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Am 15. März 2018 wird in Leipzig der Alfred-Kerr-Preis an Michael Braun vergeben. Das Fachmagazin Börsenblatt ehrt damit den Heidelberger Rezensenten für seinen jahrzehntelangen Einsatz für die Gegenwartslyrik. Bernd Leukert hat aus diesem Anlass mit Michael Braun ein Gespräch geführt, das schnell ins Grundsätzliche geriet.

Gespräch mit Michael Braun

Wunderbarer Eigensinn

Bernd Leukert: Wird der Alfred-Kerr-Preis etwas verändern in Ihrem Leben?

Michael Braun: Ja. Circa sechs Wochen lang ist eine Veränderung spürbar. Man gerät in eine kurze Euphorie, verspürt Levitation, freut sich über unerwartet viele Glückwünsche und Anerkennungen, die da hereinregnen – ja, für was eigentlich? Für 35 Jahre literaturkritisches Produzieren werde ich plötzlich mit diesem schönen Preis ausgezeichnet, mit dem ich wirklich nicht mehr gerechnet habe. Und natürlich weiß jeder, der lange auf dem Literaturmarkt tätig ist: Die Anerkennung, die Aufmerksamkeit sind nicht von langer Dauer. Aber diese wenigen Wochen kann man durchaus genießen. Und ich bin dankbar. Dieser Alfred-Kerr-Preis hat das schöne Merkmal, dass man, wenn man als freier Literaturkritiker tätig ist, wenig mehr erreichen kann. Ich kenne viele Kollegen, die den Kerr-Preis auch schon längst verdient hätten, Paul Jandl etwa oder Roman Bucheli. Man hat mich ja ausgezeichnet für mein Engagement auf dem Terrain der Lyrikkritik und für die Entdeckung neuer lyrischer Begabungen und Talente. Lyrikkritiker(innen) sind rar. Immerhin wurde bereits 2010 mit Dorothea von Törne eine Lyrikkritikerin ausgezeichnet.

Ich habe Sie immer wieder betonen hören, dass Sie eigentlich nicht wissen, was ein Gedicht ist.

Ja, da gibt es dieses schöne Bonmot des noch etwas älteren Kollegen Harald Hartung, der feststellte nach fünfzig Jahren Beobachtung an Gedichten: Ich weiß immer weniger, was ein Gedicht ist. Das ist wunderbar, weil dabei impliziert ist: Er weiß es deshalb immer weniger, weil jeden Tag ein neues Gedicht erscheint, das alle bisherigen Poetologien zu widerlegen trachtet und alle bisherigen Gesetzlichkeiten mit seiner Gedichtkonstellation zu widerlegen trachtet und erfolgreich aus den Angeln hebt – wenn es gut ist.

Hatten Sie denn von Anfang an diese Vorstellung?

Nein, als junger Mensch schiebt man einen Fundus an vermeintlich unhintergehbaren Kategorien hin und her. Bequem war etwa folgende Dichotomie: Da gibt es den Traditionalismus, der mir sagt, ich müsste ein bestimmtes Regelwerk befolgen: die klassische Volksliedstrophe , das Sonett, den Sonettenkranz oder den Kreuzreim in Heinrich Heinescher Manier. Dazu das Gegenstück: Der Modernist, der all das vorsätzlich zertrümmert und eine Art offener Poetik anstrebt. Und diesem Modernismusprogramm zu folgen, dachte ich als junger Mensch, ist Pflicht: „Il faut être absolument moderne.“ Dass das Alte abgeräumt wird, ist Pflicht der Jungen. Aber es gibt auch Leute wie der unter Kollegen nicht durchweg hoch geschätzte Jan Wagner, der ja beides machen will: Fortschritt und Rückgriff zugleich. Er sagt: Fortschritt ist das, was man aus dem Rückgriff macht. Man kann natürlich dekretieren: Ohne radikale Sprachreflexion gibt es keine relevante Poesie, die ganzen Traditionskünstler interessieren mich nicht. Aber wenn man wie ich einige Anthologien herausgegeben hat, wenn man also Bestandsaufnahmen macht, neigt man zum Pluralismus. Man erkennt: Die Doktrinen, die Dogmen lösen sich sehr schnell auf, wenn man genauer hinschaut. „Ich will, dass alles, was gesagt wird, immer wieder ins Wackeln gerät, immer wieder neu.“ Wenn Paul Wühr das sagt, dann will er natürlich auch, dass die Gesetzlichkeiten und Bekenntnisse der Experimentellen ins Wackeln geraten. Immer wieder neu.

Nämlich, sobald sie entsteht, diese Regelhaftigkeit. Dann kennen Sie sicher auch Hans-Jost Frey mit den „Vier Veränderungen über Rhythmus“, wo er versucht, nochmal die Frage zu stellen: Was ist ein Gedicht? Wie funktioniert das? Und was ist kein Gedicht? Was muss alles aufgegeben werden, damit es kein Gedicht mehr ist?

Von Hans-Jost Frey kenne ich nur das Frühwerk „Verszerfall“ von 1980, eine Kritik des freien Verses“, die dann später auch, glaube ich in „Vier Veränderungen über Rhythmus“ aufgenommen wurde. Diese Art feinsinniger Vers- und Gedichtexegese gibt es nur noch selten. Einer seiner Schüler, Urs Engeler, ist selbst auch Verleger, er hat auch Werke von Hans-Jost Frey publiziert. Als ich 1981 an meiner Magisterarbeit schrieb, habe ich von Hans-Jost Freys Thesen in „Verszerfall“ einiges lernen können. Ich kann nur sagen: Glücklich ist der, der glaubt, tatsächlich verlässliche Kriterien zu finden, jenseits dessen, dass die Zeilen von links nach rechts laufen und meist nicht bis an den Rand reichen. Das sind quantitative Kriterien. Wenn man nun die Gedichte der allerjüngsten Dichtergeneration anschaut, begegnet man allerdings häufig dem Blocksatz als Versstruktur. Also wird auch hier ein Element der Lyrik aus den Angeln gehoben: Die Versordnung wird vorsätzlich nicht mehr beachtet, es wird einfach Blocksatz produziert.

Ein formales Korsett, um darin alles frei laufen zu lassen.

Erinnern wir uns an die Favorisierung der Alltagssprache als Stilfundament in Gedichten. In den 1970er Jahren war ja das primäre Dogma der sogenannten neuen Subjektivität: Keine formale Verkrampfung, sondern es geht um die Unmittelbarkeit der gesprochenen Sprache, – wie das Jürgen Theobaldy zum Beispiel gefordert hat. Wenn das erst einmal als Kriterium für eine Gruppe von Dichtern Programm geworden ist, dann ist es natürlich schwer, überhaupt noch Abgrenzungslinien zur Prosa zu finden. Ich würde für mich sagen: Es muss eine Störung der geläufigen Sprachstrukturen erfolgen, wir müssen beim Sprechen und Schreiben die Vertrautheit verlieren – auch in unserem Verstehen -, wir müssen ausgehebelt werden beim Lesen solcher Verse, sonst kann kein gutes Gedicht entstehen. Ein Satz von Paul Valéry hat mir immer sehr eingeleuchtet: „Jede Sicht der Dinge, die nicht befremdet, ist falsch. Wird etwas Wirkliches vertraut, kann es nur an Wirklichkeit verlieren.“ Der sehr kluge Ulf Stolterfoht könnte sicher fünf bis sieben Sprachtheorien von Karl Bühler über Ferdinand de Saussure oder Wittgenstein referieren, die als Bewusstseinsvoraussetzung fungieren sollen in Gedichten. Aber wieso? Das ist doch genau so fragwürdig, wie das Postulat von Rolf Dieter Brinkmann, der 1968 gesagt hat: Man muss vergessen, dass es so etwas wie Kunst gibt! Und einfach anfangen. Dann machen wir das eben so.

Ohne Kunstanspruch ist das schwierig.

Man muss vergessen, dass es so etwas wie Kunst gibt und einfach anfangen: Das ist auch ein Befreiungsschlag gewesen. An den muss man sich immer erinnern, aber auch an Brecht: Solange Gedichte Mühe machen, verfallen sie nicht. Aber wenn sie keine Mühe machen, verfallen sie.

Auf der anderen Seite haben Sie in Ihrer langen beruflichen Praxis immer wieder mit Gedichten zu tun, mit denen Sie sich irgendwie befassen müssen. Sie müssen finden, was deren Eigengesetzlichkeit ist …

Genau. Es geht um die Eigengesetzlichkeit, um die immanente Kritik: Welche Regeln setzt dieser Text? Inwiefern kann ich diesen Regeln folgen, sie für plausibel halten oder eben nicht? Da muss ich natürlich Kriterien finden. Aber das kann natürlich in verschiedenen Text- und Lebenssituationen ganz unterschiedlich sein.

Wie sieht denn dann das Misslingen von Gedichten aus?

Die Frage ist gut. Ich glaube, mich stört es, wenn ich die alten schweren und überstrapazierten Basiswörter entdecke, die da im Gedicht vorbeidefilieren. Wenn da etwa steht: Hier die finstere Nacht, die Wolken liegen schwer, der Himmel verschließt sich, und die Einsamkeit kriecht in mir hoch. Das ist das Maximum an überstrapaziertem Vokabular. Das kann man heute im Datenbank-Zeitalter schnell nachprüfen, welche Vokabularien romantischer, klassischer, moderner Poesie besonders häufig benutzt werden. Die würde ich jetzt mal unter Verdacht stellen. Je mehr statistisch signifikante Häufigkeit von Nacht, Stein, Einsamkeit, Tag und Sonne und Licht und Dunkel auftaucht, desto verdächtiger ist der Text. Es sei denn, er ist durch Störfaktoren ent-regelt.

Ich nehme an, Sie haben selbst einmal Gedichte geschrieben oder schreiben immer noch.

Ich schreibe keine Gedichte mehr, seit 1981 nicht mehr. Und die wenigen, die ich geschrieben habe, konnten nicht weitergeführt werden, als ich erschrocken entdeckte, was die klugen Köpfe über gute Gedichte gesagt haben. Da musste ich das Schreiben meiner Gedichte wegen ihrer signifikanten Defizite sofort einstellen. Ich würde, wenn ich diese Gedichte heute noch einmal anschauen würde, sehr viele Gründe finden, um sie für sehr entbehrlich zu halten.

Um die sprachlichen Fallen zu kennen, in die der Gedichteschreiber laufen kann, um zu spüren, wenn man etwa den Text – auch ungewollt – überlädt, dazu gehört auch eigene Praxis.

Und die Überladung stellt sich sehr schnell ein. Auffällig ist schon, dass ich mit fortschreitendem Alter Autoren und Autorinnen schätze, die das allermeiste, was als poetisch gilt, in Frage gestellt oder entfernt haben aus den eigenen Texten. Vor allem Ilse Aichinger und ihren Mann, Günter Eich, halte ich heute für vorbildlich im Umgang mit poetischer Materie. Besonders Günter Eich, der ja alles auf den Prüfstand stellte und dann feststellte, die Gedichte müssen halt immer kürzer werden und immer mehr Schweigen in sich aufnehmen, weil das, was ausgesprochen wird, sofort wegen Ungültigkeit verfällt. Das betrifft vor allem zwei Bücher: „Zu den Akten“ und „Anlässe und Steingärten“ von 1964 und 1966 oder – kurz vor seinem Tod – „Nach Seumes Papieren“, diese drei Bände. Und bei Ilse Aichinger der Band „Schlechte Wörter“ von 1976, der ja so eine Hybridform zwischen Prosa und Lyrik darstellt. „Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr“, heißt es im Titeltext des Bandes, und später dann: „Deshalb bin ich auch zum Zweitbesseren übergegangen.“. Ein Text, der ein einziges Misstrauensvotum darstellt gegen die elegant dahinfließende Rede und gegen wohlschmeckende Sprachmaterialien. Aichinger und Eich haben sich konsequent jeder bräsigen Mitteilungsfreude verweigert und sind deswegen in eine gewisse Kryptik übergegangen, aus der man quasi auch schwer wieder herauskommt oder schwer weiterkommen kann: „17 Formeln“ heißt eines der späten Gedichte von Günter Eich. Da stehen nur noch einzelne enigmatische Wörter und kryptische Chiffrierungen da, wie „Fischbeinschwäche“ oder „Hortisilur“. So enden die „17 Formeln“. Das ist die Poesie, die ich heute bewundere. Dann noch zwei Tote, die mir gerade einfallen: Thomas Kling, der für die jetzt auch nicht mehr junge, sondern die mittlere Generation vorbildlich in der Aufsprengung der alten Sprachordnung gewirkt hat, und der noch ältere Nicolas Born. Neulich fragte mich jemand: Wann erschien denn dein erster Artikel? – Und ich glaube, es war Februar 1980 in der taz. Bezeichnenderweise ein Statement zur Lyrik. Da bediente ich mich eines Zitats von Nicolas Born, das so gut ist, dass ich mich auch heute wieder darauf berufen kann. Aus dem Band „Wo mir der Kopf steht“ von 1970, wo er sinngemäß sagt: Warum schreibt einer, der Gedichte schreibt, Gedichte? Weil die Gesellschaft seine Gedichte nicht braucht? Ein überzeugendes Argument dafür, dass er schreibt, hat er nicht. Aber ein überzeugendes Argument dafür, dass er lebt, hat er auch nicht. – Und das hat mich schon damals sehr berührt, weil er beides im Grunde gleichsetzt: Existenz und Schreiben. Es geht ja darum, dass die Frage nach den letzten Dingen – also warum wir eigentlich leben und sterben müssen, leben dürfen und sterben dürfen, – vor allem in Gedichten aufbewahrt wird, in konzentrierter Form. Während es sich der Romancier leichter machen kann, mit viel Luft und langem Atem und auch viel mehr Nachlässigkeit irgendwelche Geschichten zu erzählen, was sich ein Poet gar nicht gestatten würde, weil er Geschichten gar nicht braucht.

Die letzten Dinge sind das eine, der Traum ist das andere. Das scheint eine Hauptquelle der Poesie bis heute zu sein.

Der Traum hat den Vorzug, nicht kontrollierbar zu sein. Und vielleicht ist die Traumsprache auch in der Poesie am besten aufgehoben, weil die Poesie sich auch nicht an Ordnungen und Kontrollschranken hält. Schon der Surrealismus hat den Traum als Elementarkategorie begriffen. Aber im Grunde entstand das ja schon in der Romantik, das haben sie bei Novalis abgeschrieben und es etwas zugespitzt. Das finden wir in der Prosa auch nicht so häufig wie in der Poesie.

Wer sind denn heute die wichtigen lebenden, auch jüngeren Lyriker und Lyrikerinnen?

Bei den lebenden Autorinnen und Autoren schätze ich einige vor allem wegen ihrer essayistischen und ästhetischen Intelligenz, z.B. Uljana Wolf: Ich kenne wenige Autoren mit einer solchen großartigen Entdeckungslust auch für sehr abseitige, an der Grenze von Poesie und Übersetzung liegenden Stoffe, und wenige, die so feinsinnig über Poesie und Übersetzung schreiben können, wie eben Uljana Wolf. Ulf Stolterfoht schätze ich nicht nur als Sprachtheoretiker, sondern auch für seine hochkomischen, aus Fachsprachen destillierten Gedichte. Ich schätze diese Gedichte sehr, die mir viel über das Funktionieren von Sprachmaterie erzählen.

In meiner Reihe „Der gelbe Akrobat“, die ich seit 1991 zusammen mit dem Dichter Michael Buselmeier gestalte, habe ich bzw. haben wir bald 200 Kommentare zu 200 Autoren zusammengestellt. Ein Lieblingsautor von mir ist auch Marcel Beyer, dessen ganz verblüffende Begabung auf mindestens zwei Gattungen verteilt ist, vielleicht sogar auf vier: auf Lyrik, Roman und Essay, vielleicht auch auf das Mixen und Scratchen von popkultureller Musik. Bei ihm gefällt mir, dass sich Geschichtssinn mit Sprachsensibilität verbindet. Dieses hoch entwickelte Geschichtsbewusstsein, diese genaue historische Reflexion findet man selten in der Poesie.

Auch einige Altmeister schätze ich sehr. Zum Beispiel Christoph Meckel. Das ist ein Autor, der hat schon geschrieben, da war ich noch gar nicht auf der Welt. Und das will schon was heißen, wenn man gerade die 60 erreicht hat. In wunderbarem Eigensinn vertraut Meckel auf die Potenzen der Sprachmagie. Hier verkörpert jemand sechzig Jahre Literaturgeschichte. Das kann man natürlich auch von Hans Magnus Enzensberger behaupten, nur ist der, sagen wir, ein bißchen selbstzufriedener. Aber trotzdem schätze ich ihn für seine poetische Leichtigkeit, die viele nicht haben.

Von der mittleren Generation ist natürlich Marion Poschmann zu nennen, die etwas getan hat, was sehr, sehr schwierig ist, nämlich das Naturgedicht auf neue Fundamente zu stellen, mit naturwissenschaftlicher Nüchternheit und gleichzeitig evokativer Kraft. Meine These ist, dass Marion Poschmann das Naturgedicht neu erfunden hat.

Es gibt noch viele andere, die ich aus verschiedenen Gründen in verschiedenen Situationen sehr gut finde. In letzter Zeit gefällt es mir auch, wenn Dichter, die einmal bekannt waren oder ein bisschen Aufmerksamkeit genießen konnten, wie der kaum mehr präsente Dieter M. Gräf , jetzt mit neuen Gedichten daherkommen und in unabgegoltener Geschichte wühlen. Gräf will uns beispielsweise noch einmal die Geschichte von Andreas Baader erzählen. Da sagen viele: Das ist jetzt 40 Jahre her und alles schon abgepflückt – 900 000mal essayistisch und poetisch, literarisch kommuniziert. Aber er macht es trotzdem und will uns zeigen, wie ein fataler „Leader“ wie Baader in unsere Geschichte eingegriffen hat. Das hat mir einfach imponiert, dass er da, wo niemand mehr etwas von RAF-Problemen wissen will, trotzdem und gerade deshalb in Gedichten darüber schreibt. Das gefällt mir gut.

Darf ich zum Schluss zum Anfang zurückkommen? Ich stelle mir vor, wer anfängt, sich für Gedichte zu interessieren, hat nicht nur Freunde, sondern ist dem Spott ausgesetzt und muss sich eigensinnig behaupten.

Also, ich denke, das ist eine Passion, die schon früh sich entwickelt in Menschen, die eine Affinität dazu haben, die auch Kategorien wie Gebrauchswert, Nützlichkeit widerstehen und nicht nach Verwertbarkeit fragen. Wer Gedichte schreibt, der betreibt auch Selbsterkundung. Wenn man bedenkt, dass einer der bekanntesten Dichter, Gottfried Benn, sagt: „Gedicht ist die unbesoldete Arbeit des Geistes, einseitig, ergebnislos und ohne Partner.“ Dem ist man geneigt zuzustimmen. Andererseits: Das poetische Selbstgespräch vermag manchmal eben doch andere zu erreichen. Und ob das nun 17 oder 97 oder 1.354 sind, spielt keine Rolle. Also, 1.354, diese berühmte Enzensbergersche Konstante, ist ja noch zu optimistisch angelegt. Nicht 1.354 Menschen pro Population, ob in Island oder den USA, greifen zu Gedichtbänden, sondern nur 135,4 Lyrikleser! Also die Enzensbergersche Konstante müsste durch 10 geteilt werden. 135,4 Rezipienten pro Gedichtband ist die neue Konstante für öffentliche Aufmerksamkeit auf Gedichte.

Also, es hat bei Ihnen früh angefangen, entnehme ich dem.

Angefangen hat es ab 1976 mit einer quasiwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Gegenwartsgedicht. Das Gegenwartsgedicht meint in diesem Fall Gedichte von 1970 bis 1980. Die waren Gegenstand meiner Magisterarbeit, eine Dissertation habe ich sehr weitbogig, mit einer opulenten Einleitung begonnen, die Dissertation wurde aber nie abgeschlossen. Titel der Magisterarbeit war: „Die unartifizielle Formulierung im Gedicht“, nach einer Formulierung von Nicolas Born, „Studien zur Alltagslyrik“. Das war der Ausgangspunkt. Und da standen eben Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy, Wolf Wondratschek und Nicolas Born im Mittelpunkt; in vier großen Kapiteln wurde deren Werk versucht zu erkunden. Prägend für diese Darstellung einer poetischen Bewusstseinslandschaft wurde ein Essaybuch, das ich bis heute verehre, nämlich Michael Rutschkys „Erfahrungshunger“, ein „Essay über die siebziger Jahre“. Das ist das Material dieser Magisterarbeit von 1981. Michael Rutschkys „Erfahrungshunger“ ist bis heute vorbildlich dafür, wie jemand umgeht mit literarischen und politischen Phänomenen wie RAF, Studentenbewegung und Romanen der „Neuen Subjektivität“. Viele Thesen Rutschkys ließen sich auch auf Gedichte dieser Zeit übertragen. In der dann entstehenden Dissertation war ich ständig einer Poetik des „offenen Gedichts“ auf der Spur. Aber die Gegenwart hat leider den Nachteil, dass sie nie aufhört. Und immer neue Gegenwarten tauchten auf, die die alte auslöschten. Und ich musste dann immer wieder Nachträge erstellen. So konnte das dann nicht abgeschlossen werden. –

In einer Art Poetikvorlesung hat der Dichter Peter Waterhouse einmal eine schöne Definition zum Verhältnis von Poesie und Übersetzung gegeben, die vielleicht auch übertragen werden kann auf Gedichte selber: Das Ziel einer guten Übersetzung sei, „das Deutsche wieder unbekannter zu machen“. Das finde ich sehr beeindruckend. Das Deutsche wieder unbekannter machen, unselbstverständlicher, unvertrauter. Etwas, wo man ins Stolpern gerät, wo man Sprache staunend wiederentdecken kann. Oder, wie Harald Hartung sagt: Man schreibt ja nur, weil man mit der Sprache nicht zurechtkommt. Das Deutsche wieder unbekannter zu machen, wäre auch ein Ziel guter Gedichte.

Das Gespräch führte Bernd Leukert

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erstellt am 13.3.2018

Michael Braun auf dem Erlanger Poetenfest 2015, Foto: Kritzolina / Wikimedia Commons
Michael Braun, Foto: Kritzolina / Wikimedia Commons
Zur Person

Michael Braun

Michael Braun, geboren 1958 in Hauenstein/Pfalz, Studium der Germanistik und Politischen Wissenschaft, lebt als Literaturkritiker in Heidelberg. Er veröffentlicht Essays zu Fragen einer zeitgenössischen Poetik. 2007 bis 2011 gibt er den Deutschlandfunk-Lyrikkalender heraus, seit 2012 den Lyrik-Taschenkalender. 2018 Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

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