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Dorothy Parker, die Ikone der New Yorker Literaturszene, hatte enormen Erfolg mit ihren Gedichten. Diese Gedichte aber waren Ergebnis der erfolglosen Seite ihres Lebens, der Suche nach dem Glück. Bernd Leukert hat ihr poetisches Werk in der zweisprachigen Ausgabe gelesen.

Die Gedichte Dorothy Parkers

Liebe ist für die Unglücklichen

Dorothy Parker, um 1920
Dorothy Parker, um 1920

Bis zu ihrem 24. Lebensjahr hieß sie Dorothy Rothschild. 1917 heiratete die Tochter des jüdischen Kaufmanns Henry Rothschild und der schottischen Katholikin Eliza Rothschild den Wallstreet-Börsenmakler Edwin Pond Parker.

Dorothy Parker ist als Ikone der New Yorker Literaturszene bekannt geworden, als erste weibliche Theaterkritikerin der Weltstadt, als gewitzte, scharfzüngige Literatur- und Gesellschaftskritikerin für „Vanity Fair“ und „Vogue“, als Autorin von Gedichten, Erzählungen und Kurzgeschichten für den „New Yorker“ oder als Quelle böser Aperçus beim Round Table Gespräch im Hotel Algonquin. Das Bild der erfolgverwöhnten Intellektuellen im amerikanischen Kulturbetrieb der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts – sie schrieb auch Theaterstücke und in den 30er Jahren Drehbücher für Hollywood – verdeckt, mit welch problematischen Lebensumständen sie in dieser Zeit zu kämpfen hatte.

Da ist zum einen ihr politisches Engagement, das 1927 sich am Prozess gegen die Anarchisten Ferdinando Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti und deren Hinrichtung entzündete und mit literarischen Arbeiten und Vortragsreisen gegen die Herrschaft der Privilegierten, gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus manifestierte. Das führte nicht nur zum Bruch mit dem Round Table. Ihre Hinwendung zum Kommunismus und die Rechtfertigung der stalinistischen Schauprozesse stießen auf Unverständnis. ‚Agitprop’ wurde zum Argument, ihre Texte abzulehnen. Ab 1950 wird sie vom FBI infolge McCarthys Kommunistenjagd überwacht. Nach ihrem Tod 1967 will niemand der ihr Nahestehenden die Urne mit ihrer Asche: Sie hatte ihr Vermögen und die Rechte an ihren Werken Martin Luther King und seiner Bürgerrechtsorganisation NAACP vermacht.

Zum anderen, und das scheint das größere Problem gewesen zu sein, muss Dorothy Parker ein sehr schwieriges Verhältnis zu Männern gehabt haben, das mit dem Schlagwort „Geschlechterkampf“ gar nicht getroffen wird. Im vorliegenden zweisprachigen Gedichtband „Denn mein Herz ist frisch gebrochen“ von Dorothy Parker hat Maria Hummitzsch (die den Band aber nicht übersetzt hat) neben einem Nachwort auch Parkers biographische Daten angefügt, in denen eher ein Lebenskampf, denn ein Kampf mit dem anderen Geschlecht zu lesen ist. Parker war dreimal verheiratet (zweimal mit dem gleichen Mann), musste aber zahllose Affären gehabt haben, die alle nicht gut ausgingen. Das lag sicher an den Männern, die in vielfacher Hinsicht sich als untauglich erwiesen, aber eben nicht nur.

Into love, and out again,/ Thus I went, and thus I go … Could it be, when I was young,/ Some one dropped me on my head? („Schnell verliebt und schnell entliebt,/ Das war ich und das bin ich … Kann es sein, dass ich als Kind/auf den Kopf gefallen bin?“) schreibt sie, die „sich in der Gesellschaft von Männern stets wohler fühlte“ (Hummitzsch), und: But ever does experience/ Deny me wisdom, calm, and sense! … Why am I so? Why am I thus? (“Mir bleiben bei der Männerjagd/ Stets Weisheit und Verstand versagt. … Warum bin ich so, wie ich bin?”)

Es handelt sich dabei nicht um Hintertreppengeschichten oder belanglosen Klatsch. Bei aller Skepsis, die geboten ist, wenn man von Gedichten auf das Dichterinnenleben zu schließen wagt – denn Gedichte sind selten unmittelbare Bekenntnisse, auch wenn sie hier zumeist in der Bekenntnisform auftreten – bietet sich Dorothy Parkers Poesie als laufender Kommentar ihrer Leidensgeschichte dar: Die Liebe ruf ich nicht herauf, es bleibt/ Das Leid, von dem mein Inneres erbebt,/ Weil dieser Stift, der meine Pein beschreibt,/ Von Herzblut lebt.

Die gescheiterte Liebe und die Todessehnsucht sind, bis auf wenige Ausnahmen, die Motive der Dichtung Dorothy Parkers. Sie sind häufig im heiteren, sarkastischen, selbstironischen Ton angeboten, humorig – wobei sicher in Rechnung zu stellen ist, dass die Sensibilität für gewisse Pointen vor fast hundert Jahren vermutlich eine andere war als heute: Mein Liebster ist meine ganze Welt -/ Hätt ich ihn doch nie getroffen. … Mein Liebster hat jetzt mein ganzes Herz -/ Und jetzt soll ihn wer erschießen.

Kurz, diese in traditionellen Paar- und Kreuzreimen gefassten, spöttischen, traurigen, Lehrgedichte parodierenden Verse würde in dieser Vielzahl niemand schreiben, der davon überhaupt nicht betroffen ist: Wir müssen uns die Dichterin als unglücklichen Menschen vorstellen.

Fünf zu ihren Lebzeiten veröffentlichte Bücher, darunter unglaubliche Verkaufserfolge, umfasst die 2017 erschienene Sammlung. Es sind anrührende Sprachbilder darunter (Ich trug auf der Brust auf Samt und Strass/ Mein Herz als ein feuchtrotes Blatt.) und herzlose Wünsche (Mein Liebster liegt ganz still und kalt -/ Geb Gott, dass er nicht aufersteht!). Wer aber anspruchsvolle Poesie im emphatischen Sinne erwartet, wird enttäuscht werden. Dorothy Parker hat sich geschickt in sprachlichen Konventionen bewegt und diesen Versatzstücken manch gewitzte Wendung abgewonnen, deren Effekt kaum ins Deutsche zu bringen ist. Aber das ist nicht die einzige Einschränkung, die Leserinnen und Leser dabei hinnehmen müssen. Der renommierte Übersetzer Ulrich Blumenbach hat sich dafür entschieden, Metrum, Rhythmus und vor allem den obligatorischen Reim im Deutschen nachzubilden. Weil aber das Deutsche dem Amerikanischen nicht ähnlich genug ist, war er genötigt, für manche Konstellationen deutsche Ersatzlösungen zu finden. Die kriegen meistens die Kurve in der Achterbahn der Möglichkeiten, manchmal entgleisen sie auch. I dared not look on the sweet young rain,/ And between my ribs was a gleaming pain. aus dem “Epitaph” wird im Deutschen zu: Ich wagte den Blick nicht in lieblichen Regen/ Und spürte im Brustkorb ein stechendes Sägen. Auch in „Surprise“ wird das Handwerk eingesetzt. Aus My heart went fluttering with fear/ Lest you should go, and leave me here wird Mein Herz, das war von Angst geschrägt,/ Dass ich von dir würd abgesägt.

Es ändern sich auf dem Weg ins Deutsche Orte, Personen und Gegenstände: Aus Shanghai wird Kalkutta; der Kreuzfahrer wird zum Wutbürger; wo Parker, um sich umzubringen, nach dem nächsten Fluss fragt, greift sie im Deutschen zum Strick; wo sich hinter ihr der Rauch von der brennenden Brücke kräuselt, ist diese Brücke nun abgebrochen. Warum? Er tat’s des Reimes wegen, für die Betonung oder die Silbenzahl.

Ein letztes Zitat: Love is for unlucky folk,/ Love is but a curse./ Once there was a heart I broke;/ And that, I think, is worse. Dieser Sinnspruch lautet nun: Liebe ist ein Griff ins Klo./ Liebe lässt uns leerer./ Einst brach ich ein Herz so roh;/ Das wiegt wohl noch schwerer. Der schnoddrige Ton, mit dem Dorothy Parker dem Leidenspathos widersteht, fällt im deutschen Imitat leicht zwischen Limerick und Büttenrede, – und damit in die falsche lyrische Kategorie. Vielleicht wäre die Übersetzung mit der Vernachlässigung des Gedichts den Gedichten näher gekommen, den indirekten Zitaten und Anspielungen, auch dem charakteristischen, aphoristischen Tonfall.

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Kommentare


Thomas Rode - ( 19-12-2017 08:13:40 )
Farbe eines Postauto in Dänemark?
Die politische Seite von Doro Parker war mir vollkommen unbekannt, Danke, Bernd L!!

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erstellt am 14.12.2017

Dorothy Parker
Denn mein Herz ist frisch gebrochen
Gedichte Englisch/Deutsch
Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach

Mit einem Nachwort von Maria Hummitzsch

Leinen mit Leseband
, 400 Seiten
ISBN 9783038200444
Dörlemann Verlag, Zürich 2017

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