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Mit dem Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreis 2017 wurde am 24. November Ingrid Mylo ausgezeichnet. Die Frankfurterin, die beim legendären Theater am Turm arbeitete und im „Strandgut“ und „Pflasterstrand“ publizierte, lebt seit 1992 in Kassel. Sie konnte bei der Preisverleihung ihr neuestes Buch vorstellen, den Prosaband „Zufälliges Blau“, erschienen im Verlag Das Arsenal. Die Laudatio, die Faust-Kultur dokumentiert, hielt die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch.

Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreis 2017

Eine Sprachmacht

Von Hazel Rosenstrauch

Die zehn Minuten, die ich reden darf, reichen nicht, um all die Orte, Genres und Themen aufzuzählen, mit denen ich Ingrid Mylo charakterisieren könnte. Studium, Theater, Schreiben heißt es lapidar in ihrem Documenta-Tagebuch, es ist kein hochtrabender Lebenslauf, gespickt mit der Aufzählung von Stipendien und Preisen. Leider, könnte man sagen, aber sie will es wohl so, obwohl mehr Würdigung all ihren Lesern und Freundinnen durchaus recht wäre. Schon lange denke ich darüber nach, weshalb die Neuerscheinungen immer dicker werden, 500 Seiten, 800 Seiten oder wie jener Roman, den ich mir aus Gewichtsgründen auf meinen e-book-Reader geladen habe, 1144. (plus beschweige die 3-, 4-, 7-bändigen Fortsetzungsromane) Wo doch die Menschen keine Zeit haben. Ich habe 25 Erklärungen dafür, und statt sie aufzuzählen, verbeuge ich mich vor Ingrids Leidenschaft für die kleine Form. Die kleine Form wird ja nicht nur von Literaturhistorikern negiert oder für zu klein befunden, wir haben noch nicht einmal ein passendes Wort für diese Texte, die durchdacht sind wie Essays, aber kürzer, zugespitzt und wortgewandt wie Aphorismen, aber länger, die phantasievoll und bodenständig zugleich sein können. Miniaturen. Oder verbale Schnappschüsse, wenn sie z. B. einen kollabierenden Regenschirm, „hilflos wie eine vertrocknete Fledermaus“ vorstellt. Selbst schwergewichtige Lebensweisheiten kommen leichtfüßig daher, wenn sie mit scharfen Augen und Verstand, Geruchs- und Tastsinn, mit einem Sinn für Bilder und Sprachbilder ihre Fundstücke aufklaubt.

Sie lebt in Kassel, wo bekanntlich alle fünf Jahre die große, größte, wichtigste Kunstausstellung stattfindet; 2012 war offenbar ein guter Jahrgang, um neugierig, spöttisch und fragend Kunstwerke, Publikum und die Aussteller der d 13 zu inspizieren. Früher lebte sie in Frankfurt, die Zeitschrift „Strandgut“ war der Boden, auf dem sie ihre „Kaffeeblüten“ zog. In beiden Städten ist Ingrid Mylo eine Sprach-Macht, es gehört leider zur kleinen Form und ist wohl das Schicksal von Delikatessen, dass der Kreis von Genießern ihrer Fundstücke jenseits ihrer Heimaten beschränkt ist. (Wobei Heimaten im Plural Cafés an vielen Orten und auch englische Pubs einschließen.)

Spitze Bemerkungen treffen ins Schwarze

Mittlerweile gehört „Aufmerksamkeit“ zwar ins Ressort Ökonomie, aber es gibt, jenseits der Werbebranche, Bedeutungen des Worts, die auf eine andere Art von Nutzen hinweisen. Dazu rechne ich Vibrationen in der Gegend des Bauchfells, wenn Freude und Lachen aufsteigt, Erwärmung des Hirns und Beschleunigung des Blutkreislaufs. Oft animieren Mylos Texte zum Lachen, spitze Bemerkungen treffen ins Schwarze, Bunte, Rosarote, man darf sich freuen, ohne Schaden anzurichten.

Ingrid Mylo geht nicht nur aufmerksam, auch schnuppernd, mit Liebe zum Detail und zu Trödel durch die Straßen – und besonders gern in Cafés. Sie schaut und horcht und assoziiert, und dabei kann „ein Blick stolpern“; in öden Gegenden sind „Fabriken in die Knie gegangen … wie Elefanten nach dem Todesschuss“. Es gibt Sätze, die möchte ich einrahmen oder auf einer Postkarte verschicken. „Lange Regennächte ziehen unausweichlich die Erinnerungen hoch wie heulende Kinder den Rotz in der Nase“ fand ich in den „Kaffeeblüten“, dem Bändchen, das 1994 erschienen ist.

Solche Bilder sind ein Geschenk, das mich reich macht, weil Mylo Gefühle benennt, für die mir die Sprache fehlt. Dank ihrer Wortkünste werde ich mich fortan über jene Kaffeehausbesucher freuen, die ohne Filter rauchen: „Da bleibt hin und wieder ein Fädchen Tabak an den Lippen hängen oder klebt an der Zungenspitze. Wie sie sich das dann davon abklauben, das hat was von der eifrigen Possierlichkeit, mit der kleine Pelztiere die Erde nach brauchbaren Krümeln durchfingern.“

Aber ach, es gibt ja keine Raucher mehr in Cafés, wie auch vieles andere verschwunden ist, das Ingrid Mylo aufgespießt und aufbewahrt hat, für nachwachsende Kulturhistoriker oder für ein Museum des unaufgeräumten 20. Jahrhunderts… wenn Menschen künftig nicht mehr auf die Straße gehen, weil sie alles vor viereckigen Geräten oder mit virtuellen Brillen sehen und ihre Nahrung über Lufttaxis bestellen können.

Laudatio kommt von Loben bzw. umgekehrt. Da genügt es nicht, Zitate aneinander zu reihen, obwohl die Versuchung groß ist. Deutung, Interpretation, Urteil gehören zum Genre – aber ich möchte nicht zu den „Erklärern“ gehören, wie die „für Vorträge und Seminare angeheuerten Philosophen“, von denen sie in ihrem documenta-Tagebuch berichtet.

Was also macht sie? Sie reist und schaut und riecht und findet in den bedeutungslosesten Ecken hübsche oder auch unschöne Stoffe für ihre ziselierten, delikaten, zarten, fragilen, genauen, witzigen, melancholischen und gerne auch bösen snapshots. Und damit borge ich ein Vokabular aus ihren Porträts von verehrten Autorinnen, auch Autoren, die ihre Vorbilder sein könnten. „Kein Wort darf an der falschen Stelle stehen“ schreibt sie in ihrem Essay über Katherine Mansfield; auch das passt auf ihre eigenen Texte. Oder, um ein anderes ihrer Sprachbilder auf sie anzuwenden: ihre Miniaturen enthalten „Blüten wie winzige Fäuste“.

Was also macht sie? Sie arbeitet für Film, Theater, Rundfunk, Fernsehen. Übersetzen, Reisen, Wissen und Leben steht auf dem Cover jenes Büchleins, über das wir uns kennengelernt haben. Sie schreibt Porträts, Kinderbücher und Drehbücher, Hörspiele, Kurzgeschichten, Features, Filmkritiken, Kolumnen, Gedichte und Rezensionen, einen Fortsetzungsroman und sie schreibt auch für eine Internetzeitschrift. Sie nutzt also alle Formen, in denen Buchstaben noch Wert haben. Was kann eine Sprachfexin sonst noch tun?

Schulung der Geschmacksnerven

Ihre Bücher sind dünn und erscheinen in kleinen Auflagen, sind so gar nicht zeitgeistig. Sie tragen Titel wie „Krähenspäne“, „Spiegelgärten“, „Apropos Katherine Mansfield“, „Das Treppenhaus und andere Landschaften“, „Männer in Wintermänteln“ und jetzt, ganz neu, „Zufälliges Blau“, soeben fertig geworden.

Ich sehe die zu ehrende Autorin mit einem virtuellen Multifunktionsgreifer (danke, Lisette) durch die Welt gehen, so einem Gerät, das schlecht bezahlte Gartenarbeiter zum Aufsammeln von Papieren und Flaschen verwenden und mit dem ich Bücher aus dem Regal hole, die so hoch oben stehen, dass ich sie anders nicht erwischen kann. Mit diesem Fangarm greift sie nach Farben und Gerüchen, Wortfetzen und Trödel aller Art. Und wo andere sich vielleicht durch einen Pulk von Touristen gestört fühlen, sieht sie, dass diese Menschen „ihre Kameras als Schutzschild, Deckung suchend, zwischen sich und die Welt schieben und damit die Realität in Schach halten“.

Ingrid Mylo verwebt, verstrickt, verpatchworkt die in der deutschen Tradition so gerne sauber auseinandergehaltenen Ressorts Verstand und Gefühl, Vernunft und Phantasie, Philosophie und Oberfläche, so dass, mit Verlaub, liebe Ingrid, der Vorwurf, Du wärst esoterisch, nur von Dummheit und Unkenntnis zeugt – von einer Verflachung, die sich leider auch im Kulturbetrieb wie eine giftige Öllache über alles legt, das sich nur mit offenen, auch verwundbaren Organen wahrnehmen lässt.

Ich bin bekannt dafür, dass ich eher Verrisse schreibe und mäkle, aber Ingrid Mylo hat mich korrumpiert, ich nicke beim Lesen, freue mich über ihre Wahrnehmung und ihre Sprache und wünsche ihr mehr Leser, mehr Lob … und mehr Preise. Vielleicht findet sich ja eine Stiftung, die sich für die Schulung der Geschmacksnerven engagiert, Lehrbücher dafür gibt es durchaus – in qualifizierten Buchhandlungen, die Kleinverlage und Mylos im Sortiment haben.

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erstellt am 11.12.2017

Verleihung des Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreises 2017 an Ingrid Mylo (links im Bild, Irmgard Maria Ostermann rechts)

Zur Person

Hazel Rosenstrauch

Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch, beschrieb sich in ihrem Essayband „Juden Narren Deutsche“ aus dem Jahr 2010 wie folgt: „Ich bin Jüdin, Österreicherin, Engländerin, Historikerin, Soziologin, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin, Autorin, Mutter, Schönebergerin, Frau natürlich (!) je nach Situation zu zehn, zwanzig, fünfzig Prozent; die Relationen ändern sich von Tag zu Tag. Schön wäre es, ich könnte die Entscheidung darüber, wer ich bin, selbst treffen.“

2012 erschien bei Matthes & Seitz ihr Buch „Karl Huß, der empfindsame Henker. Eine böhmische Miniatur“. Arno Widmann schrieb dazu in der Frankfurter Rundschau: „Eines der fesselndsten Zeugnisse eines der einst verachtetesten Mitglieder der Gesellschaft des Alten Reiches. (…) Ein Blick auf die große Zeitenwende der Französischen Revolution, der Napoleonischen Herrschaft über Europa und die Jahre der Restauration. Ein Panorama betrachtet durch die Augen eines Außenseiters.“

2017 hat Die Andere Bibliothek Rosenstrauchs Studie „Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt“ neu aufgelegt.