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Die Gottesschau bewirkt, dass man danach nicht mehr ganz von dieser Welt ist. Der mystische Seitensprung entrückt und verrückt. Otto A. Böhmer hat sich in seinem Essay Leben und Werk Friedrich Hölderlins auf diese Verrücktheit hin angesehen und sie plausibel belegt.

Der Dichter Friedrich Hölderlin

Das unschuldigste aller Geschäfte

Manchmal schauen wir ohne Absicht und erhalten doch schon das Ganze. Aus dem Bannkreis eines Anblicks, der nicht für uns erdacht wurde, ergibt sich das Innige und Wahre, und wir erfahren den Anspruch des Heiligen. Eine andere Welt als die offensichtliche tut sich auf; sie ist mehr zu erahnen, als dass sie nachzuzeichnen oder zu bewahren wäre. Denn auch das große, das erhabene Bild unterliegt der Zeit, die an jedem ihrer geglückten Momente zwar die Ewigkeit hat, in ihrem gewöhnlichen Verlauf jedoch das Wissen am Vergessen bemisst. So kann sich der ergreifende Anblick, der alles umfassen kann, was dem Menschen nahegeht, Gestalt, Landschaft, Natur, Kunstschönheit, Seelenanmut und Glücksgefühl, auch nicht selber erhalten; er wird der Erinnerung überstellt, die das grandiose Bild, sofern sie ein Aufhebens davon macht, bestenfalls zum gelungenen Abbild werden lässt. Friedrich Hölderlin, der ein Dichter war, wie ihn später vielleicht nur noch Rilke zu geben vermochte, sah sich in jungen Jahren einem solchen Bild ausgesetzt; es war unspektakulär und stimmig, und es rührte an eine Gewissheit, die sich noch zu erweisen hatte. Der sechzehnjährige Hölderlin versuchte sie im Gedicht für einen Freund mitzuteilen: „Guter Carl! – in jenen schönen Tagen/ Saß ich einst mit dir am Neckarstrand./ Fröhlich sahen wir die Welle an das Ufer schlagen,/ Leiteten uns Bächlein durch den Sand./ Endlich sah ich auf. Im Abendschimmer/ Stand der Strom. Ein heiliges Gefühl/ bebte mir durchs Herz; und plötzlich scherzt' ich nimmer,/ Plötzlich stand ich ernster auf vom Knabenspiel …“

Der heimatliche Neckar, den Hölderlin sieht, ist nicht groß, aber im entbergenden Licht nimmt er Größe an und wird zum Bild, das bleiben soll. Zwei Jahre später steht Hölderlin an einem wirklichen Strom, am Rhein bei Speyer, und erneut hält er Andacht; das Reisetagebuch, das er damals führt, vermerkt: „Ein Strom, der dreimal breiter ist als der Neckar, wo der am breitesten ist – dieser Strom von oben herab an beiden Ufern von Wäldern beschattet – und weiter hinab die Aussicht über ihn so lang, daß einem der Kopf schwindelte – das war der Anblick – ich werd' ihn nie vergessen, er rührte mich außerordentlich …“

Was damit in Gang gesetzt wurde, war eine Selbstfindung, die nicht auf dem Selbst beruht, sondern auf einer Schenkung, deren Urheber unerkannt bleiben will. Gleichwohl ist sie drängend, sie bestimmt das ihr Zugedachte. Hölderlin schreibt: „Von nun an konnt' ich nichts mehr denken, was ich zuvor dachte, die Welt war mir heiliger geworden, aber geheimnisvoller. Neue Gedanken, die mein Innerstes erschütterten, flammten mir durch die Seele. Es war mir unmöglich, sie festzuhalten, ruhig fortzusinnen … Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles.“

Der große Unsichtbare und sein Wirken

Hölderlin hat das Bild vom Strom, das, so sagt er später, dem einen „heiligen Bild gehört, das wir bilden“, in ein wiederkehrendes Bedenken gebracht. Der Strom, frei verharrend im Blick seines Betrachters, ist Teil einer anderen, dem Erhabenen zugewandten Ordnung, die in versunkenen schönen Tagen ruht, aber weiterlebt für den, der sich empfänglich zeigt für die Zeichen ihrer Anwesenheit. Sie stehen für Fraglosigkeit, nicht für fraglose Gewissheit, die ein Verfallsdatum in sich trägt, das nur unter Menschen gilt: „Könnt ich sie zurückbringen, diese stille Feier, diese heilige Ruhe im Innern, wo auch der leiseste Laut vernehmbar ist, der aus der Tiefe des Geistes kommt und die leiseste Berührung von außen, vom Himmel her, und aus den Zweigen und Bäumen – ich kann es nicht aussprechen, wie mir oft ward, wenn ich so dastand vor der göttlichen Natur, und alles Irdische in mir verstummte – da ist er uns so nahe, der Unsichtbare!“

Für den großen Unsichtbaren und sein Wirken ist Hölderlin nur zu empfänglich gewesen; der Spannung zwischen dem gewöhnlichen Vernünftigen und dem göttlichen Übermächtigen, den der Alltagsmensch, aus gutem Grund, zu bedenken sich versagen muss, weil er dabei seine ganze notdürftige Identität zu verlieren droht, konnte er nur um den Preis eines gewaltsamen, den normalen Verstand beeinträchtigenden Friedens entkommen; danach hatte er seine Ruh', die den anderen als Wahnsinn erschien oder, in etwas vornehmerer Einschätzung, für geistige Umnachtung gehalten wurde. Das eine heilige Bild: Es ruft erst Ergebenheit und Demut, dann schiere Verzweiflung hervor; das Bild fügt sich zwar dem Geheimnis, das es auch in der Offenheit noch bleibt, nicht aber dem Kopf, in dem es bewahrt werden soll. Im Sommer 1794 schreibt Hölderlin: „Es muß heraus, das große Geheimnis, das mir das Leben gibt oder den Tod … Oft konnte ich insgeheim von einem kleinen erkauften Besitztum, von einer Kahnfahrt, von einem Tale, das mir ein Berg verbarg, erwarten, was ich suchte … Meine ganze Seele sträubt sich gegen das Wesenlose. Was mir nicht Alles und ewig Alles ist, ist mir Nichts … Wo finden wir das Eine, das uns Ruhe gibt, Ruhe? Wo tönt sie uns einmal wieder, die Melodie unseres Herzens, in den seligen Tagen der Kindheit?“

Wenn der Mensch überhaupt je bei sich selbst sein kann und dabei von seinem Gott nicht verlassen ist, dann gelingt ihm dies als Kind. Das Kind ist gutherzig, unschuldig, neugierig, es spielt mit der Welt, die ihm groß und staunenswert vorkommt, aber zugleich fügsam genug erscheint, um sich ihm, dem Kind, anverwandeln zu können. Die Zeit steht ihm unbegrenzt zur Verfügung: Indem es von Augenblick zu Augenblick lebt und, ganz ohne Arg, in sich selbst ruht, ist es an sich schon unsterblich. Alle nachfolgenden Ablösungsprozesse nämlich gelten nicht mehr dem Kind; es gehört einer Geistwelt an, zu der, wenig später, auch die alten Leute wieder Zugang haben, auf deren Gesichtern sich das gelebte Leben wie eine Rätselschrift ablesen lässt. Kindsein, erklärt Hölderlin, soll einfach und unvergänglich sein: „Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön./ Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht; im/ Kind ist Freiheit allein./ In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen. Reichtum/ ist in ihm; es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht./ Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts.“

Der Tod aber, der zum Leben gehört, wird, wenn das Kind dem Kindsein entwächst, zu einer seltsamen Gewissheit, die zunächst nur den anderen droht; wer erlebt schon sein eigenes Sterben und könnte dann, so als wäre nichts gewesen, noch darüber berichten. Diese Eigenart des Todes, der, bei aller Präsenz, etwas Verhuschtes hat, weil er die persönliche Auseinandersetzung zu scheuen scheint, macht seine unwiderlegbare Tücke aus; man wird ihn nicht los, nicht mal in Gedanken. Für das Kind, das schließlich erwachsen geworden ist, bleibt nur der gefasste Blick zurück: „Da ich ein Knabe war,/ Rettet' ein Gott mich oft/ Vom Geschrei und der Rute der Menschen,/ Da spielt' ich sicher und gut/ Mit den Blumen des Hains,/ Und die Lüftchen des Himmels/ Spielten mit mir/ … – O all ihr treuen/ Freundlichen Götter!/ Daß ihr wüßtet,/ Wie euch meine Seele geliebt! – Zwar damals rief ich noch nicht/ Euch mit Namen, auch ihr/ Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen/ Als kennten sie sich./ – Doch kannt' ich euch besser,/ Als ich je die Menschen gekannt,/ Ich verstand die Stille des Äthers/ Der Menschen Worte verstand ich nie./ – Mich erzog der Wohllaut/ Des säuselnden Hains/ Und lieben lernt' ich/ Unter den Blumen./ – Im Arme der Götter wuchs ich groß.“

Revolutionswirren und neue Ideen

Das Kind Friedrich Hölderlin, das sich den Scharfsinn des Erwachsenwerdens nie ganz zu eigen macht, wird am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren. Der Vater stirbt früh an einem Schlaganfall. Zwei Jahre später heiratet die Mutter, eine gottesfürchtige Frau, den Nürtinger Weinhändler und Bürgermeister Johann Christoph Gok, der ihren Kindern ein liebevoller Stiefvater wird; auch dieser Ehe ist nur kurzes Glück beschieden. Das Kind Friedrich Hölderlin erlebt zwei Väter und ihren Tod; seine Mutter verfällt daraufhin nicht der Verzweiflung, sondern haust sich, mehr noch als vorher, in den Unterstand ihres versiegelten Gottesglaubens ein. Hölderlin ist ein begabter Schüler; er besucht die Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn. Er soll Geistlicher werden, aber das kann kein Beruf für ihn sein, wie sich bald herausstellen sollte. Von 1788 bis 1793, in heftig bewegter Zeit, die von Revolutionswirren und neuen Ideen geprägt ist, studiert er am renommierten Tübinger Stift und befreundet sich dort (u.a.) mit den späteren Philosophen Schelling und Hegel. Nach dem Studium, das er mit dem Magisterexamen abschließt, schlägt er sich als Hauslehrer durch und studiert an der Universität Jena. Seine dichterischen Versuche finden nicht die Würdigung, die sie verdienen; der gravitätische Goethe kann mit ihnen rein gar nichts anfangen, Schiller gibt sich wohlwollend und ratlos. 1796 tritt Hölderlin eine Stelle als Hauslehrer bei der Familie Gontard in Frankfurt am Main an. Susette Gontard, die Dame des Hauses, wird seine große, lebenssprengende Liebe, und diese Liebe wird erwidert, obwohl alle Umstände gegen sie sprechen. Es kommt, wie es kommen muss: Als das Verhältnis enttarnt wird, setzt Gontard den Magister Hölderlin vor die Tür. 1797 erscheint der erste Band seines Romans Hyperion, 1799 der zweite; in dem Widmungsexemplar, das er Susette Gontard an geheimem Ort übergibt, steht zu lesen: „Wem sonst als Dir“. Noch einmal versucht er sich, gesundheitlich bereits angeschlagen, als Hauslehrer; er geht in die Schweiz und nach Bordeaux. Als er im Sommer 1802 aus Frankreich zurückkehrt, erreicht ihn die Nachricht, dass Susette gestorben ist: Als Todesursache werden Röteln genannt, aber in Wahrheit starb sie an gebrochenem Herzen. – Der Rest von Hölderlins Leben ist schnell erzählt: 1806 wird er in die Autenriethsche Klinik in Tübingen eingeliefert, man erklärt ihn für unheilbar geisteskrank; seine Lebenserwartung, heißt es, betrage noch drei Jahre.

Der Hölderlinturm in Tübingen, Foto: Wikimedia Commons
Der Hölderlinturm in Tübingen, Foto: Wikimedia Commons

Dann aber wird dem kranken Hölderlin doch noch ein Glücksfall zuteil: Der Schreinermeister Ernst Zimmer, ein grundsolider Mann und erklärter Freund der Dichter, nimmt sich seiner an; er holt den Pflegefall Hölderlin in sein Haus, wo er ein Turmzimmer mit Blick auf den Neckar bewohnen darf, das heute gern von Touristen bestaunt wird. Hier verbringt Hölderlin die andere Hälfte seines Lebens, in der er seine eigene Welt besetzt hält, äußerlich zur Ruhe gekommen und in mühsam ausbalanciertem Waffenstillstand mit den Mächten begriffen, die ihn so heftig bedrängten. – Dass ein Dichter, der mehr sieht als andere, gefährdet ist, ahnte er früh; es blitzte ihm, kaum merklich, schon im friedfertigen Bild vom Strom mit auf, und wurde zur Einsicht, als es keine Rückzugsmöglichkeiten mehr gab. Im Sommer 1800 schreibt er: „Aber in Hütten wohnet der Mensch, und hüllet sich ins verschämte Gewand, denn inniger ist/ achtsamer auch und daß er bewahre den Geist, wie die Priesterin die himmlische Flamme, dies ist sein Verstand. Und darum ist die Willkür ihm/ und höhere Macht zu befehlen und zu vollbringen dem Götterähnlichen, und darum ist der Güter Gefährlichstes, die Sprache dem Menschen gegeben, damit er schaffend, zerstörend, und untergehend, und wiederkehrend zur ewigliebenden, zur Meisterin und Mutter, damit er zeuge, was er sei/ geerbt zu haben, gelernt von ihr, ihr Göttlichstes, die allerhaltende Liebe.“

Sehnsucht nach Ankunft und Heimkehr

Hölderlin, von Mut und Verzweiflung geschwächt, hat sich als Dichter immer wieder Rechenschaft über sein Tun abgelegt. Er wägt Wissen und Poesie gegeneinander ab und befindet, dass jedes Wissen sich klein machen muss unter dem unendlichen Himmel; Poesie indes, Dichtkunst, „das unschuldigste aller Geschäfte“, wie er sie nennt, weist über sich hinaus, sucht das Große im Ganzen, eint zerrissene Herzen. Der Dichter vermag ihn zu schauen, den imaginären Vereinigungspunkt, der die Natur Gottes noch mit dem Menschen zusammenhielt. In seiner Sehnsucht nach Wiedervereinigung, nach Versöhnung der Gegensätze, nach Ankunft und Heimkehr dämmert dem Dichter die Einsicht in ein Sein, das nicht grundlos sein kann, auch wenn es der Begründung entsagt: „Wir durchlaufen alle eine exzentrische Bahn, und es ist kein anderer Weg möglich von der Kindheit zur Vollendung. – Die selige Einheit, das Seyn, im einzigen Sinne des Worts, ist für uns verloren, und wir mußten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir reißen uns los vom friedlichen Einen und Allen, der Welt, um es herzustellen, durch uns Selbst. Wir sind zerfallen mit der Natur, und was einst, wie man glauben kann, Eins war, widerstreitet sich jetzt, und Herrschaft und Knechtschaft wechselt auf beiden Seiten. Oft ist uns, als wäre die Welt Alles und wir Nichts, oft aber auch, als wären wir Alles und die Welt Nichts … Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden alles Friedens, der höher ist denn alle Vernunft, wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all' unseres Strebens, wir mögen uns darüber verständigen oder nicht. – Aber weder unser Wissen noch unser Handeln gelangt in irgend einer Periode des Daseyns dahin, wo aller Widerstreit aufhört, wo alles Eins ist; die bestimmte Linie vereinigt sich mit der unbestimmten nur in unendlicher Annäherung.“

Wer sich um die Wiedereingliederung in einen unvordenklichen Seinsgrund bemüht, ist zu loben; man kann aber davon ausgehen, dass eine solche Unternehmung, der Würde und Kühnheit nicht abzusprechen sind, zum Scheitern verurteilt bleibt. Mit den Mitteln des Bewusstseins, unter dem Störfeuer des Selbstbewusstseins gar, lässt sich keine Versöhnung erzielen; es darf sich glücklich schätzen, wer beim Bedenken des Undenkbaren mit heilem Kopf davonkommt. Hölderlin war dies nicht beschieden: Als er im Winter 1802 aus Frankreich zurückkehrt, hat er Mühe, sich zurechtzufinden. Er ist verwildert; die Erfahrungswelt wird ihm zur Last. Unter seinem Dasein leidet er jetzt wie unter einer unheilbaren Krankheit, die ihm stille Schmerzen bereitet; schon das einfache Sprechen fällt ihm schwer. Auch die Poesie kann nicht mehr helfen, das Sagbare ist unsagbar geworden, das Heilige geht ein in die Grimassen des Gewöhnlichen. Noch einmal versucht Hölderlin, sich zusammenzunehmen, aber sein Leid, schwerfällig bedeckt gehalten, entzieht sich der Ordnung der Worte. An seinen Freund Böhlendorff schreibt er: „Mein Teurer! Ich … bin in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten … Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur, und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen … Es war mir nötig, nach manchen Erschütterungen und Rührungen der Seele mich festzusetzen, auf einige Zeit, und ich lebe indessen in meiner Vaterstadt. Die heimatliche Natur ergreift mich um so mächtiger, je mehr ich sie studiere. Das Gewitter, nicht bloß in seiner höchsten Erscheinung, sondern eben in dieser Ansicht, als Macht und als Gestalt …, das Licht in seinem Wirken …, daß uns etwas heilig ist …, daß alle heiligen Orte der Erde zusammen sind um einen Ort und das philosophische Licht um mein Fenster, ist jetzt meine Freude …; bis hierher.“

Hölderlin konnte nicht unbeschädigt bleiben an Leib und Seele. Als seine Qualen systemsprengend wurden, versagte ihm die Geistesmaschine; danach wurde sie neu justiert und nahm Blickkontakt auf mit dem Harmlosen, das nie so harmlos ist, wie es den Anschein hat. Der späte, der zur Ruhe gekommene Hölderlin, der sich in der zweiten Hälfte seines Lebens mal verschlossen, mal einfältig-zutraulich gibt, lebt in seiner eigenen Welt, die er, wenn ihm danach ist, einen Spalt breit öffnet. Dann darf man hineinschauen zu ihm, darf Ruhe und Rückzug bewerten, die von früher her kommen, vom Kindsein, vom Ufer des Stromes, und ein ferner, verloren geglaubter Klang wird eingespielt, dem nichts mehr hinzuzufügen ist; der Mensch steht für eine Möglichkeit ein, die seine Möglichkeiten übersteigt: „Ein Zeichen sind wir, deutungslos,/ Schmerzlos sind wir und haben fast/ Die Sprache in der Fremde verloren./ Wenn nämlich über Menschen/ Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig/ Die Monde gehn, so redet/ Das Meer auch und Ströme müssen/ Den Pfad sich suchen. Zweifellos/ Ist aber Einer. Der/ Kann täglich es ändern. Kaum bedarf er/ Gesetz. Und es tönet das Blatt und Eichbäume wehn dann neben/ Den Firnen. Denn nicht vermögen/ Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen/ Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo,/ Mit diesen. Lang ist/ Die Zeit, es ereignet sich aber/ Das Wahre.“

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erstellt am 15.12.2017

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