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Das Staatsorchester Stuttgart gab in einem Kammerkonzert unter dem Titel „Schlagzeug+“ den zu wenig beachteten Musikern aus der hinteren Reihe Gelegenheit, ihr Können zu beglaubigen. Es wurden ausschließlich Werke russischer Komponisten des 20. Jahrhunderts gespielt. Das Publikum lauschte dem gesamten Abend gefesselt, berichtet Thomas Rothschild.

Konzert

Von wegen exotisch

Von Georg Kreisler existiert ein komisch-trauriges Lied, in dem ein Triangelspieler, der erst auf Seite neunundachtzig dran kommt und nie Applaus bekommt, sein Leid klagt. „Die Violinen weinen jetzt. / Die Cellos und Bässe ergrimmen. / Die Flöten jubeln, das Glockenspiel lacht – / Ein Triangel kann man nicht einmal stimmen.“ Das Staatsorchester Stuttgart gab nun im 3. Kammerkonzert dieser Saison unter dem Titel „Schlagzeug+“ den viel zu wenig beachteten Musikern aus der hinteren Reihe Gelegenheit, ihr Können zu beglaubigen. Und als wäre das nicht schon ungewöhnlich genug, wurden dafür ausschließlich Werke russischer Komponisten des 20. Jahrhunderts (wenn man den Russlanddeutschen Schnittke dazu zählt) ausgewählt. Mehr noch: alle Stücke, mit einer Ausnahme, wurden zu Zeiten der Sowjetunion geschrieben und beweisen, dass auch unter repressiven Bedingungen höchst anspruchsvolle Kunst auf internationalem Standard entstehen kann. Dass man sie im Westen weitgehend ignoriert hat, spiegelt die Schikanen, mit denen sie im Land ihrer Entstehung rechnen mussten.

Der Komponist Edison Denisov, 1975 © Dmitri Smirnov
Edison Denisov, 1975 © Dmitri Smirnov

Sowohl Edison Denisov in seinen „Silhouetten für Flöte, zwei Klaviere und Schlagzeug“ von 1969, wie auch Alfred Schnittke in seinem „Lebenslauf für 4 Metronome, Schlagzeug und Klavier“ von 1982 zitieren tonale Fetzen, dadaistische Fragmente innerhalb eines avancierten Rahmens, der sich der kompositorischen Verfahren des vergangenen Jahrhunderts bedient. Es ist, als wollte Tschaikowski in die Zukunft grüßen, den Nachfolgern seinen Segen erteilen. Denisov bestätigt den Zitatcharakter mit den Bezeichnungen der fünf Sätze: Sie tragen die Namen berühmter Opernheldinnen, unter ihnen eben auch Lisa aus Tschaikowskis „Pique Dame“, plus den der gefährlichen Verführerin par excellence: Lorelei.

In Sofia Gubaidulinas „Rumore e Silenzio für Schlagzeug, Cembalo und Celesta“ von 1975 wandert der Pianist mit lauten Schritten und Seitenblicken ins Publikum vom Cembalo zur Celesta und wieder zurück, betätigt sich als Geräuschemacher, während der Perkussionist ihn von den Tasteninstrumenten zu verdrängen versucht, wirft ein Notenpult mit Karacho um, lässt Instrumente von der Bühne wegtragen. Im Bereich des Theaters nennt man derlei Performance. Auf dem Sektor der Musik kennt man das schon lange, im Osten wie im Westen.

Alexander Raskatov, der mit Abstand Jüngste in der Runde, bringt dann in „Vor deinen Thron…“ für Violine und Schlagzeug von 1999 eine „singende Säge“ zum Einsatz, jenes Pseudoinstrument, mit dem man früher im Varieté oder im Zirkus amüsierte. Er fügt den recht unterschiedlichen „Ideologien“ des Abends – der eher mystischen und der einem fast mathematischen Rationalismus verpflichteten – eine weitere Dimension hinzu. Ein Triangel kann man nicht einmal stimmen. Aber mit dem Schlagzeug, solistisch oder in Begleitung von Melodieinstrumenten, kann man sehr differenzierende Stimmungen erzeugen.

Als hätte man Angst, die Zuhörer mit so viel Schlagzeug zu verschrecken, spielten der Konzertmeister des Stuttgarter Staatsorchesters Jewgeni Schuk und Ilonka Heilingloh zum Abschluss – vor der Zugabe – Sergej Prokofievs süffige Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 D-Dur op. 94a von1943. So schön und nervenberuhigend diese im vorgegebenen Rahmen klassisch anmutende Komposition wirkte – das Publikum, das man gelegentlich zu unterschätzen neigt und in dem alle Altersgruppen vertreten waren, lauschte dem gesamten Abend gefesselt. Wieder einmal zeigte sich: auch in den Künsten bestimmt das Angebot die Nachfrage. Wer nichts wagt, kann auch nichts gewinnen. Ein Abend mit Schlagzeugmusik, ein Abend mit moderner russischer Musik ist nur so lange exotisch, wie sich Veranstalter davor drücken.

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erstellt am 22.12.2017

Das Staatsorchester Stuttgart, Foto: Sebastian Klein

Kammerkonzert in Stuttgart

Schlagzeug +

Mit Musikern des Staatsorchesters Stuttgart:

Thomas Höfs, Claudius Lopez-Diaz, Philippe Ohl, Jürgen Spitschka, Marc Strobel, Christoph Wiedmann, Jewgeni Schuk, Nathanaël Carré, Ilonka Heilingloh, Stefan Schreiber