltung bei der Auseinandersetzung mit gesellschaftlich-politischen Angelegenheiten. 
 
Die Anwendung gewaltloser Methoden verstand King als Befreiung von dem Zwang, die herrschenden Werte der Gesellschaft, in der er lebte, bzw. der westlichen Industrienationen, zu imitieren. Es ging ihm um die Durchbrechung des Gewaltzirkels. Er hoffte, mit gewaltlosen Aktionen den Gegner in einen politischen Lernprozess einzubeziehen. Immer wieder betonte er: Gewaltlosigkeit soll die Befreiung der Unterdrückten wie der Unterdrücker bewirken. 
 
Zu Lebzeiten kämpfte King mit gewaltfreien Aktionen gegen Rassismus, Armut, Krieg – und für eine „Revolution der Werte“. Mit 35 Jahren erhielt er den Friedensnobelpreis. Anlässlich dessen sagte er in seiner Rede: „Ich weigere mich, die Ansicht zu übernehmen, die Menschheit sei so tragisch der sternenlosen Mitternacht des Rassismus und des Krieges verhaftet, dass der helle Tagesanbruch des Friedens und der Brüderlichkeit nie Wirklichkeit werden kann.“ Unter dem Druck der von ihm geführten Bewegung wurde die Rassentrennung in vielen US-Bundesstaaten aufgehoben.

Auch noch heute – ein halbes Jahrhundert nach seiner Ermordung – gilt es, den Traum von King zu verwirklichen, gerade wo Missstände herrschen, Rassismus sein hässliches Haupt erhebt und die Kluft zwischen Habenden und Nicht-Habenden wächst. Anders als Martin Luther, der keine Vision einer gerechten, friedvollen Welt malte, bietet King immer wieder hoffnungsvolle Bilder jener Welt, in der die Gerechtigkeit Gottes wohnt und jede Form von Trennung überwunden ist. Fest verankert in der schwarzen Tradition, drängt das Leiden der Vergangenheit und der Gegenwart King und seine Mitstreiter dazu, sich viel stärker mit der Zukunft zu befassen, in der das Reich dieser Welt ganz und gar das Reich Jesus Christi sein wird.

Am Abend vor seiner Ermordung hielt Martin Luther King, Jr. eine Ansprache in Memphis, Tennessee, wo er einen Streik der schikanierten und unterbezahlten schwarzen Arbeiter der Stadtreinigung unterstützte. In dieser berühmten Rede am 3. April 1968 erwähnte King noch einmal Martin Luther und seinen mutigen Thesenanschlag.
 
Ferner erzählte er davon, wie glücklich er sei, in eben diesen schwierigen Zeiten zu leben. Glücklich, sich einzusetzen, gemeinsam mit anderen, einem wichtigen Ziel entgegen. „I’ve been to the mountaintop“, er habe auf der Spitze des Berges gestanden, von wo aus er das Gelobte Land gesehen habe (vgl. 5. Mose 34,1-5). Er fürchte daher nicht mehr den Verlust des Lebens. King ahnte die Gefahr, dennoch betonte er: „Das alles macht mir wirklich gar nichts aus, weil ich schon auf dem Gipfel des Berges war. Zwar weiß ich nicht, ob ich mit Euch dort hingehen werde. Aber ich will, dass Ihr heute Abend wißt: Wir werden in das Gelobte Land gelangen.“

MLK und der gewaltlose Widerstand

Der Bürgerrechtler King, in Anlehnung an den Kirchenvater Augustinus, vertritt die Ansicht, es gebe eigentlich „eine moralische Verantwortung, sich ungerechten Gesetzen zu widersetzen.” In einer solcher Situation, schreibt King in seinem „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham”, zolle die betroffene Person dem Gesetz den höchsten Respekt. Denn jener Widerständler erkläre sich bereit, alle Konsequenzen des Ungehorsams auf sich zu nehmen, und rufe somit die Obrigkeit zu deren von Gott verordneten Berufung zurück.

Die Gewaltlosigkeit nannte King „Christentum in Aktion”. „Der Geist und die Beweggründe”, so der Bürgerrechtler, „kamen von Christus, während die Methode von Gandhi kam.” Gandhi sei wahrscheinlich der erste Mensch in der Geschichte gewesen, der Jesu Ethik der Liebe über die bloße Wechselwirkung zwischen einzelnen Menschen hinaus zu einer wirksamen sozialen Macht im großen Maßstab erhoben habe.

In seinem Rückblick auf den Busboykott von Montgomery hat King vier Grundaspekte gewaltloser Aktion benannt: 1. „Gewaltloser Widerstand ist keine Methode für Feiglinge. Es wird Widerstand geleistet. Wenn jemand diese Methode anwendet, weil er Angst hat oder weil ihm die Werkzeuge zur Gewaltanwendung fehlen, handelt er in Wirklichkeit gar nicht gewaltlos”; 2. Gewaltloser Widerstand will den Gegner nicht vernichten oder demütigen; das Ziel sei Aussöhnung; 3. Zum gewaltlosen Widerstand gehört „die Bereitschaft, Demütigungen zu erdulden, ohne sich zu rächen, Schläge hinzunehmen, ohne zurückzuschlagen.” Im unverdienten Leiden liege eine gewaltige erzieherische und umwandelnde Kraft; und 4. Der gewaltlose Widerstand gründet auf der „Überzeugung, dass das Universum auf der Seite der Gerechtigkeit steht. Infolgedessen hat, wer an Gewaltlosigkeit glaubt, einen tiefen Glauben an die Zukunft.”

„Gewaltlosigkeit”, sagte King in seiner Dankesrede, nachdem er 1964 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, „ist die Antwort auf die entscheidende politische und moralische Frage unserer Zeit – die Notwendigkeit, dass der Mensch Unterdrückung und Gewalt überwindet, ohne zu Unterdrückung und Gewalt Zuflucht zu nehmen.”

Grenzen findet der christliche Gehorsam, wenn Machthaber verlangen, konkret und persönlich gegen Gottes Gebot und Auftrag zu handeln. In solchen Fällen, etwa in Anlehnung an Petrus, als ihm verboten wurde, im Namen Jesu zu predigen, „muss man Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5,29). Auch wenn der Apostel dieser Anordnung widerstand und doch predigte, nahm dennoch seine Verweigerung – als christliche Antwort exemplarisch aufgeführt – eine eher passive Form an, spricht: Sie geschah leidend und nicht im aktiven gewaltsamen Widerstand.

Die Anwendung gewaltloser Methoden verstand King als Befreiung von dem Zwang, die herrschenden Werte der Gesellschaft, in der er lebte bzw. der westlichen Industrienationen zu imitieren. Dazu erkannte er, dass sich der von Gewalt unterstützte Widerstand nicht mit dem erklärten Ziel, das Böse mit dem Guten zu überwinden (Römer 12,21), in Einklang zu bringen ist.

1967 – ein Jahr vor seinem gewaltsamen Tod – erklärte King in einer Weihnachtspredigt: „Wir haben die Bedeutung der Gewaltlosigkeit in unserem Kampf um Rassengerechtigkeit in den USA erprobt, nun aber … ist die Zeit gekommen, Gewaltlosigkeit in allen Bereichen menschlicher Konflikte zu erproben, und das bedeutet Gewaltlosigkeit auf internationaler Ebene.”

Martin Luther King, Jr. stand – im Gegensatz zu Martin Luther – den Staatsmächten seiner Zeit viel kritischer gegenüber, doch er – auch anders als Luther – wählte stets die Form der Gewaltlosigkeit als Form des Protests und der Veränderung der Gesellschaft. Gerade die Aufforderung Kings, zivilen Ungehorsam im Falle von ungerechten Gesetzen zu leisten, der zugleich die rechtlichen Konsequenzen akzeptiert aus Respekt vor der Obrigkeit, könnte in der Zukunft wichtig werden. Dabei denkt man – insbesondere in den USA – an konfliktreiche Felder wie Immigration und nationale Sicherheit und eine künftige, vor Gott und Nation verantwortungsbewußte Antwort von US-amerikanischen Kirchen und einzelnen Christinnen und Christen. Hier könnte King hilfreiche Orientierung geben.

Jeffrey Myers wurde 1952 in Kansas geboren. 1995 promovierte Myers in Theologie an der Universität in Mainz. Seit 1991 ist er Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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erstellt am 10.4.2018

Martin Luther King auf einer Pressekonferenz (1964), Foto: Marion S. Trikosko, Library of Congress / Wikimedia Commons
Martin Luther King auf einer Pressekonferenz (1964), Foto: Marion S. Trikosko, Library of Congress / Wikimedia Commons
Gedicht

Remembering MLK in 50 Words

Michael to Martin Luther. Here I stand.
Pastor. Prophet. Peacemaker. 
Montgomery. Birmingham. Washington.
Civil rights. Nonviolent resistance. Jail.
Love is the greatest power.
I’ve been to the mountaintop. And I've seen the promised land.
We shall overcome. I have a dream. Free at last.
A sniper´s bullet.
The dream continues.

Jeffrey Myers

Im Lorraine Motel in Memphis, auf dessen Balkon Martin Luther King erschossen wurde, befindet sich heute das National Civil Rights Museum.