Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Musikbücher sind selten Bücher über Musik. Dafür finden in ihnen Komponisten- und Musikerbiographien und deren soziopolitische Einbettungen Platz, Anekdoten, Künstlerfreundschaften in Briefen und Zeugnissen oder musikgeschichtliche Erzählungen. Hans-Klaus Jungheinrich hat fünf Lexika, Handbücher, Komponistenportraits und historische Untersuchungen gesichtet.

Neue Musikbücher

Fürs Leben, zum Überfluss

Lexika waren unter anderem geschätzte Objekte planlosen Lesens. Die (Un-)Sitte, aus je halber Gelangweiltheit und Neugierde lässig zwischen den Buchstaben herumzublättern und sich vom Appeal eines Stichwortes plötzlich einfangen zu lassen, ist nach dem Bedeutungsschwund des Großen Brockhaus und ähnlicher Enzyklopädien in der Praxis verloren. Lexikalisches Wissen wird nunmehr gezielt und effektiv erworben, womit schneller zum Nutzen vorgedrungen und der Aufenthalt mit dem Überflüssigen minimiert wird. So ersetzt Wikipedia auch die einst für den deutschsprachigen Musikfreund unentbehrlich aufschlussgebenden Wälzerbatterien des MGG und des Riemann. Eigentlich schade, dachten sich wohl die lexikonsüchtigen Musiknarren Rainer Schmitz und Benno Ure, und legten einen monströsen Band vor, in dem sie, streng nach dem Gebrauchsmodus des Alphabets angeordnet, alles Erdenkliche zusammenkehrten, was man als Interessent der Tonkunst nicht wissen muss („Töne, Tasten und Tumulte“). Also vorderhand Anekdoten, Schnurren, Klatsch oder in amüsante Chiffren verpackte musikgeschichtliche Daten und Tatsachen. Man sucht mithin keine Namen oder Sachbezeichnungen, sondern lässt sich charmieren von vergagten Sujets wie „Ehre, letzte“ oder „Schädel, falscher“ und registriert überrascht, was da wohl an Skurrilem, Abseitigem oder auch frisch serviert Allbekanntem mitgeteilt wird. Unter der Eintragung „Kinder, uneheliche“ etwa finden selbstverständlich Liszt und Alban Berg Erwähnung, aber der unbestrittene Held dieser Rubrik ist Johann Strauß Vater mit acht aktenkundig „illegitimen“ Nachkommen. Der Ruhm sei ihm gegönnt. Die Erwähnungen unter „Schwul“ (in der Nachbarschaft solch opak verheißungsvoller Suchwörter wie „Schwäbischer Gruß“ und „Schweinehunde-Affäre“) sind erwartungsgemäß recht ergiebig (wenn auch der inzwischen aktuelle Name James Levine noch nicht auftaucht), doch begnügen sich die Autoren nicht mit der bloßen Nennung Peter Tschaikowskijs, sondern liefern gleich noch sechs seiner zuverlässig recherchierten Liebhabernamen mit. Lauter überflüssige Informationen, oft aber prickelnd zu lesen. Da es zwischen den einzelnen Stichworten viele Querverweise gibt, lässt sich, wenn man will, auch ein durchaus zusammenhängender Diskurs konstruieren. Die tollkühn kuriose Konzeption dieses Werkes war wohl erst möglich im Post-Zeitalter der lexikalischen Druckerzeugnisse. Da wendet sich die positivistische Tugend des Wissenserwerbs ins Ironische. Der schwergewichtige Band repräsentiert die Spaßära in Reinkultur – mit einem nostalgischen Zwinkern hin zur Wissensgesellschaft von gestern.

Größere Zusammenhänge

Den Lesern dieses im schönsten Sinne Überfluss bietenden Lexikons wünscht man zwecks dessen Ausschöpfung ein langes Leben. Ein Lebensbuch ganz anderer Art ist die Beethoven-Monographie von Martin Geck. Sie variiert den Modus der Biographie auf ebenso fulminant originelle wie persönliche Weise. Anstatt der mehr oder weniger parallelen Leitlinien Leben und Werk gibt es hier einen Kranz konsistenter und abgerundeter „Essays“, die sich um bestimmte inhaltliche Schwerpunkte gruppieren. Kapitelüberschriften wie „Titanismus“, „Festigkeit“, „Natur“, „Phantastik“, „Transzendenz“ „Struktur und Gehalt“ oder „Utopien“ scheinen auf Anhieb plausibel als Motive, die Beethovens Komponieren mit dem Geist seiner Zeit oder mit der nachfolgenden Rezeption in Beziehung setzen. Spezieller im Fokus stehen „Tollheiten im Umfeld der Eroica“ und „Lebenskrisen, Gottergebenheit, Kunstfrömmigkeit“ sowie ein beinahe apokryph angehängter Exkurs „Beethoven en France“, der mit der Thematisierung des Beethovenianers und Germanophilen Romain Rolland („Jean Christophe“ war auch hierzulande ein vielgelesener Musikerroman) die Brücke schlägt zur Beethoven-Ideologisierung Furtwänglers im „Titanismus“-Abschnitt und der nicht minder bedenklichen Beethoven-Heroisierung Elly Neys im Dritten Reich. Viele Namen fallen (wenn auch manchmal in nicht voraussehbaren Zusammenhängen), die man in einem Beethovenbuch nicht missen darf: Napoleon, J.S. Bach, Jean-Jacques Rousseau, Shakespeare, Jean Paul, Goethe, Hegel, Adorno, Paul Bekker, Thomas Mann, Wagner, Schubert, Mendelssohn-Bartholdy, Liszt. Einige der berufenen Zeugen können aber mehr oder minder als Überraschungsgäste begrüßt werden. So der französische Philosoph Gilles Deleuze, der frankophone Schriftsteller Paul Nizon oder der Maler Tintoretto, und selbst der Zeitgenosse und „philosophierende“ Bildkünstler Caspar David Friedrich wurde noch kaum je als ein Geistesverwandter des „einsamen“, in seinem radikalen Naturverständnis zwischen mystischer Ergebung und existentieller Verzweiflung hin- und hergerissenen Beethoven (das berühmtes „Heiligenstädter Testament“) namhaft gemacht. Für musikanalytische Puristen mag es herzlich „überflüssig“ sein, auf solche „außermusikalischen“ Phänomene einzugehen. Martin Geck gehört zu jenen Musikologen und Musikschriftstellern, die sich von Beschränkungen und Borniertheiten des zünftlerisch-akademischen Zugriffs ein für allemal getrennt haben und größere Zusammenhänge erkennen. Seine Einsicht in einen omnipräsenten Beziehungsreichtum, mithin die Neigung zu „mystischen“ Perspektiven, führt ihn nicht zu verschwommen-nebulösen Darstellungsformen, tut vielmehr der Klarheit und Mitteilsamkeit seiner Texte keinerlei Abbruch. Es ist immer ein intellektueller (sollte man nicht auch sagen: ein existentieller?) Genuss, Martin Gecks Musikbücher zu lesen, und dank wachsender Lebenserfahrung wird dieser Genuss mit jeder seiner Hervorbringungen größer.

Reichtum der Oper

Etwas spielerischer darf Hanjo Kesting mit dem Kasus der Libretti, also der „Opernbücheln“, umgehen. Das signalisiert er bereits mit dem Titel „Bis der reitende Bote des Königs erscheint“. Er legt damit eine natürlich nicht vollständige, gleichwohl einigermaßen kompendiöse Materialsichtung „Über Oper und Literatur“ (so der Untertitel) vor. Kesting kann mit der Information verblüffen, dass in einschlägigen Bibliotheken Zigtausende von Libretti archiviert sind. Und von dem erfolgreichsten Librettisten des früheren 18. Jahrhunderts, Pietro Metastasio, wurden einzelne Operntexte bis zu 75mal komponiert. Auch das sind Seiten-Hinweise auf den ungeheuren, ernstlich kaum je in der Praxis ausschöpfbaren Reichtum der Gattung Oper. Selbstverständlich sind die Stars bei Kesting der ideale Mozartpartner Lorenzo da Ponte und Hugo von Hofmannsthal, der wichtigste Mitarbeiter von Richard Strauss. In diesen Fällen kann sich Kesting auf wohldokumentierte Forschung stützen, ebenso bei Richard Wagners Reimkunst, auch der der „Meistersinger“, die er vielleicht einen Strich zu verehrungsvoll würdigt. Zumal er (was das heitere Genre betrifft) demgegenüber die um vieles ingeniöser-clowneske Sprachakrobatik in Peter Cornelius‘ „Barbier von Bagdad“ (beste Ernst Jandl- oder Robert Gernhardt-Vorläuferei) unerwähnt lässt. Nicht nur die französische Grand’Opéra Meyerbeers mit dem famosen Textautor Eugène Scribe kommt aber vor, sondern auch die Operette einschließlich einer ihrer Spätblüten, des „Weißen Rössl“ von Ralph Benatzky, der im amerikanischen Exil einen ähnlich enttäuschenden Karriereabschied hatte wie die an gebrochenem Herzen gestorbenen Europäer Erich Wolfgang Korngold und Jaromir Weinberger („Schwanda, der Dudelsackpfeifer“). Nah an der Gegenwart feiert Kesting den englischen Dichter Wystan Hugh Auden als „letzten großen Librettisten“ (für Strawinsky und Henze) und wirft zudem ein interessantes Licht darauf, dass der Komponist Henze selbst, bei der „Elegy for Young Lovers“ an der deutschen Übersetzung mitwirkend, sich an ziemlichem Murks beteiligte. Nach dem 21. Jahrhundert zu wäre etwa Claus Henneberg wenn nicht als großer, so doch als vielseitig bedeutender Librettist zu untersuchen gewesen. Und der vielleicht schönste interkulturelle Opernfakt der Gegenwart: die Kooperation der finnischen Komponistin Kaija Saariaho mit dem ägyptischen Autor Amin Maalouf bei den Musiktheaterwerken L’amour de loin“ (2000) und „Adriana Mater“ (2006). Es fehlt nicht viel, und man möchte das auch als eine Widerlegung der voreiligen Vermutung von EU-Gegnern sehen, für die – beispielsweise – Balten und Portugiesen nie und nimmer eine Gemeinsamkeit finden und irgend etwas zusammen machen könnten.

Gespräche mit Komponisten

Weniger Lektüre als „Handbuch“ ist das dickleibige Opus “Komponieren für Stimme – Von Monteverdi bis Rihm“, basierend auf einer Karlsruher Musikhochschul-Vorlesungsreihe und herausgegeben von Stephan Mösch, der in einer ausgesprochen akademisch getönten Einleitung in das Thema wohlinformiert einführt. Entsprechend tragen die von verschiedenen Autorinnen und Autoren stammenden Einzelkapitel (grosso modo chronologisch die Operngeschichte durchmessend) ebenfalls den Stempel strenger Fachbezogenheit, wenn sie sich auch mitunter, wie der Text von Silke Leopold, mit flotten Titelgebungen maskieren („Versuch einer Antwort auf die Frage, was der Gesang in der Oper zu suchen hat“). Verständlicherweise steht die Oper im Zentrum der Darstellung, das Lied wird aber nicht ausgespart. Fast eine Leerstelle ist das chorische Singen – es wird zwar als gleichsam politischer Faktor im Opernkontext thematisiert (von Nanny Drechsler), dabei werden ideologische Implikationen aber höchstens gestreift. Fangesänge, jüngst sogar zu Gegenständen musikwissenschaftlicher Observation geworden, mögen mit dem „Komponieren für Stimme“ kaum etwas zu tun haben, doch ist das Feld zwischen ihnen und der genuinen Bühnen- und Konzertmusik weit und der Erörterung gewiss nicht unwert. Allemal lesenswert sind die aufgezeichneten Gespräche des Herausgebers mit vielen lebenden Komponisten (besonders die Auslassungen von Eötvös, Reimann, Rihm, Saariaho, Widmann, aber auch Adams und Lachenmann), wo Mösch sich als einfallsreicher und quicklebendiger Fragensteller erweist. Alles in allem eine andere Art von „Operngeschichte“ aus dem Blickpunkt der Vokalität und ihrer wechselnden Rolle im Bewusstsein der Komponisten. Heute ist deren Ansatz pluralistisch: einige lehnen die „klassisch ausgebildete“ Stimme eher ab (Heiner Goebbels, Beat Furrer), andere arbeiten leidenschaftlich und kreativ mit ihr (wie Reimann und Rihm).

Im Clinch mit dem Zeitgeist

Unter allem Besonderen nochmal etwas Besonderes, ja Seltsames mit dem Titel „Der Komponisten Mut und die Tyrannei des Geschmacks“. Der von dem aus Ungarn stammenden Bálint András Varga (lange Zeit Manager des Musikverlags Universal Union in Wien) initiierte Band vereinigt (teilweise schriftlich geführte) Interviews mit Komponisten, Kritikern und Festivalveranstaltern. Die meisten hadern mit Vargas Titelformulierung, von der man tatsächlich nicht recht weiß, ob sie listig vorgetäuschter oder echt stämmiger Naivität entsprang. Die Kategorie „Mut“ wird durchweg zumindest leise angezweifelt, der „Geschmack“ dagegen vehement, im Zeitalter des „Anything goes“ natürlich auch jedwede „Tyrannei“. Gleichwohl verkündet Varga gegen Ende seines Vorworts unverdrossen, die „Darmstädter Ästhetik“ habe eine „Diktatur über die neue Musik“ ausgeübt. Erstaunlich, dass jemand, der den Stalinismus hautnah erfahren hat, das Wort „Diktatur“ so unbedenklich auch für vollmundig-intolerante Erscheinungen benutzt, die niemanden das Leben kosteten und kaum auch nur eine Laufbahn ernstlich verdarben (auch Darmstadt-Geschädigte wie Henze und Killmayer arrivierten). Bei allem Kopfschütteln über Vargas Themenumriss: Etwas ist dennoch dran an dieser Sache, die man auch „Komponieren mitten im Wasserfall von Schaffhausen“ oder (biblisch und stockhausennah) „Der Komponist im Feuerofen“ titulieren könnte: Musik im Clinch mit dem Zeitgeist und im Strudel gegen ihn. So sind denn auch die meisten Statements des Buches nicht so sehr (wie Rainer Nonnenmann) unwirsch verweisend als nachdenklich milde und teilzustimmend, letzteres besonders der liebenswerte e-mail-Verkehr mit dem gleichermaßen sich entziehenden wie zuwendenden Helmut Lachenmann. Weniger latent pathetisch die präzis themenbezogenen nüchternen Abwägungen von Manfred Trojahn. Der Kritiker Gerhard R. Koch ist so souverän, ohne ausdrücklichen Bezug zum Titel über Diskrepanzen und Dissidenz zwischen Komponist, Musikbetrieb und Gesellschaft zu sprechen, ohne das Thema zu verfehlen. Dies tut der Komponist Luca Lombardi mit der generös egozentrischen Fixierung auf seinen etwas heldenlebensmäßig nacherzählten kompositorischen Weg. An dessen vorläufigem Ende steht aber immerhin der „mutige“ Akt, von Italien nach Tel Aviv übergesiedelt zu sein und als israelischer Staatsbürger nun so etwas wie eine neue Identität angenommen zu haben.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 23.3.2018

Rainer Schmitz/Benno Ure
Tasten, Töne und Tumulte – Alles, was Sie über Musik nicht wissen
Gebunden, 1168 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0083-0
Siedler Verlag München, 2016

Buch bestellen

Martin Geck
Beethoven – Der Schöpfer und sein Universum
Gebunden, 508 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0086-1
Siedler Verlag, München 2017

Buch bestellen

Hanjo Kesting
Bis der reitende Bote des Königs erscheint
Über Oper und Literatur
Gebunden, 414 Seiten
ISBN: 9783835331266
Wallstein Verlag, Göttingen 2017

Buch bestellen

Stephan Mösch (Hrsg.)
Komponieren für Stimme – Von Monteverdi bis Rihm
Ein Handbuch
Gebunden, 390 Seiten
ISBN: 9783761823798
Bärenreiter Verlag, Kassel 2017

Buch bestellen

Bálint András Varga (Hrsg.)
Der Komponisten Mut und die Tyrannei des Geschmacks
Paperback, 224 Seiten
ISBN: 978-3-95593-071-4
Wolke Verlag, Hofheim/Ts., 2016

Buch bestellen