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Am 24. Februar 2018 feiert Detlev Claussen seinen 70. Geburtstag. Er studierte in Frankfurt unter anderem bei Theodor. W. Adorno und Max Horkheimer. 1994 wurde Claussen Professor für Gesellschaftstheorie, Kultur- und Wissenschaftssoziologie an der Universität Hannover. Gregor-Sönke Schneider würdigt das Werk des Kritischen Theoretikers.

Detlev Claussen zum 70. Geburtstag

Fortzusetzen…

Im Nachhinein mag man es kaum glauben: von 1970 an konnte man knapp 40 Jahre lang an der Universität in Hannover authentische Kritische Theorie studieren. Mit der Berufung Oskar Negts kam eine Reihe von Sozialwissenschaftlern aus Frankfurt am Main nach Hannover, um an der dortigen Hochschule an der Erneuerung der Kritischen Theorie zu arbeiten. Einer davon war Detlev Claussen, der aus Bremen gekommen von 1966 bis 1971 in Frankfurt Philosophie, Soziologie, Literatur und Politik studierte – u.a. bei Theodor. W. Adorno und Max Horkheimer. In seiner Studenzeit besuchte Claussen neben Lehrveranstaltungen von Adorno und Horkheimer auch Seminare von Jürgen Habermas, Alfred Schmidt und Oskar Negt, wie z.B. dessen berühmtes rechtsphilosophisches Seminar. Seither ist das zentrale Motiv von Claussens intellektueller Tätigkeit die Fortführung der Kritischen Theorie mit dem Ziel die Gesellschaft unter dem Aspekt ihrer Veränderbarkeit zu beschreiben ohne dabei die außerakademische Erfahrung außer Acht zu lassen. Claussen nimmt den Impetus der Kritischen Theoretiker auf, die 1944 an das Ende des Kulturindustriekapitels im Manuskript der Dialektik der Aufklärung den Hinweis „fortzusetzen“ hinterließen.

Von 1971 an arbeitete Claussen am damaligen sozialwissenschaftlichen Seminar der technischen Universität in Hannover und promovierte 1978 mit der Dissertation List der Gewalt. Soziale Revolutionen und ihre Theorien, die dem 1970 bei einem Autounfall tödlich verunglückten Hans-Jürgen Krahl gewidmet war. Krahl war es, der Claussen als 19-Jährigen in Adornos Hauptseminar über negative Dialektik mitgenommen hat, in dem auch seine Freundschaft mit Angela Davis ihren Anfang fand. Mit seiner 1985 fertiggestellten und seinen viel zu früh verstorbenen akademischen Lehrern Horkheimer und Adorno gewidmeten Habilitationsschrift Grenzen der Aufklärung – mittlerweile ein Standardwerk in der Antisemitismusforschung – knüpft Claussen unmittelbar an die Elemente des Antisemitismus an, indem er die Genese des modernen Antisemitismus nachzeichnet und dessen Fortleben nach Auschwitz analysiert. In seiner nach dem Film von Alexander Kluge benannten Antrittsvorlesung Abschied von gestern. Kritische Theorie heute formuliert er den Anspruch einer Kritischen Theorie unter veränderten gesellschaftlichen Konstellationen: „Kritische Gesellschaftstheorie sieht sich genötigt, wenn sie à jour sein will – und sie muss es wollen, – einen geschichtlichen Begriff von sich selbst zu entwickeln, um einen gesellschaftlichen Begriff der neuen Epoche der Vorgeschichte entfalten zu können. Ohne die Neubestimmung von Geschichte und Gesellschaft kann Gesellschaftstheorie als emanzipatorische nicht überleben.“

Rückkehr nach Hannover

Nach zehn Jahren als freelance writer und verschiedenen Lehrtätigkeiten an den Universitäten in Göttingen, Marburg und Duisburg kehrte Claussen nach Hannover zurück: 1994 wurde er Professor für Gesellschaftstheorie, Kultur- und Wissenschaftssoziologie an der Universität Hannover. 1999 rief Claussen zusammen mit Oskar Negt und Michael Werz die Hannoversche Schriften ins Leben, von denen bis 2004 sechs Bände entstanden. Sie boten den institutionellen Rahmen zur Fortsetzung kritischer Gesellschaftstheorie wie es im ersten Band heißt: „Eine Erneuerung der Kritischen Theorie steht vor der paradoxen Aufgabe, Bestandteile traditionell gewordenen Wissens mobilisieren zu müssen, um Kritik erneuern zu können. Die Hannoverschen Schriften sollen diesen Prozess des Abkratzens der Schulgelehrsamkeit und der intellektuellen Einmischung in eine veränderte Gesellschaft als einen lebendigen vorstellen.“ Eine Reihe prominenter und fähiger Autoren und Autorinnen kamen zu den verschiedensten Themen zu Wort. Darunter aus Frankfurt gekommene Mitstreiter wie Regina-Becker Schmidt und Joachim Perels und international renommierte Wissenschaftler wie Martin Jay, Paul Parin und Benedict Anderson. Der dritte Band versammelt Claussens Arbeiten zur Ideologiekritik – eine der zentralen Kategorien kritischer Gesellschaftstheorie. Konsequent entwickelt Claussen darin den Begriff der Alltagsreligion als eine Bewusstseinsform in modernen Gesellschaften: „Der emanzipatorische Anspruch der europäischen Aufklärung, das Leben bewusst zu gestalten, ist in die gesellschaftliche Erwartung übergegangen, über alles informiert zu sein. Die Verkürzung des Bescheidwissens gegenüber dem Wissen ist in vielen Aphorismen Horkheimers und Adornos ausgesprochen worden. Wenig beachtet blieb aber die allgemein übliche Annahme einer trivialisierten Aufklärung, jede Praxis auf eine Theorie zurückzuführen. Das Resultat dieser verballhornten Aufklärung kann man Alltagsreligion nennen, eine äußerst flexible Bewusstseinsform von modernen Menschen, die gegen Aufklärung resistent geworden ist.“

Wer als Studierender der Sozialwissenschaften in Hannover dialektisch denken lernen wollte, ging zu Claussens Lehrveranstaltungen. Nicht jeder blieb dabei, sondern schlug intellektuell weniger hinderliche Wege ein. Oft fand sich in den Vorlesungsverzeichnissen der Hinweis zu seinen Seminaren und Vorlesungen, dass man der Lehrveranstaltung nicht beiwohnen bräuchte, wenn man nicht bereit sei hart zu arbeiten. Er verlangte den Studierenden sehr viel ab, aber die harte Arbeit der Theorie brachte letztlich Erkenntnisgewinn, so dass sich die Veranstaltungen für diejenigen zum Geheimtipp entwickelten, die Kritische Theorie studieren wollten – insbesondere nach der Emeritierung Negts und dem Weggang von Werz. Claussen bot Seminare zur Soziologie der Gewalt, zum Ethnonationalismus und Anti-Amerikanismus an, ebenso wie zu Rassismus, Antisemitismus und Globalisierung. In regelmäßigen Einführungsseminaren wurden klassische soziologische Texte von Weber, Simmel und Marx gelesen – stets im Original, was heute fast schon eine Rarität ist.

Eines der schönsten Fußballbücher

Wer bei den Seminaren zum Fußball auf körperliche Betätigung gehofft hatte, sah sich schnell getäuscht, denn auch hier wurde hart mit dem Kopf gearbeitet. Fußball – ein Thema, das hierzulande aus akademischer Sicht entweder müde belächelt oder mit Martin Walser-Zitaten abgetan wird, während es in anderen Teilen der Welt zum Standardrepertoire eines fähigen Sozialwissenschaftlers gehört. Das 2006 erschienene Buch Bela Guttmann. Weltgeschichte des Fußballs in einer Person vom Werder Bremen-Fan Claussen ist eines der schönsten Fußballbücher überhaupt und nicht nur Fußballfans ans Herz zu legen, die eine Hymne auf den Offensivfußball lesen wollen, sondern auch denjenigen, die an einer personifizierten Geschichte von Flucht und Migration interessiert sind. Seine wöchentliche Soziologie-Vorlesung, die jedes Semester anders war, da er ihr stets einen aktuellen Bezug gab, hielt er frei und nur mittels ein paar Notizen. Leider wurden diese luziden Gedanken nie in Buchform veröffentlicht, jedoch gibt es eine Audioaufnahme aus dem Wintersemester 2007/2008, die mittlerweile bei jungen Studierenden ein zweites Publikum gefunden hat.

Eine wahre Herzensangelegenheit stellte sein Forschungs- und Examenscolloquium dar, das zuletzt unter dem Titel Kritische Theorie globaler Gleichzeitigkeit firmierte. Passend zu Claussens Kritik am eurozentrischen Weltbild fanden hier ForscherInnen aus Deutschland, Spanien, Indien, Brasilien, Korea und Thailand zusammen, um ihre kritisch-theoretischen Arbeiten vorzustellen, zu diskutieren und in kollektiver Anstrengung weiterzuentwickeln – oft verbunden mit dem anschließenden Besuch der hannoverschen Gaststätte Kaiser, wo bei gutem Essen und Trinken weiter diskutiert oder manchmal Fußball geguckt wurde. Als akademischer Lehrer war er mehr als ein Professor: Wenn man nach einem anstrengenden Semester ausgebrannt oder am Anfang seiner Dissertation hoffnungsvoll in seiner Sprechstunde saß, fand er die richtigen Worte – sei es als leidenschaftlicher Motivator, kritischer Mahner oder humorvoller Mensch, der er ist. Die persönliche, individuelle Beziehung zu seinen SchülerInnen lässt er nicht nach Abschluss der akademischen Ausbildung enden. Auch hier schließt sich eine zweite Halbzeit an.

Seinen Abschied von der universitären Institution leitete Claussen im Wintersemester 2010/11 mit seiner wöchentlichen Soziologie-Vorlesung ein, die er zu diesem Anlass Abschied von vorgestern umbenannt hatte. Knapp 20 Jahre konnte man bei Claussen Kritische Theorie studieren bis er 2011 – als letzter der Frankfurter, die in den 1970er Jahren nach Hannover kamen – mit seiner Emeritierung die Leibniz Universität verließ. Als Autor, kritischer Rezensent, Gesprächspartner und Vortragender tritt Claussen weiterhin in Erscheinung – manchmal auch noch in Hannover.

Detlev Claussen feiert am 24. Februar 2018 seinen 70. Geburtstag – in Frankfurt am Main mit seiner wundervollen Frau Ewa, deren Anteilnahme an seinem Wohlergehen sein unverzichtbares Lebenselixier ist, wie er in seinem 2003 erschienenen und vielbeachteten Buch Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie schreibt.

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erstellt am 22.2.2018

Detlev Claussen, Foto: Philipp von Ditfurth

Im Text erwähnte und zitierte Literatur:

Detlev Claussen, Abschied von gestern. Kritische Theorie heute, Verlag Bettina Wassmann, Bremen 1987

Detlev Claussen, Aspekte der Alltagsreligion. Ideologiekritik unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen. Hannoversche Schriften 3 Herausgegeben von Detlev Claussen, Oskar Negt und Michael Werz, Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 2000

Detlev Claussen. Bela Guttmann. Weltgeschichte des Fußballs in einer Person Berenberg, Berlin 2006

Detlev Claussen, Einführung in die Soziologie, Auditorium Netzwerk. Verlag für audio-visuelle Medien, Mülheim 2009

Detlev Claussen. Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus Fischer, Frankfurt am Main 1987

Detlev Claussen, List der Gewalt. Soziale Revolutionen und ihre Theorien, Campus, Frankfurt am Main/ New York 1982

Detlev Claussen, Theodor. W Adorno. Ein letztes Genie Fischer, Frankfurt am Main 2003

Oskar Negt, Über Sinn und Unsinn philosophischer Schulbildungen, in: Hannoversche Schriften 1. Keine Kritische Theorie ohne Amerika herausgegeben von Detlev Claussen, Oskar Negt und Michael Werz, Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1999