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Ein Zahnarzt verlässt die Großstadt und wandert auf eine einsame Insel aus. Seine Robinsonade steht am Beginn einer zwischen Phantasie und Wirklichkeit changierenden Erzählung über „das schwarze Paradies“. Gudrun Braunsperger hat den gleichnamigen Roman der 1981 geborenen norwegischen Autorin Ida Hegazi Høyer gelesen.

Buchkritik

Insel des Teufels

Der Zahnarzt Dr. Carlo Ritter hat sein gepflegtes Leben in der Großstadt satt. Er beschließt, zu wagen, wovon andere phantasieren, und wandert auf eine einsame Insel aus. Sein Vorhaben kündigt er in Zeitschriften an, und zwar als Selbstexperiment: Er möchte nämlich den Beweis antreten, dass es möglich sei, 140 Jahre alt zu werden, unter der Bedingung, allein zu leben, einen Naturalienhaushalt zu führen, sich vegetarisch zu ernähren und dabei immerzu nackt zu sein. Mit 345 kg Gepäck strandet er auf einer Insel in der Südsee und tritt seine Robinsonade an, zahnlos, denn im Zuge seiner Reisevorbereitungen hat er sich alle Zähne gezogen und ein Ersatzgebiss aus Stahl angefertigt, überzeugt davon, dass nicht kaputt gehen müsse, was ein Vegetarier auf einer Insel nicht mehr brauchen werde. Eine von mehreren Fehlkalkulationen, wie sich noch herausstellen wird. Fortan ist er nun nicht mehr Dr. Ritter, sondern Carlo, der nackte Wilde, der eine neue Beziehung in seinem Leben eingegangen ist, die zu seinem neuen Lebensraum. Es ist die Beziehung zu einem um vieles älteren und um mannigfaltige Lebenserfahrungen reicheren Gebilde, zur Insel Floreana des Galapagos-Archipels im Stillen Ozean.

„Sie war Hunderttausende von Jahren alt. Er war in seinen Vierzigern. Keiner von beiden ahnte, was er vom anderen zu erwarten hatte, dazu reichte ihre Fantasie nicht aus. Sie hatte zwar schon früher solche wie ihn gesehen, sie waren gekommen, hatten sich eingerichtet, sich vergriffen, sich versorgt, um dann aufzugeben. Diese Gestalt hingegen war anders. Es war etwas Zupackendes an ihm, etwas Felsenfestes an ihm, das sie sofort bemerkte und das ihr vielleicht gelingen würde zu ertragen. Wie er stehen blieb, das gefiel ihr. (…) Der Respekt, der darin lag, die Furcht oder Standhaftigkeit. (…) Dass er den Ernst erkannte. So sollte es sein, trotz allem, denn Furchtlosigkeit hatte sich hier noch nie als lebensfähig erwiesen.“

Das Leben eines Robinson ist jedoch alles andere als idyllisch, das muss der Mann, der Unschuld und Harmonie gesucht hat, bald einsehen. Die Natur gestattet ihm das erträumte friedliche Leben als Vegetarier nicht so ohne weiteres: Tomaten sind die einzigen Setzlinge, die aus fünfzehn verschiedenen Sorten mitgebrachter Pflanzensamen gedeihen. Bis Carlo seine Tomatenplantage gepflanzt und sein neues Leben notdürftig eingerichtet hat, vergehen Jahre, es ist ein steiniger Weg, der auch über den wenig sentimentalen Umgang mit den wilden Tieren der Insel führt. Im Zweifelsfall müssen sie als Nahrung herhalten. Der Mann, der ausgezogen ist, um die Einsamkeit zu suchen, hofft zwischendrin sogar darauf, dass zufällig ein Schiff anlegen möge, und für alle Fälle errichtet er am Strand einen Briefkasten, wo er seine Berichte an die Welt deponiert. Indem er in seiner Phantasie zu erschaffen sucht, was ihm inmitten der Widrigkeiten der rauen Natur nicht gelingen will, versucht er sich psychisch aufzurichten. Diese Berichte sind es dann auch, die sein Leben zunächst auf schicksalhafte Weise erst einmal stabilisieren, und hier könnte die Geschichte von Carlo Ritter auch ein glückliches Ende finden.

Die Hölle, das sind die anderen

Aber an dieser Stelle erst beginnt die eigentliche Erzählung über „das schwarze Paradies“. Der Roman lässt sich wie eine russische Matrjoschka-Puppe öffnen. Aus jedem Erzählstrang entwindet sich ein neuer, und diese sind dazu angetan, Konflikte und zwischenmenschliche Dramen entstehen zu lassen. Das ersehnte Paradies wird zur Hölle, denn – wie Jean-Paul Sartre wusste –, „L’enfer c’est les autres“: Die Hölle, das sind die anderen.

Carlo bleibt nicht allein, was ihm zunächst gar nicht gefällt. Auch andere Aussteiger finden den Weg auf die Insel, und das geht in letzter Konsequenz nicht gut aus.

Ida Hegazi Høyer malt ein üppiges Gemälde der Düsternis in schrillen Farben und mit provokantem Pinselstrich. Es ist die Phantasiereise in eine surreale Welt, von riesigen Echsen bevölkert und von verstreuten Schildkrötenpanzern gesäumt, eine Welt, in der sich ein universeller Kampf zu vollziehen scheint: Der Urgewalt der Natur, verkörpert in dem Mikroorganismus einer Insel, steht der Mensch mit seinen armseligen Verstrickungen und Leidenschaften gegenüber, und die Natur straft ihn für seine Schwächen, wie Herrschsucht, Neid und Gier, für seinen hemmungslosen Kampf um Macht und Ressourcen erbarmungslos ab. Man folgt dieser Parabel mit atemloser Spannung. Um auf der letzten Seite mit größter Verblüffung festzustellen, dass es sich dabei keineswegs um eine Parabel handelt. In ihrem Nachwort bekennt die Autorin nämlich, dass die Geschichte nicht frei erfunden, sondern an wahren Tatsachen inspiriert sei. Ida Hegazi Høyer hat den aus dem Leben gegriffenen Stoff zu einer bizarren apokalyptischen Vision entwickelt, um im Versuch einer freien Improvisation über historische Fakten eine Annäherung an die Wahrheit zu finden.

Sehnsuchtsziel für Aussteiger: Floreana, eine Insel im Süden des zu Ecuador gehörenden Galápagos-Archipels, Foto: Wikimedia Commons
Sehnsuchtsziel für Aussteiger: Floreana, eine Insel im Süden des Galápagos-Archipels

Die Aussteiger, die den von Ida Hegazi Høyer beschriebenen Versuch gewagt haben, hat es tatsächlich gegeben. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begründete der aus Köln stammende Arzt Friedrich Ritter gemeinsam mit seiner Geliebten Dore Strauch auf der Galapagos-Insel Floreana die erste Siedler-Generation. Die beiden waren auf der Flucht vor der Wirtschaftskrise und der instabilen politischen Situation in Deutschland in den Pazifik aufgebrochen, mit einer utopischen Sehnsucht nach einem alternativen Lebensmodell, so wie es in Europa etwa auf dem Monte Verita bereits früher erprobt worden war. Man berichtete vom anderen Ende der Welt über den Alltag als Aussteiger. Ihnen folgte die Familie Wittmer mit Sohn Harry aus Köln, deren Tochter Ingeborg als letzte Nachfahrin das einzige kleine Hotel der Insel heute noch führt.

Schließlich fand auch Eloise Wagner de Bousquet aus Österreich, die sich als Baronesse ausgab, in Begleitung ihrer beiden um sie rivalisierenden Liebhaber den Weg dorthin. Nicht nur im Roman steigern sich die menschlichen Verstrickungen im freizügigen Aussteigerparadies zum Drama um ein ungeklärtes Verbrechen. Die Ereignisse haben sich tatsächlich zugetragen, allerdings liegen die genaueren Umstände bis heute im Dunklen. Der Insel eilt der Ruf voraus, ein verfluchter Ort zu sein, der vermutete Mordfall wird für eine Serie ungeklärter Unglücksfälle mit tödlichem Ausgang verantwortlich gemacht, vor allem unter den ersten Siedlern, aber nicht nur unter ihnen. Das Schnorchelparadies ist in der Tat wenig frequentiert, von Touristen wird die Insel überwiegend nur in mehrstündigen Tagesausflügen angefahren.

So manches skurrile Detail in Ida Hegazi Høyers Roman ist keine Erfindung: etwa die Zähne, die sich der Vegetarier Carlo Ritter im Zuge seiner Reisevorbereitung zieht. Oder der schwarze Strand, den man als Symbol einer dämonischen-feindseligen Umgebung betrachten möchte. Er ist keine künstlerische Ausschmückung im Stil des phantastischen Realismus, es gibt ihn wirklich.

Die phantastische Reise zurück zur Natur konfrontiert die Protagonisten mit archaischen Mächten, mit denen sie nicht gerechnet hätten, das erzählt uns Ida Hegazi Høyer in ihren Worten und mit ihrer literarischen Phantasie. Das Paradies wird durch die Menschen zur Hölle, zur Insel des Teufels im Spannungsfeld diabolischer Mächte, eine Insel, auf der die Natur die Selbstjustiz der Menschen in ihrer eigenen Sprache zu beantworten scheint. Ihre Zeichen hat sie schon früh vorausgeschickt: den schwarzen Teufelsstrand erreichen umgekehrte Wellen und überfluten die Insel nach und nach, während ein Feuer speiender Vulkan näher rückt: Das schwarze Paradies eben.

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erstellt am 05.4.2018

Ida Hegazi Høyer
Das schwarze Paradies
Aus dem Norwegischen von Alexander Sitzmann
Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 9783701716869
Residenz Verlag, Wien 2017

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