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Niemand weiß, ob es Außerirdische gibt, und falls ja, wie sie singen. Wer sich „L` Africaine – Vasco da Gama“ von Giacomo Meyerbeer in der Frankfurter Oper ansieht, bekommt eine Gewissheit: Sie singen wunderbar. So gut wie die Irdischen. Das beweisen sie in einer ungewöhnlichen und grandiosen Inszenierung von Tobias Kratzer, meint Andrea Richter.

Oper

Von Irdischen und Außerirdischen

Nicht allen gefiel sie. Laute Buhrufe, nachdem der Premierenvorhang gefallen war. Entweder von Leuten, die irgendeine Rechnung mit dem Regisseur offen hatten, oder ewig Gestrige, die mit modernem Regietheater nichts anfangen können. Solche, die die Oper in Portugal, auf dem Meer und in Afrika spielen sehen wollen, stattdessen jedoch das NASA Hauptquartier, einen Flug im All und eine Landung auf einem fremden Planeten serviert bekamen. Größer jedoch die Zahl der Bravo-Rufe, Standing Ovations von denjenigen, die verstaubte Inszenierungen weder mögen noch in der Main-Metropole erwarten. Denn solche werden dort nie präsentiert. Ein Markenzeichen der Frankfurter Oper, die ihrem Publikum beigebracht hat, in München oder Wien angesichts von Reifröcken, Puffärmeln und Degenfechtereien die Augen zu schließen und sich allein dem musikalischen Genuss hinzugeben. Das kann man in Frankfurt auch tun, denn das musikalisch-künstlerische Niveau ist bekanntermaßen Spitze. Noch größer allerdings das Vergnügen, wenn man hinschaut.

Großartige Bilder werden auf der Bühne entwickelt. Zu Anfang auf dem noch geschlossenen Vorhang die Zeichnungen von Frau und Mann sowie die Positionsangaben der Erde, die 1972 auf einer Metallplatte eingraviert tatsächlich ins All geschossen wurde, um möglichen Außerirdischen eine Vorstellung von den menschlichen Bewohnern auf unseren Planeten zu vermitteln. Dazu Grußbotschaften in verschiedenen Sprachen.

Szenenfoto „L` Africaine“, Oper Frankfurt © Monika Rittershaus

1. Akt: Ines, Pedro, Diego und viele andere, in der riesigen NASA-Zentrale. Eine sterile, erfolgsorientierte Welt, in die Vasco, der zurückkehrende Astronaut, nicht wirklich passt. Selika und Nelusko, die von der letzten Expedition mitgebrachten blauen Außerirdischen, noch weniger. 2. Akt: buchstäblich ein Kammerspiel, in dem die Beziehungskiste zwischen Selika, Vasco (eigentlich mit Ines verlobt) und Nelusko beginnt. 3. Akt: großes Tableau im Raumschiff mit einem sensationellen „Astronauten- Ballett“ im All, mit Chören (herrlich: der Chor der auf der Erde auf ihre Männer wartenden Frauen per Video eingespielt) und mit großem Brimborium. Bis das Raumschiff schließlich in einen kosmischen Sturm gerät und von den Extraterrestrischen geentert wird. Der 4. Akt spielt im ziemlich unheimlich dschungelhaften Land der Blauen, die die irdischen Weißen bis auf Vasco (Michael Spyres wunderbar insgesamt und vor allem hier mit der berühmten Arie Pays merveilleux … o paradis) und Ines massakriert haben. Selika, die Königin, rettet beide. Der 5. Akt dann wieder ergreifendes Kammerspiel: Selika träumt erst davon, mit Vasco in den Weiten des Alls (welches Bild!) vereint zu werden, um schließlich auf dem Boden der interstellaren Realität in einem Akt menschlicher Größe und selbstloser Entsagung isoldemäßig lang (Claudia Mahnke hinreißend) an der Seite von Nelusko (Brian Mulligan hühnenhaft stark und umwerfend lyrisch) in den Tod zu gehen.

Alle sind irgendwann Fremde, dort wo sie sind, lautet die Grundaussage. In beiden Welten gibt es Vorurteile und Diskriminierung des Fremden, Gutes und Böses, Liebe und Hass. Vasco, der Grenzen Überschreitende, kann beide Welten akzeptieren, bezweifelt die Überlegenheit seiner Landleute, wird deshalb von ihnen verachtet, allerdings von Ines, der Weißen, und Selika, der Blauen, geliebt. Jede dieser Lieben rettet ihm das Leben. Eine sehr schlüssige Inszenierung mit Musik als Soundtrack für einen echten Blockbuster unter dem Taktstock von Meyerbeer-Spezialist Antonello Manacorda.

Meyerbeer hätte an ihr mit größter Wahrscheinlichkeit sein helles Vergnügen gehabt, denn er war ein fortschrittlicher Mann, der nicht grundlos in der damals modernsten, internationalsten und quirrligsten Stadt der Welt lebte und dort wie kein anderer seiner Zunft, die der Macher der Grand Opéra, reüssierte.

Szenenfoto „L` Africaine“, Oper Frankfurt © Monika Rittershaus

Das Genre der Grand opéra entwickelte sich nach der französischen Revolution in Paris: Fünf tragische und nicht zu komplizierte Akte und auf jeden Fall mindestens ein großes Ballett. Nach der Entmachtung der Adligen setzte sich diese Opernform für den Geldadel durch. Und diese Leute wollten für ihr Geld etwas sehen. Die 1820 erbaute und bereits 1821 eingeweihte Opéra Peletier (1.800 Sitzplätze und 1873 abgebrannt) bot die Voraussetzungen für großes Spektakel, unter anderem die neuartige Gasbeleuchtung, durch die bisher unbekannte Lichteffekte erzeugt werden konnten. Wegen der hohen Kosten für die opulenten Inszenierungen wurden nur vergleichsweise wenige Stücke auf die Bühne gebracht, die sich dafür aber Jahre lang hielten und höchst beliebt waren. In etwa vergleichbar mit den großen Musicaltheatern unserer Zeit. Der Vergleich passt auch musikalisch. Denn die Mehrzahl der Grands opéras zeichnete sich durch eine leicht eingängige und klare Musiksprache aus, in der das Orchester nicht dominiert. Anders als bei Musicals mussten die Solisten allerdings über große Virtuosität verfügen.

Meyerbeer war also der Andrew Lloyd Webber oder Leonard Bernstein des 19.Jahrhunderts. Die von Eugène Scribe verfassten Libretti (vor allem Les Huguenots, Le Prophète und L`Africaine) trafen den Zeit- und Publikumsgeschmack zielgenau und wurden bis zum 1. Weltkrieg zu weltweiten Bühnen-Rennern. Meyerbeer wurde damit noch reicher, als er es von Geburt aus sowieso war. Der Größte seiner Neider: Richard Wagner. Er bettelte um Hilfe, erhielt sie und dankte dem Großzügigen mit dem berühmten antisemitischen Pamphlet. So geht es auf dem Planet Erde zu.

Meyerbeer beschäftigte sich mit jeder einzelnen seiner fünf französischen Opern jahrelang. Ein Perfektionist, ein ewiger Zweifler, der sich und seine Kunst immer wieder in Frage stellte. Heinrich Heine beschrieb ihn als „ängstliches Genie“. So war er sich denn auch 1864 zu Beginn der Proben von Vasco da Gama, wie der Komponist sein Werk selbst nannte, keineswegs sicher, welche Teile seiner Materialflut bleiben und welche gestrichen werden sollte. Das wollte er – wie immer – während des Produktionsprozesses entscheiden. Pech nur, dass er plötzlich starb. So kam dann 1865 eine von Francois-Joseph Fétis bearbeitete Fassung unter dem Namen L`Africaine zur Uraufführung, die lange Zeit als die maßgebliche galt. Erst 2013 konnte man in Chemnitz erstmals das ungekürzte Werk auf der Bühne sehen, diesmal allerdings unter dem Namen Vasco da Gama. Die Frankfurter Inszenierung arbeitet mit diesem Material und versieht das Werk mit dem Doppeltitel, weil diesmal die „Afrikanerin“, als Synonym für die „Fremde“, im Mittelpunkt des Geschehens steht.

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erstellt am 01.3.2018

Szenenfoto „L` Africaine“, Oper Frankfurt © Monika Rittershaus

Grand opéra in fünf Akten

L`Africaine – Vasco da Gama

Von Giacomo Meyerbeer (1791-1864)
Text von Eugène Scribe (1791-1861)

In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung Antonello Manacorda
Regie Tobias Kratzer
Bühnenbild und Kostüme Rainer Sellmaier

Oper Frankfurt