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In ihrem Roman „Am Himmel“ versucht Anna-Elisabeth Mayer, die Umstände des Mordes an einer Wiener Millionär im Jahr 1881 zu rekonstruieren. Der historische Kriminalfall bietet der Autorin reichlich Stoff. „Am Himmel“ ist eine immer mal wieder langatmige Lektüre mit durchaus starken Passagen, findet Gudrun Braunsperger.

Buchkritik

Mordfall im kaiserlichen Wien

Sissi-Kapelle, Foto: Bwag / Wikimedia
Sissi-Kapelle, Foto: Bwag / Wikimedia

Am Pfaffenberg im Wiener Stadtteil Sievering, wenige Meter von der Himmelwiese entfernt, befindet sich eine kleine Kapelle. Es ist die erste neugotische Kapelle Wiens, sie wurde 1854 anlässlich der Hochzeit des Kaiserpaares Franz-Joseph und Elisabeth als Votivkapelle errichtet. Gestiftet hat sie Johann Freiherr Carl von Sothen, der im 19. Jahrhundert die Herrschaft des Schlosses Cobenzl und das Gut „Am Himmel“ besaß. Dass Sothen die Sissi-Kapelle eigentlich als Grabkapelle für sich und seine Gemahlin Franziska hatte erbauen lassen, war erst wieder in Erinnerung gerufen worden, nachdem man bei der Restaurierung im Jahr 2002 die Gebeine der Verstorbenen gefunden hatte.

Es handelt sich dabei um die sterblichen Überreste eines Ermordeten, denn der Freiherr, berüchtigt für seinen Geiz und für die schlechte Behandlung seiner Dienstboten, war 1881 von seinem Jäger nach Streitigkeiten um Lohn erschossen worden. Anna-Elisabeth Mayer hat in ihrem Roman „Am Himmel“ eine Rekonstruktion der Umstände dieses Verbrechens unternommen, die mehr als ein Jahrhundert zuvor in der Gruft jener Kapelle am „Himmel“ zu Grabe getragen worden waren.

Dubioser Aufstieg

Johann Carl Sothen stammte ursprünglich aus bescheidenen Verhältnissen. Er war Besitzer eines Tabakwarenladens in der Wiener Innenstadt Am Hof. Mit dem Verkauf von Losen gelang es ihm, ein ansehnliches Vermögen zu erwerben, das er in der Folge in ein Bank- und Wechselhaus am Graben investierte. Dass sich der beispiellose gesellschaftliche Aufstieg vom Trafikant zum Millionär auf dubiosen Wegen vollzogen hatte und dass der Charakter des Bankiers Johann Carl Sothen einigermaßen zweifelhaft war, darauf deutet eine kleine Kritzelei an der Mauer von Sothens Grabkapelle.

Hier, in dieser schönen Gruft,
Liegt der allergrößte Schuft,
Zeigts keine Sechserl runter,
Sonst wird er wieder munter!

Das ist eine Anspielung auf die unlauteren Methoden, mit denen Sothen sein Vermögen gemacht haben soll. So soll sein Todesdatum, der 10. Juni 1881, jene Lottozahlen 10, 6 und 81 enthalten, mit denen Sothen viele Jahre zuvor auf unredliche Weise sein Startkapital erworben und in seine Karriere als Betrüger investiert hatte. Bei dem Lottogewinn handelte es sich um das Los, mit dem ein Vogelhändler aus Böhmen gewonnen hatte. Dieser lebte mit seiner Tochter in Sothens Haus und versuchte sein Glück im Lotto, die Scheine dazu kaufte er in Sothens Laden. Als Sothen seinem Mieter eines Tages die Gewinnzahlen überbringen wollte, fand er den Lungenkranken im Sterben liegend. Er entlockte dessen kleiner Tochter den Lottoschein und unterschlug den Gewinn von 20 000 Gulden, der nach dem Tod des Vaters dem unmündigen Kind zugestanden hätte. Stattdessen übernahm er die Rolle eines Gönners, indem er für Berta eine Unterkunft in einem Gasthof in Brünn fand und ihr finanzielle Zuwendung zukommen ließ. Gleichzeitig brachte er sie dazu, ihm mit den Brieftauben, die sie züchtete, die Lottozahlen der Brünner Ziehung zu übermitteln, sodass er in Wien noch vor Annahmeschluss auf die Gewinnzahlen setzen konnte.

Zäher Lesefluss

Der Kriminalfall bietet reichlich historischen Stoff, der in diesem Roman gestaltet ist. Leider wird das Material jedoch nicht dazu genutzt, um einen dramatischen Bogen für einen spannend erzählten Text zu entwerfen. Der Mordfall, mit dem die Erzählung eröffnet wird, gerät zum Anlass, um die Hintergründe eines sperrigen Sozialdramas nach und nach aufzurollen. Der Text wirkt um seine literarische Qualität allzu bemüht, was einer klaren und stringenten Erzähllinie entgegensteht und so manchen komplizierten Umstand vernebelt. Die Geschichte mit den Brieftauben etwa bleibt nahezu unverständlich. Der Lesefluss strömt recht zäh dahin, was schade ist, denn der Roman hat durchaus starke Passagen:

„Wie bei einer sich ankündigenden Krankheit waren es zuerst schleichende Veränderungen – etwa ein Kopf da, ein Kopf dort, der sich nach ihm auf der Straße umdrehte. Als das Ansehen dann zum Ausbruch kam, sah man es deutlich an der Art des Grüßens. Sothen wurde gegrüßt, bevor er es tat. Das Geld hatte die Grußrichtung umgedreht. Zu Sothens eigener Überraschung hatte durch diese eine beträchtliche Summe, auf die er durch eine Spende aufmerksam gemacht hatte, der Aufstieg begonnen.
Nun sah man Sothen beim Gottesdienst in der Kirche zu. Aber er betete auch zu Hause. Vor allem dann, wenn die Erinnerung ihn niederdrückte: Ein Kind hatte er dazu aufgefordert, und es hatte das Los für ihn gefunden; ganz ruhig war Berta ihm zu Hilfe gekommen, hatte es ihm gegeben, als gehörte es nicht ihr. Und Bertas damalige Ruhe verstärkte Sothens Unruhe. Er musste Frieden finden, über das Beten, denn im Gegensatz zur monatlichen finanziellen Zuwendung, die der Onkel vertrank, zeigte das Beten, ähnlich dem Geld, die Richtung nach oben.“

Holzschnittartige Figuren

Der rasche Wechsel der Erzählperspektive, passagenweise von Absatz zu Absatz, und die Entwicklung der Handlung über weite Strecken aus den Dialogen und der direkten Rede heraus erschweren es, dem Handlungsstrang zu folgen. Dadurch wird die Lektüre immer wieder langatmig. Die Personen wirken holzschnittartig vergröbert und dennoch schwach konturiert. Die Linie zwischen Gut und Böse verläuft stark kontrastiert und erfährt dadurch eine Überzeichnung: Auf der einen Seite stehen die Täter, das niederträchtige Ehepaar Sothen, der habgierige Aufsteiger und mitleidlose Unterdrücker und dessen geltungssüchtige Frau Fanni, die ihren Mann aus materieller Berechnung und dem Wunsch nach sozialem Status geheiratet hat. Die kinderlose Fanni intrigiert auf gemeine und hinterhältige Weise gegen das Wildhüterpaar, angetrieben von Neid und Eifersucht, da sie Juliane die mehrfache Mutterschaft neidet. Auf der anderen Seite befinden sich die Opfer, der Jäger Eduard Hüttler und die Mutter seiner Kinder, Juliane, arm und unterdrückt, aber edelmütig. Die beiden können es sich nicht leisten, zu heiraten, der Kindersegen treibt sie in Hunger und Elend. Weil sie in wilder Ehe leben und von der bigotten Moral ihrer Dienstgeber verfolgt und verurteilt werden, die der herrschenden Moral der Gesellschaft entspricht, sehen sie sich erst recht ins Unrecht gesetzt sehen.

Juliane und Eduard erscheinen hier nachgerade als modernes Liebespaar, das gar nicht so recht ins 19. Jahrhundert passen will. Die beiden zeichnet der freie Umgang in einer glücklichen Partnerschaft auf Augenhöhe aus. Sie scheinen als Opfer ihrer Umstände über ihre Zeit hinauszuragen und werden zudem vom Neid und der Missgunst anderer Dienstboten verfolgt. Die Verzweiflungstat ist die letzte Konsequenz himmelschreienden Unrechts, die in einer menschlichen Tragödie enden muss. Am Schluss gibt es dann doch noch so etwas wie ein Happy End.

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erstellt am 02.3.2018

Anna Elisabeth Mayer, Foto: MBailarina / Wikimedia
Anna Elisabeth Mayer, Foto: MBailarina / Wikimedia

Anna-Elisabeth Mayer
Am Himmel
Roman
Gebunden, 204 Seiten
ISBN: 978-3-89561-137-7
Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2017

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