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Im dritten Teil der vierteiligen Serie über deutschsprachige Krimiautorinnen stellt Kirsten Reimers die 1967 geborene Wahlberlinerin Merle Kröger vor. Deren multiperspektivisch aufgebaute Romane gehen von realen Begebenheiten aus. Sie verbinden historische Aufarbeitung, individuelles Erleben und politische Analyse mit Elementen des Krimis und des Thrillers.

Krimiautorinnen, Teil 3

Klarer Blick auf gesellschaftliche Brüche

Merle Kröger hat bislang vier Kriminalromane veröffentlicht, die ersten drei – „Cut!“ (2003), „Kyai!“ (2006) und „Grenzfall“ (2012) – als Reihe mit gemeinsamen Protagonisten, der vierte Roman, „Havarie“ (2015), steht für sich allein. Von Anfang an erfuhren die Romane eine hohe Resonanz und wurden in der Presse sehr gelobt. „Cut!“ wurde ins Englische übersetzt und erschien 2007 unter dem identischen Titel in Indien beim Verlag Katha, New Delhi. „Grenzfall“ und „Havarie“ erhielten zahlreiche Preise; so wurde „Grenzfall“ zum Beispiel mit dem ersten Platz des Deutschen Krimi Preis 2013 (Kategorie „National“) ausgezeichnet. „Havarie“ stand 2015 drei Monate in Folge auf Platz 1 der KrimiZeit-Bestenliste und belegte auch deren ersten Platz der Jahresauswahl; zudem errang das Buch unter anderem den zweiten Platz des Deutschen Krimi Preises 2016 (Kategorie „National). Havarie erschien im Herbst 2017 unter dem Titel „Collision“ in englischer Übersetzung beim US-Verlag Unnamed Press, Los Angeles.

Über die Grenzen des Ermittlerkrimis hinweg

Die Kriminalromane von Merle Kröger sind alle vier multiperspektivisch aufgebaut. In kurzen Szenen wird das Geschehen aus Sicht einzelner Figuren geschildert. Auch Träume, Erinnerungen und Gedankenströme werden eingeflochten. Popkulturelle Verweise spielen vor allem in den ersten drei Romanen eine wichtige Rolle, besonders in den ersten beiden, „Cut!“ und „Kyai!“, kommen filmische Bezüge und Elemente hinzu: Regieanweisungen beziehungsweise Hinweise für die Kameraführung und den Schnitt („Cut“, „Close-up“, „Crossfade“) bestimmen die Struktur verschiedener Szenen. Auch thematisch spielen Filme, das Kino wie die Filmproduktion in diesen beiden Krimis eine wesentliche Rolle.

Alle vier Romane sind nicht als klassische Ermittlerkrimis angelegt, die Hauptfiguren haben keinerlei kriminalistische Ausbildung und sind auch durch ihre Berufe – Kinobetreiberin, DJ, Regisseur – nicht für eine Ermittlertätigkeit ausgebildet, sondern normale Menschen, die sich einmischen, nachhaken und nicht locker lassen. Im Laufe der vier Romane entfernt sich Merle Kröger immer weiter von der Form des Ermittlerkrimis und erweitert dessen Grenzen.

„Cut!“ ist geprägt von einer einfachen, sehr bildstarken Sprache. Kurze Szenen und schnelle Perspektivenwechsel unterstreichen die filmartige Anlage des Buches. Unterstützt wird dies durch acht Musikszenen, die den Text durchbrechen und an Bollywoodproduktionen erinnern. Auch inhaltlich spiegelt sich dies in „Cut!“ wider: Die Suche nach dem leiblichen Vater der Hauptfigur Madita führt nach London und Bombay. Eine Rolle spielt dabei unter anderem die sogenannte „Legion Freies Indien“, auch indische Legion genannt, die 1941 von Subhash Chandra Bose, einem ehemaligen Weggefährten und schließlich Konkurrenten von Gandhi, mitbegründet wurde. Der Kampfverband, in dem indischstämmige Soldaten im Zweiten Weltkrieg für Hitler gegen England und gleichzeitig gegen Gandhi kämpften, war der deutschen Waffen-SS unterstellt. Des Weiteren spielen neben anderem der indische Film und dessen Geschichte, in unaufdringlicher Weise auch die Frage nach Identität und Herkunft eine Rolle.

„Kyai!“ knüpft an „Cut!“ an und verwebt gekonnt ein großes Spektrum an Themen und Figuren. Unter anderem thematisiert der Roman die Beteiligung privater oder halbprivater Söldnertruppen und der deutschen Bundeswehr an den kriegerischen Auseinandersetzungen Mitte der 2000er Jahre und geht der Frage der Privatisierung des Kriegs nach. Zudem versucht die Autorin, der Indienromantik der 1980er Jahre auf die Spur zu kommen, und beleuchtet, was zwanzig Jahre später aus den ehemaligen Bhagwan-Anhängern geworden ist. Ein weiterer Hintergrund ist das Bestreben verschiedener deutscher Bundesländer Mitte der 2000er Jahre, sich als Filmkulisse für Bollywoodproduktionen anzubieten, um indische Touristen anzulocken. Hinzu kommen verschiedene weitere Themen und an Figuren geknüpfte Handlungsstränge.

Reale Ereignisse als Ausgangspunkt

„Grenzfall“ greift einen tatsächlichen Fall auf und fiktionalisiert ihn, wodurch der Fall exemplarisch wird: Im Sommer 1992 werden an der deutsch-polnischen Grenze zwei Roma bei der illegalen Einreise in die Bundesrepublik erschossen. Ob es sich um einen Jagdunfall handelt, wie die beiden Täter behaupten, kann nicht bewiesen werden, die Schützen gehen beim Prozess straffrei aus. Diese Taten stehen nicht allein. 1992, das ist der Sommer, in dem in Rostock-Lichtenhagen die Wohnheime der vietnamesischen Vertragsarbeiter brennen und in Mölln drei Menschen bei einem Brandanschlag mit fremdenfeindlichem Hintergrund getötet werden. Die Autorin schlägt den Bogen von den Anfängen der Berliner Republik bis in die Gegenwart. Sie verortet die Ursachen für fremdenfeindliche Attentate nicht einfach bei einzelnen Menschen oder in der ostdeutschen Provinz, sondern beleuchtet nationale wie internationale Zusammenhänge, unterschiedliche Lebensverhältnisse in Europa, die Auswirkungen wirtschaftlicher Missstände in unterschiedlichen europäischen Staaten, die Gewaltbereitschaft Einzelner sowie die Angst vor dem Fremden und wie diese von rechtsradikalen Parteien aus Machtkalkül instrumentalisiert wird. „Grenzfall“ zeigt so das Ineinander großer Strukturen und persönlicher Denkweisen. „Grenzfall“ ist entstanden aus den Recherchen für den Film „Revision“, der 2012 bei der Berlinale Premiere hatte. Merle Kröger war als Co-Autorin und Produzentin stark in den Rechercheprozess involviert. Da sie sehr viel erlebt und erfahren hatte, was nicht in den Film einfließen konnte, entstand zusätzlich der Roman, der durch die Fortführung von Linien bis in die Gegenwart eine andere Richtung einschlägt als der Film.

Auch der vierte Roman, „Havarie“, ist aus den Recherchen zu einem Filmprojekt entstanden; der gleichnamige Film, produziert von der Autorin, hatte bei der Berlinale 2016 Premiere. Ausgangspunkt waren für Merle Kröger das Mittelmeer als Grenzraum und die Frage nach „vertikalen“ Grenzen, so die Autorin, also Grenzen, deren gefahrlose Überquerung von den finanziellen Möglichkeiten und der im Pass festgelegten Nationalität abhängt. „Havarie“ ist sehr viel strenger als die vorherigen Bücher komponiert. Der Stil ist sehr knapp, viele Sätze sind auf das Wesentlichste reduziert, das Geschehen auf 48 Stunden konzentriert. Die Handlung: Im Mittelmeer kreuzen sich die Wege von vier Schiffen: einem luxuriöses Kreuzfahrtschiff, einem havarierten Schlauchboot mit Flüchtlingen aus Algerien, einem alten Frachtcontainer unter ukrainischer Flagge und einem Seenotrettungsschiff aus Spanien. Das Geschehen wird aus einer Vielzahl von Perspektiven in kurze Szenen und mit scharfen Schnitten geschildert. Alle Figuren stehen dabei auf Augenhöhe nebeneinander, niemand nimmt eine besondere Stellung ein, es gibt also keine Hauptfigur. In wenigen prägnanten Strichen werden die Personen mit ihrem Hintergrund gezeichnet und in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontext verortet.

Jede steht für eine weltpolitische Auseinandersetzung, die nicht zwingend mit der aktuellen Situation verbunden ist: vom Ukraine-Konflikt über den Algerien-Krieg, vom Nordirland-Konflikt über das Terrorregime in Syrien und den Holocaust bis hin zum Untergang der „Wilhelm Gustloff“ 1945 vor der Küste Pommerns – jede Figur hat Gewalt, Menschheitsverbrechen, Krieg und Flucht erlebt, und zwar aus den unterschiedlichsten Perspektiven: als Täter, als Opfer, als Mitläufer. Niemand ist ohne Schuld, niemand schlicht gut oder böse, es wird aber auch niemand an den Pranger gestellt. Die Schuld liegt nicht allein in den Figuren: Wie schon in den Romanen zuvor verschränkt Merle Kröger individuelle Taten mit strukturellen Bedingungen. Es gibt außerdem zwei Tote, doch keinerlei Ermittlungen dazu. Wesentlich zentraler ist die Frage, welche Gewalt aus dem Zusammenprall von verschiedenen Welten, Strukturen, Hoffnungen und Zwängen erwächst. „Havarie“ ist so eher ein eminent politischer Thriller, der bei aller Fiktion dokumentarisch wirkt und hochkomplexe Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik und deren Auswirkungen auf abstrakte Strukturen und konkrete Personen erkennbar macht; geschrieben mit viel Wut, gegossen in eine strenge analytische Form.

Politische Analyse mit Elementen des Krimis

Die Romane von Merle Kröger gehen von Begebenheiten und Geschehnissen aus, die im Realen wurzeln, und verbinden historische Aufarbeitung, individuelles Erleben und politische Analyse mit Elementen des Krimis und des Thrillers. Die Autorin hat einen klaren Blick für gesellschaftliche Brüche und erzählt sorgfältig recherchiert und plausibel mit einem großen Sinn für Dramaturgie und Spannung. Die ersten drei Krimis sind zudem mit viel Tempo, Wortwitz und Situationskomik versehen und bei aller Exotik frei von Klischees und Folklore.

Die Gewalt, um die es Merle Kröger in ihren Romanen geht, ist weit eher strukturell als individuell bedingt. Ihr geht es um die Effekte des globalisierten Kapitalismus, die auf das Leben einzelner heruntergebrochen werden. Zwar ermöglicht der globalisierte Kapitalismus dem Einzelnen durchaus recht viel, doch ist der Preis, der dafür zu zahlen ist, sehr hoch, so die Autorin.

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erstellt am 29.3.2018

Merle Kröger, Foto: Ralf Sudbrak
Merle Kröger, Foto: Ralf Sudbrak
Zur Person

Merle Kröger

Merle Kröger, geboren 1967 in Plön, mit familiärem Indienbezug, lebt und arbeitet in Berlin als freiberufliche Drehbuchautorin, Filmemacherin, Produzentin, Künstlerin, Kuratorin und Krimiautorin. 2001 gründete sie gemeinsam mit dem Filmemacher Philip Scheffner die Medienkunstplattform pong. In den folgenden Jahren entstanden vielfach ausgezeichnete dokumentarische Kinofilme, die auf der Berlinale und anderen internationalen Festivals uraufgeführt wurde.

Englische Fassung erscheint in:

Thomas W. Kniesche (Hg.)
Contemporary German Crime Fiction
A Companion
Kartoniert / Broschiert, 300 Seiten, 10 Abb.
ISBN: 9783110426557
Verlag De Gruyter

Erscheint im August 2018
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