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Die Lyrikerin Rozalie Hirs ist in ihrer niederländischen Heimat mit fünf Gedichtbänden bekannt. Zwei Verlage in Deutschland haben ihre anspruchsvollen Gedichte in zwei und mehrsprachigen Ausgaben veröffentlicht. Bernd Leukert hat diese polyglotte Bibliothek staunend durchlesen.

Europoesie: Zwei Gedichtbände von Rozalie Hirs

In Sprachen denken

Rozalie Hirs, Foto: Marco Borggreve
Rozalie Hirs, Foto: Marco Borggreve

Die fünfzehn Gedichte von Rozalie Hirs, die unter dem Titel „Ein Tag / Een Dag“ 2014 im hochroth Verlag erschienen sind, breiten schon die vielfältigen Möglichkeiten aus, aus denen die Autorin poetische Texte sich entwickeln lässt. Da wird keiner über einen Leisten geschlagen, sondern Form und Struktur, korrespondierend zum Inhalt, immer neu gedacht. Darüberhinaus zeigt sich Hirs, die 1965 in Gouda geboren wurde und auch Komponistin zeitgenössischer ernster Musik ist, erfahren in der Umsetzung komplexer Entwürfe. Permutationen inhaltlicher Bezüge gehören dazu, wie bei wiederholtem lesen/ des bekannten in dem/ unbekannten zimmer/ wo das bett entschläft/ und der boden sich fegt/ läuft der platz über in// die bestimmung. (kalender) oder solche, in denen Gegenstände an ihren Ursprung oder an ihr Ende verrückt erscheinen, wie ein bild sich in sprache haut, deine/ stimme aufspringt, dein herz verschießt,// deine rose überläuft – der wein/ in eichen ist, kelch in steinen,// der tisch honig summt und/ die eule mit wald deinen mund entläßt -// gehört wald seinen knochen, feuer/ seiner vollendung, was asche – was du? (bild). Ihre Gedichte treten einem als Sprachkunstwerke vor Augen. Was sie mitteilen, erschließt sich zunehmend, und manchmal auch nicht gänzlich, beim wiederholten Lesen.

Drei der Gedichte finden sich auch im Band „Gestammelte Werke“ in von der hochroth-Fassung leicht abweichenden Übersetzungsversionen. Selbst mit dem „Tümmler“, den er schon für hochroth ins Deutsche gebracht hatte, bietet Ard Posthuma eine (elegantere) Variante an. Aber der kookbooks-Band umfasst ganz andere Dimensionen.

„ … Zunächst die kosmopolitische Bestrebung im Kielwasser der Aufklärung: der Traum, die totale Bibliothek zu erstellen, die durch Kumulierung das Buch wäre, das unendlich verzweigte Netzwerk der Übersetzungen aller Werke in alle Sprachen, das sich zu einer Art Universalbibliothek kristallisieren würde, in der alle Unübersetzbarkeiten getilgt wären.“

Was der Philosoph Paul Ricœur hier ins Reich der Träume verweist, hat kookbooks wagemutig auf den Weg gebracht, allerdings ohne etwas tilgen zu wollen, sondern, um die untilgbaren Differenzen wie Perlen auf Ketten zu reihen. Fast 50 Gedichte von Rozalie Hirs sind – oft unter Mitwirkung der Autorin – in mindestens zwei andere Sprachen übersetzt (neben dem niederländischen Original ist Deutsch obligatorisch), der in Langzeilen atemlos dahinströmende „lebenslauf“ findet in 13 Sprachen Aufnahme. 19 Übersetzerinnen und Übersetzer ermöglichten es, Hirs’ Verse auf Albanisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Kroatisch, Litauisch, Russisch, Schwedisch, Serbisch und Spanisch zu lesen (wobei einige Übersetzungen, wie im Buch erwähnt wird, schon in Zeitschriften veröffentlicht wurden). Rozalie Hirs hat damit viele der auf Poesiefestivals und -lesungen benötigten fremdsprachigen Versionen ihrer Gedichte in diesem Band versammelt.

Wer also schon Schwierigkeiten mit dem Deutschen hat, weil er vertraut damit ist, wird einige dieser poetischen Schriften, wie das Albanische oder das nichteuropäische Chinesisch, höflich zur Kenntnis nehmen und das Schriftbild mit interesselosem Wohlgefallen betrachten können. Die übersetzerische Leistung kann ihm nur ein Muttersprachler vermitteln. Dennoch: Dieses Sprachenparlament, das da um die Reden und Gesänge der Rozalie Hirs versammelt ist und sie mit allen unumgänglichen Differenzen reproduziert, ist schon ein grandioses Unterfangen und eine beeindruckende verlegerische Leistung. Dazu muss man sich vor Augen führen, dass Hirs nicht einen homogenen Textkorpus anbietet, sondern eben Heterogenes: leichtfüßig Aphoristisches, poetische Protokolle in langzeiligen, freien Rhythmen, obsessive Naturlyrik, Reflexion des eigenen Schreibens beim Schreiben und formal experimentelle Gedichte, bei denen bis hin zur Verwendung von Markow-Ketten Texte abstrakten Superstrukturen unterworfen werden, was erstaunliche Auswirkungen auf die jeweilige Textgestalt der verschiedenen Übersetzungen zeitigt. –
der text nimmt einen kleinen raum für sich ein/ sympathisierend eine erscheinung sich/ selbst genug … wirft den autor auf nimmt zunächst/ die gestalt dessen an was meine mutter findet/ oder zu finden meint vom benennen die namen/ kommen dann von meinem vater ganz langsam/ tritt mein (eigentliches) fühlen-denken ein übernimmt/ endlich den raum auch wenn freunde manchmal/ hallo bist du da kann ich kurz an deinen arm beißen?/ horchen nach jemandem der ich noch nicht bin/ das um-mich-her öffnen wo das schauen/ in sich gekehrt sich ausschreibt einen weg findet

Das Gedicht heißt „texterscheinung“. Hirs erzählt anschaulich vom unsichtbar-komplizierten Prozess der Entstehung des Gedichts „texterscheinung“. Wie so oft bei dieser Lyrikerin wird die Gedichterzählung von einer ausgefuchsten Konstruktionsidee gesteuert. So auch und doch völlig anders im Gedicht „landschaftlichkeit“. Das vergleichsweise sinnlichere Sujet ist mit grammatikalischen Verkürzungen und Doppelbedeutungen gerafft und durchschossen von heterogenen Gemütsäußerungen:
der himmel an bisschen königsblau allmählich gewöhnt weniger/ an azur enttäuschung versunken von heißen tagen erinnert// ein leben sich dünen und sandflut die einfache lösung/ antwort auf das wenn nötig gepflügte maisfeld unverschämte// erinnerung an weiden mit kanälen kuhfladen einer mühle/ in der ferne mit dreckstiefeln das schon damals war windkraft// ganz normal und torf steckte in gräben voll giersch fürs erste/ noch unbenannter blumen eine vom donner geborene nacht

Rozalie Hirs’ Dichtung ist auch dann, wenn sie scheinbar übermütig tänzelnd daherkommt, im besten Sinne des Wortes elaboriert und komponiert. Wer sie mehrmals liest, dem erschließt sich, was ungeschrieben blieb; und wer die Übersetzungen liest, dem wird der Reichtum bewusst, den die sprachlichen Abweichungen freisetzen.

In seinem bedenkenswerten Essayband „Die Macht des Denkens“ bemerkt Giorgio Agamben: „Wenn es zutrifft, dass wir nur in der Sprache denken können, wenn jede philosophische Befragung, wie Wittgenstein sagte, als eine Befragung der Wortbedeutung dargestellt werden kann, dann ist die Übersetzung eine ausgezeichnete Weise, in der der Mensch sein eigenes Wort denkt.“

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Europoesie

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erstellt am 25.1.2018

Europa ist ein Ensemble der kulturellen Besonderheiten. Sie treten im Sprechen und Denken hervor und lassen sich in zweisprachigen Gedichtbänden nachlesen. In der Lyrik aber geht es darüber hinaus noch um Unübersetzbares, das unverzichtbar, aber wohl unerreichbar ist. Um diese Differenzen geht es bei der Übersetzung, und um solche Differenzen geht es in Europa. Um sie bewusst zu machen, veröffentlicht Faust-Kultur in loser Folge Besprechungen zwei- oder mehrsprachiger Gedichtbände.

Rozalie Hirs
Ein Tag / Een Dag
Übertragung: Ard Posthuma und Rozalie Hirs
40 Seiten
ISBN 978-3-902871-50-3
hochroth Verlag, Berlin 2014

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Rozalie Hirs
Gestammelte Werke
Gedichte
Übersetzung: Anton Papleka, Aurea Sison, Ard Posthuma, Daniela Seel, Rozalie Hirs, Ko Kooman, Donald Gardner, Willem Groenewegen, Moze Jacobs, Kim Andringa, Daniel Cunin, Henri Deluy, Radovan Lučić, Aušra Gudavičiūtė, Gytis Norvilas, Nina Tarhan Mouravi, Boerje Bohlin, Jelica Novaković, Diego Puls
238 Seiten, Reihe Lyrik Band 39
ISBN 978-3-937445-67-0
kookbooks, Berlin 2017

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