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„Eine Oper ist ein absurdes Ding“, heißt es in „Capriccio“. Für das letzte Bühnenwerk von Richard Strauss trifft das in fast jeder Hinsicht zu. Es fällt aus dem herkömmlichen Genre-Rahmen, ist komplex und federleicht in einem. In Frankfurt hatte Strauss` Musiktheater-Testament in der Regie von Brigitte Fassbaender Premiere. Andrea Richter ist sehr angetan.

Oper

Verliebte Feinde

„Das unheilbare Gebrechen unserer Opern ist der betäubende Lärm des Orchesters“, meint Theaterdirektor La Roche irgendwann im Verlauf der Handlung und hat damit für viele Fälle durchaus Recht. Um aber von Anfang an klarzustellen, dass bei Capriccio alles anders sein wird, lässt Strauss, der Meister der opulenten Orchestrierung, statt einer klanggewaltigen Ouvertüre ein berührendes Streicher-Sextett erklingen. Eines, das in Kammermusik-Programmen seinen eigenständigen Platz gefunden hat.

Opulent ist zunächst nur der hinreißende Rokoko-Vorhang (Johannes Leiacker), an dem man sich nicht sattsehen mag. Er könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese Anti-Oper (Strauss O-Ton!) in der laut Libretto vorgesehenen Zeit um 1775 am vorgesehenen Ort in einem Schloss bei Paris spielen wird. Eben dort, wo der Komponist Christoph Willibald Gluck (1714-1787) über eine in seinen Augen dringend notwendige Reform der Oper nachgedacht hatte. Musik und Wort sollten gleichwertig sein, die Musik im Zweifel die dramatische Situation nur stützen oder untermalen. Um genau diese Frage dreht sich alles in Capriccio. Das Vorhangmotiv also ein intelligenter Hinweis auf den Inhalt einer Oper. Das hat man selten.

Bühnenbild von Johannes Leiacker: „Capriccio“ an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Nachdem dieser Vorhang sich gehoben hat, ist der gläserne Gartensaal eines Schlosses mit einer Bühne und einerkleineren Vorhangkopie im Hintergrund zu sehen. Doch die Menschen tragen die Mode der 1940ger Jahre, und ein Junge schiebt einen Panzer hin und her. Der nächste Hinweis. Der auf die Entstehungsgeschichte und auf die Umstände der Uraufführung von Capriccio am 28. Oktober 1942 in München, mitten im Zweiten Weltkrieg, Frankreich von den Deutschen besetzt. Vor diesem historischen Hintergrund ließen Richard Strauss und sein Lieblingsdirigent, der Leiter der Münchner Staatsoper, Clemens Krauss als Mit-Librettist ein realitätsfremdes Werk über ein musiktheoretisches Problem auf die Menschheit los. Was natürlich nur mit der Zustimmung der Nazis möglich war. Das Regime wusste nur zu gut, dass das Volk in schweren Zeiten Unterhaltung brauchte. Deshalb lief auch die Film- und Schlagerproduktion auf Hochtouren. Als der wohl seinerzeit weltweit berühmteste zeitgenössische Komponist und das Aushängeschild für deutsche Kultur, Richard Strauss, ein neues, unkritisches Werk anbot, kam das den Herrschenden sehr gelegen. Was wiederum die Rezeption der Oper nach dem Krieg erschwerte. Bis heute wird sie vergleichsweise selten aufgeführt. Mit ihrer Inszenierung weist Fassbaender deutlich auf diese Problematik hin.

„Da sind wir also – Verliebte Feinde – Freundliche Gegner – Wort oder Ton – Prima le parole – dopo la musica – Prima la musica – dopo le parole -Ton und Wort sind Bruder und Schwester -ein gewagter Vergleich“. Flamand, der Komponist, und Olivier, der Dichter, umreißen im Anfangsduett den Inhalt von Capriccio: eine geistreiche, witzige Diskussion darüber, was wichtiger ist: der Ton oder das Wort. Garniert mit ein bisschen Liebe, damit der Streit um die Rangordnung der Künste nicht zu theoretisch wird. Zwischen debattierenden Dichter, Komponist, Sängern, Schauspielern ein durchaus eitler Theaterdirektor, der ein Bühnenwerk anlässlich von Frau Gräfins Geburtstag auf die Bühne bringen muss. Sie soll schließlich entscheiden, welche der Künste ihr die liebste ist. Das Spiel geht unentschieden aus.

Brillant, elegant und voller Bewegung lässt Fassbaender die zehn Solopartien sowie acht Diener und eine Tänzerin je nach Textvorgabe mal in Gruppen-, mal in Einzelkonstellationen auf der Bühne agieren. Keine Sekunde Stillstand. Neben den sängerisch höchsten Ansprüchen meistern sie mit ganz offensichtlich großem Spaß die schauspielerische Herausforderung. Jedes Wort ist zu verstehen, jede Aktion schlüssig. Fassbaender, die früher selbst in der Rolle der Schauspielerin Clairon als Mezzosopranistin brillierte, weiß, was sie Sängern zumuten kann. Und sie kennt ihren Strauss in- und auswendig. Das bewies sie bereits in ihrer Frankfurter Inszenierung von Ariadne auf Naxos vor drei Jahren. Gleichzeitig zeigt sie, wie wenig sie mit seiner unpolitischen Haltung einverstanden ist. Zum Streit-Oktett lässt sie in schnellem Rhythmus Schwarz-Weiß-Dias mit Bildern der Zerstörung projizieren, so dass dieses musikalisch komplexe Monster wie purer Bombenhagel wirkt. Und schließlich entpuppt sich die Gräfin nach ihrer betörenden Schlussarie als Widerstandskämpferin.

Brillant, elegant und voller Bewegung: „Capriccio“ an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Strauss hatte übrigens den dreißig Jahre jüngeren Krauss 1925 in Frankfurt kennengelernt, wo dieser von 1924 bis 1929 als Operndirektor tätig war. Auf den Stoff Text oder Wort war der Komponist 1934 von Stefan Zweig hingewiesen worden. Mit ihm zusammen hätte er ihn auch gern realisiert, was Zweig ablehnte. Anders als der politisch naive, seine Wichtigkeit überschätzende Strauss, sah Zweig klar, dass eine Oper mit dem Text eines jüdischen Librettisten bei den Nazis keine Chance hatte. Auch wenn der Komponist als Präsident der Reichsmusikkammer glaubte, über Macht und Verbindungen zu verfügen, schließlich war es ihm gegen den Willen der Herrschenden gelungen, die öffentliche Nennung von Zweig als Librettisten von „Die schweigsame Frau“ 1934 durchzusetzen. Strauss schrieb Zweig in die Schweiz und bettelte um die weitere Zusammenarbeit. … „Für mich gibt es nur zwei Kategorien Menschen: solche die Talent haben und solche, die keines haben, und für mich existiert das Volk erst in dem Moment, wo es Publikum wird. Ob dasselbe aus Chinesen, Oberbayern, Neuseeländern oder Berlinern besteht, ist mit ganz gleichgültig, wenn die Leute nur den vollen Kassenpreis zahlen.“ Der Brief erreichte Zweig nie und wurde erst 1948 in den Gestapo-Akten gefunden. Strauss verlor allerdings seinen Posten als Kammerpräsident. Zweig beging 1942 noch vor der Uraufführung von Capriccio im brasilianischen Exil Selbstmord.

Der vom Wunsch-Librettisten verlassene Komponist hatte sich 1939 an Krauss mit der Feststellung gewandt, dass nur Theaterkapellmeister diese Oper schreiben könnten. Von ihm erhielt er dann, was er sich wünschte: interessante Bühnenpersonen, die wie normale Menschen redeten. Allerdings kam der Komponist selbst 1941 zu folgender Einschätzung des Gemeinschaftswerks : „Buch und Musik zusammen (wenn man jedes Wort versteht …) dürften für bessere Leute einen angenehmen Abend ergeben – an die eigentliche Bühnenwirksamkeit im gewöhnlichen Sinn glaube ich nicht.“

Er sollte sich irren. Capriccio bietet eine Gesamtschau des Werks von Richard Strauss: Kammermusik, große symphonische Dichtung, Lied, große und kleine Arien. Er zitiert sich selbst und andere immer wieder, nimmt sich, die Gattung Oper und den Theaterbetrieb insgesamt auf den Arm. Zweieinhalb Stunden klingen Worte und sprechen Töne ohne Unterbrechung. Ein Riesenvergnügen, wenn es von Leuten wie Fassbaender inszeniert, von Weigle dirigiert und dem Frankfurter Sänger-Ensemble wirklich meisterhaft präsentiert wird.

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erstellt am 16.1.2018

Camilla Nylund als Gräfin: „Capriccio“ an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Oper

Capriccio

Konversationsstück für Musik in einem Aufzug
Musik Richard Strauss (1864-1949)
Text Clemens Krauss und der Komponist

Musikalische Leitung Sebastian Weigle
Regie Brigitte Fassbaender
Bühnenbild und Kostüme Johannes Leiacker

Besetzung Camilla Nylund (Gräfin Madeleine), Gordon Bintner (Der Graf), AJ Glueckert (Flamand) et al.

Oper Frankfurt