Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Schon als Kind fing er die ersten Schmetterlinge. Nun hat sich der Schriftsteller Peter Henning einen Traum erfüllt: Er ist zu einer großen Falter-Expedition kreuz und quer durch Europa aufgebrochen. Seine Reiseerlebnisse sind in das Buch „Mein Schmetterlingsjahr“ eingeflossen, Faust-Kultur dokumentiert daraus die Einleitung.

Ein etwas anderes „Schmetterlingsbuch“

Falsche Apollofalter und Felsenhexen

Es begann mit einem Geräusch vor mehr als fünfzig Jahren – im ehemaligen Klavierzimmer meiner Tante. Und es klang, als blase jäh aufkommender Abendwind ruckartig eine Handvoll im offenen Küchenfenster stehende Kerzen aus. Oder als fange ein Stück Papier, an das man ein brennendes Streichholz hält – angefacht von der fauchend hereinstoßenden Zugluft in einem alten Holzofen – an mehreren Stellen gleichzeitig Feuer:

FUH! FUH! FUH!
Ich war damals sieben Jahre alt, und ich weiß nicht mehr wie es kam, dass mein polnischer Ziehvater Walla (der eigentlich Viktor Knapik hieß) plötzlich das „Tagpfauenauge“ (lat. Inachis Io) in seinen zu einer abgeschlossenen Kugel geformten Händen gefangen hielt. Aber ich sehe seine starken, nicht sehr großen Hände auch ein halbes Jahrhundert später so deutlich vor mir, als betrachtete ich sie auf einer Fotografie, dass mir ist, als bräuchte ich nur meinen Arm nach ihnen auszustrecken, um sie zu berühren und mich über das kleine Guckloch zu beugen, welches er mit seinen übereinander gelegten Daumen erzeugte, indem er sie vorsichtig spaltweit voneinander löste, mich dabei auffordernd ansah – und sagte: „So. Und jetzt schau und hör` mal!“

Also spähte ich in das dunkle Innere des kleinen Fingergefängnisses ins Halbdunkel, in welchem der Falter mit geschlossenen, steil aufragenden Flügeln gefangen war. Dann legte ich wie befohlen mein Ohr auf die kleine Öffnung – schloss die Augen und horchte gespannt. Und plötzlich erlebte ich ein kleines akustisches Wunder! Ich vernahm die Geräusche, die entstanden, als der Falter seine Flügel ein paar Mal kurz hintereinander öffnete und wieder schloss – und dabei die Luft, die sich zwischen den abgeflachten, tausendfach dachziegelartig darauf angeordneten Schuppen gesammelt hatte, zu einem mir damals magisch erscheinenden

FUH! FUH! FUH! verdichtete.
Ich registrierte es mit der Intensität und der Wonne eines süßen, wohligen, unvergleichlichen Schauers, der mich heute noch mit der beinahe gleichen Intensität durchströmt, wenn ich in meiner Erinnerung dorthin zurückkehre.

„Ja, ich höre es!“ habe ich damals ebenso stolz wie aufgeregt ausgerufen – und mich augenblicklich im Besitz einer höheren Wahrheit gefühlt. Denn ich hatte eben – davon war ich überzeugt gewesen – nicht nur etwas mit nichts anderem vergleichbares vernommen,- ein allerkürzestes Musikstück geradezu – sondern das Gehörte sogleich zu einer an mich ganz persönlich gerichteten Liebeserklärung verklärt.
Seither suche, sammele, züchte, erkunde, bewundere, auswildere und literarisiere ich das im Grunde geheime weil zum Großteil im Verborgenen stattfindende Leben der Schmetterlinge und ihrer faszinierenden Verwandlungen mit der Zuneigung eines ihnen unerschütterlich zugewandten Freundes, ja Verehrers. Denn tatsächlich wissen wir allgemein sehr wenig über das Leben der Falter, da sich das meiste davon im Verborgenen abspielt.

Ich studiere ihre gewundenen Wege vom stecknadelkopfgroßen Ei über die diversen Raupenstadien bis hin zu ihrer glanzvollen Verpuppung und dem krönenden Abschluss ihrer stufenreichen Verwandlungen: der geglückten Falterwerdung (eingeleitet mit dem faszinierendem Hervorbrechen der Imago aus der geschlossenen Puppenhülle), deren Erscheinen zwar den Schluss ihres individuellen Lebenskreises markiert, zugleich aber mit der wenig später erfolgenden Paarung und der Ei-Ablage durch die weiblichen Imagines den Beginn eines neuen einleitet – und damit den Zyklus im Sinne ihrer Bestimmung erfolgreich beschließt.

Doch ich tue es nicht mit der strengen Systematik des Wissenschaftlers, der die meiste Zeit beflissen durch das Okular seines Elektronenmikroskops schaut, durch das er Mundwerkzeuge, Superpositionsaugen, Brustganglien, Herz oder Hoden einheimischer Schwärmer-Raupen studiert und anschließend seziert, nein; ich tue es vielmehr mit der freien, ungezwungenen und oft ekstatischen Leidenschaft des in die faszinierende Form-, Farben- und Wesens-Vielfalt vernarrten Beobachters, des Geschichtenerzählers, der sich dabei aber keineswegs weniger interessanten Fragen widmet. So zum Beispiel der Frage, was den in der italienischen Toskana anzutreffenden, auffallend stattlichen „Erdbeerbaumfalter“ (lat. charaxes jasius) dazu treiben mag, mich anzugreifen, als ich sein Revier vordringe? Oder wie es möglich ist, mit einem „Admiral“ (lat. Vanessa atalanta) eine halbe Stunde lang förmlich zu „spielen“, indem man ihn durch Handhinstrecken dazu animiert, sich mal da, mal dort auf dem eigenen Körper niederzulassen? Und wie es sein kann, dass man immer wieder scheinbar verirrte Zitronenfalter (lat. Gonepteryx rhamni L.) im tiefsten Winter und bei Minusgraden putzmunter im Schnee sitzend antreffen kann?

Davon und von mehr will das etwas andere „Schmetterlingsbuch“ erzählen, indem es seinen Leser dorthin entführt, wo zum Beispiel der sogenannte „Falsche Apollofalter“ (lat. Archon Appolinus), der prächtige „Isabellaspinner“ (lat. Graellsia isabellae) oder die Tango-Tänzerinnen-haft anmutende „Felsenhexe“ (lat. Chazara briseis) anzutreffen sind – nämlich auf der griechischen Insel Samos in der östlichen Ägäis, in der südspanischen Sierra de Segura oder in Porec an der kroatischen Felsenküste. Das vorliegende Buch versteht sich also vor allem als Bericht meiner „Reise zu den Schmetterlingen“, vor allem aber: als unverhohlene Liebeserklärung an sie!

Ich verfolge die mit ca. 160.000 beschriebenen Arten (bei 130 Familien und 46 Unterfamilien) nach den Käfern (lat. Coleoptera) zur artenreichsten Insekten-Ordnung der Überklasse der Sechsfüßer (lat. Hexapoda) zählenden Lepidopteren seit nunmehr fünfzig Jahren. Meine erste wirkliche „Falter-Expedition“, die eine solche Bezeichnung verdiente, unternahm ich 1967 im Alter von 7 Jahren gemeinsam mit meiner Großmutter Luise und ihrem Lebensgefährten, meinem Ziehvater Walla in dessen rotem Opel Rekord 1700. Zahlreiche dieser Art sollten folgen. Doch den Anfang markierte damals Porec, Jugoslawien. Frisches Trinkwasser holten wir uns aus dem Erdinneren mithilfe der Zisterne in den von der Macchia zugewucherten Hügeln. Frisches Brot, kruh, und Milch, mlijeko, brachte ein staubiger alter Kleinlaster jeden Morgen auf den Campingplatz. In den Postämtern hing noch das Konterfei des „Generalsekretärs des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens“ Josip Tito an den Wänden, überall boten an den Straßenrändern im Schatten sitzende sonnenverbrannte junge Männer und Frauen riesige Wassermelonen an (die am Strand, vom Meerwasser gut gekühlt, unvergleichlich schmeckten). Aus den mit Wäscheleinen in den Ästen der Pinien befestigten staubverkrusteten Lautsprechern schallten die damaligen Hits „Im A Beliver“ von Neil Diamond und Herman`s Hermits „No Milk Today“ über den Zeltplatz – und über die Außenwände unseres gelbblauen Viermannzelts krabbelten die gelbgrünen walzenförmigen Raupen des Segelfalters (lat. Papilio podalirius) – des vielleicht schönsten und anmutigsten Fliegers unter den europäischen Schuppenflüglern.

Es roch damals bis spät in der Nacht nach gegrilltem Fisch, auf den Steinmäuerchen lagen tagsüber handtellergroße blutrote Seesterne zum Trocknen in der Sonne – und wenn spätnachts die BORA, dieses von Triest herkommende Fall-Wind-Monster, mit Spitzengeschwindigkeiten von 120 k/mh über den Platz hinwegfegte, Zelte hinwegwirbelte und am Strand die Boote aus ihren Verankerungen riss und aufs Meer hinauswarf, glich das Gelände am nächsten Morgen einer Landschaft nach dem Kriegsangriff. Und wir waren glücklich Überlebende! Ich habe die schier endlosen Sommer in Jugoslawien geliebt. Damals erlebte ich zum ersten Mal das was der russische Schriftsteller und Entomologe Vladimir Nabokov einst treffend „Exstase“ nannte.

Georg Warneckes Kosmos-Naturführer „Welcher Schmetterling ist das? Ein Bestimmungsbuch der Schmetterlinge Mitteleuropas“ (Gesellschaft der Naturfreunde/ Franckh`sche Verlagshandlung, Stuttgart, W. Keller & Co., Stuttgart 1958) wurde darüber zu meiner Bibel, die ich immerzu bei mir trug – und die mich glauben, lesen und schauen lehrte! Sie lehrte mich den Glauben an die Schönheiten und die Wunder der Natur, das lesende Verstehen und Nachvollziehen der selbst für einen Siebenjährigen gut verständlich Erläuterungstexte – und das schauende Erkennen, Studieren und ahnungsvolle Begreifen der Welt der Schmetterlinge insgesamt in all ihren bisweilen unbegreiflichen Erscheinungsformen.

Dabei ahnte ich schon damals, dass sich das, was wir über die erstmals 1501 namentliche bezeichneten „Schuppenflügler“ wissen, leider zumeist auf das Wenige beschränkt, was die sogenannten „Bestimmungs- oder Finde-Bücher“ dem interessierten Leser in Form bunter Bildtafeln und knapp gefasster Info-Texte bieten. Falter-Steckbriefe – gut und schön! Aber sonst? Ich aber wollte bald mehr! Tiefer eindringen in ihre Welt, ihnen näher kommen, mich einfühlen in sie um sie besser zu verstehen. Von diesem Bedürfnis ausgehend, nämlich all jenen, die sich für Schmetterlinge interessieren, mehr über sie zu erzählen, und den Leser für ein paar Lektürestunden in ihre Welt zu entführen, entstand das vorliegende Buch.

Der Schmetterling gilt als Sympathieträger. Man begegnet ihm wiederkehrend in der Werbung, in Anzeigen und auf ungezählten Buchumschlägen, als T-Shirt-oder Schmuck-Motiv, als modisches Accessoire, auf Werbeplakaten von ALDI. Die britische Achtzigerjahre-Pop-Band „Barclay James Harvest“ hatte den Schmetterling zu ihrem persönlichen Wappentier erkoren. Und der psychopathische Killer in Thomas Harris` weltberühmtem Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ deponiert in den Rachen seiner getöteten Opfer Puppen des „Totenkopfschwärmers“ (lat. Acheronita Atropos) als Signatur seiner Tötungskunst – weil er glaubt, sich durch sie in Schönheit zu verwandeln.

Der Schmetterling wird als schillernder Meister der Metamorphose, der Verwandlung gepriesen – und als Sinnbild fragilster Anmut. Die Mythologie sieht in ihm das Symbol für Wiedergeburt und Unsterblichkeit; für die Psychologen verkörpert er die Leichtigkeit des Seins,- Grazie, Lebens- und Sinnenfreude. Sie preist ihn zugleich aber auch als „Krafttier“. Und im Verständnis der Mexikaner symbolisieren die jedes Jahr am „Tag der Toten“, dem „Día de Muertos“, zu Hunderttausenden in die mexikanische Sierra Nevada einfallenden „Monarch-Falter“ (lat. Danaus plexippus) die heimkehrenden Seelen der Toten.

Über die faszinierenden Eigenheiten, vielfältigen Finten und Überlebenstricks dieser Meister der Mimikry und ihrer larvenhaften Vorstufen, der Raupen, ist noch wenig bekannt – von den Kostümwechseln der Letztgenannten ganz zu schweigen. Und das, was sich dazu in den streng wissenschaftlichen Aufsätzen derer findet, die sich in entomologischen Vereinen organisiert haben und das Feld der Lepidopteren streng wissenschaftlich beackern, wird dem interessierten Laien größtenteils spanisch vorkommen. Lässt sich deren Erforschung womöglich tatsächlich bloß streng wissenschaftlich betreiben? Ich denke nicht!

Ich habe, auch später noch, als ich bereits Schriftsteller war und Romane schrieb, davon geträumt, eines Tages ein „Schmetterlingsbuch“ zu schreiben, eines für Leute wie mich selbst, die „wissen“ wollen, ohne deshalb Wissenschaft betreiben zu müssen. Ein Buch, in welchem ich ganz persönlich das beschreibe, was ich bei auf meinen Reisen zu den Schmetterlingen fand, was ich ihnen verdanke – und weshalb sie wahrscheinlich zu Recht als die Schönsten gelten dürfen. Doch wer Schmetterlinge – über die heimischen, uns wiederkehrend in Parks, auf Wiesen und in Grünanlagen begegnenden Arten hinaus – beobachten und über sie schreiben will –– muss reisen. Dorthin, wo sie leben und ihre privaten, Jahrhunderte alten Mythologien zelebrieren. Ins Innerste ihrer Welt. Andere legen ein Sabbatjahr ein, um eine Zeitlang Abstand von ihrem Leben – und den Kopf frei zu bekommen, ein Ruhejahr, ein Sabbatical. Ich gönnte mir dafür ein „Schmetterlingsjahr“.

Ich beugte mich über die Europa-Landkarte, wählte als Reiseziele die Flug-Orte jener besonderen Falter aus, die ich immer schon einmal in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten wollte, konzipierte eine Rundreise-Route, packte meine Koffer, sagte meinen Freunden adieu – und fuhr los.

Was ich auf meiner knapp 12 Monate währenden Expedition zu den Schmetterling erlebte, sah und „hörte“, findet sich festgehalten auf den nachfolgenden Seiten: Geschichten über eine mehr denn je vom aussterbenden Spezies – gesammelt in meinem Schmetterlingsjahr!

Mein eingangs geschildertes erstes „Tagpfauenauge“, das mich die Schmetterlinge „hören“ lehrte, haben wir damals übrigens wenig später durchs offene Küchenfenster in den strahlend blauen Hanauer Juli-Himmel in die Freiheit entlassen. Das Geräusch aber, das ich im ehemaligen Klavierzimmer meiner damals bereits ausgezogenen Tante Inge von ihm erzeugt vernahm, (ich bezog das Tanten-Zimmer wenig später übrigens selbst, und hielt darin meine ersten Raupen vom „Großen Kohlweißling“ (lat. pieris brassicae) und vom „Keinen Fuchs“ (lat. Aglais urticae) in den dickwandigen Einmachgläsern meiner Großmutter) habe ich nie vergessen! Es verbindet mich bis heute unverbrüchlich mit ihm. Und mit all seinen Artgenossen.

Vorveröffentlichung der Einleitung aus: Peter Henning, „Mein Schmetterlingsjahr“. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Konrad Theiss.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 28.2.2018

Peter Henning, Foto: Marie Rauch
Peter Henning, Foto: Marie Rauch
Erschient im März:

Peter Henning
Mein Schmetterlingsjahr
Gebunden, 228 Seiten
ISBN-13: 9783806236873
Konrad Theiss, Darmstadt 2018

Buch bestellen