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„Kukolka“ bedeutet auf Russisch „Püppchen“. So wird Samira, die kindliche Protagonistin des gleichnamigen Romans von Lana Lux, genannt. Das Buch zeichnet ihren Weg ins soziale Milieu von Ausbeutung und Menschenhandel nach. Es ist die Geschichte des weiblichen Alter Egos von Oliver Twist, ins 21. Jahrhundert und in die Ukraine übertragen, meint Gudrun Braunsperger.

Buchkritik

Ein Kind ohne Kindheit

Eigentlich heißt sie Samira. Alle nennen sie jedoch „Kukolka“, das bedeutet auf Russisch „Püppchen“. Rocky zum Beispiel ruft sie so, er hat das Mädchen nach seiner Flucht aus dem Waisenhaus auf der Straße aufgelesen und es in die von ihm kontrollierte Gang bettelnder und stehlender Kinder aufgenommen. Da ist Samira gerade einmal sieben Jahre alt. Später wird sie auch von Dima so genannt, von dem vermeintlichen Märchenprinzen, der sie aus der Abhängigkeit von Rocky befreit. Leider ist Dima dann doch kein Prinz, sondern ein „Bisnesmen“ neuen Stils: Seine Familie hat sich „jüdische Papiere“ beschafft, um die Chance zur Emigration nach Deutschland zu nutzen, sein Vermögen hat er im Autohandel gemacht, das behauptet er jedenfalls, er ist in Geschäften zwischen Berlin und Dnepropetrowsk unterwegs. Bald entpuppt er sich als skrupellos kalkulierender Zuhälter, als Meister der emotionalen Manipulation, der sein Geschäftskapital erst selbst nutzt, bevor er es, durch Drogen gefügig gemacht, für sich arbeiten lässt, um es zuletzt mit finanziellem Gewinn abzustoßen: Er verkauft Samira an eines jener Bordelle in Deutschland, in denen Frauen aus Osteuropa wie Sklavinnen gehalten werden. Aber Samira hat einen Traum, und der gibt ihrem Leben seit frühester Kindheit Richtung und Ziel und lässt sie schließlich alles überstehen: Samira möchte nämlich zu Marina nach Deutschland, zu ihrer Freundin aus der Zeit im Waisenhaus, die das große Glück gehabt hatte, von deutschen Eltern adoptiert worden zu sein. Was ihr an Erinnerungen an diese Freundschaft geblieben ist, begleitet Samira als wegweisender Talisman: der Brief, in dem Marina ihr den Aufenthalt in Deutschland in Aussicht gestellt, und Marinas Barbie, die sie der zurückgebliebenen Freundin überlassen hat. Die Erfüllung von Samiras Traum vollzieht sich dann freilich doch ein wenig anders als sie es sich ausgemalt hat, aber die Beharrlichkeit, mit der sie sich aus Elend und Gewalt herauskämpft, wird mit der unerwarteten Wende ihres Schicksals belohnt. Am Ende steht eine Desillusionierung, die verkraftet werden kann, weil ihr Leben auf eine neue Ebene gebracht wurde.

Die Schauspielerin und Autorin Lana Lux
Die Schauspielerin und Autorin Lana Lux

Der deutsch-ukrainischen Autorin Lana Lux ist ein hervorragend recherchierter und literarisch überzeugender Roman gelungen, in dem Samiras Weg ins soziale Milieu von Ausbeutung und Menschenhandel aus seiner inneren Logik heraus nachgezeichnet wird. Es ist die Geschichte des weiblichen Alter Egos von Oliver Twist, ins 21. Jahrhundert und in die Ostukraine transferiert. Samiras früheste Kindheitserinnerungen an die Zeit im Waisenhaus setzen Anfang der neunziger Jahre ein: Die Erzieherinnen praktizieren an diesem Ort nach wie vor die schwarze Pädagogik der Sowjetzeit. Für eine kindliche Ausreißerin bleibt nur eine mögliche Form der Existenz: Kriminalität und Prostitution. Die Bedingungen, die Oliver Twist als Findelkind und später als Straßenjunge vorgefunden hat, sind über die Jahrhunderte hinweg die gleichen geblieben: Kinder, die als kriminelles Werkzeug missbraucht werden, haben keinerlei Erfahrung mit Kategorien wie Vertrauen, Mitgefühl oder Selbstlosigkeit. Wie sich die kindliche Samira innerhalb der menschlichen Beziehungen, die ihr angeboten werden, dennoch orientiert, wie sie ihre Beobachtungen sortiert, wie sie Sehnsucht mit der Sehnsucht nach Nähe, Liebe, Freundschaft, mit Verlusten und Verletzungen umgeht, davon erzählt der Roman von Lana Lux einfühlsam und auch poetisch. „Ich stand da. Schaute geradeaus. Dann löste ich mich auf. Einfach so. Ich wurde zu Luft. Mein ganzer Körper wurde zu kalter Herbstluft. Nur mein Kopf nicht. Mein Kopf war eine milchig weiße Kugel.“ Ein unsichtbarer Geist werden, um sich alles nehmen zu können, das hat Samira von der älteren Dascha gelernt, die das wie keine andere beherrscht. Die Freundschaft zu Dascha, jenem gequälten Wesen, das später ein gewaltsames Ende findet, ist nur einer von mehreren enttäuschenden Verlusten von Nähe und Bindung auf Samiras schmerzhaftem Weg der Befreiung.

Es ist ergreifend, wie Lana Lux das Unbehagen des Kindes schildert, als es zum Stehlen angehalten wird, weil es zum Betteln zu „alt“ geworden ist. Schließlich ist das dunkelhäutige Mädchen mit der exotischen Schönheit in den Augen ihrer Umgebung diejenige geworden, für die sie bereits die Erzieherin im Heim gehalten haben: eine Zigeunerin, die allen Klischees entspricht. „Dir liegt das Stehlen im Blut“ zollt ihr Dima später Respekt, als sie in Berlin die Buden der Weihnachtsmärkte abräumt, und Samira wundert sich darüber, warum die Menschen in Deutschland dumm genug sind, so schlecht auf ihre Sachen aufzupassen. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Lana Lux’ Roman „Kukolka“ lädt dazu ein, diesen Wechsel der Perspektiven vorzunehmen. Die Autorin ist eine Altersgenossin ihrer Protagonistin. 1986 geboren übersiedelte sie mit zehn Jahren als Kontingentflüchtling nach Deutschland und kennt beide Welten, auch die, in der Sozial- und Rechtsstaat fehlen und Menschen wie Samira das Recht des Stärkeren als brutales Naturgesetz erleben. Lana Lux schlüpft hinein in dieses Kind ohne Kindheit und übernimmt Samiras Blick auf die Welt, sie findet Worte dafür, wie ein argloses, mit einer gehörigen Portion Widerstandsfähigkeit ausgestattetes kleines Mädchen auf dem Weg zur Frau zur „dreckigen Zigeunerin, Bettlerin, Diebin und Nutte“ wird, jedenfalls in der Außenwahrnehmung. Samira hat eine Technik des seelischen Überlebenstrainings entwickelt. „In meinem Bauch war eine leuchtend gelbe Sonne, die wie irre aus all meinen Poren strahlte. Ich atmete aus und ließ sie kleiner werden. Ganz klein. Erbsengroß. Das reichte immer noch und würde niemandem auffallen.“ Auf diese Weise verbirgt die 13-Jährige ihre Verliebtheit in Dima vor Rocky. Anders als ihre Altersgenossinnen, die von Erwachsenen angeleitet auf eine zu gestaltende Zukunft hinleben, verweilt sie ganz im Moment und orientiert sich an den Erfordernissen des Augenblicks, an ihren Gefühlen, Empfindungen und ihrer Intuition. Mit dieser Unmittelbarkeit erlebt man Selbstverständliches neu und anders: zum Beispiel das Staunen eines in bitterster Armut aufgewachsenen Teenagers, der in Deutschland mit dem Überfluss der Konsumgesellschaft in Kontakt kommt. Plastikfolien als Wunder zu erleben („Wer sammelt die Scheiben ein? Wer wog sie ab? Wer verpackte sie in diese schönen Plastikfolien? Das sprengte meine Vorstellungskraft.“) oder bunt, knisternde Tüten aus Plastik, die hauchdünne Scheiben aus Kartoffeln mit der Aufschrift C-H-I-P-S enthalten, die unfassbar knusprig schmecken: Was alles das Paradies sein kann, auch das ist eine Frage der Perspektive.

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erstellt am 01.12.2017

Lana Lux
Kukolka
Roman
Hardcover mit Schutzumschlag, 375 Seiten
ISBN: 978-3-351-03693-5
Aufbau Verlag, Berlin 2017

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