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Sprachgewaltig und metaphernstark hat er in kulturfeindlichem Ambiente sich selbst erschrieben. Wolfgang Hilbig, 1941 in Meuselwitz geboren und 2007 in Berlin gestorben, hat niemandem gedient, nicht einmal sich selbst. Harry Oberländer hat sich mit dem ost- und westdeutschen Schriftsteller beschäftigt und sich mit der Hilbig-Biographie von Michael Opitz befasst.

Hilbig-Biographie von Michael Opitz

Aus der Asche

Ich komme aus einem Viertel – dort in dieser Kleinstadt, die mich ausgeworfen hat – in welchem die ungelernten Arbeiter wohnten. … Dieses Viertel war verrufen…es war das Viertel mit dem übelsten Leumund in der Stadt, und noch heute, wo sich manches geändert hat, heißt es, man kommt von da hinten … aus der Asche.
Wolfgang Hilbig

Wolfgang Hilbig glaubte ich zu kennen: 1985 oder 1986, nachdem er ausgestattet mit einem Visum zur Aus- und Einreise in die DDR in Hanau lebte, hatte ich ihn bei einer langen Lesenacht im Hessischen Literaturbüro kennengelernt. Gelesen hatte ich von ihm Gedichte: das meer in sachsen und episode und abwesenheit. Ich habe in den vergangenen 30 Jahren diese und Gedichte aus dem Band „abwesenheit“, Collection S. Fischer 1979, immer wieder gelesen. Es gibt Menschen, in Labyrinthen unterwegs, Menschen die schwarz angefüllt sind, Zerstörte, die sich selbst in ihre Schwärze verkrochen haben und deren Worte gefrorene Fetzen sind.

Vergangenes Jahr hat Michael Opitz bei S. Fischer zehn Jahre nach Wolfgang Hilbigs Tod 2007 eine Biographie veröffentlicht, mit der er in sechs großen Kapiteln auf 600 Seiten die nicht geringe Schwierigkeit gemeistert hat, Leben und Werk eines poetischen Höhenfliegers darzustellen, der auf dem Boden der Wirklichkeit nicht oder nur selten und ausnahmsweise zurechtkam. Dieses Buch hat mir die Augen dafür geöffnet, wie sehr Wolfgang Hilbig um seine poetische Sprachmächtigkeit kämpfen musste, wie singulär er damit in der deutschen Literaturgeschichte dasteht und warum ihn seine Erfolge, warum ihn sein Ruhm nicht wirklich glücklich machen konnte. Er hat, immer wieder aufs Neue, mit jedem Text, den er schrieb, um seine Existenz gekämpft.

Michael Opitz hat in akribischer Recherche viele Quellen erschlossen, darunter Hilbigs literarischen Nachlass in der Akademie der Künste in Berlin und die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit. Außerdem zieht er auch Hilbigs Literatur heran, vor allem das frühe Werk, das Hilbig am Küchentisch der Familienwohnung in Meuselwitz oder als Heizer an seinem Arbeitsplatz schrieb.

Schwarze Fassaden und Braunkohlegeruch

Wolfgang Hilbig wurde am 31. August 1941 in Meuselwitz geboren und ist dort aufgewachsen. Das ist nicht weit von Zeitz entfernt, woher mein Großvater stammte, dessen Familie ich schon in den sechziger Jahren besuchte. Daher kam die gesteigerte Aufmerksamkeit, mit der ich „das meer in Sachsen“ las. Wenn man in irgendeinem DDR-Winter in Zeitz war und nicht nur die kohlschwarzen Fassaden sah, sondern auch den Geruch der Braunkohle in der Nase hatte, die hier allüberall verbrannt wurde und wenn man an den Rand eines Tagebaus geführt wurde, verstand man das Kind aus Meuselwitz, „dem erlaubt ist, vom graugrünen Meer zu wissen“. 1979 wurde Hilbigs Gedichtband abwesenheit im Westen veröffentlicht. Da konnte ich lesen, dass das Meer in Sachsen, das zur Braunkohle wurde, einmal erfüllt war „vom laich einer sonnigen brut, die gottes unglück uns verlor.“

Meuselwitz – heute eine Stadt mit 10 000 Einwohnern im Altenburger Land, kann sich an Wolfgang Hilbig nicht sonderlich gut erinnern und gerne schon gar nicht. Jürgen Hosemann, Hilbigs Lektor bei Fischer, besuchte den Ort im März 2007. Da stand die Bahnhofsuhr schon still, in Meuselwitz war es für immer sechs Minuten vor halb neun. Nach Meuselwitz fahren keine Züge mehr. Im Juni 2007 starb Wolfgang Hilbig in Berlin. Hosemann, der Spurensucher in Meuselwitz, fand im Stadtarchiv nichts als ein paar Zeitungsartikel. 2003 wurde Hilbig eine Ehrenmedaille verliehen. Gleich darauf wurde er von der SPD Fraktion aufgefordert, sie zurückzugeben, weil er sich gegen den Irakkrieg der Amerikaner erklärt hatte. Er hatte sie ohnehin nie abgeholt.

Michael Opitz beginnt die Erzählung über Hilbigs Geburt und frühe Jahre mit dem Hinweis darauf, dass um die Zeit von Hilbigs Geburt in Auschwitz mit dem Einsatz von Zyklon B und der Vergasung von Menschen begonnen wurde. Hilbig hatte sich intensiv immer wieder mit der Schuldfrage auseinandergesetzt und sie in Zusammenhang gebracht mit der Schwierigkeit, eine Sprache zu finden. Dabei nimmt er von Anfang an Maß an den höchsten Ansprüchen. Opitz zitiert aus einem nachgelassenen Essay, in dem Hilbig Bezug nimmt auf den Chandosbrief Hugo von Hoffmannsthals. 1902 legte Hoffmannsthal seinem Lord Chandos ein Problem in dem Mund, das seither nicht geringer geworden ist, dass nämlich die Sprache im herrschenden Geschwätz der Welt verloren geht. Wo es Lord Chandos erscheint, als zerfielen ihm Worte wie modrige Pilze im Mund, befindet Hilbig, er sei bereits aufgewachsen mit der Unfähigkeit zu einer literarischen Sprache. „Ich bin beinahe ohne diese Fähigkeit geboren“.

Michael Opitz macht mit der ausführlichen Darstellung von Hilbigs Kindheit und Jugend in Meuselwitz besser verstehbar, warum ihm der Weg in eine mittlere und möglicherweise ganz anders erfolgreiche Schriftstellerkarriere versperrt war. Das „Geschlecht der Namenlosen“, dem Hilbig entstammte, wäre durchaus passend gewesen als eine geeignete Klassenherkunft, um den Bitterfelder Weg zu betreten. Aber Wolfgang Hilbig war eben nicht einfach nur Proletarier, ein schreibender Heizer, sondern vor allem der Bewohner eines inneren Labyrinths. Sein Schreiben konnte nicht anderes sein, als der Versuch, sich schreibend zu befreien. Jeder bequeme Weg, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, war damit versperrt.

Eine gespenstische Zeitleere

Nicht nur die Landschaft des Braunkohleabbaus war eine Landschaft aus Abraumhalden, Müll und Asche; auch der Dichter Hilbig selbst sah sich selbst als Ascheskulptur. „Ich war hier seit einer Ewigkeit fast, und beinahe war ich schon ein Geist, ein Ungeheuer, geformt aus dem Stoff der Ewigkeit, eine Skulptur aus Asche.“ Peter Neumann hat das Muster dieser Erfahrung in dem Essay „Standbilder vom Stadtrand“ (in: Hilbigs Bilder, 2013) so kommentiert: „Hilbigs Figuren sind überhaupt nicht in der Lage, einen bestimmten Typ von Zeiterfahrung zu machen, geschweige denn, sich aus diesem Zustand loszureißen. In der Höhle ‚Stadt’ macht es für sie keinen Unterschied, ob ein Tag oder eine Nacht vergangen ist oder ob Zeitempfindungen überhaupt noch einem Maßstab unterliegen. Eine gespenstische Zeitleere tut sich auf. Der Bodenkontakt zur Wirklichkeit geht verloren.“

Hilbigs Vater war Soldat, er kam nicht aus dem Krieg zurück. „An Hilbigs Geburtstag,“ schreibt Opitz, „wurden Deutsche im Namen des NS-Staats zu Mördern, und Unschuldige sind an diesem Tag hingerichtet worden. Leben und Tod – Hilbig dachte Glück und Unglück stets zusammen. Leben hieß für ihn, über das Unrecht schreiben zu müssen. Erinnerungen an den Krieg und das Wissen um den Holocaust sind seinen Texten eingeschrieben. Kein anderer Autor seiner Generation hat sich an Adornos These, es sei nach Auschwitz nicht mehr möglich, ein Gedicht zu schreiben, so abgearbeitet, wie er.“

Ein im Krieg verschollener Vater, Soldat der großdeutschen Wehrmacht, ein mitunter prügelnder Großvater und eine Mutter, mit der der Sohn lange das Bett teilte. In einer Notiz aus dem Nachlass hielt Wolfgang Hilbig fest: „Ich habe mit meiner Mutter in platonischer Blutschande gelebt bis in mein vierzigstes Jahr.“ Mit 15, im September 1956, begann Hilbig eine Lehre als Bohrwerkdreher, Opitz beschreibt ihn als Träumer, der Rilke las, zugleich aber ein Draufgänger war, der bei der BSG Motor Meuselwitz das Boxen lernte und mit seinen Fäusten umgehen konnte. Dem traurigen Alltag der Arbeitswelt entzog er sich in Geschichten, die in den Wäldern spielten. Ingo Schulze hat in einem Beitrag in der Neuen Rundschau, die 2008 erschien, ein Jahr nach Hilbigs Tod, in einem leicht satirisch verkleideten Beitrag hervorgehoben, dass Meuselwitz und Altenburger Land über alle Zeiten und Entfernungen hinweg zu einer mythischen Landschaft werden, zu einem Griechenland, wo die Minotauren weiden. Vielleicht aber müssen wir uns Wolfgang Hilbig selbst als eine Art von Minotauros vorstellen. Bereits in seinen frühen Erzählungen sind Gänge, Keller und Katakomben die Schauplätze einer paradoxen, einer unwirklichen Wirklichkeit, in der alle Treppen nur nach unten führen. „Der Minotaurus“, schreibt Georgi Gospodinov in seinem Roman Physik der Schwermut, ist unschuldig. Er ist ein Junge, eingesperrt in einen Keller. Er hat Angst. Man hat ihn im Stich gelassen.“

Asche, Müll, verlorene Zeiterfahrung und Katakomben, Motive, die noch den späten Romanen „Ich“ und das „Provisorium“ eine Rolle spielen, wobei dann der Alkohol das sicherste Mittel ist , in die Höhle zurückzufinden.

Dem Poem „prosa meiner heimatstraße“, das Michael Braun in einem Nachruf auf Hilbig 2008 (Tagesspiegel 2.6. 2008) als Gipfelpunkt von Hilbigs Dichtung bezeichnete, hat Opitz ein ganzes Kapitel gewidmet. Der Text, von dem eine Reihe von Fassungen vorliegt, wurde erst nach Hilbigs Tod im ersten Band der Werkausgabe veröffentlicht. Der Junge, das Kind, kehrt in seine Straße in Meuselwitz zurück, in den Stadtteil, der die Asche genannt wird, eine Bergarbeitersiedlung, ein verrufenes Viertel. „Hilbigs Texte“, schreibt Opitz, „sind mit Asche grundiert. Was seine Protagonisten auch unternehmen, ihr Tun mutet meist vergeblich an. Ihre Ideen sind in der Asche erkaltet, und kein Funke mag sie mehr zu entzünden.“

Kontakt zu oppositionellen Schriftstellern

Im Mai 1968 veröffentlichte die vom Schriftstellerverband der DDR herausgegebene Zeitschrift NDL (Neue deutsche Literatur) einen Leserbrief Wolfgang Hilbigs: „Darf ich Sie bitten, in einer ihrer nächsten Nummern folgende Annonce zu bringen. ‚Welcher deutschsprachige Verlag veröffentlicht meine Gedichte. Nur ernstgemeinte Zuschrift an: W. Hilbig 7404 Meuselwitz, Breitscheidstraße 19b.’ Ich bitte nach Abdruck der Anzeige, mir die Rechnung zuzuschicken.“ Seit 1963 hatte er verschiednen Zirkeln schreibender Arbeiter angehört und Gedichte geschrieben. Einige davon sind erhalten geblieben und in der Gesamtausgabe veröffentlicht, einen großen Teil hatte er 1965 vernichtet. Die Texte waren ihm peinlich geworden, und er hat später den Beginn seines Schreibens auf 1965 datiert. Auf seine Annonce 1968 reagierte kein einziger Verlag der DDR. Er kam aber zur Zeit des Prager Frühlings 1968 in Kontakt zu oppositionellen Schriftstellern. Im Juni nahm er, eingeladen von Gert Neumann, an einer Motorbootlesung auf dem Elsterstausee bei Leipzig statt.
Kapitän des Bootes war Siegmar Faust, der als „Motorbootfahrergehilfe“ am See beschäftigt war. Seit der Stauseelesung war Hilbig ein anerkannter Autor der Leipziger Szene, zugleich aber auch auf dem Schirm des Ministeriums Staatssicherheit.

Siegmar Faust, der als politischer Häftling im Gefängnis schwer mißhandelt worden war und 1976 in den Westen ausreisen konnte, war es dann auch, der Karl Corino beim Hessischen Rundfunk auf Hilbig und dessen Gedichte aufmerksam machte. Im Oktober 1977 war Hilbig mit 12 Gedichten in der Öffentlichkeit zu hören. 1979 erschien dann der Gedichtband „abwesenheit“ bei Fischer. Während die „Gutachter“ der Stasi in Hilbigs Literatur nur Negatives und Zersetzendes fanden, hatte er in der DDR durchaus auch prominente Fürsprecher, vor allem Franz Fühmann, der nach der Lektüre von Hilbigs Gedichten notierte:
„Da hat die deutsche Literatur dieses bösen und grausamen Jahrzehnts einen Dichter gewonnen und so soll er willkommen sein.“

Obwohl Hilbig 1980 auf Fühmanns Initiative sieben Gedichte in „Sinn und Form“, veröffentlichen konnte und 1983 auch einen Gedichtband bei Reclam Leipzig, blieb er in der DDR unwillkommen. Nachdem er 1983 in Hanau den Brüder Grimm Preis erhalten hatte, erhielt er 1985 ein DDR-Visum zur mehrmaligen Ein und Ausreise.

Hilbigs Zeit im Westen nimmt in der Biographie von Michael Opitz weit weniger Raum ein, als die Zeit in der DDR. Dass Ruhm und Erfolg Wolfgang Hilbig nicht glücklich gemacht haben, weiß jeder, der seinen Roman Das Provisorium (2000) gelesen hat, in dem er in radikaler Offenheit von sich erzählt. Zu dieser Zeit trennten sich Hilbig und Natascha Wodin, die ihre gemeinsame Zeit in dem Roman „Nachtgeschwister“ reflektierte. Dem Provisorium stellte Wolfgang Hilbig ein Zitat August Strindbergs aus dem Roman Schwarze Fahnen voran:

„Um meine Werke schreiben zu können, habe ich meine Biographie, meine Person geopfert. Ich habe nämlich schon früh den Eindruck gehabt, mein Leben sei für mich in Szene gesetzt, damit ich es von allen Seiten sehen solle. Das versöhnte mich mit dem Unglück, und es lehrte mich, mich selbst als Objekt auszufassen.“

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erstellt am 09.2.2018

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