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„Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten / Zucken“ heißt ein Stück von Sasha Marianna Salzmann, das Jana Vetten am Wiener Theater Nestroyhof / Hamakom inszeniert hat. Es erzählt von unterschiedlichen Arten der Radikalisierung. Das Stück wirkt wie eine Collage bloßer Versatzstücke und bleibt bis zum Schluss abstrakt, meint Elvira M. Gross.

Theater in Wien

Reiner Guckkasten

„Das Ziel muss doch sein, eine gerechtere Gesellschaft zu behaupten und zu leben, als wäre das Theater die kleinste Zelle dieser Utopie.“
(Sasha Marianna Salzmann)

Das Verstehen ist ein großes, nicht abzuschließendes Kapitel. Auch nach diesem Stück – eine Anleitung zum besseren Verständnis von Terror? – in der Inszenierung von Jana Vetten bleibt vieles offen. Ich verlasse das Hamakom, den Ort, in dessen unmittelbarer Nähe genau eine Woche zuvor ein furchtbares Attentat stattgefunden hatte: „Ein 23-jähriger Verdächtiger hat am Donnerstag gestanden, am Mittwochabend binnen 30 Minuten zwei Messer-Attacken auf vier Passanten in Wien-Leopoldstadt verübt zu haben“, wie in den Salzburger Nachrichten von letzter Woche zu lesen war. Es handelte sich bei dem Attentäter um einen aus Afghanistan Geflüchteten. Das Motiv der Tat laut SN „Wut über seine gesamte Lebenssituation“. Ich war nur wenige Minuten vor dem Eintreffen der Polizei am Tatort, also unmittelbar vor der Tat, dort vorbeispaziert. Zucken, so auch der Untertitel des Stücks von Sasha Marianna Salzmann, durchfährt mich beim erneuten Passieren der Praterstraße.

Aus Schreck zusammenzucken, man kann aber auch an Schulterzucken denken, als Reaktion auf Missliebiges, im Sinne von: Was gehtʼs mich an?, an ein Abschütteln. Oder an ein Auszucken, Ausrasten. Der Vorfall auf der Praterstraße hat nichts mit dem Stück an sich zu tun, und er hat es doch. Geht es doch darum, Radikalisierung zu verstehen, ihr mehr noch mit Verständnis zu begegnen. Gleichwohl scheitere ich, scheitere bereits am Titel: Die Definition von „Dschihad“ und „Dschihadismus“ wirft Fragen auf: Ist damit gewalttätiger islamistischer Terror gemeint, wird hier Dschihad als „Heiliger Krieg“ verstanden oder als Anstrengungen der Gläubigen des Islam, „Gottes Wohlgefallen“ zu erlangen? Geht es um einen Fundamentalismus oder um Sinnsuche? Ist beides (hier) miteinander verknüpft? Oder ist der Lebenskampf an sich angesprochen, der allerorts zunehmend radikaler geführt wird?

„Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten / Zucken“, Theater Nestroyhof / Hamakom, Foto: Marcel Köhler

Auf der Suche nach Antwort liegt vielleicht der erste Irrtum in der Eindeutigkeit, in der Sehnsucht danach. Worum handelt es sich? Drei Erzählstränge werden parallel geführt: Eine Fünfzehnjährige (Johanna Wolff) wird von einem Unbekannten in einem WhatsApp-Chat dazu aufgefordert, ihre Gefühle nicht in Emoticons, sondern in Worten auszudrücken. Seine Entschiedenheit gibt ihr Halt, sie lässt sich immer weiter auf ihn ein und greift schließlich, ihm zu gefallen, zum Messer. Ein sichtlich instabiler junger Mann (Robert Huschenbett) – teilweise tanzpuppenartig inszeniert –, der „eigentlich“ ein durchdesigntes Leben mit schöner Frau, großer Wohnung, tollem Job und einem (etwas überstrapazierten) „Mid Century Modern Jacques Charpentier Real Leather Lounge Sofa“ hat, „zuckt“ plötzlich aus. Dann ist da noch Olek (Bastian Parpan), Sohn einer Ukrainerin und eines Russen, der zwischen den Fronten seiner Eltern aufgerieben wird, erste homoerotische Erfahrungen mit seinem türkischen Freund Rüzgar macht, schließlich die Flucht in den Donezk ergreift, um für die russische Sache zu kämpfen – und vor seinen eigenen Gefühlen zu fliehen. Verbindet diese drei Geschichten der Dschihadismus?

Manches in dem Stück erinnert an den mehrfach ausgezeichneten Film „Der Himmel wird warten“ von Marie-Castille Mention-Schaar, der geheime Chat und das plötzliche Schweigen des angebeteten Gotteskriegers, körperliche Ablehnung der Mutter als Ekel, Identitäts- und Generationskonflikte, die in Aussicht gestellte Freiheit durch den Kampf. Allerdings berührt der Film eine Wahrheit, an der das Stück vorbeigeht. „Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten“ wirkt wie eine Collage bloßer Versatzstücke, die einen Raum erschließen sollen, der bis zum Schluss kopflastig bleibt, wenig körperlich verhandelt. Die Perspektiven sind zu vorhersehbar, die Figuren zu eindeutig gezeichnet, der Fokus zu fixiert. Dass Unsicherheiten zunehmen, täglich Ängste geschürt werden, Geborgenheit und Zugehörigkeit fehlen, die Gesellschaft brüchig wird, das alles wusste (oder ahnte) man bereits vorher. Auch hätte ich mir zumindest eine starke weibliche Position gewünscht, gerade von einer Autorin. Was besagt die erzählerische Dreieinigkeit? Und warum braucht es dafür acht Schritte?

Die Inszenierung von Jana Vetten bleibt funktional in Abstraktionen hängen; wenngleich die Schauspieler in wechselnden Rollen präzise und konzentriert ausführen, was ihnen abverlangt wird, überwiegt das Puppenhafte. Die Bühne wirkt kühl, reduziert, fächerhaft sind schwarze und weiße Dreieckstücher aufgespannt, eine Box in der Mitte, ein Overheadprojektor zum Zeigen der SMS-Nachrichten. Der Soundtrack von Pilipp Pettauer bringt zusätzliche (Spannungs-)Effekte, mehr aber auch nicht.

Eine gerechtere Gesellschaft ist in jeder Hinsicht wünschenswert, doch sollte die „kleinste Zelle der Utopie“ nicht reiner Guckkasten bleiben.

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erstellt am 16.3.2018

„Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten / Zucken“, Theater Nestroyhof / Hamakom, Foto: Marcel Köhler

Theater

Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten / Zucken

von Sasha Marianna Salzmann

Regie Jana Vetten
Ausstattung Julian Vogel
Musik Philipp Pettauer
Dramaturgie Patrick Rothkegel

Mit Robert Huschenbett, Ingrid Lang, Bastian Parpan und Johanna Wolff

Theater Nestroyhof / Hamakom, Wien