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Oliver Reese, seit der Spielzeit 2017/18 Intendant des Berliner Ensemble, möchte die zeitgenössische Dramatik in der Tradition Bertolt Brechts und Heiner Müllers fördern. Unter Mithilfe von Moritz Rinke hat er ein Programm für Gegenwartsautoren aufgelegt, das zur Entstehung neuer Stücke beitragen soll. Walter H. Krämer stellt das Autoren-Programm des BE vor.

Theater

Neue Dramen braucht das Land

Blickt man auf die Spielpläne der deutschen Theater, könnte man mit Duke Ellington, der dies allerdings auf Jazz bezog, sagen: „Theater ist die Freiheit, viele Formen zu haben“. Das Drama als literarische Gattung ist längst nicht mehr die einzige und bevorzugte Form. Alle Arten von Texten werden auf der Bühne realisiert, ohne im eigentlichen Sinne dramatisch oder für das Theater geschrieben zu sein. Wir finden beispielsweise Prosatexte, Romane, Drehbücher, Lyrik und Hörspiele als Vorlage für eine Inszenierung. Das Matthäus-Evangelium genauso wie Romanbestseller, die Textflächen von Elfriede Jelinek, Filmdrehbücher oder die Texte bekannter Autoren wie beispielsweise Kafka und Dostojewski.

Liegt es daran, dass es nicht mehr genügend gute Stücke gibt? Keine mehr geschrieben werden? Und die, die geschrieben werden, immer enger werden, sich in Beziehungskisten und -fragen erschöpfen, anstatt die Gesellschaft differenziert abzubilden und zu reflektieren? Zum Teil scheint das so zu sein, denn die Theater versuchen auf unterschiedlichen Wegen, an neue Texte zu kommen, Autor*innen zu ermutigen, für das Theater zu schreiben. Sei es, dass diese über einen bestimmten Zeitraum an ein Haus verpflichtet werden. Sei es, dass Theater Stückaufträge an einzelnen Autor*innen vergeben.

Oliver Reese © Jonas Holthaus
Oliver Reese © Jonas Holthaus

Drängende Themen unserer Zeit

Ein weiteres Modell, wie das Theater wieder zu Stücken kommen kann, in denen öffentliche Belange verhandelt werden und die sich mit der heutigen Welt in all ihrer Komplexität auseinandersetzen, wird gerade am Berliner Ensemble unter der Intendanz von Oliver Reese und unter Mithilfe von Moritz Rinke in Angriff genommen. Für Reese ist es der Auftrag an das Berliner Ensemble und ihm persönlich ein oft formuliertes Anliegen, sich mit den drängenden Themen unserer Zeit zu beschäftigen und gesellschaftliche Fragen auf der Bühne zu diskutieren – mit einem klaren Bekenntnis zur zeitgenössischen Dramatik in der Tradition u.a. Bertolt Brechts und Heiner Müllers: „Eine wichtige Tradition des BE ist neben einem starken Ensemble seit jeher ein Spielplan mit Gegenwartsautoren. (…) Das ist die Tradition, in die ich dieses Theater wieder stellen möchte, insbesondere in dieser hochdramatischen Zeit.“

Der Stellenwert, dem hierbei internationaler zeitgenössischer Dramatik beigemessen wird, zeigt sich insbesondere an einem umfassenden Autoren-Programm, das unter der Leitung des Schriftstellers und Dramatikers Moritz Rinke neue Autorinnen und Autoren für die Bühne gewinnen will. Darunter vor allem solche, die bisher kaum oder noch nie für das Theater geschrieben haben. Gemeinsame Arbeitsverfahren sollen ausprobiert werden und die Texte in unterschiedlichen Phasen der Entstehung mit Regisseur*innen sowie Schauspieler*innen in Workshops ausprobiert und weiterentwickelt werden. Scheitern inbegriffen. Dieser offene Prozess nach englischem Vorbild hat hier im deutschsprachigen Raum Modellcharakter.

Das Drama wird überleben

„Es ist aufregend, was bei uns gerade passiert“, sagt Moritz Rinke, dessen Theaterstück „Wir lieben und wissen nichts“ zu den am häufigsten gespielten der Republik gehört. Man wolle von Anfang an eng mit den Autoren und Autorinnen des Programms zusammenzuarbeiten, plane eine „Revolution der neuen Rückbesinnung“ und suche nach Geschichten, Handlung, Zeitgenossenschaft. Dabei setze man auf Teamarbeit.

Das Drama – ähnlich wie das Theater – oft totgesagt, wird überleben. Egal wie komplex sich die globalisierte Welt auch entwickeln und darstellen mag. Das europäische Theater sei von Beginn an Autorentheater – und werde dies auch noch lange bleiben – trotz Postdramatik, Dekonstruktion, Performance und Happening.

Erste Teilnehmer*innen des Autoren-Programms sind die Romanautorin Olga Grjasnowa, der Journalist Dirk Kurbjuweit sowie der vielfach ausgezeichnete Filmemacher Burhan Qurbani. Olga Grjasnowa wurde in Baku, Aserbaidschan, geboren. 1996 übersiedelte die Familie als Kontingentflüchtlinge nach Hessen, wo sie mit elf Jahren Deutsch lernte und in Frankfurt am Main die Schule abschloss. Ihr 2012 erschienenes Romandebüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ erregte auf Anhieb Aufsehen und wurde bereits für die Bühne adaptiert. Dirk Kurbjuweit, 1962 in Wiesbaden geboren, war von 1990 bis 1999 Redakteur bei der ZEIT, dann beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel als Reporter, stellvertretender Leiter des Hauptstadtbüros, politischer und heute stellvertretender Chefredakteur. Burhan Qurbani, geboren 1980 in Erkelenz als Sohn afghanischer politischer Flüchtlinge in Deutschland, arbeitet als Filmregisseur und Drehbuchautor. Sein Film „Shahada“, eine Auseinandersetzung mit dem muslimischen Glauben und der deutschen Lebensrealität, wurde mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Noch sind erste Ergebnisse nicht bekannt und auf der Bühne realisiert. Man darf jedoch gespannt und mit Neugier darauf hoffen und warten. Denn – wie schon gesagt – es ist Zeit für neue Dramen auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

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erstellt am 28.2.2018

Berliner Ensemble (Theater am Schiffbauerdamm), © Moritz Haase
Berliner Ensemble (Theater am Schiffbauerdamm), © Moritz Haase