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Der 1985 geborene Kunsthistoriker Fabian Schöneich verlässt zum Jahresende die Frankfurter Kunsthalle Portikus. Als Kurator hat er dort seit Herbst 2014 etwa siebzehn Ausstellungen betreut. Eugen El hat mit Fabian Schöneich über seine Arbeit und über die aktuelle Ausstellung der kanadischen, in New York lebenden Künstlerin Moyra Davey gesprochen.

Gespräch mit dem Kurator Fabian Schöneich

»In viele Richtungen denken«

Die Kunsthalle Portikus auf der Maininsel in Frankfurt
Die Kunsthalle Portikus, Foto: Portikus

Eugen El: Der Portikus ist Teil der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule und wird von deren Rektor Philippe Pirotte geleitet. Das Konzept ist, zeitgenössischen Künstlern eine Plattform zu bieten. Welche inhaltlichen Schwerpunkte haben Sie in den vergangenen drei Jahren gesetzt?

Fabian Schöneich: Der Schwerpunkt lag darin, eine möglichst große Diversität von künstlerischen Positionen und Praktiken zu zeigen, unterschiedliche Generationen, Medien und Herkunftsländer einzubeziehen. Also in viele Richtungen zu denken, anstatt nur in eine. Das heißt auch, sich nicht nur auf die Ausstellungen an sich zu fokussieren, sondern zu sehen, wie das ganze Jahr funktioniert. Wie man also eine Ausstellung wahrnimmt, nachdem man die vorherige gesehen hat, und wie sich der Blick auf eine Ausstellung ändert, wenn man die nächste sieht.

Haben Großausstellungen, wie Documenta und Venedig-Biennale, und die Künstler, die dort zu sehen waren, eine Rolle im Programm gespielt?

Teilweise inhaltlich, nicht so sehr in der Auswahl der Künstler. Moyra Davey, die jetzt gerade im Portikus ausstellt, hat zwar an der diesjährigen Documenta teilgenommen. Ihre Arbeit habe ich jedoch schon kennengelernt, als ich an der Kunsthalle Basel mit Adam Szymczyk, dem künstlerischen Leiter der Documenta 14, zusammenarbeitete. Marina Rosenfeld war auch ein Teil dieser Documenta. Dass sie dort teilnimmt, war aber auch erst klar, als sie schon die Ausstellung im Portikus hatte.

Wie fügt sich die aktuelle Ausstellung von Moyra Davey in das Programm ein?

Der Portikus versucht, nicht nur junge Künstler zu zeigen, die gerade dabei sind, den nächsten Schritt innerhalb ihrer Karriere oder ihrer künstlerischen Praxis zu machen. Wir möchten sie mit Künstlerpositionen mischen, die schon etabliert sind oder auch älter sind. Moyra Davey gehört zu den etablierten Positionen. In Nordamerika wird sie sehr stark präsentiert und von Museen gesammelt. In Europa ist Davey eher unbekannt. Das hat sich jetzt sicher mit der Documenta geändert.

Moyra Davey, „Hell Notes“, Ausstellungsansicht Portikus, Frankfurt am Main, Foto: Helena Schlichting

Was genau erwartet die Besucher in der Ausstellung von Moyra Davey?

Es erwartet sie eine sehr große Anzahl von Fotografien von Abraham Lincolns Profilkopf auf der amerikanischen Ein-Penny-Münze. Es sind fast 600 Nahaufnahmen, die die Künstlerin angefertigt hat. Diese serielle Arbeit hat sie 1990 begonnen. Sie führt die Arbeit noch immer weiter, indem sie einzelne Penny-Stücke abfotografiert. Ein Markenzeichen der Künstlerin ist, dass sie die Idee der „Mail Art“ aufgreift, also der Kunst, die erst entsteht, wenn sie per Post versendet wird. Diese fast 600 Abbildungen von Münzen wurden gefaltet, zusammengeklebt und mit Briefmarken an unterschiedliche Museen und Galerien verschickt. Etwa 370 bis 400 wurden an den Portikus adressiert und kamen im Verlauf von fast zwei Monaten täglich hier an. Zudem erwartet den Besucher eine Video-Arbeit, die auch 1990 entstanden ist. Darin spricht Moyra Davey selbst darüber, welche Bedeutung für sie Geld in Bezug auf New York, zur Wall Street, aber auch zur Reformation und zum Ablasshandel hat.

Zielpublikum des Portikus’ sind in erster Linie Studierende der Städelschule. Darüber hinaus: Ist es nicht schwer, die Leute für zeitgenössische Kunst zu begeistern?

Die Frage der Kunstvermittlung ist ein großes Thema an sich. Der Portikus ist eine kleine Institution mit einem noch kleineren Team. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, aber dennoch versuchen wir natürlich Ausstellungen zu vermitteln, zum einen mit den Saaltexten, die in die Ausstellung einführen, sowie mit Führungen. Zeitgenössische Kunst zu vermitteln, ist an sich kompliziert, aber ich denke auch, dass man nicht alles immer erklären sollte. Es ist ja gerade das Spannende an der Kunst, sich darauf einzulassen, zu betrachten und tatsächlich zu sehen. Ich denke, das ist etwas, was wieder mehr passieren sollte, also sich mit Unbekanntem auseinanderzusetzen, persönlich, und nicht direkt nach einem Text zu fragen, worum es denn jetzt geht.

Was war der angenehmste Teil ihrer Arbeit als Portikus-Kurator und was der unangenehmste?

Der angenehmste Teil war, darüber nachzudenken, mit welchen Künstlern ich arbeiten wollte und mit den einzelnen Künstlern zu sprechen – über die Ausstellungen, über ihre Arbeit. Vor der Eröffnung zehn bis vierzehn Tage Zeit zu haben, mit den Künstlern die Ausstellung aufzubauen, darüber zu sprechen, wie man Arbeiten präsentiert, wie man mit dem Raum umgeht. Es ist einer der kleineren Teile meiner Arbeit gewesen. Ein großer Teil ist nicht unbedingt der unangenehmste, denn sonst würde ich diesen Job nicht machen, aber einer, der viel Zeit in Anspruch nimmt. Es ist Fundraising, also die Akquirierung von Förder- und Sponsorengeldern für die Ausstellungen.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich werde mir erst einmal ein bisschen Zeit nehmen, darüber nachzudenken, was danach kommen soll. Im Idealfall ist es ein Format wie der Portikus. Was mich interessiert, ist die Arbeit als Kurator an einer Institution: die gesamte Entwicklung einer Institution, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Fundraising, das Experimentieren mit verschiedenen Veranstaltungsformaten von Gesprächen zu Vorträgen und Performance, Ausstellungen oder Präsentationen. Ich möchte mir ein paar Monate Zeit nehmen, um diese Gedanken zu formulieren.

Das Gespräch führte Eugen El

Eine kürzere Fassung des Gesprächs ist in der Tageszeitung Offenbach-Post erschienen.

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erstellt am 22.12.2017

Fabian Schöneich, Foto: Diana Pfammatter
Fabian Schöneich, Foto: Diana Pfammatter
Ausstellung in Frankfurt

Moyra Davey: Hell Notes

Bis 28. Januar 2018

Portikus