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Odo Marquard (1928-2015) war eine Institution in der deutschen Philosophie. Generationen von Studierenden hat er für sein Fach begeistern können. Unvergessen ist sein Aphorismus „Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt“. Nun zeigt eine Ausstellung in Gießen erstmals Marquards zeichnerisches und malerisches Werk. Dagmar Klein hat die Schau besucht.

Ausstellung in Gießen

Von der Kunst zur Philosophie

In Interviews hatte Odo Marquard immer wieder berichtet, dass er während des Studiums in Münster und Freiburg (1947-1954) fast mehr gemalt als geschrieben habe. Danach wurde es zur Freizeitbeschäftigung und dieser Teil seiner Kreativität blieb der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Das änderte sich ein wenig, als eines seiner Bilder auf dem Umschlag der 1989 publizierten Aufsatzsammlung „Aesthetica und Anaesthetica“ auftauchte. Und zwanzig Jahre später wurde seine Zeichnung vom Wiederaufbau des Münsteraner Schlosses auf dem Umschlag der postum publizierten Ästhetik-Vorlesungen (2010) seines Lehrers Joachim Ritter abgedruckt.

Aufmerksamen Menschen in Gießen war dies nicht entgangen. Auf Nachfragen erklärte sich der Pensionär damit einverstanden, dass eine Ausstellung seines bildnerischen Werks organisiert würde. Doch scheiterte dieses Vorhaben am Umzug des Ehepaars Marquard in das Sophienstift in Celle. Und wie das bei Umzügen so ist, der Koffer mit den Zeichnungsblättern verschwand. Erst nach Marquards Tod, als die Witwe den Nachlass ordnete, stieß sie im Keller wieder auf den Koffer. Sofort wurden die beiden interessierten Emeriti der Uni Gießen informiert. Der Kunsthistoriker Prof. Marcel Baumgartner und der Germanist Prof. Günter Oesterle reisten umgehend an und ließen sich von der Fülle begeistern. „Wir fanden mehr als wir erhofft hatten.“, so Baumgartner. Es war klar, dass nun endlich eine Ausstellung organisiert werden würde. Der passende Eröffnungstermin, Odo Marquards 90. Geburtstag am 26. Februar 2018, konnte eingehalten werden.

Marquards künstlerisches Interesse konzentrierte sich zunächst auf die Architektur. Dies geschah unter dem Eindruck der Ordensburg Sonthofen im Allgäu, die als Adolf-Hitler-Schule diente, wo er 1940-1945 als Jugendlicher seine Schulzeit verbrachte. Die Zeichnungen von eindrucksvollen Gebäuden und Ehrenmalen dieser Zeit haben sich erhalten. In der Vitrine liegt zum Vergleich eines der damals erschienenen Bücher, was deutlich macht, wovon der 16-jährige Schüler inspiriert war.

Odo Marquard, „Was ist Philosophie?“/Grundriss und Aufriss eines Wohnhauses, 1947, Tinte, 204 × 282 mm

Spätere Architekturzeichnungen zeigen Wohnhäuser im damals angesagten Flachdach-Stil in spektakulärem Naturambiente. Die auf Ende 1946 datierte Zeichnung „Villa Siebenpunkt“ ist niemand geringerem als dem amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright gewidmet. Marquard spielte mit dem Gedanken, Architektur zu studieren. Wie für jeden Jugendlichen war die Zeit nach dem Abitur eine Phase der Orientierung und Suche nach dem eigenen Weg. In Marquards Fall ist dies überliefert über eine Zeichnung (Juni 1947) mit dem Grund- und Aufriss eines Wohnhauses neben dem handschriftlichen Text „Was ist Philosophie?“.

Seine zeichnerischen Experimente weisen ihn als einen sehr gründlichen Arbeiter aus. Bei Porträtzeichnungen sinniert er über das eigene Tun: „Furchtbar hart – wie hat Rembrandt das gemacht? mehr Zeit lassen! Feinere Feder! weniger Striche! Sauberer!“. Von weiblichen Aktzeichnungen ist nur eine kleine Auswahl zu sehen, eine davon unter seinem Hauptmotiv „Boot“. Als Sohn eines Fischereibeamten war er in Stolp/Pommern mit der See aufgewachsen. Es ist wunderbar anzuschauen, wie er ausgehend von realistisch genauen Darstellungen verschiedene Ausdrucksweisen erprobt, bis hin zur expressiven Geste und Farbwahl oder auch in die geometrische Abstraktion. Seine Ansicht vom Mittelrisalit des kriegszerstörten Münsteraner Schlosses ist am eindrucksvollsten in der Version der schwingenden Wände und Giebel, die die barocke Formensprache in zusätzliche Bewegung versetzen.

Malen nur noch Freizeitbeschäftigung

In seinem ersten Münsteraner Semester im Winter 1947/48 hört Odo Marquard Joachim Ritters Vorlesung zur ‚Philosophischen Ästhetik‘. In dieser Zeit malte und zeichnete er sehr intensiv. Nun beschäftigt er sich theoretisch mit der Frage, warum es überhaupt notwendig sei, das gegebene Schöne durch menschliches Tun, also durch Kunst, in die Welt zu bringen. Nach Ende seines Studiums 1954 war Malen nur noch Freizeitbeschäftigung in den Ferien. Was man angesichts der zeichnerischen Fähigkeiten nur bedauern kann. Dass es noch weitere Funde gibt, glaubt Kurator Baumgartner eher nicht. Aber es könnten noch Originale auftauchen von Bildern, die Marquard fotografiert und einem Minifotoalbum aufgehoben hat.

Was im Sonderausstellungsraum der Unibibliothek gezeigt wird, ist lediglich eine Auswahl, und doch reicht diese, um einen faszinierenden Einblick in das lebenslange Schaffen eines besonderen Menschen zu vermitteln. Das Spektrum reicht von Kinderzeichnungen bis zu Bildern, die in den 1970er Jahren entstanden, etwa Paris mit Notre Dame.

Die Leiterin des Universitätsarchivs, Dr. Eva-Marie Felschow, zeigt aus dem Nachlass Fotografien, Briefe und Vortragsskripte, unter anderem Versionen der berühmten Rede zur Notwendigkeit der Geisteswissenschaften. Auch das dickleibige Original von Marquards Habilitationsschrift ist zu sehen. An einer Hörstation kann man sich auf ein Radiointerview und dank eines Video-Bildschirms auf eine Tübinger Vorlesung einlassen. Auf diese Weise ist der Philosoph und Redner Marquard ebenfalls in der Ausstellung präsent.

Zur Eröffnung sprach sein langjähriger Mitarbeiter Franz Josef Wetz, seit 1994 Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd. Er beschrieb seinen Lehrer unter dem Titel „Ein Existentialist als Bürger“, dabei ganz dem norddeutsch-trockenen Humor von Marquard folgend.

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erstellt am 01.3.2018

Fotografien und Dokumente aus dem Nachlass von Odo Marquard, Foto: Dagmar Klein

Ausstellung

Odo Marquard – Bilder und Zeichnungen

27. Februar bis 15. April 2018

Universitätsbibliothek, Otto-Behaghel-Str.8, 35394 Gießen

Zur Finissage am 15. April um 15 Uhr hält Prof. Hermann Lübbe den Vortrag „Erinnerungen an Odo Marquard“.

Weitere Informationen

Odo Marquard, Schloss Münster vor dem Wiederaufbau, 1948, Feder mit Tusche, 280 × 160 mm

Der Kunsthistoriker Marcel Baumgartner führt durch die Ausstellung, Foto: Dagmar Klein