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„Der Fremde, der bleibt“ ist eine Denkfigur des Philosophen Georg Simmel aus dem Jahr 1908. Heute spricht man scheinbar neutral vom „Migrationshintergrund“. Was steckt hinter diesem Begriff? In ihrem Essay denkt Stefana Sabin über Einwanderung, Multikulturalität und das Hybride nach.

Essay

Migrationshintergrund und Zuwanderungsgeschichte

„Der Fremde ist jemand, der heute kommt und morgen bleibt.“ Georg Simmel, 1908

Migration ist die dauerhafte räumliche Veränderung des Lebensmittelpunkts eines Einzelnen oder eines Kollektivs. Nach dem Bürgerkrieg in den USA gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Massenmigration der schwarzen Bevölkerung aus den Süd- in die Nordstaaten. Als Ende des 19. Jahrhunderts im zaristischen Russland rabiate Pogrome die jüdische Bevölkerung bedrohten, (e)migrierten Hunderttausende nach Nordamerika. Innerhalb Deutschlands gab es nach der Wiedervereinigung Ende des 20. Jahrhunderts eine Migration vom verarmten Osten in den leuchtenden Westen. Immer dann, wenn eine Gesellschaft die Erwartungen und Hoffnungen ihrer Mitglieder nicht erfüllen kann, setzt eine Wanderung ein – Aus- und Einwanderung. Die physische Bedrohung eines Individuums oder einer Gruppe kann ebenso ein Auswanderungsgrund sein wie die politisch-ideologische Verfolgung oder die wirtschaftliche Struktur einer Gesellschaft – umgekehrt sind Sicherheit, Freiheit und erhoffter Wohlstand Einwanderungsgründe.

Aus- und Einwanderung sind konstante Elemente in der Geschichte moderner Gesellschaften, und entsprechend wurden sie systematisch analysiert und beschrieben – auch in der Bundesrepublik: Seit 2009 steht das zusammengesetzte Wort „Migrationshintergrund“ im Duden, aber seine Häufigkeit im Alltag ist eher gering. Es ist ein verwaltungstechnischer Begriff: ein Etikett, das nie ganz neutral wirkt, sondern eine meistens pejorative Konnotation hat.

Entsprechend der Definition des Statistischen Bundesamts von 2016 hat „eine Person einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde“. Während also in Deutschland die Migrationserfahrung eines Elternteils ausreicht, um als Person mit Migrationshintergrund klassifiziert zu werden, ist in Österreich die Migrationserfahrung beider Elternteile für diese Einordnung erforderlich. In Deutschland ist Migrationshintergrund ein Ordnungskriterium der amtlichen Statistik zur Beschreibung einer Bevölkerungsgruppe, und seit dem Mikrozensus 2005 wird verwaltungstechnisch zwischen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund unterschieden. Jede dritte Person mit Migrationshintergrund lebt seit ihrer Geburt in Deutschland. 2015 hatten 21 Prozent der deutschen Bevölkerung oder 17,1 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund.

Abbildung aus dem Band „Ich und mein Migrationshintergrund“ © Peter Loewy
Abbildung aus dem Band „Ich und mein Migrationshintergrund“ © Peter Loewy

Ob sie von weit her oder von nah kommen, haben Personen mit Migrationshintergrund eine besondere Welt- und Lebenserfahrung: Denn Migration, wie der Osnabrücker Migrationsforscher Jochen Oltmer beschrieben hat, verläuft typischerweise nicht geradlinig „von der Wanderungsentscheidung im Ausgangsraum über die Reise in das Zielgebiet bis zur dort vollzogenen dauerhaften Niederlassung“. Tatsächlich sind der Verlust der Heimat und das daran anschließende Leben in der Fremde existentielle, oft schmerzhafte Erlebnisse, die eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Stellung in der Welt hervorrufen. Zwischen der objektiven Notwendigkeit zu sozialer Anpassung und dem subjektiven Bedürfnis nach kultureller Identitätsbewahrung entsteht eine Spannung, die gleichermaßen von Flexibilität und Beharrlichkeit bestimmt ist. Es geht nicht darum, „die Fremde wesentlich zu verändern“, wie die Hannoveraner Kulturwissenschaftlerin Ruth Mayer schreibt, „sondern darum, das Wesentliche des Eigenen in der Fremde zu bewahren“.

Das Eigene in der Fremde zu bewahren ist Kulturarbeit: für den Einzelnen und für die Gemeinschaft! Die Entwurzelung wird stets als eine Verwundung erlebt, durch welche die Gegenwart die Vergangenheit quasi auslöscht und ein Gefühl der Heimatlosigkeit hervorgerufen wird. Diese Heimatlosigkeit kann durch Anpassung nur bedingt aufgehoben werden, aber sie kann in einem Narrativ relevant gemacht und identitätsstiftend werden. So sind Aus- und Einwanderungsgeschichten Teil einer modernen Erinnerungskultur, die, wie der Mediävist Johannes Fried gezeigt hat, nicht geographisch, sondern narrativisch gestützt ist. Menschen mit Migrationshintergrund sind auch Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte.

Eine Zuwanderungsgeschichte handelt notwendigerweise von einem Verschieben kultureller und sozialer Grenzen und von einer individuellen Selbsterfindung. In der postmodernen Welt gehört die Erfahrung der Zuwanderung, also auch der Migrationshintergrund, zu „everybody’s heritage“, zu jedermanns Erbe, so der nach New York exilierte Wiener Schriftsteller Frederic Morton. Die einzelnen Schicksalsgeschichten ergeben kein umfassendes, für ein (Volks-)Kollektiv bewusstseinsformendes Narrativ, sondern haben eine heilende Funktion für das Individuum, das sich aus mehreren Kulturen eine neue Identität formen muss. Das zugewanderte Individuum ist, so der Soziologe Robert Ezra Park, ein „cultural hybrid“ – ein Kulturhybride.

Abbildung aus dem Band „Ich und mein Migrationshintergrund“ © Peter Loewy
Abbildung aus dem Band „Ich und mein Migrationshintergrund“ © Peter Loewy

Ein Hybride ist ein Mischling. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Landwirtschaft, wo er eine Mischform aus zwei pflanzlichen oder tierischen Familien bezeichnet und wo das Hybridisieren, also die Kreuzung verschiedener Arten, ein ständiges Verfahren zur Erweiterung der Artenvielfalt ist. In der übertragenen Bedeutung als Verdichtung zweier Kulturen wurde das Hybridisieren zu einem zentralen Begriff in der Beschreibung der multiethnischen globalen Gesellschaft und der Kulturhybride zu ihrem Hauptakteur.

Die kulturelle Hybridisierung findet überall statt, auch in Deutschland. „Heute leben viele Menschen in Deutschland, die nicht nur deutsch sind, die vielleicht auch gar nicht deutsch werden wollen im Sinne einer Identifikation mit Fahne, Küche und Brauchtum, die ihr Fremd- und Anderssein als etwas Schönes und Selbstverständliches sehen, aber genauso selbstverständlich und gern Bürger der Bundesrepublik sind“, so der Orientalist Navid Kermani. 

Dieses „Nicht-nur-deutsch-Sein“ ist keine Gefährdung angestammter Regeln und Traditionen, sondern eine Horizonterweiterung: für den Einzelnen, der sich ein ambivalentes und zugleich produktives Heimatgefühl aufbaut, aber auch für die Gemeinschaft, wenn sie sich in der Pluralität neu definiert. Jenseits aller Politik wird die Welt multikulturell. Herkunftsfragen und -zuschreibungen machen verwaltungstechnische Einordnungen einfacher, verdecken aber komplexe kulturelle Erfahrungen.

Gegen eine einfache – und vereinfachte – Etikettierung wendet sich das Projekt von Peter Loewy, wenn Passanten sich einen Migrationshintergrund selbst aussuchen können und sich so für den Augenblick eines Fotoporträts ihre Zuwanderungsgeschichte neu erfinden. Denn der Fremde, der heute kommt und morgen bleibt, wie ihn der Soziologe Georg Simmel zu Beginn des 20. Jahrhunderts definierte, ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Bürger mit Migrationshintergrund, der eine Zuwanderungsgeschichte hat.

Vorwort aus: „Ich und mein Migrationshintergrund. Fotografien von Peter Loewy“
© Edition Faust, Frankfurt am Main 2018

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erstellt am 25.1.2018

Das Buch zum Thema:

Ich und mein Migrationshintergrund
Fotografien von Peter Loewy
Mit einem Vorwort von Stefana Sabin
Mit mehr als 60 Fotografien
Klappenbroschur, 72 Seiten
ISBN 978-3-945400-49-4
Edition Faust, Frankfurt am Main 2018

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