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In seinem Stück „Rosa oder Die barmherzige Erde“ verknüpft der Regisseur Luk Perceval eine zeitgenössische Geschichte über Demenz mit William Shakespeares Liebesdrama „Romeo und Julia“. Elvira M. Gross hat die Aufführung im Wiener Akademietheater gesehen und erlebte eine Sternstunde des Schauspielers Tobias Moretti.

Theater

Dimensionen des Vergessens

„Oh wunderbare Nacht. Ich fürchte nur, sie täuscht mir einen Traum als Wirklichkeit.“ [William Shakespeare/Romeo]

Ein Bibliothekar flieht vor seiner Frau ins Pflegeheim, wo er seine Jugendliebe – seinen unerfüllten Traum – wiederfindet, an ihr Schönheit und Vergänglichkeit erfährt. Dieser eingebildete Raum wird sein Königreich, an dem die Wirklichkeit, seine Frau, seine Tochter, abprallt. Was wissen wir vom Leben eines Demenzkranken? Luk Perceval kleidet der Demenz geschuldeten Sprach- und Gedächtnisverlust in Shakespearesche Sprachgewalt, Tobias Moretti wagt einen Hochseilakt – und brilliert.

Was wirklich, was ein Traum? Welchen Bogen spannen wir über das Leben? Von der Jugend zum Alter und wieder zurück – führt kein Weg. Und im Theater? Lassen wir uns ein auf Illusionen, die unangemessen scheinen? Wenn eine zeitgenössische Ab-Handlung über Alzheimer („Der Bibliothekar, der lieber dement war als zuhause bei seiner Frau“ von Dimitri Verhulst) in das Liebesdrama schlechthin, Romeo und Julia, eingeflochten wird, wenn ein furzender Demenzkranker den Romeo mimt, der seine Julia (hier: Rosa) wiederfindet, kommen wir da noch mit? Wenn höchste Kunstsprache mit Auswürfen von Fäkalsprache kombiniert wird – ist das der Bogen, aus dem sich dramatische Liebespfeile schießen lassen?

Eine fünfstufige kleine Arena: „Rosa oder Die barmherzige Erde“, Foto: Reinhard Werner/Burgtheater

Eine fünfstufige kleine Arena bildet den Raum. Auf den Bänken, wie Hühner, hocken Greisinnen, die nichts (mehr) zu sagen haben. Sind das Sie und ich im Publikum – eine Aussicht in die Zukunft? Oder gehören sie zum Bühnenbild, die Alten, damit wir wissen, wo wir sind: in einem Pflegeheim mit Pflegemanagerin und Pflegepersonal. Ihre Funktion, sie bilden den Vergissmeinnicht-Chor, doch sind aus ihrem Munde nicht mehr als – durchaus auch nervige – Laute zu hören.

Wenngleich die Romanvorlage zu nichts anderem taugt, als die Überforderung mit der Hässlichkeit einer solchen Krankheit zu zeigen, und scheitert, wirkt sie hier wie eine gespenstische Folie des Banalen. Die hysterische Ehefrau und die besorgte Tochter bleiben blass in ihren Rollen gefangen, verzweifeln daran, dass ihr Gegenüber nicht mehr ansprechbar ist. So ist es nicht so sehr Désiré, wie der von Moretti gespielte Demenzkranke im Stück heißt, der hinfällig wirkt, wenngleich er es naturgemäß ist, sein muss aufgrund der Diagnose, sondern das sogenannte Umfeld, dessen Umgang mit Demenz, unser Umgang, wenn man so will.

Der Abend im Akademietheater raubt Illusionen – und lässt ex negativo neue entstehen. Die Geschichten – Romeo und Julia in der Geriatrie –, sie mögen nicht zusammengehen, aber die Krankheit und das Leben vor der Krankheit gehen ebenso wenig zusammen, geschweige denn auf in einer Idee. So ist das Stück genial in der Irrwitzigkeit seiner Brüche, hier blitzt etwas auf, was so noch nicht sichtbar/hörbar geworden: das Bedürfnis nach Schönheit dort, wo man sie am wenigsten vermutet, Schönheit in und trotz allen Stumpfsinns, der um sie herum wuchert, sie im Alter vielleicht total einholt. Désiré lebt seinen Traum gegen die Wirklichkeit, die Nacht wider den Tag. Eine Sternstunde des Schauspielers Tobias Moretti.

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Kommentare


Marion Rinker - ( 09-04-2018 12:01:49 )
Wunderbare Analyse des Stückes. Es spricht mir aus dem Herzen. Ich habe ein angrührendes, schmerzhaftes Theaterstück gesehen, das noch sehr lange nachwirkt. Als betroffene Angehörige ist es auch ein Lehrstück über Würde und Akzeptanz von geistig anders sein.

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erstellt am 04.4.2018

Tobias Moretti brilliert in Wien, Foto: Reinhard Werner/Burgtheater

Theater in Wien

Rosa oder Die barmherzige Erde

nach Dimitri Verhulst und William Shakespeare
Regie Luk Perceval
Bühne Katrin Brack
Kostüme Ilse Vandenbussche

Mit Tobias Moretti, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Gertraud Jesserer, Marta Kizyma u. a.

Burgtheater/Akademietheater