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Glaubt man heute eine gesellschaftspolitische Farce zu erleben, so vollzog sich in den 1920er Jahren die dazugehörige Tragödie. Hédi Kaddour beschreibt in seinem Roman „Die Großmächtigen“ das nahende Ende einer kolonialen Großmacht und das politische Ränkespiel zwischen den Weltkriegen. Clair Lüdenbach hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Hollywood im Maghreb

Mit den Konflikten einer starken Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft im Aufbruch beginnt Hédi Kaddour seinen Roman. Diese Konflikte treten erst recht zutage, als ein amerikanisches Filmteam erscheint, um den Film „Die Wüstenkrieger“ zu drehen. Rania, die junge Witwe, berührt das großspurige Auftreten der Amerikaner unangenehm, und sie ist gleichzeitig fasziniert davon. „Auf der Avenue taten die Passanten, Einheimische wie Europäer, sehenden Auges, als sähen sie nichts. …. ein Trugschluss zu glauben, der Krieg habe die Welt vollständig zerstört, ihre Kleider ließen mehr Haut blicken, als der Teufel es verlangt hätte, und dann setzten sie sich auch noch ohne Männer auf die Terrassen der Cafés, was selbst die kessesten Französinnen oder Italienerinnen der Stadt niemals wagen würden“.

Hédi Kaddour ist Sohn tunesisch-französischer Eltern und hat zeitweise in Nordafrika gelebt. Die detailgenaue Beschreibung der Geschichte und Kultur des Maghreb und Frankreichs ist ein wesentlicher Teil des Romans.

Im Zentrum seines Buches steht jedoch nicht so sehr die junge Witwe, sondern ihr Neffe, der von seinem Vater, einem einflussreichen Einheimischen, als Mittler zwischen der lokalen Bevölkerung und den „Großmächtigen“ Franzosen eingesetzt wird. Raouf wird zum Beschützer der amerikanischen Star-Schauspielerin Kathryn. Auf diese Weise erhält der Junge Zugang zur Welt der Amerikaner, die sich Abend für Abend an der Bar im Grand Hotel treffen. Hinzu kommt noch die französische Journalistin Gabrielle, die über die Arbeiten am Film für französische Zeitungen berichten soll. Mit Neugier beobachten Einheimische und Kolonialherren das lockere Treiben der Amerikaner. Und ebenso wissbegierig stürzen sich die Filmleute auf Insiderwissen aus der exotischen Welt Nordafrikas. Raouf wird zum Bindeglied zwischen den Kulturen und letztlich auch zum Liebhaber der schönen Kathryn.

Kaddour beschreibt an zahlreichen Handlungssträngen die vielfältigen sozialen Konflikte einer Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne. Sie sind fasziniert von der westlichen Kultur und doch tief verbunden mit der alten Tradition und dem islamischen Glauben. Doch die Widersprüche treten immer offener zu Tage. Dabei haben auch die „Großmächtigen“ Franzosen Probleme, denn ihre alte Ordnung zwischen oben und unten gerät ins Wanken. Zugleich erzählt Hédi Kaddour eindrücklich, dass die Amerikaner selbst den Bogen überspannt haben. Denn während sie in Afrika ihre grenzenlose Freiheit genießen, stehen sie alle unter dem Eindruck eines Prozesses um eine junge Frau, die in Hollywood nach einer wilden Party in einer Klinik starb. Ein Star der Filmindustrie, der für seine Ausschweifungen bekannt war, steht unter Verdacht der Vergewaltigung mit Todesfolge. Nun bangen viele Filmgrößen als Freunde des Beschuldigten um ihren guten Ruf, und man ist froh, für einige Zeit nach Afrika auszuweichen.

Hédi Kaddour bindet Frankreichs komplexe politische Lage von 1922 bis 1924 in seine Geschichte ein, wobei sein Interesse für die aufkeimenden linken Bewegungen als Subtext präsent ist. Viele Ereignisse sind nur knapp skizziert. Die Hauptakteure vom fiktiven Drehort Nabés schickt der Autor, nach Unruhen, in die Raoul involviert scheint, und dem absehbaren Ende der Filmarbeiten, nach Frankreich und Deutschland. In dieser überfüllten Drehpause erfährt man, wie die Reparationszahlungen Deutschlands an Frankreich den Nationalsozialismus befördern. Und wie man in Berlin den ökonomischen Mangel mit Dekadenz und Freizügigkeit überspielt. Dazwischen wird der Leser mit dem Geschehen in Nabés weiterhin auf dem Laufenden gehalten. Im dritten Teil finden sich alle Protagonisten wieder in Nabés ein. Nach längerer Drehpause kommen die Amerikaner zurück. Nun soll mit echten Wüstenbewohnern gedreht werden. Es werden Kinder angeheuert. Ein politischer Aufstand gegen Hungerlöhne und ein Marsch der Armen gegen die vermeintliche Christianisierung ihrer Kinder am Filmset gerät zu einem Massaker. Ein Ereignis mit tödlichem Ausgang.

Zu guter Letzt kommt eine Heuschreckeninvasion, die den Menschen alles nimmt. Damit ist die alte Gemeinschaft zerstört, jeder geht seiner Wege in Nabés, Frankreich und Amerika. Hédi Kaddour erzählt in seinem geschichtsträchtigen Werk mit vielen Anspielungen und literarischen Hinweisen das Lieben und Leben in einer Epoche im Umbruch.

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erstellt am 14.12.2017

Hédi Kaddour
Die Großmächtigen
Roman
Aus dem Französischen von Grete Osterwald
Gebunden, 473 Seiten
ISBN 978-3-351-03681-2
Aufbau Verlag, Berlin 2017

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