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45 Aufsätze umfasst ein neues, englischsprachiges Handbuch über Sprache und Politik. Herausgeber sind die österreichische Linguistin Ruth Wodak und der um eine Generation jüngere Wissenschaftler Bernhard Forchtner. Die Fragestellung und der Fokus einiger Beiträge sind für den deutschsprachigen Raum von besonderem Belang, findet Thomas Rothschild.

Buch

Nachhilfe aus Großbritannien

Ruth Wodak (Screenshot)
Ruth Wodak

Mehr als 700 großformatige, dicht bedruckte Seiten umfasst ein Handbuch über Sprache und Politik, erschienen im renommierten Londoner Routledge Verlag mit Sitz in New York. Herausgeber aber sind nicht Briten, sondern die in London geborene Österreicherin Ruth Wodak, die nach einer Karriere an der Universität Wien eine Professur an der Universität Lancaster angenommen hat, und der um eine Generation jüngere Bernhard Forchtner, der von der Berliner Humboldt-Universität zur Universität von Leicester gewechselt und schon zuvor mit Ruth Wodak zusammengearbeitet hat. Die Fragestellung und der Fokus einiger Beiträge sind für den deutschsprachigen Raum von besonderem Belang und haben angesichts der Wahlerfolge von AfD, FPÖ und SVP an Brisanz gewonnen.

Die 45 Aufsätze des Handbuchs beschäftigen sich mit Autoren der Vergangenheit und der Gegenwart wie Marx, Gramsci, Althusser, Habermas, Foucault, Lacan, Laclau und Mouffe und Bourdieu, mit solchen Themen wie Kosellecks „Begriffsgeschichte“, der Lasswellschen Inhaltsanalyse („Wer sagt was zu wem über welchen Kanal mit welchem Effekt?“), der Verknüpfung von Kognitiver Linguistik und Kritischer Diskursanalyse, der Konversationsanalyse und dem Studium von Sprache und Politik, der Ethnographie politischer Institutionen, wie Parlamentsdebatten, Pressekonferenzen, der Semiotik politischen Gedenkens, wie Genres der politischen Kommunikation im (interaktiven) Internet, wie Sprache und Globalisierung, wie Rasse, Rassismus und Diskurs. Wie so oft in Sammelbänden dieser Art, scheinen sich auch hier einzelne Themen eher dem Autoren-Netzwerk als einer systematischen Konzeption zu verdanken, so etwa „Die Sprache von Parteiprogrammen und Plakaten: das Beispiel der Kampagne für die Parlamentswahl 2014 in der Ukraine“. Zwei „Anwendungen und Fälle“ beziehen sich, etwas willkürlich, auf Zwangsräumungen in Spanien und auf Nazi-Deutschland (als einzigem Exempel für Sprache in totalitären Regimen).

Politisch motiviert

Ein großer Teil der Aufsätze operiert mit Einzelbeispielen, die den allgemeinen Thesen und den Methoden Anschaulichkeit verleihen. Gelegentlich präzisieren die Verfahren auch nur, was einen der „common sense“ und die alltägliche Erfahrung ahnen ließ. Es liegt auf der Hand, dass bei einem Thema wie Sprache und Politik das Erkenntnisinteresse – deutlicher als etwa bei „Sprache und Humor“ oder „Sprache und Dialog“, denen Routledge ebenfalls Handbücher gewidmet hat – häufig politisch motiviert ist. Die Position der Wissenschaftlerin oder des Wissenschaftlers fließt mehr oder weniger deklariert in die Untersuchungen ein.

Hätten die Herausgeber auch nicht-wissenschaftliche Literatur zu Rate gezogen, wären sie und die von ihnen eingeladenen Autoren nicht nur en passant bei George Orwell und Karl Kraus, sondern zum Beispiel bei Carl Sternheim, bei George Bernard Shaw, bei Elias Canetti oder bei Václav Havel fündig geworden. Deren Absenz fällt umso mehr auf, als es einen eigenen Artikel über die Musik von Nationalhymnen als Ideologie gibt, der den Begriff der Sprache im Kontext des Handbuchs einigermaßen strapaziert. Musik und Politik ist ja ein Thema für sich, und es existiert dazu auch üppige Literatur. Überhaupt irritiert, dass der Begriff „Sprache“ teils in seiner engeren Bedeutung („natürliche Sprache“), teils im breiteren Verständnis („Zeichensystem“) benutzt wird. Der Aufsatz der beiden Herausgeber über „Die Fiktionalisierung von Politik“ hat, wie auch einige andere „Anwendungen und Fälle“ zu „Sprache, Politik und zeitgenössischen sozio-kulturellen Veränderungen“ eigentlich nur am Rande mit Sprache zu tun. Zu den untersuchten Fernsehserien wie „The West Wing“ und „Borgen“ ist in den vergangenen Jahren im Kontext der Medienwissenschaft schon jede Menge geschrieben worden. Zum Thema „Sprache und Politik“ gehört freilich auch, dass die Verfehlungen von Kevin Spacey die Öffentlichkeit (und die Filmindustrie) mehr zu interessieren scheinen als die Politik-Konzeption von „House of Cards“. Aber das konnten die Autoren nicht wissen, als sie ihren Aufsatz schrieben. Zumindest missverständlich ist die Behauptung, „The West Wing“ müsse vor dem Hintergrund der enormen Ablehnung und Kritik der Bush-Regierung nach 9/11 interpretiert werden. Die Ausstrahlung der Serie hatte zwei Jahre vor dem Amtsantritt von George W. Bush und vor 9/11 begonnen, ihre Konzeption stand fest, als Bill Clinton noch Präsident war. Wenn überhaupt, ließe sich die zitierte Aussage auf „House of Cards“ münzen – gäbe es nicht die gleichnamige britische Serie von 1990 (!) und das Buch von Michael Dobbs, die als Vorbild gedient haben.

Gut gemeint

Schier gar nichts mit Sprache zu tun hat der Beitrag des omnipräsenten österreichischen Politologen Anton Pelinka über “Identitätspolitik, Populismus und die extreme Rechte“. So sympathisch das Engagement der Herausgeberin Ruth Wodak gegen rechtsradikale Entwicklungen in ihrer Heimat ist – hier scheint sie die Stringenz eines Handbuchs der für diese Heimat so typischen Freunderlwirtschaft geopfert zu haben, die die Linken mit den Rechten verbindet. Angesichts dieses Aufsatzes könnte man auf die Idee kommen, dass die Ambiguität des Handbuch-Titels beabsichtigt ist. Es ginge dann in den einzelnen Beiträgen nicht um die Wechselbeziehung von Sprache und Politik, sondern entweder um Sprache oder um Politik. So betrachtet nähert sich, was als Handbuch daherkommt, dem Sammelband oder der Anthologie.

Aus dem Rahmen fällt der Beitrag über Karikaturen und Comics insofern, als er, im Gegensatz zu den eher systematischen Ausführungen, einen historischen Überblick liefert. Dass Noam Chomsky im Register nicht vorkommt, dürfte hingegen einer theoretischen Abneigung der Herausgeber entspringen: Zu Sprache und Politik hat er, wenngleich auf einer anderen Basis als die im Handbuch bevorzugten Linguisten, durchaus einiges zu sagen. Das gilt umso mehr, als die Herausgeber in ihrer Einleitung versichern, dass ihr Politikverständnis weder auf die Sphäre von Regierung und Politik, Wahlen und so weiter, noch auf eine spezifische theoretische Tradition beschränkt sei. „Politik als solche wird hier umfassend betrachtet als allgegenwärtig, als mit der Ordnung sozialer Beziehungen im öffentlichen und privaten Leben zusammenhängend.“ Übrigens: auch Stalin wird nicht erwähnt. Gerade weil ihre akademische Abwegigkeit die Auswirkungen nicht verhindern konnte, wären seine Briefe zur Sprachwissenschaft von 1950 (ob er sie selbst geschrieben hat, ist nicht gesichert), und sei es aus wissenschaftsgeschichtlichen Gründen, im Zusammenhang von Sprache und Politik einen Aufsatz wert.

Überraschen mag das Fehlen eines Beitrags über gendergerechte Sprache. Vielleicht wollten sich die Herausgeber nicht vorwerfen lassen, dass sie, einem Trend folgend, jenen Aspekt von Sprache und Politik abhaken, der zurzeit am häufigsten – und oft mit geringen linguistischen Kenntnissen, eher emotional als fundiert, eher wie ein Glaubensbekenntnis als mit schlüssigen Begründungen – in der breiten Öffentlichkeit angesprochen wird.

Eine Bemerkung zum Schluss: Es ist zwar nicht ungewöhnlich, aber doch einigermaßen komisch, mit welchem Eifer einige Autoren ihre eigenen Schriften im Literaturverzeichnis aufzählen und wie ungeniert sie sich selbst zitieren. Nun mag sich das zum Teil dem Charakter eines Handbuchs schulden, eher aber entspricht es einer Mischung aus Selbstüberschätzung und karrierefördernder Strategie. Aus „publish or perish“ wird „quote or perish“. Wie wäre es mit einem Handbuch oder wenigstens einem Aufsatz über Sprache und Politik des Wissenschaftsbetriebs?

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erstellt am 14.3.2018

The Routledge Handbook of Language and Politics
Edited by Ruth Wodak and Bernhard Forchtner
Hardcover, 716 Seiten, 38 s/w Abb.
ISBN: 9781138779167
Routledge, London and New York 2018

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