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„Das Lied von Kulager“ ist ein modernes Epos, das 1936 in Fortsetzungen in einer kasachischen Zeitung veröffentlicht wurde. Sein Autor, Ilijas Shansugirow, war Lyriker und hat unter anderem Puschkin ins Kasachische übertragen. Gert Heidenreich hat Shansugirows Epos auf Deutsch nachgedichtet, und Thomas Rothschild empfiehlt den Band.

Buchbesprechung

Der Helden Freund

Nichts währt ewig. Das Epos galt einst als die Königsgattung der Literatur. Viele Völker nennen ein Epos als Bezugspunkt für ihr nationales Selbstverständnis: die Finnen das „Kalevala“, die Franzosen das „Rolandslied“, die Isländer die „Edda“, die Russen das „Igorlied“, die Georgier den „Recken im Tigerfell“, die Inder das „Mahabharata“. In Europa ist das Epos als literarische Gattung im 19. Jahrhundert ausgestorben, mit Goethes „Hermann und Dorothea“, Mickiewiczs „Pan Tadeusz“ und Puschkins „Eugen Onegin“ als drei der letzten bedeutenden Zeugen. Seither wird sie, wenn überhaupt, allenfalls parodistisch zum Leben erweckt.

In anderen Kulturen blieb das Epos, übrigens auch in seiner mündlich vorgetragenen Variante, länger im kollektiven Gedächtnis bewahrt. Aber was wissen wir, für die es auf dieser großen Welt nichts Dringlicheres zu geben scheint als ein Vereintes Europa, das mit Literatur nichts, mit den Profitinteressen der Konzerne dafür umso mehr zu tun hat, schon von den Kulturen Asiens oder Afrikas? Zur Probe: können Sie einen, einen einzigen kasachischen Schriftsteller nennen? Haben Sie gar etwas von ihm gelesen? Welche Arroganz ist vonnöten, um sich einzubilden, Literatur bestünde ausschließlich aus den Werken solcher Autoren wie Lessing und Menasse?

Nun wollen wir nicht unfair sein. Die Verbreitung außereuropäischer Literaturen, die amerikanischen und die australische ausgenommen, scheitert meist am Mangel an Übersetzern, die die Sprachen beherrschen und zugleich das Zeug zum Nachdichten haben. Auch die deutsche Übertragung des kasachischen „Liedes von Kulager“ verdankt sich einer Notlösung. Gert Heidenreich, der dafür verantwortlich zeichnet, ist mit der Sprache des Originals nicht vertraut. Er hat auf der Grundlage einer Interlinearübersetzung eine Nachdichtung verfasst. Ganz nebenbei: auch manche Übersetzer aus weniger exotischen Sprachen haben nur recht bruchstückhafte Kenntnisse von der Quellsprache und stützen sich auf wörtliche Übersetzungen oder, etwa bei Shakespeare oder Tschechow, gar auf vorausgegangene Übertragungen in die Zielsprache.

Ilijas Shansugirow, Briefmarke, Kasachstan (2014), Foto: Post of Kazakhstan
Ilijas Shansugirow, Briefmarke, Kasachstan (2014)

„Das Lied von Kulager“ ist kein traditionelles, sondern ein modernes Epos. Sein Autor, Ilijas Shansugirow (mit stimmhaftem sch am Anfang), wurde 1894 geboren und wahrscheinlich 1937 oder 1938, während der Stalinschen „Säuberungen“ ermordet. Er ist also ein Alters- und Schicksalsgenosse von Isaak Babel, Boris Pilnjak und Ossip Mandelstam. Er war in erster Linie Lyriker und hat unter anderem Puschkin ins Kasachische übertragen. „Das Lied von Kulager“ wurde 1936 in Fortsetzungen in einer kasachischen Zeitung veröffentlicht.

Im Zentrum des Versepos steht die historische Figur des Dichters Akan Seri aus dem 19. Jahrhundert. Ihn ruft Shansugirow zu Beginn an wie die antiken Dichter die Götter beschwörten. Dann spricht er über seine Mission: „Die reine Quelle, den Ursprung der Dichtung / hab ich gesucht.“ Er besingt die Landschaft, in der er aufgewachsen ist. Und kommt schnell zu Kulager, dem Lieblingspferd Akan Seris. Er erzählt von der leidvollen Geschichte seines Landes und von dem Dichter als Anwalt des Volkes, den er, der Kasache, in Bezug setzt zu Puschkin und Lermontow: Spuren einer russischen Dominanz, die nicht mit der Sowjetunion begonnen und nicht mit ihr geendet hat.

In der Ausführlichkeit freilich, mit der Shansugirow von Pferden, von Kulager erzählt, erkennt man die Besonderheit seiner kulturellen Erfahrung, seines Bezugssystems, eines Volkes, das lange vom Nomadentum geprägt war. Die vierzeiligen Strophen berichten von einer Welt, die uns fremd ist, aber genau besehen: nicht fremder sein müsste als die Wüsten Kaliforniens oder die Straßenschluchten Manhattans.

Pferderennen, deren Dramatik ja strukturell verwandt ist mit der in Romanen, Theaterstücken und Filmen beliebten Dramatik des Duells, sind auch in der europäischen und nordamerikanischen Literatur kein unbekanntes Motiv. Meist bilden sie die Kulisse für ein gesellschaftliches Ereignis. Wenn sie Anlass für eine tragische Pointe sind, dann in der Regel, weil ein Mensch zu Schaden kommt. Anders bei Shansugirow. Bei ihm ist das Pferd das Opfer. Die Spannung eines Pferderennens kostet Shansugirow voll aus. Für Kulager aber gibt es kein heroisches Ende. Das Pferd wird zum Opfer eines niederträchtigen Anschlags. Mit Akan Seri trauert der Dichter, der seine und die Geschichte seines Pferdes erzählt hat: „Das Pferd is ja der Reichtum der Kasachen, / des Volkes Stärke und des Helden Freund. / Wenn es ihm stirbt, zerbrechen seine Flügel, / als wären seine Glieder abgetrennt.“

Man muss das vor dem Hintergrund von Liedern lesen, die damals, 1936, aus allen Radios klangen. In ihnen war des Volkes Stärke und des Helden Freund nicht ein Pferd, sondern Stalin. Akan Seris Schüler Shansugirow hatte noch ein Jahr zu leben.

Gert Heidenreich ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein beliebter Sprecher. Seiner Nachdichtung, die in der Büchergilde Gutenberg erschienen ist, liegt eine mp3-CD bei, auf der Gert Heidenreich das Epos dorthin zurück führt, wo es als Gattung her stammt: zum mündlichen Vortrag.

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erstellt am 25.1.2018

Ilijas Shansugirow
Das Lied von Kulager
Deutsche Nachdichtung von Gert Heidenreich
Herausgeber: Ilija Trojanow
Fester Einband, 144 Seiten. Mit Hörbuch-CD im MP3-Format, ungekürzte Lesung, 130 Minuten, Sprecher: Gerd Heidenreich.
Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2016

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