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Gegenwärtig wird immer wieder gefordert, Fremde, die bei uns Schutz und Heimat suchen, müssten sich unseren Sitten und Gebräuchen „anpassen“. Dabei ist auch von „Leitkultur“ die Rede. Die Frage, wie es dabei um die Selbstachtung der Betroffenen steht, bewegt die Öffentlichkeit hingegen kaum, meint Peter Strasser.

Essay zur Leitkultur-Debatte

Beschädigte Selbstachtung

Neuerdings, in Zeiten von Masseneinwanderung, religiösem Terror und ideologischer Radikalisierung, wird gebetsmühlenartig gefordert, Fremde, die bei uns Schutz und Heimat suchen, müssten sich unseren Sitten und Gebräuchen „anpassen“. Die Frage, wie es dabei um die Selbstachtung der Betroffenen steht, bewegt den öffentlichen Diskurs kaum. Ihr Gewicht erschließt sich vor allem Sozialhelfern, die mit den psychischen Folgen des Assimilationsdrucks konfrontiert sind.

Das Phänomen der beschädigten Selbstachtung steht im Zentrum von Konfliktszenarien, seitdem Gruppen gegen ihre vermeintliche oder tatsächliche Diskriminierung mobilmachen. Und vergessen wir nicht: Es war Teil der kolonialistischen Arroganz, die uns Europäer dazu führte, „inferioren“ Völkern und Rassen das Recht, sich selbst zu achten, abzusprechen.

Am 18. April 1832 hat Charles Darwin in Rio de Janeiro ein Erlebnis, das er in seinem Bericht „Reise eines Naturforschers um die Welt“ festhält. Der Gelehrte, der auf einer Fähre von einem schwarzen Sklaven unterstützt wird, will sich durch lautes Sprechen und heftige Gesten verständlich machen. Dabei kommt er dem Gesicht des Sklaven nahe.

„Ich vermute nun“, schreibt Darwin, „er glaubte, ich sei leidenschaftlich erregt und wolle ihn schlagen; denn sofort ließ er mit einem erschreckten Blick und halbgeschlossenen Augen die Hände herabsinken. Ich werde niemals mein Gefühl von Überraschung, Widerwillen und Scham vergessen, wie ich sah, dass ein großer, starker Mann sich fürchtete, einen, seiner Meinung nach, gegen sein Gesicht gerichteten Schlag auch nur abzuwehren. Dieser Mann war in einem Zustand der Erniedrigung erzogen worden, tiefer als die Sklaverei des allerhilflosesten Tieres.“

Der Menschlichkeit beraubt

Heute, im Zeitalter des Evolutionismus, sind wir daran gewöhnt, die Kontinuität zwischen uns und unseren tierischen Vorfahren zu betonen. Darwins Sklave hingegen befindet sich unterhalb der Stufe des „allerhilflosesten Tieres“, weil er die „Unschuld“ des Tieres nicht mehr besitzt. Stattdessen wurde er seiner Menschlichkeit im ethischen Sinne beraubt.

Das Zerrbild von Menschen „jenseits von Freiheit und Würde“ erhielt dann rasch – und zwar durchaus unter darwinistischer Flagge – einen quasi wissenschaftlichen Unterbau. Cesare Lombroso, Begründer der modernen Kriminologie, sprach im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von der Existenz eines Homo Delinquens, welcher, als „geborener Verbrecher“, eine „anthropologische Varietät“ zum Homo Sapiens hätte sein sollen. Die Nazis vergröberten Lombrosos Schema noch einmal – hin zum „Untermenschen“, einem Geschöpf, das mangels moralischen Empfindens keinerlei Selbstachtung kannte und daher der Achtung aller anderen nicht würdig war.

Mag sein, es gibt psychopathische Menschen, die an einem – wie man das früher nannte – „moralischen Schwachsinn“ (moral insanity) laborieren. Doch im geschichtlich bedeutsamen Regelfall ist es die Umwelt, die auf unliebsame und verhasste Gruppen mit Achtungsverweigerung reagiert. Als Folge davon wird die Selbstachtung der Betroffenen ausgehöhlt: Es ist kaum möglich, sich selbst zu achten als jemand, dem das Recht dazu kollektiv abgesprochen wird.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts – ein halbes Jahrhundert vor dem Holocaust – sind die Juden längst Opfer einer derart verhärteten Etikettierung. „Der jüdische Selbsthass“, so lautet die symptomatische Überschrift der 1930 publizierten Abhandlung des jüdischen Philosophen Theodor Lessing, der später von nazistischen Attentätern ermordet wird. Umgeben von einer antisemitischen Atmosphäre schien es tatsächlich vielen aufgeklärten, gebildeten Juden aus dem Bürgertum unmöglich, sich unter Berufung auf ihre Herkunft selbst zu achten. Vielmehr galt es, akkurat jene Kultur zu hofieren, in deren christlichen Wurzeln – und damit dem „Antijudaismus“ – die Verachtung alles Jüdischen angelegt war. Ja, man musste schließlich ein deutscher Patriot werden …

Gegen Diskriminierung hilft keine Assimilation

Entwürdigungsprozeduren und Würdelosstellungen sind in modernen Gesellschaften, in denen vom Prinzip her jeder ein Gleicher unter Gleichen ist, nicht ohne Rechtfertigung tolerierbar. Daher muss das Mäntelchen der Rationalität über den Ausgrenzungsfuror und, im Extrem, Vernichtungswillen gehängt werden. Die typischen Unterstellungen zielen deshalb seit jeher auf angebliche Persönlichkeitsdefekte ab: das fehlende Gewissen, ein unterentwickeltes logisches Vermögen, Heimtücke, Raffgier, „weibisches Verhalten“, sexuelle Ausschweifung, gepaart mit einer angeborenen Lust zum Bösen.

Darwins „Überraschung“ angesichts des Sklaven, der seinem Herrn das Gesicht hinhält, liegt darin begründet, dass hier ein Homo Sapiens scheinbar akzeptiert hat, ihm fehle die menschliche Basis zur Selbstachtung. Die wahre Ursache für den grundlegenden Mangel, den Darwins Sklave zeigt, liegt jedoch weniger in seiner Psychologie, die es ihm als „natürlich“ erscheinen ließe, rechtlos zu existieren – schon um des eigenen Überlebens willen. Vielmehr wurde der Sklave mit brutalstem Zwang dazu gebracht, sich auf inhumane Weise nichtswürdig zu fühlen, nämlich so, als ob er weniger Würde hätte als ein Tier.

Selbstachtungserringung in Entwürdigungskontexten ist daher nur möglich, wenn solche Kontexte bekämpft, entlarvt und zerstört werden. Gegen den Antisemitismus hilft keine Assimilation, vielmehr einzig – wenn überhaupt – eine offensive Kampfhaltung gegen die Zumutung, als Jude kein Gleicher unter Gleichen zu sein. Dasselbe Emanzipationserfordernis galt und gilt für Frauen, Homosexuelle, Behinderte und andere traditionell diskriminierte Gruppen.

Heute ist anerkannt, dass der Versuch „schwuler“ Männer, durch viriles – typisch „männliches“ – Verhalten ihrer Erniedrigung zu entgehen, vor allem den Verlust der eigenen Selbstachtung zur Folge hat. Frauen wiederum werden im Rahmen einer frauenfeindlichen Umgebung ihre Selbstachtung nicht dauerhaft stabilisieren, indem sie sich bemühen, „wie die Männer zu sein“ – also womöglich besser (oder schlimmer) als jene, die ihnen die angemessene Achtung verweigern.

Wechselseitiger Respekt

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass das gedeihliche Miteinander innerhalb einer regulierten und durch lange Herkunft geprägten Gemeinschaft Integrationsbereitschaft voraussetzt. Doch die Forderung nach „wechselseitigem Respekt“, die für eine Kommunität der Gleichen grundlegend ist, setzt auf beiden Seiten voraus, dass man die Selbstachtung der jeweils anderen Gruppe (die möglicherweise in sich zerstritten ist) nicht akkurat in den allersensibelsten Bereichen ignoriert.

Kein Minarett, kein Kopftuch, kein …! Rechtspopulistische Slogans suggerieren, dass wir zentrale Symbole der muslimischen Identität nicht zu respektieren brauchten, falls sie sich einer „Assimilation“ sperren. Ähnlich unsensibel verhalten sich militante Säkularisten, die ein Verbot der religiösen Beschneidung von Knaben – Zirkumzision – fordern: Im Namen eines vermeintlichen Jugendschutzes will man eine Lebensform kriminalisieren, wobei sich der westlich „Aufgeklärte“ anmaßt, er allein sei kraft seiner Vernunft kompetent, über rituelle Angelegenheiten zu entscheiden.

Darwins Sklave ist der Extremfall eines Erniedrigungskalküls, das uns Europäer scheinbar nur noch als historisches Beispiel beeindruckt. Trotzdem sollten wir nicht aus den Augen verlieren: Rechtliche Engführungen, die einer „leitkulturellen Integration“ geschuldet sind, befördern unter Umständen das Gegenteil ihres gemeinwohlorientierten Zwecks – böses Blut statt Frieden zwischen den Kulturen.

Für den Demokraten sind die Prinzipien des liberalen Rechtsstaates unabdingbar. Gerade deshalb müssen ihm Darwins „Widerwille und Scham“ weiterhin zur Mahnung dienen. Es gilt, den ideologischen Bogen zu bedenken, der sich von rassistischer Entmenschlichung bis hin zum Druck überzogener Assimilationsforderungen spannt. Dieser Druck mag von den alternativlos Betroffenen äußerlich akzeptiert werden. Damit wird freilich ein quälendes Gefühl beschädigter Selbstachtung einhergehen, welches gerade zur Desintegration anstachelt. Das ergibt keine Friedensperspektive.

Zuerst erschienen bei nzz.at

Kommentare


T. Franke - ( 15-02-2018 05:11:29 )
Das Gefährliche, Falsche und Dumme dieses Beitrages liegt natürlich in dem, was er nicht sagt. Man kann alles übertreiben. Die Übertreibung von Anpassungsforderungen wird hier gut vorgeführt. Die Untertreibung derselben wird hier jedoch wortreich beschwiegen. Seyran Ates hatte einst das Konzept des Transkulturalismus vorgeschlagen, um den gordischen Knoten zu zerschlagen. Davon redet aber niemand. Zu gefährlich, weil es ein besseres Gegenkonzept zum herrschenden Narrativ wäre?

Horst Samson - ( 15-02-2018 10:09:39 )
Ach, du lieber Herr Professor Strasser, das unterbietet ja ernsthaft alles, was mir zu diesem Thema je begegnet ist. Also so geht Darwinismus nicht, auch nicht die Discounter-Version für Aldi, Lidl oder Netto! Und erzählen Sie bitte der Welt keine Schau(d)ergeschichten aus Ihrem Köpfchen, von wegen Zerrissenheit, Selbstachtung und Dachschäden oder historischen, 1832 erstmals diagnostizierten seelischen und emotionalen Mängel der bemitleidungswürdigen Vergewaltigern, Mörder oder Steinigern, von bedauernswerten IS-Soldaten, armen Talibans oder Bombenterroristen. Ihre Grazer Luftnummer hier ist großartig, aber eine heftige Luftnummer eben. Gewaltig stört mich zudem auch, dass Sie alle Muslime über ihren muffelnden Kamm scheren und auf die Psycho-Couch drängeln. Bei ihrer augenblicklichen Denkform befürchte ich, dass Sie mich als literaturgläubigen und naturverbundenen Atheisten - rein um europäische Anpassung zu manifestieren - schon morgen als Ungläubigen beschimpfen und mich in Hessen nötigen möchten, fünfmal auf die Knie zu gehen, den Kopf gefällig und gefälligst gen Mekka geneigt, und meiner Frau die Burka aufzwingen wollen. Ich hoffe, werter Herr Professor, Sie machen eines Tages doch auch noch die entscheidende Erfahrung, dass es sehr hilfreich sein kann, erst die Gedanken bündig zu sammeln und strengstens zu prüfen, bevor man versucht, Sinnvolles oder auch Unsinniges zu schreiben, wie Ihr obiges verquertes Herumstochern im Nebel, nein, im Sand der Sahara. Und merken Sie sich ruhig einen Lehrsatz von mir: Auch Unsinniges will gekonnt sein!

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Beide Kommentare sind in ihrer Art typisch, am Rande des ideologisch Verstiegenen (im zweiten Fall darüber hinaus) – vor allem, man versteht sie nicht! Dem ersten Beitrag entnehme ich immerhin, dass man, was Integrationsforderungen betrifft, über- aber auch untertreiben kann. Das wird jedoch aus einer Perspektive des Abscheus vor denen gesagt, die sich anmaßen, ihre Lebensart als Muslime nicht abzulegen und so zu werden, „wie wir“ (was ihnen im Übrigen auch nichts hülfe, solange derartige Kommentare umlaufen). Nebenbei: Neulich habe ich im ORF einen Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde sagen hören, dass man in Wien – und allgemein in Österreich – sich wieder stärker selbst oder durch die Polizei schützen lassen muss, um als Jude, Jüdin, jüdisches Schulkind ungestört leben zu können… Ich weiß: Verschleierte oder offene Hasspostings zu kommentieren ist eigentlich sinnlos, man sollte allerdings auch nicht einfach den Mund halten! Peter Strasser

erstellt am 13.2.2018

Peter Strasser, Foto: privat
Peter Strasser, Foto: privat