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Es ist nicht anzunehmen, dass sich 2.500 Menschen unter anderen Umständen in die Frankfurter Alte Oper gedrängt hätten. So populär ist das „Italienische Liederbuch“ von Hugo Wolf nicht. Doch wenn ein Trio wie Damrau, Deutsch und Kaufmann sich ankündigt, ist das kein normaler Liederabend, sondern ein Event. Andrea Richter erlebte eine Lied-Show der besonderen Art.

Liederabend in Frankfurt

Dreifache Größe

Die Karten waren bereits kurz nach dem Beginn des Vorverkaufs nicht mehr erhältlich. Es ist anzunehmen, dass der große Saal auch dann ausverkauft worden wäre, wenn nur zwei der drei gekommen wären: Jonas Kaufmann (Tenor) oder Diana Damrau (Sopran) jeweils mit Helmut Deutsch (Klavier). Jeder dieser Megastars unter den Meistersingern schart eine große, treue Fangemeinde hinter sich. Ihnen reist man nach. Von Opernhaus zu Opernhaus, von Konzerthalle zu Konzerthalle. In Gruppen oder als Einzelne. Diesseits und jenseits der Ozeane. Beide Hochkaräter im Klassikbetrieb, in dem sie selbst und die Musikindustrie viel Geld verdienen. Beide Zentren der jeweiligen weltweiten Vermarktungsmaschinerie. Beide gewohnt vor ausverkauften Sälen zu singen. Beide ohne jegliche Scheu vor dem Publikum, in dessen bestmöglicher Unterhaltung für gezahlten Eintritt sie ihre Aufgabe sehen und ihr gerecht werden. Beide inzwischen ein bisschen Gesangsmaschinen mit ausgefeilter Technik. Wie gesagt professionelle Entertainer klassischen Gesangs. 12 Mal dasselbe Programm in einem Monat. Die Alte Oper Station Nummer Fünf. Kärrnerarbeit in Abendkleid und Frack für volle Konten und Applaus. Natürlich auch für den 72-jährigen Helmut Deutsch, den Doyen der Liedpianisten. Bei ihm hat Kaufmann die Kunst der Liedgestaltung als Student gelernt, nur mit ihm tritt er in Sachen Lied auf. So auch die Damrau. Beide haben Solo-CDs mit ihm eingespielt.

Dreifache Größe also auf großer Bühne in großem Saal. Das alles wiederum für Miniaturen. 46 Momentaufnahmen italienischer Liebe mit all ihren Facetten. Kurze volkstümliche Gedichte aus dem Land der Zitronen, vom ersten deutschsprachigen Literaturnobelpreisträger, Paul Heyse, ins Deutsche übertragen und von Hugo Wolf, dem Komponisten von rund 300 Liedern, vertont.

Wolf (1860-1903) war ein glühender Brahmshasser und Wagnerverehrer, der jeden aufs Unflätigste beschimpfte, der Brahms lobte und/oder Wagner kritisierte. Er pflegte in Schüben geradezu wahnsinniger Schaffenskraft zu komponieren, um anschließend in tiefe Löcher der Depression zu fallen. Zeiten, in denen er nicht arbeitete. Heute würde das vermutlich als Bipolarität diagnostiziert. Das Italienische Liederbuch entstand in zwei Schaffensphasen: 1890/91 (22 Lieder) und 1896 (24 Lieder) und ist eines seiner letzten Werke, bevor er 1897, von Syphilis verrückt geworden, in der Wiener Landesirrenanstalt landete, wo er fünf Jahre später mit 43 Jahren starb. Er hielt sich selbst übrigens zu jenem traurigen Zeitpunkt für den Direktor der Wiener Oper. Tatsächlich hatte Gustav Mahler den Posten inne und gerade Wolfs einzige Oper Der Corregidor abgelehnt.

Helmut Deutsch, Diana Damrau und Jonas Kaufmann in Frankfurt, Foto: Alte Oper / Wonge Bergmann

Die vom Verlag (nicht von Wolf selbst) vorgesehene Reihenfolge der Lieder jagt die vortragenden Künstler und das Publikum Zuhörer gnadenlos über eine musikalische und emotionale Achterbahn. Pausenloses Umschalten ist erforderlich, damit für die Sänger schwer zu handhaben und dem Zuhörer rutschen leicht viele Feinheiten durch. Damrau/Deutsch/Kaufmann haben deshalb – wie es die meisten Künstler tun, wenn der Zyklus überhaupt einmal komplett aufgeführt wird – die Liedanordnung völlig geändert und ihr eine nachvollziehbare Dramaturgie verpasst. Vier Akte, augenfällig durch farblich unterschiedliche Tücher Damraus in Szene gesetzt. Grün geht`s los mit dem Lied am „richtigen“ Platz: „Auch kleine Dinge…“. Und schon die erste Überraschung: Das Schneidende in den hohen Tönen der Damrau ist weg. Dieser Klang, der Glas zum Zerspringen bringen kann und konnte. Bis hin zum kaum Erträglichen. Perfekt, aber eben manchmal unangenehm. Eine fantastische Königin der Nacht mit all ihrer Wut, die sie hinausschreit. Aber schon das wahnhafte Leiden der Lucia konnte man ihr nur schwer abnehmen. Technische Perfektion ja, Emotion nein. Doch diesmal vom ersten Moment an Wärme, Sicherheit und Fülle auch in den tieferen Registern, Melodienfreude, Emotionalität, enorme stimmliche Flexibilität und unendliche Zartheit. In jeder Situation passend: Mal träumerisch, mal komisch, mal wütend, mal tragisch, mal eifersüchtig, mal ironisch, mal kokett. Der bei Wolf-Interpretationen erforderlichen Text-Musik-Bindung entsprechend, durch Mimik und Gestik von elegant bis burschikos – nie übertrieben! – unterstrichen. Eine großartige Damrau, die gleichzeitig als Brückenbauerin fungierte.

Zu Jonas Kaufmann, dem berühmtesten „Barnor“ der Welt. Anders kann man ihn wohl kaum bezeichnen, denn seine Lage (baritonaler Tenor) passt inzwischen in keine der gängigen Stimm-Schubladen mehr. In tenoraler Höhe hat er jedenfalls erkennbare Schwächen. Man darf gespannt auf seinen Tristan warten, die letzte der großen Wagnerrollen für Tenor, die in seinem Repertoire noch fehlt. Egal wie man ihn auch einordnen mag, er ist der Mann des zu Herzen gehenden italienisch-dramatisch-lyrischen Gesangs, der des unendlich lang scheinenden Bogen-Atems. In diesem Sinne ganz wunderbar Kaufmanns Und willst du deinen Liebsten sterben sehen. Mit diesen Eigenschaften ist er stimmlich allerdings viel weniger beweglich als Damrau. Wohl aus diesem Grund passte sie ihren Gesang dem seinen an, nahm viele Passagen weniger spritzig und langsamer, als sie es gekonnt hätte, und trug damit entscheidend zu einem insgesamt runden Wechselspiel der Lieder bei. Sie zeigte dabei gleichzeitig eine bisher unbekannte Facette ihres Gesangs und man kann sie sich nun gut als künftige Traviata vorstellen.

Mit ihrer jeweiligen Stimmgewalt verwandelten sie zeitweilig die Miniaturen in große Oper, so dass man vergessen konnte, um was es sich eigentlich handelte: Um Lieder. Diese hätten allerdings unter anderen Umständen für einen so großen Saal auch nicht gepasst. Die Vortragsweise mag den Intentionen des Komponisten nicht ganz entsprochen haben. Schön war es trotzdem, und das letzte Lied Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen stand wieder am richtigen Platz. Und diejenigen, die das intime Italienische Liederbuch mit durchaus erwartbaren italienischen Arien verwechselt haben, als sie das Ticket kauften (einige haben deshalb in der Pause die Veranstaltung verlassen), wurden wenigstens teilweise entlohnt.

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Kommentare


waltraud riegler - ( 15-02-2018 08:30:13 )
Wagner-Rollen: da fehlen noch einige, Tannhäuser und die Siegfriede.
Traviata: die gabs doch schon in Paris und Mailand.

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erstellt am 13.2.2018

Der Komponist Hugo Wolf, Radierung von Ferdinand Schmutzer
Der Komponist Hugo Wolf, Radierung von Ferdinand Schmutzer