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Die Familie Ertl emigrierte Anfang der fünfziger Jahre von München nach Bolivien, nachdem die Karriere des Bergsteigers und Dokumentarfilmers Hans Ertl in der Bundesrepublik ins Stocken geraten war. In seinem Roman „Die Affekte“ unternimmt Rodrigo Hasbún den Versuch einer Annäherung an die Geschichte dieser Familie. Gudrun Braunsperger hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Es könnte so gewesen sein

Sein Roman sei durch historische Personen und Ereignisse inspiriert, kommentiert Rodrigo Hasbún sein Buch „Die Affekte“ in einem kurzen Vorspann. Es handle sich jedoch um ein fiktives Werk und nicht um ein getreues Abbild der Familie Ertl. Der Autor unternimmt den Versuch einer Annäherung an die Geschichte dieser Familie. Auch wenn er sich nicht für die historische Realität verbürgt, so suggeriert er doch, dass es so gewesen sein könnte, indem er weder die Namen noch wesentliche biographische Wegmarken verfremdet.

Die Handlung des Romans setzt kurz nach der Ankunft der Familie Ertl in Bolivien ein. Die Familie emigrierte Anfang der fünfziger Jahre von München nach la Paz, nachdem die Karriere des Bergsteigerpioniers und Dokumentarfilmers Hans Ertl im Nachkriegsdeutschland ins Stocken geraten war. Der waghalsige Alpinist und innovative Kameramann hatte in den dreißiger Jahren als erster den Gipfel des Ortler erklommen und an einer Himalaya-Expedition teilgenommen. Er hatte für Luis Trenker, Arnold Fanck und Leni Riefenstahl gedreht und dabei, etwa für den Olympia-Film, innovative Techniken entwickelt: Er schloss die Kamera für Aufnahmen unter Wasser in einen aufgeschnittenen Ball und erfand die „fliegende Kamera“, indem er sie für einen Skiprung um den Bauch schnallte. Von Ernst Rommel war der Starkameramann als bevorzugter Kriegsberichterstatter nach Afrika geschickt worden. 1953, kurz nach der Emigration der Familie, begleitete Hans Ertl den Erstbesteiger des Nanga Parbat, Hermann Buhl, mit der Kamera bis zum letzten Basislager vor dessen Gipfelerfolg. In Südamerika brach er zu abenteuerlichen Expeditionen durch den noch völlig unberührten Urwald auf und machte sich auf die Suche nach überwucherten Ruinen der Inka und nach unentdeckten Indianerstämmen. Seine letzte Entdeckungsreise endete in einer Katastrophe, als ein Transportfahrzeug mit dem gesamten Filmmaterial in einen reißenden Fluss stürzte. Hans Ertl beendet seine Karriere, und zog sich auf eine völlig abgeschiedene Farm im bolivianischen Dschungel zurück.

Ein genialer Querkopf

Rodrigo Hasbún unternimmt eine Annäherung an das Thema nicht in der Absicht, die ebenso faszinierende wie widersprüchliche Persönlichkeit des Hans Ertl zu erfassen. Um das Ausmaß des Charismas erahnen zu können, das dieser geniale Querkopf gehabt haben mag, muss man als Leser selbst zu recherchieren beginnen. Hasbún geht es um die Auswirkungen dieser Widersprüchlichkeit auf seine Umgebung, auf seine Frau und die heranwachsenden Kinder. Er unternimmt den Versuch, die Wirkung und vor allem die Nachwirkung atmosphärisch zu vermitteln, im reflektierenden und erinnernden Schreibfluss und im steten Perspektivenwechsel, so ähnlich wie beim Blick durch die Kamera. Die familiäre Innenperspektive der drei Töchter Monika, Heidi und Trixi ist die Klammer des Textes, ihre Darstellung wird durch den Blick einiger Nebenfiguren von außen ergänzt: etwa durch den des Schwagers Reinhard auf Monika, auf seine ehemalige Geliebte. Dieser erinnert sich in Form von Interview-Antworten an die Monika, die er kannte, bevor sie sich der linksrevolutionären Guerilla-Bewegung ELN (Ejercito de Liberación), der „Nationalen Befreiungsarmee“, anschloss und zu einer ihrer wichtigsten Anführerinnen wurde. Die erinnerten Dialoge und inneren Monologe werden von dazwischengeschobenen Erzählsträngen unterbrochen, die die Handlung vorantreiben, wenn etwa von Inti Peredo berichtet wird, von Monikas späterem Geliebten, und von dessen Flucht nach einem gescheiterten Aufstand als überlebender Mitstreiter und späterer Nachfolger Che Guevaras in der ELN, oder davon, wie zwei Arbeiter für den über 90-jährigen Hans Ertl eine Grube ausheben, was im letzten Kapitel auf sein nahes Ende hindeutet. Diese Form der literarischen Aufbereitung ergibt ein spannendes Konglomerat unterschiedlicher Textsorten, durch die ein dramaturgischer Bogen führt.

Die Radikalisierung der ältesten Tochter Monika, der erklärten Favoritin des Vaters, steht im Zentrum des Romans. Für den Vater war Monika ein Ersatz für den Sohn, den er nicht hatte, und er erzog sie wie sein Alter Ego. Ihr Basistraining als Untergrundkämpferin erhielt sie im Dschungel, als sie den Vater auf seinen Filmdokumentationen durch den Urwald begleiten durfte.

Auf der Seite der Unterdrückten

Mit dem Mut, der Radikalität und der Kompromisslosigkeit des Vaters geht Monika jedoch völlig neue Wege, distanziert sich von dessen übermächtigem Vorbild und verabschiedet sich nach und nach vom Weltbild seiner Generation und seiner Klasse, der konservativen Herrenmenschenmentalität der bürgerlichen Oberschicht. Sie wechselt auf die Seite der Entrechteten und Unterdrückten, der Bauern, Bergarbeiter und Indios, ins Lager der Linken und damit auf die Seite des neuen Zeitgeistes. Es mag auch der Zorn auf den emotionalen Missbrauch durch den Vater gewesen sein, mit dem vermutlich Monika Ertl 1971 die kriminelle Energie mobilisiert hat, um im bolivianischen Konsulat in Hamburg zur Attentäterin zu werden und den Mord an ihrem Geliebten Inti Peredo und den an Che Guevara zu rächen, während Hans Ertl mit dem Selbstverständnis eines weißen Kolonialherrn im Urwald Rinder züchtet. Schließlich wird sie wie Che Guevara im Urwald hingerichtet.

Ob der Filmbesessene Hans Ertl nun Mitläufer, Opportunist und Karrierist war, der keine Rücksicht auf politische Umstände seiner Zeit kannte, oder ob der seinem Charakter nach unangepasste Außenseiter in einer totalitären Diktatur das Glück gehabt hatte, für seine genialen Projekte die ideale Spielwiese vorzufinden, interessiert Rodrigo Hasbún vergleichsweise wenig. Er richtet den Fokus auf die Ertls in Südamerika, die Ursachen für ihre Emigration liegen in diesem Buch im Dunklen. Dass der Draufgänger und Exzentriker auch ein Frauenheld war, wird angedeutet; dass es eine Affäre mit Leni Riefenstahl gegeben haben könnte, wird so kryptisch angesprochen, dass die Anspielung nur verständlich ist, wenn man bereits andere Quellen kennt.

Das ist die Stärke und Schwäche des Romans zugleich: Besitzt man kein Vorwissen über das historische Material, das die Fiktion inspiriert hat, dann erschließt sich nicht jedes Detail und so manche Frage bleibt offen. Das steigert durchaus die explosive Spannung, die auf jeder Seite greifbar ist, weil der Text gut erzählt ist und weil das Material selbst bis zuletzt unter Hochspannung steht. Aber das wiederum verführt auch dazu, den fiktiven Charakter des Romans auszublenden.

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erstellt am 08.1.2018

Rodrigo Hasbún
Die Affekte
Roman
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
Gebunden, 142 Seiten
ISBN: 978-3-518-42764-4
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

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