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In „Sternenfutter“ erzählt Frank Schuster unaufgeregt und ohne moralischen Zeigefinger von einer Zukunft, in der Menschen zum Hauptnahrungsmittel für Außerirdische werden. Bruno Laberthier hat den Roman gelesen.

Buchkritik

Der Weg allen Fleisches

Jara ist Nutzmensch: sozusagen das dystopische Äquivalent des Nutztiers, wie wir es kennen und (jedenfalls die Fleischesser/innen unter uns) verzehren. Als Kreatur aus der Zukunft hat er das zweifelhafte Glück, zu den Alphas zu zählen, welche zu Zucht- und Vermehrungszwecken von außerirdischen Menschen(fr)essern gehalten werden, die sich in nicht allzu ferner Zeit die Erde untertan gemacht und in einen gigantischen Mastbetrieb umgewandelt haben. Gammas und Betas gehen dagegen gleich „den Weg allen Fleisches“, wie es leitmotivisch in Frank Schusters Roman „Sternenfutter“ heißt: als exakt dieses Sternenfutter werden sie auf den Heimatplaneten der „Phagen“ verbracht, wo man ihr frisches Fleisch schätzt wie unsereins das Hähnchen aus der Kühltruhe oder die Brutzler vom Grill.

Das Szenario des Romans ruft bereits so, ohne etwas über seine Handlung gesagt zu haben, ein breites Spektrum an Implikationen auf: vom konsequenten Umkehren der heute längst alltäglichen Mastbetriebe nun zum Schaden derer, die die gemästeten Kreaturen verzehren, über die somit pointiert adressierten Fragen tier- und menschenethischer Art bis hin zur Kritik am doppelmoralischen Umgang der fleischkonsumierenden Industriegesellschaften des 21. Jahrhunderts mit Natur und Schöpfung. Nicht minder deutlich sind die Echos von kanonisierten Erzählungen der literarischen Gattung Dystopie, die den Roman durchhallen: natürlich Aldous Huxleys „Brave New World“ (Alphas, Betas, Gammas), natürlich die Filmtrilogie Matrix (Menschen als Nutzwesen, hier nicht zur Energiegewinnung, sondern als Futter). Die Ödnis der verlassenen Städte und das Rebellentum, das der Geschichte bald Fahrt verleiht, gemahnen an Orwells „1984“ und bei den Außerirdischen mit ihren Fleischtransporter-Raumschiffen denkt man an gute – und vielleicht auch nicht so gute – Science Fiction.

Die verblüffende Vertauschung der Rollen, vor allem der des Menschen vom Fleischesser zum wegen seines Fleisches Gegessenen, etabliert die Erzählung schnell, sauber und routiniert. Schuster lässt Jara mit seiner Zuchtpartnerin zunächst in einer Fußballarena vor sich hin vegetieren. Er tut dies wohl mit Hintersinn, bedenkt man das Vorbild für die ungewöhnliche Namensgebung seines Protagonisten, den chilenischen Künstler Víctor Jara, der 1973 zusammen mit Tausenden anderer von Putschisten um General Pinochet im Stadion von Santiago festgehalten und ermordet wurde.

Dem fiktiven Jara gelingt der Ausbruch, Fluchthelfer sind „Wildmenschen“, die außerhalb der totalitären Machtsphäre der Phagen in einer postapokalyptischen Welt leben. Mago und Manu und Zapa und wie sie alle heißen – die zweisilbigen Namen sind auf Dauer eher verspielt lästig denn figurenunterscheidend nützlich – brüten Pläne aus, sich vom Joch der Außerirdischen zu befreien, welche die Erde nur gelegenheitsbesuchen und ansonsten auf dem Planet Zyt ihr anthropophagisches Dasein fristen. Dem Neuen in ihren Reihen, Jara, fällt bei dem Komplott eine besondere Rolle zu. Im Handumdrehen findet er sich in einem der Raumtransporter wieder, die von einem ödländisch verfremdeten Großflughafen aus zwischen Zyt und Erde pendeln. Als Undercover-Rebell geht so auch Jara „den Weg allen Fleisches“: getarnt und mit anderem im Schilde, als sich resigniert und ohne Gegenwehr verspeisen zu lassen.

Frank Schuster zeichnet das alles unaufgeregt und ohne moralischen Zeigefinger, sein Duktus ist manchmal behäbig. Umso nachdrücklicher gelingt es ihm, ein Nachdenken über die conditio humana carnivorensis anzuregen: eine Errungenschaft, die ohne Fantasie und Kreativität nicht möglich wäre, und die in „Sternenfutter“ sorgsam ausbuchstabiert wird.

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erstellt am 16.3.2018

Frank Schuster
Sternenfutter
Broschiert, 193 Seiten
ISBN: 978-3-946413-95-0
mainbook, Frankfurt am Main 2018

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