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Peter Turrinis geradlinige Absage an Chauvinismus und Fremdenhass am Theater in der Josefstadt, Georg Schmiedleitners Nestroy-Revision am Burgtheater und Christof Loys ideal besetzte Inszenierung der Oper „Maria Stuarda“ im Theater an der Wien: Thomas Rothschild hat sich im Bühnenleben der österreichischen Hauptstadt umgesehen.

Oper und Theater in Wien

Tanz nach rechts

Die österreichische Gratis-Zeitung „Heute“ wusste schon ein Dreivierteljahr ehe der Vorhang aufging: „Am 25. Jänner polarisiert mit ‚Fremdenzimmer‘ das neue Stück von Peter Turrini als Uraufführung (ein afghanischer Flüchtling befindet sich in den Fängen eines Donaustädter Ehepaares).“ Das Ereignis folgt auf den Bericht, das Stück muss polarisieren, weil einer unbedarften Journalistin zum Namen Turrini halt kein anderes Verb einfällt. Was soll man auch von ihr erwarten? Es ist zwar ein syrischer und nicht ein afghanischer Flüchtling, um den es bei Turrini geht, aber Syrien oder Afghanistan – für „Heute“ ist das alles gleich: irgendwo weit hinten in der Türkei, wo die Völker aufeinander schlagen.

Beim Schlussapplaus nach der Premiere war von einer Polarisierung nichts zu merken. Der Beifall war einhellig. Die Mehrheit, die Kurz und Strache gewählt hat, scheint das Theater in der Josefstadt nicht mehr zu besuchen. Denn Turrinis kurzes und geradliniges Stück ist eine unmissverständliche Absage an Chauvinismus und Fremdenhass. Ein syrischer Flüchtling (Tamim Fattal) steht plötzlich in der Wohnung von Herta Zamanik (Ulli Maier) und August „Gustl“ Knapp (Erwin Steinhauer – ein in Österreich äußerst populärer Kabarettist und Schauspieler). Die Frau bietet ihm im „Fremdenzimmer“ ihres verschollenen Sohns Quartier an. Gustl, ein frühpensionierter Briefträger, reiht die bekannten xenophoben Argumente aneinander – ein Herr Karl unserer Tage, nur noch aggressiver als Qualtingers unsterbliche Schöpfung. „Ungustl“ nennt man in Wien einen besonders unangenehmen Menschen.

„Fremdenzimmer“ von Peter Turrini, Theater in der Josefstadt, Foto: Herbert Neubauer

Monologe statt Dialogen: das ist von der Situation her begründet. Herta und Gustl haben einander nichts zu sagen. Peter Turrini kehrt mit „Fremdenzimmer“ zu den kritischen Volksstücken seiner Anfänge zurück. Getrennt werden die kurzen Szenen durch einen grell aufleuchtenden Bühnenrahmen, der das Publikum blendet, und einen aufdringlich scharfen Ton wie von einer Kreissäge. Die Bühne wird gegen Ende zu heller, als hätte die im ersten Satz erwähnte Sonne mit dem Flüchtling die Wohnung der beiden Wiener erreicht. Das Ende der Aufführung in der Josefstadt – Herta, Gustl und Samir sitzen beisammen und lassen ein vom Syrer repariertes Modellflugzeug aufsteigen – lässt sich als Versöhnung interpretieren, aber auch als Fantasievorstellung, der keine Realität entspricht. „Dass einer, der unsere Sprache nicht versteht, mich versteht, das versteh ich nicht“, sagt Gustl mit Bezug auf den ungebetenen Gast. Das klingt schon fast nach Nestroy. Auch bei ihm enden die Possen oft nur zum Schein positiv.

Dass Regisseure Stücke nicht mehr inszenieren, sondern umdichten, dass sie gar in grenzenloser Selbstüberschätzung, nach Ibsen und Tschechow, einen Strindberg „übermalen“ wie der aktuelle Kultregisseur Simon Stone einen Tag nach der Turrini-Premiere am Burgtheater, gehört mittlerweile zum Theateralltag. Aber dass man schon bei der Uraufführung eine wirkliche Begegnung mit dem Werk eines lebenden Autors verhindert, wie es der Josefstadt-Hausherr und Regisseur Herbert Föttinger mit Turrini tut, statt sie zu ermöglichen, geht einen Schritt weiter. Und die Dramatiker müssen dazu schweigen, wenn sie überhaupt noch aufgeführt werden wollen. Wann werden wir das #MeToo zu sehen bekommen, in dem Schriftstellerinnen und Schriftsteller jene Machthaber anklagen, die deren Erpressbarkeit schamlos ausnützen und zwar nicht sie selbst, aber immerhin die Ergebnisse ihrer Arbeit vergewaltigen?

Nestroy ohne Biedermeier

Das Wiener Volkstheater eines Johann Nepomuk Nestroy gehört, wie etwa die Commedia dell'arte, zu den Theaterformen, die eine eigene Aufführungstradition, einen eigenen Code der Haltungen, der Bewegungen, der Sprechweisen entwickelt haben. Dieser Code galt lange Zeit als obligatorisch und an den Ort seiner Herkunft gebunden. Vor drei, vier Jahrzehnten jedoch erhoben sich erste Einwände gegen diese Verbindlichkeit, nicht zuletzt auch, weil die Schauspieler, die die überlieferten Techniken und die Sprache beherrschten, ausstarben. Jetzt hat die Nestroy-Revision das Burgtheater erreicht, wo Georg Schmiedleitner „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ inszeniert und viele Nestroy-Dogmen missachtet hat, ohne den wienerischsten aller Dramatiker einer Totalvernichtung auszusetzen. Er bleibt immer noch näher am Autor als Simon Stone an Strindberg.

Schmiedleitner hat Nestroy nicht entwienert, sondern entbiedermeiert. Noch lässt er die traditionellen Körperhaltungen ahnen, aber die Figuren sind Typen von heute, Wiener Typen allemal, wenngleich mit Defekten bei der Sprache. Die Nestroy-Rolle des Nebel spielt der zwar formidable, aber aus Niedersachsen stammende Markus Meyer. Er trifft immerhin, imitatorisch, die regionale Färbung. Quälend hingegen ist der aufdringliche Schweizer Akzent bei Martin Vischer als Kaufmannssohn Anton Buchner, der umso penetranter wirkt, als Vischer gestisch den beliebten, inzwischen zum Volksopern-Direktor avancierten, allerdings ebenfalls aus Deutschland stammenden Nestroy-Darsteller Robert Meyer nachahmt.

Johann Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ am Wiener Burgtheater, Foto: Georg Soulek/Burgtheater

Auffällig sind die Eingriffe bei den Couplets, die zu Nestroy gehören wie die Tanzeinlage zur Masque. Gleich das Auftrittscouplet singt Markus Meyer Nebel nicht, wie üblich, an der Rampe, sondern am Bühnenrand. Und die von einem Streichquintett vorgetragene elektrisch verstärkte Musik von Matthias Jakisic hat mehr mit Astor Piazzolla zu tun als mit den Vertonungen aus der Nestroy-Zeit. Auch das Bühnenbild von Volker Hintermeier weicht vom tradierten Kulissenrealismus ab und gleicht einem antiillusionistischen Sammelsurium aus dem Fundus, das über die Drehbühne verteilt ist. Ein ferngesteuertes Sofa und ein ebenso ferngesteuertes Schweinchen sorgen, na ja, für Komik, aber auch für die Bestätigung, dass wir uns nicht im Vormärz befinden.

Die Inszenierung lebt von den nach wie vor funktionierenden Wortspielen und von der komödiantischen Spielfreude der Darsteller. Gregor Bloéb als der neureiche Florian Fett, Regina Fritsch als dessen wenig attraktive Schwägerin, Peter Matić als ordinärer Wirt lassen sich auf diesen neuen Nestroy ein, als hätten sie zuvor einen Schnellkurs bei Herbert Fritsch besucht. Denn was die Tendenz dieser durchaus tiefgründigen, auf einer englischen Vorlage basierenden Posse angeht, hat sie in den bald 200 Jahren seit ihrer Entstehung an Aktualität eher gewonnen als verloren. Sie handelt von nicht weniger als von Menschen, die vor Adel und Geld auf dem Bauch liegen – und sei es in abgewandelter Form durch den Kammerdienerjournalismus, nicht nur in „Gala“ und „Bunte“, sondern zunehmend auch in der vorgeblich seriösen Presse –, und von jenen Hochstaplern, die sich diesen „Spitzen der Gesellschaft“ angleichen. Nestroy hat das Wesen des Kapitalismus fünf Jahre vor Erscheinen des „Manifests der Kommunistischen Partei“ verstanden, und was in den großen Romanen des 19. Jahrhunderts zu einem zentralen Thema wurde, etwa die berechnende Geldheirat, im Gewand der Verwechslungskomödie zur Karikatur verzerrt. Das kommt in Schmiedleitners Inszenierung dezent zum Vorschein.

Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“ im Theater an der Wien, Foto: Monika Rittershaus

Im Theater an der Wien hat Christof Loy Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“ auf eine große, sich sehr langsam drehende Scheibe gehievt. Mehr benötigt er nicht an Bühnenbild. Anstelle der üblichen Bauten liefern der Arnold Schoenberg Chor und sechs Pagen in ständiger Bewegung das Umfeld für den Konflikt der beiden Antagonistinnen. Nichts lenkt ab von der im Zentrum der Handlung stehenden Konkurrenz zweier Frauen – einer ohnedies in der Oper wie auch im Sprechtheater seltenen Konstellation. Die Besetzung scheint ideal: Zwei Sängerinnen, die einander auf Augenhöhe begegnen und sich doch hinreichend von einander unterscheiden, um ein je eigenes Profil zu gewinnen. Während sich Marlis Petersen, bislang vorwiegend im deutschen Repertoire zu Hause, in der Titelrolle als makellose Belcanto-Interpretin mit einem geschmeidigen, niemals schrillen Sopran und mühelos bewältigten Verzierungen erweist, tendiert Alexandra Deshorties als Elisabeth zu einer eher dramatischen Rollengestaltung, fast als hätte sie es nicht mit Donizetti, sondern mit Verdi zu tun.

Stimmqualität und Charakter entsprechen sich bei diesen beiden Sängerinnen in optimaler Weise. Aber auch die sie umgebenden Männer bestechen musikalisch, Stefan Cerny als Giorgio Talbot mit seinem kraftvollen Bass und Norman Reinhardt als Leicester mit dem fast lyrischen Tenor des zugleich aufopfernden und intriganten Liebhabers. Die Idee, die Figuren zunächst in historischen Kostümen und dann, im Lauf der Aufführung, als Zeitgenossen auftreten zu lassen, ist nicht neu, aber im gegebenen Kontext plausibel. „Maria Stuarda“ ist, wie schon Schillers Drama, eine Oper über Machtausübung, Rivalität und individuelle Eitelkeit in der Politik. Der Stoff lässt das Klischee, derlei sei Privileg des Patriarchats, nicht zu, und die Gegenwart einer Marine Le Pen, einer Hillary Clinton, einer Frauke Petry oder einer Angela Merkel sollte auch ohne diesen historischen Hinweis die Machtfrage von der Genderfrage abzulösen imstande sein. Wie schön, dass diese Einsicht, ganz ohne barocke Hosenrollen, den Zusammenklang eines Soprans mit einem Mezzosopran ermöglicht.

In der Tradition des Dadaismus

Das Wiener Theater besteht nicht nur aus den großen Häusern, die über Österreichs Grenzen hinaus wahrgenommen werden. Auch hier gibt es eine lebhafte Szene freier Gruppen mit wechselnden Spielstätten. Eine davon ist das Werk X in einem stillgelegten Kabelwerk weit außerhalb des Stadtzentrums. Die Atmosphäre ähnelt der von Kampnagel und ähnlichen „alternativen“ Kulturzentren, und das Publikum ist im Schnitt um gut eine Generation jünger als an der Burg, in der Josefstadt und im Theater an der Wien. Hier hat auch eine der interessantesten Gruppen, das aus Vorarlberg stammende aktionstheater ensemble von Martin Gruber, seine Wiener Heimat gefunden. Das jüngste Stück des in seiner Zusammensetzung changierenden Ensembles heißt „SWING. DANCE TO THE RIGHT“, und wie in vorausgegangenen Produktionen verkörpern die im übrigen nichts weniger als amateurhaften Darsteller nicht Rollen, sondern konterkarieren einen fortlaufenden, zum Teil surrealen Text in der Tradition des Dadaismus durch Choreographie, Musik und frontale Deklamation. Der Montagecharakter erlaubt das Nebeneinander unterschiedlicher, ja kontrastierender Formen und Stile, in der Sprache ebenso wie bei den theatralen Mitteln. Der politische Anspruch kommt eher verschlüsselt daher, das komische Element dafür umso direkter. Der modische Begriff der Performance mag sich aufdrängen, ist aber einerseits zu eng – mit der narzisstischen Selbstdarstellung vieler Performer hat das nichts zu tun – und andererseits zu weit, insofern als jedes Bühnenereignis eine Performance, eine Aufführung eben ist.

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erstellt am 28.1.2018

Johann Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ am Wiener Burgtheater, Foto: Georg Soulek/Burgtheater

Urafführung

Fremdenzimmer

von Peter Turrini

Regie Herbert Föttinger, Bühnenbild Walter Vogelweider, Kostüme Birgit Hutter

Besetzung Ulli Maier (Herta Zamanik), Erwin Steinhauer (August „Gustl“ Knapp), Tamim Fattal (Samir Nablisi, ein Flüchtling aus Syrien)

Theater in der Josefstadt

Posse mit Gesang

Liebesgeschichten und Heiratssachen

von Johann Nestroy

Regie Georg Schmiedleitner, Bühnenbild Volker Hintermeier, Kostüme Su Bühler

Besetzung Gregor Bloéb (Florian Fett, ehemals Fleischselcher, jetzt Particulier), Marie-Luise Stockinger (Fanny, dessen Tochter), Stefanie Dvorak (Ulrike, entfernt mit Herrn von Fett verwandt) et al.

Burgtheater

Tragedia lirica in zwei Akten

Maria Stuarda

Musik von Gaetano Donizetti
Libretto von Giuseppe Bardari nach Maria Stuart von Friedrich Schiller

Musikalische Leitung Paolo Arrivabeni, Inszenierung Christof Loy, Ausstattung Katrin Lea Tag

Besetzung Marlis Petersen (Maria Stuarda), Alexandra Deshorties (Elisabetta), Norman Reinhardt (Roberto, Conte di Leicester) et al.

Theater an der Wien