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Das Jahr 2011 markiert in Syrien nicht nur den Beginn des zunächst friedlichen Aufstands gegen das Regime des Diktators Baschar al-Assad. Auch das literarische Schaffen nahm in dieser Zeit einen enormen Aufschwung. Die meisten Schriftsteller leben allerdings heute im Exil – viele von ihnen in Deutschland. Larissa Bender gewährt Einblicke in die Szene syrischer Diasporakünstler.

Syrische Literatur in der Diaspora

Schreiben in Freiheit

„Syrische Kulturszene befindet sich inzwischen im Ausland“ titelte im November 2016 die Wiener Zeitung in ihrer Online-Ausgabe. Und weiter hieß es: „Berlin wird zum Zentrum der syrischen Kulturdiaspora.“ Tatsächlich vergeht kaum eine Woche, in der in der Hauptstadt nicht ein kulturelles Event mit syrischen Akteuren stattfindet.

Galerien und alternative Ausstellungsräume zeigen Gemälde und Fotografien syrischer KünstlerInnen, auf Theaterbühnen werden syrische Stücke gespielt, syrischer moderner Tanz wird präsentiert, syrische Spielfilme, Kurzfilme, Dokumentar- und experimentelle Filme sind zu sehen, und vor allem gibt es zahlreiche Lesungen. Dabei ist Berlin zwar das Zentrum dieser künstlerischen Aktivitäten; doch stellen sich fast überall in Deutschland syrische Künstler einem deutschen Publikum vor.

Man könnte meinen, die syrische Diaspora bestehe nahezu ausschließlich aus KünstlerInnen. Auch wenn dieser Eindruck angesichts der hohen Zahl syrischer Geflüchteter natürlich nicht der Wirklichkeit entspricht, ist die Wucht, mit der syrische KünstlerInnen die deutsche Kulturszene aufmischen, doch außergewöhnlich.

Im Jahr 2011 begann die syrische Revolution, die durch die gewaltsame Reaktion des syrischen Regimes und die Einmischung ausländischer Mächte in einen grausamen Krieg umschlug; Hunderttausende Menschen wurden getötet, verletzt, verhaftet, gefoltert, Millionen zu Flüchtlingen. Insbesondere zivilgesellschaftliche AktivistInnen mussten sich vor der Verfolgung durch das Regime und durch islamistische Gruppierungen ins Ausland retten. Viele von ihnen waren angesichts der unfassbaren Grausamkeit, mit der der Aufstand für Freiheit und Demokratie niedergeschlagen wurde, und wegen der Behinderung der internationalen Berichterstattung selbst zu Dokumentaristen und Bürgerjournalisten geworden.

Vielleicht waren diese Ausgangssituation und die Verzweiflung über die Untätigkeit der Weltgemeinschaft einer der Gründe dafür, dass sich viele junge SyrerInnen dem Schreiben zuwandten. Für diejenigen, die nach Deutschland kamen, spielt aber sicher auch das Gefühl von Freiheit eine Rolle, die sie hier zum ersten Mal erlebten. Die meisten von ihnen kannten nichts als ein Leben in der Diktatur. Nun schreiben sie journalistische und literarische Texte, Prosa und Lyrik, verfassen Theaterstücke, publizieren auf neu gegründeten Webseiten, auf Blogs und in Onlinezeitschriften und schreiben auf Facebook.

Reiches literarisches Erbe

Dabei können die syrischen Literaten zwar nicht auf ein sehr langes, aber angesichts von über fünfzig Jahren Diktatur doch erstaunlich reiches Erbe literarischen Schaffens zurückblicken. Der erste syrische Roman im modernen Sinne – Naham (Gier) von Schakib al-Dschabiri – erschien zwar erst 1937. Doch die Poesie, die eigentliche und ureigene arabische Literaturgattung, hat eine jahrhundertealte Tradition, genauso wie das vor allem in Damaskus bekannte Phänomen des Hakawatis, des Geschichtenerzählers.

Mehr als siebenhundert Romane seien laut dem syrischen Journalisten Riad Muassass seit 1937 in Syrien erschienen, und er benennt seitdem drei Phasen der Romanproduktion: die Zeit seit dem französischen Mandat bis zur Machtübernahme durch Hafez al-Assad 1970, die Zeit der Assad-Herrschaft (Vater und Sohn) und die Zeit nach Beginn der Revolution von 2011, in der ein enormer Anstieg des literarischen Schaffens zu verzeichnen sei.

Allein für das Jahr 2014 beispielsweise zählt der syrische Literaturkritiker Nabil Sulaiman achtzehn Romane syrischer AutorInnen, davon allein sechs Debüts. Bis auf zwei setzten sich alle mit den Ereignissen in Syrien seit 2011, dem Beginn der Aufstände und dem Abrutschen des Landes in einen national und international geführten Krieg auseinander.

Dieses literarische Schaffen findet in Deutschland seinen umfassendsten Ausdruck. Der Grund ist dabei nicht nur mit der großen Anzahl der nach Deutschland geflüchteten Menschen zu erklären, sondern auch mit der enormen Aufnahmebereitschaft und Offenheit von Teilen der deutschen Gesellschaft, einschließlich der Kunst- und Medienlandschaft.

Zahlreiche Zeitungen ermöglichten es syrischen JournalistInnen, trotz erst rudimentärer Deutschkenntnisse, Praktika zu absolvieren, woraus mitunter langfristige Kooperationen entstanden; Theater boten syrischen Dramatikern und Regisseuren die Möglichkeit, bei und mit ihnen zu arbeiten; auch die Rundfunkanstalten nahmen PraktikantInnen und VolontärInnen auf. Es entstanden mehrsprachige Angebote für Geflüchtete, die auch den Geflüchteten selbst Arbeitsmöglichkeiten boten, wie WDRforyou, News for Refugees des SWR, der Podcast Syrmania – Das Leben der Syrer in Deutschland von Deutschlandfunk Kultur. Der Geldtransfer-Dienstleister MoneyGram rief die arabischsprachige Zeitung Abwab ins Leben, und in Berlin gründete die Evangelische Journalistenschule eine Nachrichtenplattform von und für Geflüchtete namens Amal, Berlin!.

Dazu kommen etliche kleinere Projekte, die stärker lokal ausgerichtet sind, wie die deutsch-arabischen Zeitungen Aljasmin in Mönchengladbach oder Münster aus der gleichnamigen Stadt. Alle wollten den Geflüchteten mit Informationen in ihrer Muttersprache das Ankommen erleichtern und ihnen gleichzeitig Möglichkeiten bieten, aus ihrer eigenen Perspektive zu erzählen, anfangs vor allem über ihre Flucht, dann über das Leben in Deutschland.

Texte in Anthologien und Zeitschriften

Etwas schwerer hatten es die vielen LiteratInnen, Prosaschriftsteller wie Lyriker, die viel stärker als die Verfasser journalistischer Texte auf professionelle Literaturübersetzer und Buch- und Zeitschriftenverlage angewiesen sind. Nicht wenige kamen über ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung nach Deutschland. Die ersten ihrer Texte erschienen zunächst in Anthologien und Zeitschriften, wie etwa Innenansichten aus Syrien (edition faust, 2014), Weg sein – hier sein (Secession Verlag 2016) und der Anthologie des Pen-Zentrum Deutschland Zuflucht in Deutschland – Texte verfolgter Autoren (S. Fischer Verlag 2017). Zuletzt brachte im Oktober 2017 das Frauenkulturbüro NRW die Anthologie Mit anderen Worten heraus, die Texte exilierter Autorinnen aus dem arabischen Sprachraum enthält.

Aber auch Literaturzeitschriften wie Lichtungen, manuskripte, die horen und andere öffneten sich den vielen zugezogenen SchrifstellerInnen und druckten deren Texte und Gedichte. Und mit A Syrious Look hat sogar eine erste Zeitschrift nur über syrische Kunst in Deutschland das Licht der Welt erblickt – wenn auch bisher auf Englisch.

Weitere Unterstützung ihres literarischen Schaffens fanden syrische Autorinnen und Autoren durch das Projekt „Weiter Schreiben.Jetzt“, ein literarisches Portal für AutorInnen aus Krisengebieten. Hier werden ihre literarischen Texte nicht nur auf Arabisch und Deutsch veröffentlicht, sondern es werden auch Tandems zwischen deutschen und zugewanderten SchriftstellerInnen vermittelt.

Ziel dieser Partnerschaften ist es, die neu in Deutschland lebenden Kolleginnen und Kollegen mit dem deutschen Literaturbetrieb vertraut zu machen und einen rascheren Zugang zum deutschen Publikum zu ermöglichen. Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgte das Künstlerhaus Edenkoben, bei dessen Projekt Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter dieses Jahr syrische LyrikerInnen zu Gast waren.

Bei den Buchverlagen, mit ihren weitaus längeren Vorlaufzeiten, ergab sich in den ersten Jahren des sogenannten Arabischen Frühling ein eher gegenteiliges Bild. Auch wenn Nagel & Kimche bereits 2012 auf die Entwicklung in Syrien reagierte und zwei Bücher der syrischen Autorin Samar Yazbek über die Lage im Land herausgab, die zwischen Prosa und Dokumentation changieren, war in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Zurückhaltung gegenüber arabischer Literatur zu verzeichnen.

Die Verlage mochten wohl auf den ultimativen Revolutionsroman gewartet haben, der – ihrer Meinung nach – nicht kam, und so erschienen ungewöhnlich wenige arabische Romane oder Lyrikbände auf Deutsch. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet, sodass im nächsten Jahr gleich mehrere aus dem Arabischen übersetzte Bücher, auch von syrischen AutorInnen, auf den Markt kommen werden.

Schreiben auch als Therapie

Thematisch fallen bei den aus Syrien stammenden AutorInnen häufig Ähnlichkeiten ins Auge. Auch wenn nicht alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Literatur gerne als eine Art der Verarbeitung von Erlebtem, vielleicht sogar als Therapie, kategorisiert sehen, könnte diese Bezeichnung für viele syrische SchriftstellerInnen durchaus zutreffen.

In ihren Texten und Gedichten beschwören sie die Anfänge des syrischen Aufstands gegen das Regime herauf, die Zeit der friedlichen Demonstrationen und der Hoffnung auf einen demokratischen Wandel. Aber sie berichten auch von schrecklichen Kriegserlebnissen, von ihrer beschwerlichen und lebensgefährlichen Flucht nach Deutschland, vom Ankommen in einem unbekannten Land, dessen Sprache sie nicht sprechen. Sie behandeln Fragen der Integration und der Aufnahmegesellschaft und beginnen allmählich, auch die Zukunft in den Blick zu nehmen. Aber immer wieder ist da der schmerzliche Verlust der Heimat, verblassende Kindheitserinnerungen, brennende Sehnsucht und eine abgrundtiefe Trauer.

Formal wie inhaltlich ist diese neue, in Deutschland entstehende Literatur weitaus mutiger und experimenteller als früher. Wie viele der syrischen SchriftstellerInnen sich auf längere Sicht im deutschen Literaturbetrieb werden behaupten können, ist derzeit vollkommen offen. Eine syrische Literatur der Diaspora beginnt sich aber schon jetzt in Umrissen abzuzeichnen.

Zuerst erschienen in der Zeitschrift Südlink 182.

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erstellt am 14.3.2018

Larissa Bender, Foto: Thekla Ehling
Larissa Bender, Übersetzerin aus dem Arabischen, Arabischdozentin und Journalistin, Foto: Thekla Ehling
Buch zum Thema:

Larissa Bender (Hg.)
Innenansichten aus Syrien
Ein Reader mit Texten, Fotografien und Bildern
Broschur, 296 Seiten. Mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-9815893-7-5
Edition Faust, Frankfurt am Main 2014

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