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Menschen auf der Suche nach ihrem besseren Ich: Daniela Löffner inszeniert Maxim Gorkis „Sommergäste“ am Deutschen Theater Berlin, das Kabarett „Distel“ zeigt das Programm „Wenn Deutsche über Grenzen gehen“ von Michael Frowin und Philipp Schaller. Thomas Rothschild hat beide Aufführungen besucht.

Theater und Kabarett

»Mensch! Das klingt… stolz!«

Näher kann man Peter Brooks „Leerem Raum“ wohl nicht kommen. Aber auch die Tschechow-Inszenierungen von Jürgen Gosch sind nicht fern, wenn Daniela Löffner am Deutschen Theater in Berlin Maxim Gorkis Sommergäste an der Rückwand der oben, seitlich und hinten geschlossenen, türlosen Bühne sitzen oder stehen und nur für ihre Auftritte in den Vordergrund kommen lässt. Peter Steins berühmte Inszenierung der „Sommergäste“ von 1974 beeindruckte nicht zuletzt wegen des Bühnenbilds von Karl-Ernst Herrmann, eines die Szene beherrschenden Birkenwäldchens. Daniela Löffner konzentriert sich ganz auf die in unterschiedlicher Kombination agierenden Schauspieler. Wobei „agieren“ schon das falsche Verb ist. Denn in Gorkis Drama von 1904, dem Todesjahr Tschechows, gibt es noch weniger Handlung als bei diesem. Es wird fast nur gesprochen. Die Dialoge freilich haben Gewicht. Ein Konversationsstück sind die „Sommergäste“ nicht.

Es geht um Gorkis lebenslanges Hauptthema, um die Frage, warum Menschen anderen und sich selbst so viel Leid zufügen. Gorki glaubt unbeirrbar an das Gute im Menschen. Man müsse es nur zutage fördern. Dafür sind nicht allein die Umstände verantwortlich. Es bedarf auch der individuellen Anstrengung. Viele Motive der „Sommergäste“ ähneln solchen aus Tschechows Stücken zum Verwechseln: die Bewunderung für einen Schriftsteller, der nicht mehr ist als ein Blender wie Trigorin in der „Möwe“, die fatale unerwiderte Liebe zu einer schönen Frau wie in „Onkel Wanja“, die Verzweiflung an den Gegebenheiten und die Unfähigkeit, sie zu verändern, wie in fast allen Dramen Tschechows.

Gorki glaubt an das Gute im Menschen: „Sommergäste“ am Deutschen Theater Berlin, Foto: Arno Declair

Daniela Löffner, die mit ihrer Bühnenfassung von Turgenjews „Väter und Söhne“ 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, verzichtet auf alle russischen Reminiszenzen. Nichts deutet auf die bevorstehenden Revolutionen hin. Die Kostüme führen in unsere Gegenwart, und die von der Regisseurin und dem Dramaturgen aktualisierte Übersetzung von Ulrike Zemme befördert dieses Vorhaben. Das funktioniert freilich nur deshalb so gut, weil am Deutschen Theater ein Ensemble zur Verfügung steht wie ansonsten im deutschsprachigen Raum nur noch am Burgtheater. Man müsste sie alle beim Namen nennen, die jedem Detail, jeder Replik Bedeutung verleihen, ohne zu forcieren. Trotzdem sei Anja Schneider hervorgehoben, die einen komplexen, ebenso unglücklichen wie liebenswerten Charakter noch nie so differenziert, so überzeugend, so realistisch im besten Sinn des Wortes – wir haben es nun einmal mit Gorki zu tun – spielen durfte. Wenn die Dialoge, vor allem vor der Pause, manchmal auszuufern scheinen, nimmt man das gerne hin, weil sie mit jeder Geste, jedem Gang so virtuos zum Schau-Spiel werden. Und das trifft nicht nur auf Anja Schneider zu. Es ist ja für Gorki gerade bezeichnend, dass es bei ihm keine Hauptfigur gibt, sondern ein Panorama, ein Spektrum gleich wichtiger Typen. Mit seiner Dramaturgie nimmt er die Filme von Robert Altman oder Denys Arcand vorweg.

Diese Dramaturgie ist auch dafür verantwortlich, dass man bei Gorki nicht scharf zwischen Psychologie und Soziologie trennen kann. Seine Figuren berühren insofern soziologische Fragestellungen, als sie im Ensemble (im doppelten Sinn des Wortes) auftreten, einer bestimmbaren Gruppe, Klasse oder Schicht angehören, sie thematisieren aber zugleich psychologische Phänomene, weil sie trotzdem Individuen mit je eigener Geschichte, mit je eigenen Charakterzügen sind. Das arbeitet Daniela Löffner vorbildlich heraus. Und zwar mit den spezifischen Mitteln der Bühne. „Der Mensch“, den Gorki vorfindet und den er neu erfinden möchte, ist ein soziologisches wie ein psychologisches Ereignis. Das mag auseinander dividieren, wer sich um einen Lehrstuhl bewirbt. Für die Wirklichkeit hat es keine Relevanz. Der berühmte Satz aus Gorkis „Nachtasyl“ „Mensch! Das klingt… stolz!“ ist ein Postulat, nicht ein Befund. Er ist die Wunschvorstellung, die den Dichter bei allen Differenzen mit der Utopie des Kommunismus verband. Die zitierte Stelle aus „Nachtasyl“ geht so weiter: „Man muss den Menschen achten! Nicht bemitleiden… nicht durch Mitleid erniedrigen… achten muss man ihn!“ Diese Überzeugung liegt auch den „Sommergästen“ zugrunde. Wer dieses Stück in erster Linie als Kritik am Bürgertum, an der Intelligenz begreift, versäumt diesen Aspekt.

Mischung aus Satire politischem Kabarett

Nur ein paar hundert Meter vom Deutschen Theater entfernt, im Kabarett „Distel“, sind auch drei Menschen unterwegs auf der Suche nach ihrem besseren Ich. Die „Distel“ war neben der Leipziger „Pfeffermühle“ das bedeutendste Kabarett der DDR, in seinen Spielformen den westdeutschen Kabaretts nicht unähnlich, in seinen Kritikmöglichkeiten eingeschränkt, aber keineswegs so domestiziert, wie es sich westliche Klischees gerne ausmalen. Nach der Wende hat die Institution gleich gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße ihren Stil bei wechselnden Besetzungen weitgehend beibehalten. Auch eins der aktuellen Programme, „Wenn Deutsche über Grenzen gehen oder: Das Ziel ist im Weg“ von Michael Frowin und Philipp Schaller besteht nicht aus Sketchen, aus Blackouts, wie sie für viele Kabaretts typisch waren, sondern aus einer eher undramatischen Handlung oder vielmehr einer Situation, an der Episoden zwanglos aufgereiht und in die die aktuellen Pointen eingebaut sind. Zwei Männer und eine Frau – ein Pfarrer und Bürgermeister aus der ostdeutschen Provinz, ein Spulenwickler und eine Lehrerin – sind auf dem Jakobsweg und mussten wegen des schlechten Wetters in einer Hütte einkehren. Das ist eine Mischung aus Satire über menschliche Schwächen und aktuelle Zeitströmungen wie Ich-Findung, infantiler Spieltherapie oder Gesundheitsfimmel und aus politischem Kabarett der aggressionsfreien Sorte, nicht so radikal wie einst das Heidelberger „Bügelbrett“ oder wie Wolfgang Neuss, aber auch nicht so belanglos wie die grassierende Comedy, die das Kabarett, zumal im Fernsehen, großenteils verdrängt hat.

„Wenn Deutsche über Grenzen gehen“, Kabarett-Theater DISTEL, Foto: Chris Gonz

Wie bei den meisten Kabaretts des deutschsprachigen Raums spielen die Musik und die Liedeinlagen eine große Rolle. Caroline Lux, Timo Doleys und Stefan Martin Müller spielen, singen und sprechen mit der erforderlichen Lockerheit, ohne die Seht-doch-her-wie-witzig-ich-bin-Miene, die bei geringeren Talenten so sehr nervt. Manche Pointen sind freilich auch in diesem Programm allzu billig. Ist es wirklich so komisch, dass Frau Merkel Hosenanzüge trägt? Wenn wir sonst nicht zu klagen hätten… Auch über das Niveau des folgenden Witzes kann man streiten: „Was unterscheidet Trumps Krawatte von einem Ochsenschwanz? Der Ochsenschwanz bedeckt das ganze Arschloch.“ Dafür wird man entlohnt mit jenem Monolog, mit dem die Lehrerin alle Übel dieser Welt daran festmacht, dass sich der Spulenwickler mit einem „sorry“ dafür entschuldigt, dass er seine Socken zum Trocknen am Stockbett aufhängen will.

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erstellt am 05.3.2018

„Sommergäste“, Deutsches Theater Berlin, Foto: Arno Declair

Theater

Sommergäste

von Maxim Gorki

Regie Daniela Löffner, Bühne Claudia Rohner, Kostüme Eva Martin

Besetzung Alexander Khuon (Sergej Bassow, Rechtsanwalt), Anja Schneider (Warwara Michajlowna, seine Frau), Linn Reusse (Kalerija, Bassows Schwester) et al.

Deutsches Theater Berlin

Kabarett

Wenn Deutsche über Grenzen gehen

ODER: Das Ziel ist im Weg

Regie Michael Frowin

Auf der Bühne Timo Doleys, Caroline Lux, Stefan Martin Müller
An den Instrumenten Falk Breitkreuz / Stefan Schätzke (kl, sax, fl, dr, git, voc), Til Ritter / Guido Raschke (p, key, uk, voc)

Kabarett-Theater DISTEL