Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Claus Peymann kehrt mit „König Lear“ an den Ort seiner größten Erfolge zurück, Eric Gauthier lässt Nadav Zelner sein erstes abendfüllendes Ballett choreographieren, während Schorsch Kamerun den „Sommernachtstraum“ mit Kybernetik verbindet. Thomas Rothschild hat drei bemerkenswerte Premieren in Stuttgart besucht.

Theater und Tanz

Stuttgarter Premieren

Es ist offenkundig: Ein großer Teil der deutschen Regisseure und Dramaturgen hat das Vertrauen in sein Metier verloren. Man mag sich fragen, was sich so grundlegend verändert hat, dass ein Modell, das sich durch zweieinhalb Jahrtausende bewährt hat, plötzlich nicht mehr taugen soll: Schauspieler übernehmen eine Rolle, stellen etwas dar, was sie selbst nicht sind, zeigen leibhaftig und in Anwesenheit von Zuschauern eine Handlung oder einen Zustand, produzieren eine künstliche Realität, die sich der Erfahrungswirklichkeit mehr oder weniger annähert, sie transzendiert, Vergangenheit oder Zukunft in die Gegenwart holt, aber stets mehr und etwas anderes ist als eben diese Alltagsrealität. Sie kann sich, muss sich aber nicht diverser Mittel bedienen, die die Täuschung unterstützen, wie Masken, Kostüme, Bühnenbilder, eine modifizierte Sprache. Diese Mittel sind so alt wie das Theater selbst und entsprechen offenbar dem Vergnügen an der Verstellung anstatt der bloßen Abbildung des ohnehin Bekannten.

Man mag sich auch fragen, warum jene, die dies für altbacken, verstaubt, überholt halten, ausgerechnet im Theater arbeiten müssen. Gäbe es nicht genug alternative Betätigungsfelder, auf denen sie gestalten könnten, was sie für zeitgemäß und modern halten, vom Fernsehstudio bis zur Börse, vom Selbsterfahrungszentrum bis zur Disco?

Claus Peymann hält mit einer von den einen diffamierten, von anderen bewunderten Sturheit an der traditionellen Vorstellung von Theater fest. Das hat er nun in Stuttgart mit einem Drama bewiesen, das seit vier Jahrhunderten zum Kernbestand des illusionistischen Theaters gehört: mit Shakespeares „König Lear“. Er lässt es sozusagen „vom Blatt“ spielen, nimmt den Autor ernst und versucht gar nicht erst, ihn für andere Zwecke zu instrumentalisieren. Im Zentrum von Peymanns Inszenierung stehen die Darsteller. Was einst als Regietheater eine Revolution einzuleiten schien, ist mittlerweile, im veränderten Umfeld, das eigentliche Schauspielertheater. Dabei stellt sich die Frage nach der aktuellen Bedeutung gar nicht erst. Die Antwort liegt auf der Hand. Wer Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu hören, muss nicht lange darüber nachdenken, was die Geschichte eines alten Manns, der von jenen, von denen er sich geliebt glaubte, verraten wird, mit der Gegenwart zu tun hat. Dazu tragen die Nebenhandlungen, trägt die geniale Konstruktion des Stückes bei, die Parallelfigur des Gloster, die Intrige seines illegitimen Sohns Edmund, die hingebungsvolle Treue Kents, die Gewissensbisse von Gonerils Ehemann Albany, Cordelias Abneigung gegen hohle Rhetorik, die Flucht Edgars in den vorgetäuschten Wahnsinn und Lears tatsächliche Verwirrung angesichts der Gemeinheiten seiner älteren Töchter, die Weisheit des Narren. Im Übrigen verrät man kein Geheimnis, wenn man daran erinnert, dass für die aparteren Einfälle in Peymanns legendären Inszenierungen sein langjähriger Dramaturg Hermann Beil verantwortlich war. Der sitzt jetzt nicht mehr im Boot.

Martin Schwab (rechts im Bild) als König Lear am Schauspiel Stuttgart, Foto: Thomas Aurin

Für die Titelrolle hat Peymann einen anderen Kompagnon aus jener in die Stuttgarter Theatergeschichte eingegangenen Epoche, in der er hier Intendant war, mitgebracht: Martin Schwab. Der war schon damals, vor vierzig Jahren, ein großartiger, unverwechselbarer Schauspieler und ist es, vor allem am Burgtheater, geblieben. Aber sein Grundgestus ist sanft, fast lethargisch. Er bewegt sich meist langsam, wird selten laut, kann zwar komisch sein, überzeugt aber eher durch eine fast melancholische, manchmal mürrische, aber stets konzentrierte In-sich-Gekehrtheit. In der Wiener Inszenierung von Luc Bondy spielte er den Gloster neben Gert Voss als Lear. Dass er nicht unbedingt die Idealbesetzung für den aufbrausenden, den noch im Leid widerspenstigen König sein würde, konnte man ahnen, und die Vorahnung hat sich bestätigt. Martin Schwab ist immer noch ein eindrucksvoller Lear, äußerst präsent und berührend vom ersten Moment an, da er im weißen Sommeranzug die fast leere Bühne von Karl-Ernst Herrmann für sich beansprucht und die Töchter hinten an der schmalen Tür auf ihren Auftritt warten, aber mit Paule Ackermann: „Etwas fehlt.“ Neben ihm wirkt der kompakte, auf jede überflüssige Geste verzichtende Elmar Roloff als Gloster vorübergehend fast wie die eigentliche Zentralfigur.

Manches Detail irritiert: Der gefesselte Kent (Peter René Lüdicke) verkasperlt eine der düstersten Situationen des Dramas, der sinnstiftende Satz „Die Jungen steigen, wenn die Alten fallen“ verändert seine Bedeutung durch die Überbetonung von „steigen“. Warum „Cornwall“ durchweg als „Cornwell“ ausgesprochen wird, hat sich dem beckmesserischen Rezensenten nicht erschlossen. Aber insgesamt hält die Inszenierung die Aufmerksamkeit über vier Stunden hinweg wach. Dabei spielt das Timing, die kalkulierte Folge von Auf- und Abtritten, die gestörte Symmetrie der von Margit Koppendorfer weinrot und giftgrün eingekleideten abgrundtief bösen Schwestern Goneril (Manja Kuhl) und Regan (Caroline Junghanns), Jannik Mühlenwegs Edmund, der wie ein Neonazi-Kamerad von Gert Voss‘ Richard III. anmutet, Lukas T. Sperbers Edgar, der in seiner Faunhaftigkeit das Gegenstück zu Lea Ruckpaul bildet, wenn diese eher an Ariel oder Puck denken lässt als an den lebensklugen Narren, die Visualisierung innerer Befindlichkeiten durch Sturm und Regen, auch die Lichtregie von Karl-Ernst Herrmann und Felix Dreyer eine entscheidende Rolle.

Streiten kann man sich über Jutta Ferbers Prosabearbeitung der Übersetzung von Wolf Baudissin aus dem Jahr 1832. Ihre stellenweise flapsige Annäherung an die Gegenwartssprache hat zwar den Vorzug, dass sie den Text für jeden unmittelbar verständlich macht, aber sie beraubt ihn der Poesie. Wenn der Narr, dargestellt eben von der mit jedem hörbaren Atemzug an die junge Therese Affolter erinnernden Lea Ruckpaul, die auch die Cordelia verkörpert, ihr „Hey, ho, the wind and the rain“ im englischen Original singt, begreift man, was Verse und eine (veraltete?) Kunstsprache vermögen.

„Bullshit“ von Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart, Foto: Regina Brocke

Drei Tage vor Claus Peymanns triumphaler Rückkehr an den Ort seiner größten Erfolge – ein weiterer Triumph eines Jungen, der noch hier geblieben ist: Eric Gauthier. Die Alten müssen nicht fallen, damit die Jungen steigen. Gauthier hat den Israeli Nadav Zelner eingeladen, für die Truppe am Stuttgarter Theaterhaus sein erstes abendfüllendes Ballett zu choreographieren. Der nannte es „Bullshit“, was Gauthier kurioserweise für schrecklich gewagt hielt. Aber es darf einen wohl nichts mehr wundern, wenn in diesen Zeiten der neuen Prüderie sogar das traditionelle Weihnachtsrätsel der „Stuttgarter Zeitung“ von Ruprecht Skasa-Weiß entfallen musste, weil es sich den Furz zum Thema machte. Was Luther recht ist, ist einer Chefredaktion noch lange nicht billig.

So gleiten nun die Tänzerinnen und Tänzer barfuß über den rosafarbenen Boden unter rosafarbenen Stoffbändern, die von oben herab hängen und von einer raffinierten Lichtregie in weitere Rosatöne getaucht werden, und wechseln in abrupte Bewegungen. Rosa sind auch die Kostüme, die einer Geschlechterambiguität Vorschub leisten. Der 65-minütige Abend lebt von Kontrasten, zwischen Langsamkeit und Geschwindigkeit, zwischen Solisten und Paaren auf der einen und größeren Formationen auf der anderen Seite, zwischen angedeuteten Stimmungen wie Zorn, Freude, Stolz oder Angst, die durch Mimik unterstützt werden. Am Schluss konkurrieren Solisten im Kreis von admiradores: ein Modell, wie man es aus den Volkstänzen zahlreicher Kulturen kennt.

Aus der modernen Folklore, der Popmusik, schöpft auch die Folge von Titeln, die deutlich machen, wie sehr die Musik im Tanztheater den Ausschlag geben kann. Nach der einleitenden Musical-Ouvertüre von Cole Porter hört man Gospelchöre und neuere und ältere afrikanische Melodien. Diese Musik ist für sich genommen schon ein purer Genuss, hat aber offensichtlich auch Teile der vitalen Choreographie inspiriert. Bullshit? Bullshit!

Schorsch Kameruns „Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley“ im Kammertheater, Foto: Julian Marbach

Einen Tag nach der „Lear“-Premiere dann im Kammertheater, einer der Nebenspielstätten des Stuttgarter Staatstheaters, die Gegenposition zu Peymanns Regie-und-Schauspielertheater: Uraufgeführt wird „Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley“ von Schorsch Kamerun. Von Haus aus ist der Autor, Regisseur und Mitwirkende Musiker, aber seit einiger Zeit hat er sich als Allroundkünstler einen Namen gemacht – eben den Namen Schorsch Kamerun, denn in Wahrheit heißt er Thomas Sehl.

Im Hauptraum des Kammertheaters sind Kabinen vollgestopft mit Installationen, in denen Statisten Tätigkeiten simulieren, die im weiten Sinne mit Datentechnik zu tun haben. Fantasievoll maskierte und verkleidete Figuren schreiten an den umhersitzenden und -stehenden Zuschauern vorbei. Aus dem ansteigenden Zugang zum Spielraum werden per Video Banalchoreographien übertragen. Ein veritabler Opernsänger trägt Schubert-Lieder vor. Und all dies wird begleitet von der eher monotonen Musik von PC Nackt und Schorsch Kamerun himself und einer über ein Mikrophon in die Kopfhörer des Publikums übermittelten Dauertextmontage, durch die sich als rote Fäden die beiden im Titel des Abends adressierten Themen ziehen: Shakespeares „Sommernachtstraum“ und die Kybernetik. Gegen Ende kommen sie zusammen in einem Gag: Max Reinhardts berühmter Film wird von drei Kreuzungen aus Shakespeare-Figur und Maschinenmensch mit Dialogen zur digitalen Wirklichkeit lippensynchron übersprochen.

Das ergibt ein paar hübsche Bilder, ein paar amüsante Momente. Das mag alles Mögliche sein, nur eins ist es nicht, nämlich: neu. Die Syntax der Performance folgt den Anweisungen des Surrealismus („die zufällige Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch“) und hat somit rund 100 Jahre auf dem Buckel. Die Akkumulation von Räumen und Installationen gehört seit Jahren zum Bestand jeder größeren Kunstausstellung oder solcher Gruppen wie SIGNA. Die Paraden von Maskierten exploitieren das uralte Modell von Fastnachtsumzügen. Der Einsatz von Laien ist so alt und manchmal so quälend wie das dilettantische Amateurtheater. Und Video? Es scheint mittlerweile unverzichtbarer als eine Sprechausbildung. Das Prinzip der Verknüpfung von nicht Zusammengehörigem, des Verzichts auf kausale und temporale Logik birgt die Gefahr der Beliebigkeit in sich. Anything goes. Ob das Ergebnis als gelungen betrachtet werden kann, liegt im Auge des Betrachters. Die Entscheidung fällt umso leichter, als es die Methode der Zuschauerin und dem Zuschauer überlässt, ob sie oder er die Cyberwelt begrüßt oder ablehnt. Sie bedient sich der Mittel, die sie oberflächlich zu kritisieren scheint.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 27.2.2018

Claus Peymanns „König Lear“ am Schauspiel Stuttgart, Foto: Thomas Aurin

Theater

König Lear

von William Shakespeare
Neufassung von Jutta Ferbers nach der Übersetzung von Wolf Baudissin

Regie Claus Peymann, Bühne Karl-Ernst Herrmann, Kostüme Margit Koppendorfer

Besetzung Martin Schwab, Manja Kuhl, Caroline Junghanns, Lea Ruckpaul et al.

Schauspiel Stuttgart

Tanz

Bullshit

Choreograph Nadav Zelner, Licht Avi Yona Bueno, Bühnenbild Netta Dror, Kostüme Maor Zabar

Tanz Garazi Perez Oloriz, Anna Süheyla Harms, Rosario Guerra, Anneleen Dedroog, Sandra Bourdais, Maurus Gauthier et al.

Theaterhaus Stuttgart

Performance

Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley

Shakespeares Zauberwald als psychedelisches Maschinenklangländle
von und mit Schorsch Kamerun

Schauspiel Stuttgart / Kammertheater