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Eine Ausstellung im Staatlichen Museum Majdanek zeigt Zeichnungen von Józef Richter aus den frühen 1940er Jahren, welche die Verfolgung und Ermordung von Juden in der polnischen Region Lublin während der deutschen Besatzung schildern. Bruno Laberthier hat die Ausstellung besucht und wünscht ihr ein größeres Publikum.

Ausstellung in Majdanek

Zeugnis ablegen

Die frühen 1940er Jahre im Südosten Polens: Nazideutsche herrschen in der Gegend und setzen alles daran, politisch Andersdenkende, Kriegsgefangene und vor allem Juden physisch zu vernichten. Ihre Ratio ist perfide, denn die Standhafteren unter den Opfern haben vor ihrer Liquidierung Zwangsarbeit in Rüstungs- und Zulieferbetrieben zu verrichten. Viele Frauen, Kinder und Alte schickt man dagegen direkt in die Gaskammern oder vor die Gewehre der Exekutionskommandos. Bekannt berüchtigt sind diese Vorgänge als „Aktion Reinhardt“, ihr Zentrum war die Stadt Lublin.

Zeugnis davon abzulegen und sich Gehör zu verschaffen, war in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Ende des deutschen Terrors Anliegen und Aufgabe von Überlebenden der Gewaltexzesse. Im Zuge der juristischen Aufarbeitung kam es zu Prozessen in Polen und, ab Mitte der 1970er Jahre, in Düsseldorf, bei denen das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek – in der damaligen offiziellen Terminologie das ‚KL Lublin‘ – im Mittelpunkt stand. Die Details des vergangenen Geschehens und der Verlauf der Prozesse sind gut ausgeleuchtet: unter anderem dank der historiografischen Arbeit von Józef Marszałek im noch kommunistischen Polen (die vom Rowohlt-Verlag für ein westdeutsches Publikum übersetzt und aufbereitet wurde), eines Dokumentarfilms von Eberhard Fechner und einer von der NRW-Justiz zusammengetragenen Sammlung von Prozesszeugenaussagen. Den jeweiligen Präferenznarrativen folgend – realsozialistisch wie bei Marszałek, selbstexkulpatorisch wie in den Aussagen der Täter vor Gericht, anklagend und um exaktes Erinnern bemüht wie die Überlebenden –, scheiden sich dabei Mörder und Mörderinnen von Opfern.

Ereignisbeteiligte von damals, die nicht eindeutig in die Dichotomie ‚Mörder – Ermordete bzw. zu Ermordende (und glücklich Überlebende)‘ passten, finden sich auch: sie nennt man Bystanders. Von ihnen gibt es nicht wirklich viele, jedenfalls offiziell nicht. Der Filmemacher Claude Lanzmann hat einige dieser nebenstehenden Zeugen in seiner Shoah-Dokumentation aus dem Nachhinein zu Wort kommen lassen, etwa den polnischen Lokomotivführer, der sich unter Androhung von existenzbedrohenden Sanktionen in den Dienst der deutschen Besatzer gestellt hatte und Züge in die Vernichtungslager lenkte, weil er in diesem Moment keine Alternative sah. Bystanders in diesem Sinn sind auch die, die es als Nicht(direkt)betroffene oder –herrschende vorzogen, nicht in mündlicher oder schriftlicher (und letztlich justiziabler) Aussageform aus dem Nachhinein zu bezeugen, was sich ereignet hatte, sondern andere Formen des Ausdrucks wählten.

Józef Richter heißt einer von ihnen. Wer genau er war und aus welchen Gründen er nach 1944 von der Bildfläche verschwand, ist bis heute ungeklärt. Wahrscheinlich stammte er aus der Gegend von Chełm, einer Kleinstadt zwischen Lublin und der ukrainischen Grenze. Nach der Besatzung durch die Deutschen musste er im sogenannten ‚Baudienst‘ arbeiten und bekam mit, wie Juden aus ganz Europa in Sobibór, Trawniki, Majdanek und anderen Mordstätten ihr Leben verloren. Offenbar, man weiß auch das nicht genau, hatte er sich um die Eisenbahninfrastruktur zu kümmern, die ein wesentlicher Teil der Todesmaschinerie der Nazis war.

Zeichnung von Józef Richter auf Zeitungspapier, Foto: Staatliches Museum Majdanek

Seine Eindrücke hielt Richter fest in Form von Zeichnungen, die Jahrzehnte später durch Zufall Miriam Nowicz in die Hände fielen, einer Mitarbeiterin des Beit Lohamei Haghetaot (Ghetto Fighters‘ House Museum) in Israel. Nowicz ist es zu verdanken, dass Richters Bilderzeugnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Noch breiter wird diese Öffentlichkeit derzeit durch eine Sonderausstellung im Staatlichen Museum in Majdanek/Lublin (Państwowe Muzeum na Majdanku), das Kopien dieser Zeichnungen zeigt. Auf diesen hielt Józef Richter fest, was er als Baudienstzwangsarbeiter entlang der Schienenwege in die Vernichtungsstätten mitbekam: mit Bleistift auf Ausschnitten und Ausrissen (passend der englische Titel: „Scraps“) von Pamphleten, Kopien von öffentlichen Aushängen und Zeitungen. Vor allem die Zeitungen und ihre Erscheinungsdaten ließen sich rekonstruieren, etwa der Nowy Kurier Warszawski vom 29. November 1943, Nowy Głos Lubelski vom 11. Juli 1941 und 23. März 1944, und der Nowy Kurjer Warszawy vom 8. April 1940.

Zur taggenauen Datierbarkeit der Trägermedien, die Richter benutzte, tritt die augenscheinliche Intensität des Dargestellten. Wenn Richter nicht gerade über ein fotografisches Gedächtnis verfügte, das es ihm gestattete, seine Beobachtungen erst Tage oder gar Wochen später als Zeichnungen und rückseitigen Kommentaren zu Papier zu bringen, dann ist anzunehmen, dass die Abbildungen der Gesichter von in Viehwaggons gepferchten Menschen oder ahnungslos ihrer Vernichtung entgegen reisenden niederländischen Juden frische Eindrücke eines Zufallszeugen sind, der seine Fertigkeiten als Zeichner im Augenblick selbst (oder kurz danach) zur Anwendung brachte, um grafisch zu bezeugen, was er sah: „Pociąg z Holandii. Oni nic nie wiedzą. Pulmany, komfort, za godzinę umrą“ (Ein Zug aus Holland. Sie ahnen nichts. Pullman, Komfort, in einer Stunde werden sie tot sein).

Vom künstlerischen Standpunkt betrachtet, sind Józef Richters Bleistiftzeichnungen wie ihr Medium, die zweckentfremdeten Presseorgane, die auf Polnisch erschienen und von besatzungsdeutschen Redaktionen zur Verlautbarung von Tagesereignissen vertrieben wurden, sicher nicht von überragender Qualität. Die Illustrationen geraten hier und da fluchtperspektivisch ungenau und zeigen eher Rollenfächer statt, um ein Beispiel zu nennen, scharf konturierte ukrainische Jungen, die auf den Tod der vom Zug in die Vernichtung abgesprungenen und mit einem Schuss in den Rücken neben den Bahngleisen niedergestreckten Jüdin warten. In Unkenntnis der Entstehungsbedingungen – ob hastig von einem Zeichenlaien dahin gekritzelt oder doch mit Muße verfertigt, worauf die sorgsame Zeichnung mit seinen, Richters Initialen verweist – ist es jedoch müßig, sie in einen Vergleich mit, sagen wir, den Illustrationen des KZ-Häftlings Camille Delétang zu setzen.

Denn zeigenswert und mit Blick auf seine Entstehungsbedingungen und Entdeckungskontexte einer Diskussion würdig sind die anderthalb Dutzend Illustrationen allemal. Krzysztof Banach und Lech Remiszewski haben als Kuratoren der kleinen Ausstellung in Lublin und Autoren des dazugehörigen Begleitbands, der in polnischer und englischer Sprache durch die Exponate führt, exzellente Arbeit geleistet und es bleibt zu hoffen, dass die Ausstellung Kreise ziehen und ein größeres Publikum erreichen wird. Vielleicht – wünschenswerterweise – auch in Deutschland.

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erstellt am 01.1.2018

Ausstellungsansicht „Drawings on the Scraps of Life“, Staatliches Museum Majdanek

Ausstellung

Drawings on the Scraps of Life

The Extermination of Jews in the Lublin Region in Józef Richter’s Sketches

Staatliches Museum Majdanek

Ausstellungskatalog

Krzysztof Banach, Lech Remiszewski (Hg.)
Drawings on the Scraps of Life. The Extermination of Jews in the Lublin Region in Józef Richter’s Sketches
(Rysunki na Strzępach Życia. Zagłada Żydów n Lubelszczyżnie w szkicach Józefa Richtera)
ISBN 978-83-62816-37-8
Katalog der Sonderausstellung des Staatlichen Museums Majdanek, 2017

Weitere Informationen – in polnischer Sprache