Yanick Lahens zählt zur kritisch-engagierten, intellektuellen Elite Haitis. Sie wurde 1953 in Port-au-Prince geboren, hat Literaturwissenschaft in Paris studiert und als Lehrerin, Dozentin und Lektorin in Haiti gearbeitet. Sie war Gründungsmitglied der Schriftstellervereinigung und engagiert sich bis heute in führenden gesellschaftspolitischen Initiativen.
Immer wieder betont sie, dass nicht nur Korruption und Inkompetenz die haitianische Verwaltung prägen, sondern vor allem Professionalität und Fleiß. Gerade die Menschen, die nach Büroschluss noch ihren Dienst versahen, kamen in den stürzenden Mauern um. Ihr Andenken zu verunglimpfen heiße: „Nun sterben sie ein zweites Mal.“

Andrea Pollmeier sprach mit Yanick Lahens.

Gespräch mit Yanick Lahens

»Ich glaube an den Sinn des Handelns«

Sie sprechen in Ihrem Buch „Und plötzlich tut sich der Boden auf“, das als Reaktion auf die Erlebnisse nach dem Erdbeben in Haiti entstanden ist, von der „Exotik des Elends“. Welche Beobachtungen haben Sie zu dieser Einschätzung veranlasst?

Die Berichte der internationalen Medien waren nach dem Erdbeben voller Klischees über Haiti. Drei Stereotype treten besonders hervor. Erstens erscheint Haiti als Land, das einem Fluch unterliegt, dem es nicht entrinnen kann. Mit dieser Vorstellung ist der Gedanke verbunden, das haitianische Volk besitze eine außergewöhnliche Widerstandskraft, die es befähigt, Elend zu überstehen. Dieses zweite Stereotyp, das mit dem Begriff „Resilienz“ umschrieben wird, ist besonders irreführend. Die Menschen in Haiti kämpfen um ihr Überleben, diese Haltung ist nicht Teil ihres Wesens, sondern durch die Umstände erzwungen. Ein drittes Vorurteil bezieht sich auf die Behauptung, in Haiti gebe es ungewöhnlich viel Gewalt.

Sie antworten auf diese Klischees mit einer Provokation: In Ihrem Buch sagen sie herausfordernd: Haiti hat eine zentrale Bedeutung für die Welt.

Ja, genau. Haiti konnte durch seine besondere Geschichte dazu beigetragen, die Ideen der Französischen und Amerikanischen Revolution voranzutreiben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sprach man von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, hielt aber gleichzeitig an der Sklaverei fest. Die haitianische Revolution, die 1804 in die Unabhängigkeit der Republik Haiti mündete, verstand die Idee der Gleichheit viel weitreichender und hat so weltweit Bedeutung erlangt. Dieser haitianische Beitrag ist noch immer aktuell, sehr modern und in diesem Sinne zentral.

Das Erdbeben hat die Armut Haitis weltweit ins Bewusstsein gerückt. In Ihrem Buch spüren Sie den Gründen nach, die zu dieser Armut beigetragen haben.

Armut hat eine Geschichte, die durch internationales und haitianisches Verhalten bestimmt worden ist. Die Geschichte Haitis beeinflusst hat erstens die Tatsache, dass Haiti nach seiner Befreiung einem Bann der Nationen ausgesetzt war, dass es zweitens an Frankreich für seine Unabhängigkeit hohe Geldzahlungen leisten musste, und drittens, dass Haiti nicht verstanden hat, das aufzubauen, was man heute in einem modernen Sinn eine einheitliche Nation von Staatsbürgern nennt.

In Ihrem Buch wollten Sie die Vorurteile aufbrechen, die sich über Haiti im In- und Ausland verfestigt haben. Um dies zu erreichen, haben Sie eine besondere literarische Form gewählt.

Ich hatte zunächst keine klare Vorstellung, wie ich diese überwältigenden Eindrücke in Worte fassen könnte. Ich habe einfach begonnen, meine Beobachtungen aufzuschreiben und parallel festzuhalten, welche Gedanken sie in mir auslösten. Außerdem hatte ich vor dem Beben gerade begonnen, Anfänge eines Liebesromans, der mir schon lange durch den Sinn gegangen war, niederzuschreiben.
Als ich nach dem Erdbeben an dem Haus vorbei kam, das Schauplatz meiner imaginären Geschichte war, lag es in Schutt und Asche. Ich hatte plötzlich das Gefühl, diese Figuren retten zu müssen. Es war eine Art Zwang, sie auf dem Papier weiter leben zu lassen. So kam es, dass ich in dem Buch die Haltung der Zeugin, der analysierenden Bürgerin und der Schriftstellerin zusammengeführt habe, diese drei Perspektiven entsprachen dem realen Leben. Als Autorin war es dann vor allem meine Aufgabe, die unterschiedlichen Teile in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen und Acht zu geben, dass die fiktiven Teile nicht durch die chronische Beschreibung kontaminiert werden und umgekehrt. Auf diese Weise ist ganz intuitiv diese hybride Erzählhaltung des Buches entstanden.

Nach dem Erdbeben haben inzwischen auch demokratische Wahlen stattgefunden. Internationale Hilfsgelder, die aufgrund der chronisch instabilen politischen Lage lange Zeit nicht ausgezahlt wurden, könnten jetzt an die per Wahl legitimierte Regierung des Präsidenten Michel Martelly ausgezahlt werden und der haitianischen Politik Handlungsspielraum geben. Gehen Sie davon aus, dass die Wahlen eine Zäsur für Haiti bedeuten?

An den Wahlen haben sich 26 Prozent der wahlberechtigten Bürger beteiligt. Innerhalb dieser begrenzten Wählergruppe hat sich eine Majorität für Michel Martelly ausgesprochen. Viele Menschen sehen in dieser Entscheidung eine Zäsur, doch bin ich selbst nicht sicher, dass diese Wahl eine wirkliche Wende bedeutet. Neu ist nur, dass der gewählte Präsident nicht dem politischen Umfeld entstammt, er ist also nicht aus einer Partei hervorgegangen. Er ist ein Sänger, also eher ein Künstler. Dies berechtigt meiner Meinung nach nicht dazu, zu sagen: er gehört nicht dem gesellschaftlichen System an, diese Einschätzung teile ich nicht. Als Künstler ist er zwar nicht Teil des politischen, wohl aber des wirtschaftlichen und sozialen Systems gewesen.
Die Wahl Martellys steht somit in der Tradition der haitianischen Geschichte. Denn in Haiti sind Präsidenten immer wieder aus sozialen Bewegungen hervorgegangen, die keine festen politischen Programme vertraten. Der Präsident folgt einem Populismus, der ganz dem Schema entspricht, das in Haiti seit langem bekannt ist. Im Unterschied zu früher gibt es heute allerdings eine tiefes Misstrauen gegenüber der Regierung, der politischen und wirtschaftlichen Macht und gegenüber den Intellektuellen. Die Verschmelzung dieser Faktoren hat zu dem Wahlergebnis geführt, man darf nicht vergessen, dass ein Musiker gewohnt ist, große Massen zu bewegen. Hier geht es um Verschmelzung, nicht um politische Auseinandersetzung.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Geschichte Haitis in eine positive Richtung wenden wird?

Ich bezeichne mich als „pessimiste active“ (aktive Pessimistin). Bezogen auf Haiti bin ich nicht pessimistisch, aber ich bin pessimistisch, wenn es um die Welt im Allgemeinen geht. Ich glaube jedoch an den Sinn des Handelns. Ich bin ein Mensch, der im Moment der Hoffungslosigkeit weiter handelt. Ich lebe also nicht mit Hoffnung, aber mit Taten. In Haiti habe ich vor allem gelernt, in meinen Erwartungen vorsichtig zu sein.

Jahrzehnte hat es in Haiti Diktaturen gegeben, auch nach der ersten demokratischen Wahl 1990 kehrte kaum politische Stabilität ein. Hat sich aus Ihrer Sicht das politische System dennoch verändert?

Anders als allgemein gesagt wird, meine ich, dass es in Haiti einen Fortschritt gegeben hat. Schon dass jetzt die Wahlen trotz der vorhandenen Probleme stattgefunden haben, ist ein Erfolg. Der Vorgang, Wahlen abzuhalten, wird sich institutionalisieren. Das Stattfinden der Wahl an sich war also aus meiner Sicht schon ein Fortschritt. Ein weiterer Schritt ist das Vorhandensein einer legislativen Macht. Man mag die Kompetenz einiger Parlamentarier kritisieren, doch es gibt auch Politiker im Senat und in der Länderkammer, die gut sind. Meiner Meinung nach erleben wir zurzeit den Übergang in ein politisches System, das eine exekutive und eine legislative Macht aufweist. Diese Gewaltenteilung kennzeichnet bereits einen wichtigen Schritt in Richtung Demokratisierung. Was noch vor uns liegt, ist die Entwicklung der dritten Macht, des Justizwesens. Dieses gilt es noch aufzubauen und zwar vollständig.

Welche Aufgaben sind beim Wiederaufbau des kulturellen Bereichs besonders wichtig?

Eine besondere Herausforderung besteht darin, das nationale Kulturerbe, das durch das Erdbeben zerstört worden ist, wiederherzustellen. Einiges ist in dieser Hinsicht schon mit Hilfe der Smithsonian Foundation geschehen. Beispielsweise wurden die Kunstwerke des Centre d´Art, in dem 4000 Gemälde und Skulpturen Haitis aufbewahrt worden sind, sicher gestellt. Es gibt also noch ein nationales kulturelles Erbe, ein Gedächtnis nationaler Identität, das das Unglück überdauert hat.

Andrea Pollmeier

Das Gespräch ist erstmals erschienen in der Zeitschrift „LiteraturNachrichten“ Nr. 109 im Juli 2011
litprom

VG-Nummer: | erstellt am 27.6.2011

Yanick Lahens, fotografiert von Andrea Pollmeier
Yanick Lahens, fotografiert von Andrea Pollmeier