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Der neue Intendant Anselm Weber hat aus Bochum fast das halbe Ensemble nach Frankfurt mitgebracht, dazu Teile seines Stabs und einige fertige Inszenierungen. Auch die jüngste Premiere von Arthur Millers Klassiker „Alle meine Söhne“ ist eine Übernahme aus Bochum. Der Ansatz der Inszenierung, die Handlung zu enthistorisieren, ist problematisch, meint Martin Lüdke.

Theater

Arme Würstchen im leeren Raum

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Mit dem Schauspiel „Alle meine Söhne“, das 1947 unter der Regie von Elia Kazan in New York sehr erfolgreich uraufgeführt wurde, gelang Arthur Miller, nach einigen eher bescheidenen Erfolgen auf kleineren Bühnen und Studententheatern und sich daran anschließenden sehr empfindlichen Rückschlägen, der endgültige Durchbruch in Amerika und dann weltweit.

Es ist ein Familiendrama und zugleich ein Gesellschaftsstück. Der Krieg zu Ende. Das Alltagsleben geht wieder seinen gewohnten Gang. Fast überall. Doch der Krieg hat auch seine Spuren hinterlassen. Hier wird nun der starke Einfluss Ibsens auf die frühen Dramen von Miller spürbar: Moral. Lüge. Schuld. Individuelles Handeln in einem sozialen Umfeld. Die Handlung vollzieht sich hier an einem einzigen Tag, in der Gegenwart, vor unseren Augen. Sie ist motiviert durch eine eben nicht vergangene Vergangenheit.

Der Geschäftsmann Joe Keller, verheiratet mit Kate, Vater von zwei Söhnen, die beide als Soldaten im (Zweiten Welt-)Krieg dienten, nur einer, Chris, ist zurückgekehrt, sein Bruder Larry gilt als vermisst, dieser Joe lebt nun allerdings mit einer schweren Hypothek. Er lebt offenbar gut damit, bis alles ans Licht kommt.

Seine Firma hatte der amerikanischen Luftwaffe defekte Ersatzteile geliefert. Vor Gericht machte Joe allein seinen Partner dafür verantwortlich. Einundzwanzig Flugzeuge waren deshalb abgestürzt. Der Partner sitzt jetzt im Gefängnis. Joe selbst wurde freigesprochen. Aber alle Welt scheint die Wahrheit zu kennen. Kate, Joes Frau, hatte seine Lügen gedeckt und sich damit mitschuldig gemacht. Sie glaubt aber (vielleicht deshalb?) fest, dass ihr vermisster Sohn Larry, der ebenfalls Kampfpilot war, noch lebt und irgendwann nach Hause zurückkehren wird.

Das Stück beginnt mit dem Besuch von Ann, der Tochter des inhaftierten Partners, einstige Verlobte von Larry, des vermissten Sohnes. Ann weiß seit Jahren schon, dass – und warum – Larry tot ist. Sie ist zurückgekehrt an den Ort ihrer Kindheit und Jugend, weil sich eine Beziehung zu Chris anbahnt, Larrys Bruder.

„Mein Gott, ist das beziehungsreich (…)“, könnte man hier nun mit Robert Gernhardt klagen.

Miller geht es aber tatsächlich darum, ein komplexes Geflecht von Lüge und Schuld, von Verdrängung und Verleugnung aufzubauen, in dem sich jeder Einzelne aus unterschiedlichen Motiven und auf unterschiedliche Weise letztlich aber gleichermaßen verfängt. Trotzdem wirkt das Stück konstruiert. Es hat etwas lehrstückhaftes. Die Inszenierung verstärkt dieses Charakter noch. Oft treten die Akteure an die Rampe, sagen, laut und (zum Glück sehr) deutlich, ihren Text auf und stellen sich wieder in den leeren Raum.

Szenenfoto „Alle meine Söhne“, Schauspiel Frankfurt: Hans Jürgen Landes

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Die Bühne ist so leer, wie es leerer kaum geht. Ohnehin wird nur die Vorderbühne bespielt. Allein drei Gartenstühle und ein kleiner Tisch stehen herum. An der Rückseite, einer Art Bretterwand, lässt sich eine Sitzfläche herausklappen. Weniger geht wirklich nicht. Die Protagonisten kommen immer von der Seite, oft gehen sie an den Zuschauern vorbei, die Stufen hinunter, und dann auf die Bühne.

Was wie eine drastische Sparmaßnahme wirkt, hat möglicherweise einen erkennbaren Zweck: Weber möchte mit dieser drastischen Reduktion das Millersche Stück aus allen historischen Zusammenhängen lösen und durch diese radikale Enthistorisierung als allgemeingültige Wahrheit auszeichnen. „Werch ein Illtum.“ – möchte man mit Ernst Jandl stöhnen.

„Ein Vater ist ein Vater.“ Damit versucht Joe Keller sein Verhalten zu erklären und zu rechtfertigen. Die Spannung zwischen (privater) Moral und (kapitalistischen) Profitstreben wird zum Motor der Handlung.

Das Ensemble, allen voran Michael Schütz als Joe, bemüht sich erfolgreich, die Widersprüche, mit denen Miller sie ausgestattet hat, glaubhaft über die leere Bühne zu transportieren.

Szenenfoto „Alle meine Söhne“, Schauspiel Frankfurt: Hans Jürgen Landes

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Arthur Miller schreibt in der überaus umfangreichen „Einleitung“ zu seinen „Gesammelten Theaterstücken“: „’Alle meine Söhne’ ist häufig als ein moralisches Stück bezeichnet worden, und genau das ist es. Nur dass der Begriff der Moral nicht, wie so oft behauptet, ethischer Natur ist“.

Joe Keller hat den Tod von über zwanzig Kampfpiloten verursacht. Die Moral, die Miller daran interessiert, übersteigt diesen Sachverhalt und zielt – über diese Tatsache hinaus – auf deren Folgen. Keller, so meint Miller weiter, verhalte sich eben nicht als Mensch, sondern nur noch als Funktionsträger. „Er ist kein gleichberechtigter Partner der Gesellschaft, sondern nur ein inkorporiertes Mitglied, und die Angestellten eines Unternehmens können nicht persönlich haftbar gemacht werden.“ Seine Persönlichkeit habe mit den „Handlungen, die sie veranlasst, nichts mehr zu tun“.

Miller weicht der von ihm allererst aufgeworfenen Problematik selbst bereits wieder aus. Der Begriff der Moral sei nicht ethischer Natur. Das handelnde Subjekt entlaste sich von den Folgen seines Handelns, weil es nicht als Subjekt, sondern als Funktionsträger agiere. Diese Abspaltung funktioniert aber nur so lange, wie der „Geschäftsmann“ die Trennung der Rollen aufrechterhalten kann und nicht als Mensch, Ehemann, Vater, gefragt ist. Die Folgen seines Handelns lassen sich nämlich nicht mehr aufspalten, hier Vater, dort Unternehmer. Miller verbindet, an der Tradition orientiert, die Frage der Schuld mit dem (Ibsen-) Problem von Wahrheit und Lüge.

Alle Beteiligten sind verstrickt. Wer keine Schuld trägt, ist dennoch in das Gespinst von Lügen und Selbsttäuschungen verwoben. In einem regelrechten Showdown kommt das alles ans Licht. Ann präsentiert den Abschiedsbrief, den Larry, ihr Verlobter, ihr noch geschrieben hat, bevor er sich umbrachte. Er hatte Zeitungen erhalten und erfahren, dass die Firma seines Vaters defekte Ersatzteile an die Luftwaffe geliefert und damit den Absturz der Kampfflieger verursacht hatte. Der Vater seiner Verlobten war deshalb zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Mit dieser Schande wollte und konnte Larry nicht leben.

Das alles kommt durch Larrys Brief am Ende ans Licht. Die Lebenslügen der Familie brechen zusammen.

Szenenfoto „Alle meine Söhne“, Schauspiel Frankfurt: Hans Jürgen Landes

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Der Ansatz dieser Inszenierung bleibt problematisch. Die „behutsame Enthistorisierung der Handlung“, die hier beansprucht wird, entschärft das Stück.

Das Gewicht von Millers Stück ergibt sich heute gerade aus seiner Historizität.

Der Dramaturg Alexander Leiffhardt schreibt dazu im Programmheft: „Ein Vater ist ein Vater“ – da sei der Kern der Ideologie, die Miller kritisiere. Das aber sei „wahr und falsch“. Denn der Vater spiele auch andere Rollen, Bürger, Unternehmer etc.

„Kellers Schuld besteht nicht im Vertuschen der fehlerhaften Lieferung; ja, sie besteht noch nicht einmal darin, dass ein Untergebener an seiner statt im Gefängnis schmort (…). Sie besteht (…) in der Unfähigkeit Kellers, sich selbst als Mitglied der Gesellschaft zu begreifen.“

Nicht nur wirtschaftliches Handeln folgt keinen moralischen Prinzipien. Auch die Gangster der Deutschen Bank, die u.a. Tausende von amerikanischen Hausbesitzern ins Unglück gestürzt haben, sitzen brav im Frankfurter Schauspielhaus und klatschen Beifall, wenn ihresgleichen moralisch verurteilt wird. Militärs reden sich auf diese Weise heraus. Ja, selbst die Frage, ob Adolf Eichmann schuldig war an den Verbrechen, für die er verantwortlich gemacht wurde, ist unterschiedlich beantwortet worden, von Adorno anders als von Hannah Arendt, jeweils mit guten Gründen. Diese Aporie beschreibt die begrenzte Reichweite von Millers Stück. Und seine Zeitgebundenheit. Miller selbst hatte ja sein Stück als „moralisch“ begriffen – und damit selbst dessen begrenzte Reichweite signalisiert.

Webers Inszenierung ignoriert solche Einsichten und präsentiert einige arme Würstchen, die sich im leeren Raum gegenseitig zerfleischen. Stadttheater, an dem sich Schulklassen abarbeiten können.

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erstellt am 14.12.2017

Szenenfoto „Alle meine Söhne“, Schauspiel Frankfurt: Hans Jürgen Landes

Premiere in Frankfurt

Alle meine Söhne

Von Arthur Miller

Regie Anselm Weber
Bühne Lydia Merkel
Kostüme Irina Bartels

Besetzung Michael Schütz (Joe Keller, Geschäftsmann), Katharina Linder (Kate Keller, seine Frau), Nils Kreutinger (Chris Keller, ihr Sohn) et al.

Schauspiel Frankfurt