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Heinrich Böll wäre am 21. Dezember 2017 einhundert Jahre alt geworden: „sto lat“. Das runde Jubiläum, das im polnischen Geburtstagslied gefeiert wird als guter Wunsch und fröhliche Verheißung, ist beim Literaturnobelpreisträger Anlass für vielfältige Würdigungen. In seinem Essay widmet sich Bruno Arich-Gerz Heinrich Bölls schriftstellerischen und publizistischen Bezugnahmen auf Polen.

100 Jahre Heinrich Böll

»Polen, ein Blumenbeet der Freiheit«

Von Bruno Arich-Gerz

‚Böll und Polen‘, dahinter verbirgt sich eine erstaunlich weitreichende und immer wieder aufs Neue artikulierte Form der Wertschätzung für eine Nation durch den Literaturnobelpreisträger des Jahres 1972, der weit vor Erreichen von „sto lat“ im Sommer 1985 verstarb. Bölls schriftstellerische und publizistische Bezugnahmen auf Polen, sein Kümmern und die am Ende deutlich werdende Besorgnis um das Schicksal polnischer Oppositioneller umfassen damit zwei besondere – und für einen Autoren aus Deutschland besonders sensible – Abschnitte in der jüngeren Geschichte. Zum einen war da das Polen unter deutscher Besatzung von 1939 bis 1944: Böll musste im Sommer 1940 für einige Wochen zur Wehrausbildung in eine Kaserne im heutigen Bydgoszcz einrücken – eine Zeit und ein Zeitvertreib, der ihm anders als die Stadt an der Brda erkennbar missfiel. Zum anderen das Polen einer sogenannten Volksrepublik, die Böll auf Einladung des Związek Literatów Polskich 1956 ausführlicher besuchte, mit deren Oppositionellen und Kritikern er eng und engagiert korrespondierte, und die erst mit den Ereignissen des Jahres 1989 aufhörte zu existieren.

Wie Böll, der engagierte Freidenker von erkennbar nicht nationalkonservativem, dafür kritisch-katholischem, friedensbewegtem und betont antimilitaristischem Einschlag, heute, hundertjährig, auf das seit annähernd dreißig Jahre demokratische, freie und europäische (sich in puncto Staatsführung jedoch zunehmend patriotisch-nationalistisch gebärdende und auf Wehrhaftigkeit großen Wert legende) Polen blicken würde, wäre eine mehr als nur interessante Frage. Beantworten lässt sie sich lediglich im Konjunktiv.

Trotzdem liegt ein Reiz in der spekulativen Verlängerung der Positionen und Schriften Bölls auf die Gegenwart Polens. Ohne Zweifel sähe er mit Genugtuung, dass Oppositionelle – Bürgerrechtler*innen, Intellektuelle, Gewerkschafter*innen –, die Mitte der 1970er Jahre gegen die Repressionsmaßnahmen unter dem späten Edward Gierek ihre Stimme erhoben hatten und später, nach der Verhängung des Kriegsrechts unter General Wojciech Jaruzelski in Haft genommen worden waren, heute nicht nur längst als rehabilitiert gelten, sondern es wie Adam Michnik zu den einflussreichen Denkern im Nachwende-Polen gebracht haben. Das Telegramm, das Böll gemeinsam mit seinen deutschsprachigen Schriftstellerkollegen Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Elias Canetti im späten Dezember 1981 an Jaruzelski sandte, um seiner Sorge um das Wohlergehen Michniks und des ebenfalls inhaftierten Bürgerrechtlers Jacek Kuroń Ausdruck zu verleihen, mag den General in seinem repressionsapparativen Labyrinth wenig beeindruckt haben. Und auch Böll wusste sehr genau, dass „die Herren Realpolitiker über all das lachen werden“, wie er 1973 in einem Essay erklärte. Dennoch ließ er sich nicht abbringen und intervenierte in dem Bewusstsein, für diejenigen die Stimme zu erheben und zu sprechen, die erst dann wieder zu Stimme kommen würden, wenn die kruden Herren Realpolitiker ausgelacht hatten. Auf lange Sicht – auf eine, die bis heute reicht – bezeugt der wenig bekannte Telegramm-Appell somit eine Intervention zum rechten Zeitpunkt, die Böll post mortem zu einer kleinen Portion Nachruhm gereicht.

Brave, stramme Nachbarstaaten

Ob sich die telegrafierenden Literaten aus Deutschland und der Schweiz gewiss waren, dass ihr Ersuchen um Auskunft über das Wohlergehen der beiden Inhaftierten zumindest gelesen wurde (oder doch nur im Amtssitz Jaruzelskis im Mülleimer landete), ist nicht überliefert. Gewiss war sich ihr Wortführer Böll, auf dessen Briefpapier der Appell formuliert wurde, bereits in den 1950er Jahren über ein anderes Prädikat der Polen. Gemeint ist der kollektive, tief eingegrabene Drang nach Freiheit, der Polen nach einer unleidlichen Abfolge von Teilungen durch seine Nachbarstaaten (1772, 1793, 1795, 1815, 1939) zugeschrieben worden ist und nach wie vor wird. „Polen, ein Blumenbeet der Freiheit“, notierte Böll nach der Polenreise 1956, „umgebend von braven, strammen Kohlfeldern“.

Böll zollt der Freiheitsliebe Polens nicht nur hier seinen großen Respekt; inwiefern er diese vielleicht auch ein wenig romantisiert, bleibt dahingestellt. Besonderen Eindruck machte auf ihn der Kontrast zu den „braven, strammen“, sprich deutlich linientreueren kommunistischen Nachbarstaaten: besonders dem Kohlfeld DDR, wo drei Jahre zuvor Arbeiter*innen den Aufstand gewagt und umgehend dessen Niederschlagung zu erleiden hatten, aber auch der Erhebung in Ungarn.

Dem Wort vom Blumenbeet der Freiheit unterliegt eine weitere Konnotation: die des Katholizismus, der es sich in Polen durch seine profunde Verwurzelung herausnehmen kann, dem politischen Realsozialismus zu trotzen, ihm Kompromisse abzuringen und wortwörtliche Freiheitsgrade für sich und seine Gläubigen zu sichern. Der tief in der Wolle gefärbte Katholik Böll der Neunzehnhundertfünfziger Jahre begegnet der polnischen Spielart des Katholizismus mit großer Offenheit und Sympathie; die Vertreter der Amtskirche imponieren ihm mit ihren klug dosierten, die eigenen Freiheitsgrade allerdings nie überstrapazierenden Positionierungen. Mit Wohlwollen blickt er auf die katholischen Verbände in Gesellschaft, Politik und Publizistik: so etwa auf die Macher der im PAX-Verlag erschienenen Tygodnik Powszechny, die sich als „einzige Zeitung zwischen Marienborn und Wladiwostok“ weigerte, nach Stalins Tod einen Nekrolog zu veröffentlichen. Sanft ironisch fällt sein Urteil über die Katholikendarsteller aus, die es sich aus Opportunität oder Opportunismus zu sehr bequem gemacht haben an den Fleischtöpfen der unredlichen Mächtigen. Wenn Böll etwa den Gründer der polnischen PAX-Bewegung und Sejm-Abgeordneten Bolesław Piasecki skizziert, klingt dies wie eine Vorwegnahme der Ansichten eines Clowns (1963) unter polnischen Bedingungen. Mit den redlichen Politgrößen – die es auch gab, so Böll mit riskant wohlwollendem Blick auf den Gomułka der Mittfünfziger Jahre – können eine starke Kirche und ein nicht nur wortmächtiger, sondern in Personen wie dem späteren Primas von Polen, Stefan Wyszyński, auch äußerst glaubwürdiger Klerus sehr wohl aushandeln, was zum tatsächlichen Wohle auch der Gläubigen gereiche: zugleich „sozialistisch zu sein“ und „der katholischen Mehrheit religiöse Freiheit zu lassen“.

In den Jahren danach wandelte sich auch für Böll das Bild. Freiheitliche und bürgerrechtliche Kräfte artikulieren sich zwar weiterhin, und es entstehen gewerkschaftliche Strukturen jenseits der staatsparteilichen Verbände wie 1976 das Komitet Obrony Robotników (KOR). Gründungen wie diese sind nun jedoch Ausdruck von Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den Herren Realpolitikern in Staatsrat und Regierung. Böll reagiert darauf nicht mehr mit den optimistischen Bestandsaufnahmen eines deutschen Gelegenheitsbesuchers mit katholischer Einfärbung (diese besaß er zwar nach wie vor, überließ sein Verhältnis zur Kirche aber zunehmend dem kirchensteuereintreibenden Finanzamt und trat 1976 ganz aus ihr aus). Die Zeit der konkret politischen Einmischung brach an und ersetzte den wohlwollend-distanzierten Blick auf ein polnisches Nationalexperiment, in dem Atheisten und Katholiken vielleicht ja doch zueinander fanden. Böll, dem zur selben Zeit das bundesrepublikanische Establishment im Verbund mit dem Zeitungsboulevard und Teilen der Bonner Hochpolitik zusetzte, weil er sich differenzierter als für diese erträglich mit der zunehmend gewalttätigen linksextremistischen Gruppierung um Ulrike Meinhof auseinandersetzte, lud zu Pressekonferenzen ein, gab Interviews, formulierte Appelle und brach dabei immer wieder eine Lanze für die Anliegen der polnischen Oppositionellen.

Deutsch-polnische Schwingungen

Den Auftakt machten 1976 zwei Interventionen der besonderen Art. Dem Komitet Obrony Robotników überschreibt Böll die Tantiemen aus seiner ins Polnische übersetzten Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1974): jenes Buches also, das Bölls literarische Antwort auf die Meinungs- und Stimmungsmache der Bild-Zeitung enthält und bis heute weltweit zu den meistgelesenen seines Œuvres zählt. Und Böll reagiert auf einen offenen Brief des KOR an westdeutsche Intellektuelle mit einer Solidaritätsadresse, die er gemeinsam mit dem in Polen wohl bekanntesten deutschen Nachkriegsschriftsteller verfasst: Günter Grass.

Grass‘ Prosa mit ihren Danziger und kaschubischen Schauplätzen hat auch dem bundesdeutschen Literaturpublikum das Polen des Zweiten Weltkriegs nahegebracht wie keine andere nach 1945. Bölls belletristische Bezugnahmen auf die Menschen jenseits der Oder, ihre Geschichte(n) und Identitäten als nationales Gemeinwesen, als Opfer deutscher Gewaltherrschaft und Partner bei deren Aufarbeitung wirken daneben ziemlich überschaubar.

Dennoch lohnt ein genaueres Hinsehen. 1949 verarbeitet Böll seine Kriegserlebnisse und –erfahrungen in einer ersten umfangreicheren Erzählung mit dem Titel Der Zug war pünktlich. Schauplätze sind der titelgebende Zug, mit dem deutsche Soldaten nach einer Auszeit vom Krieg zurück an die Front im Osten gebracht werden, und ein Bordell zwischen Przemysl und Lwów, in dem der junge Rekrut Andreas auf die Prostituierte Olina trifft, die für den polnischen Untergrund arbeitet. Böll schildert diese Begegnung, aus der sich im Laufe einer einzigen Nacht eine tiefe und tragische, weil verrats-verräterische Zuneigung entwickelt, stilistisch so unprätentiös, wie seine Beobachtungs- und Einfühlungsgabe in diese besondere Situation mit ihren besonderen deutsch-polnischen Schwingungen einen Ausweis seiner hohen literarischen Veranlagung darstellt.

Die einfühlsame Schilderung deutscher und vor allem polnischer Positionen und Befindlichkeiten, die er in Der Zug war pünktlich, auf Romanfiguren verteilt, an den Tag legt, ergänzt Bölls ausgewogene Beurteilung polnischer Gegenwartsliteraten, denen er als Literaturkritiker begegnet. Als Lektor für seinen Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch rezensiert er 1953 mehr als nur freundlich die deutsche Übersetzung von Czesław Miłoszs Zniewolony umysł (deutsch: Verführtes Denken). Besprechungen weiterer polnischer Literaten und Publizisten folgen, etwa die der Lebenserinnerungen von Wladysław Bartoszewski im Jahr 1983. Eine weitere literaturkritische Arbeit sticht durch ihre Ausführlichkeit (und ebenfalls Wohlgesonnenheit) heraus: Bölls Vorwort zu Jerzy Andrzejewskis Popiół i diament (1948) für die im Jahr 1980 erschienene Übersetzung ins Amerikanische.

Auf eine ansehnliche Zeitspanne, nämlich insgesamt knapp fünfundvierzig Jahre, verteilen sich die Schriften Heinrich Bölls, die aus unterschiedlichen Anlässen und in den unterschiedlichsten Gattungen zu und über Polen erschienen sind: angefangen von den Kriegsbriefen des 22-jährigen Rekruten, den die Schikanen des militärischen Drills in Bromberg (heute Bydgoszcz) im Jahr 1940 nicht übersehen lassen, dass es außerhalb der Kasernenmauern eine Stadt und seine polnische Bevölkerung zu entdecken gilt, und endend mit den Schikanen an polnischen Bürgerrechtlern in der Zeit des Kriegsrechts, die ein längst weltrenommierter Schriftsteller publik macht, um einem polnischen General in seinem Labyrinth auf die Sprünge zu helfen. Am 16. Juni 1985 verstarb Böll und erlebte damit nicht mehr, dass seine Interventionen zusammen mit vielen anderen am Ende, 1989, zum Ziel führten.

Einleitung aus: Heinrich Böll, Wybór Pism. Hg. von Bruno Arich-Gerz und Paweł Piszczatowki. Polnische Übersetzung: Katarzyna Leszczyńska und Paweł Piszczatowki. Krakau: Eperons Ostrogi

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erstellt am 20.12.2017

Heinrich Böll, Bonn, 1981. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F062164-0004 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0
Heinrich Böll auf einer Pressekonferenz in Bonn,1981

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F062164-0004 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0

100 Jahre Heinrich Böll

Weitere Informationen und Termine:
boell100.com

Der Autor

Dr. Bruno Arich-Gerz lehrt an der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal.

Bruno Arich-Gerz vor dem Böll-Cottage in Irland, Foto: privat
Bruno Arich-Gerz vor dem Böll-Cottage in Irland, Foto: privat