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Fariba Vafi zählt zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des Iran. In ihren Romanen beschreibt sie Menschen, die es zum Aufbruch drängt. Sie wollen die engen Koordinaten des Alltags verlassen und eigenständig ihr Schicksal gestalten. Dies war vor allem in den schreckensreichen Anfangsjahren der Islamischen Revolution keine Selbstverständlichkeit. Vafis Blick richtet sich in ihren Werken nicht auf die politischen Ereignisse, sondern auf das Leben der Einzelnen, ruhig beschreibt sie Zwänge und Spielräume ihres Alltagslebens. In dem jüngst auf Deutsch (Übersetzung: Jutta Himmelreich) erschienenen Roman „Tarlan“, für den die Autorin mit dem LiBeraturpreis 2017 ausgezeichnet worden ist, gelingt es einer jungen Frau, ihr Schicksal zu wenden. Auf welche Weise dies möglich ist, erzählt Fariba Vafi im Gespräch mit Andrea Pollmeier.

Gespräch mit Fariba Vafi

Frauen treten hervor

Andrea Pollmeier: Tarlan, die titelgebende Hauptfigur Ihres Romans, hat als Schülerin gegen den Schah demonstriert und für Gerechtigkeit gekämpft. Ihr Ziel ist es, Schriftstellerin zu werden. Sie will lernen, Schreibmaschine zu schreiben. Um dafür vom Vater die Erlaubnis zu erzwingen, tritt sie in einen Hungerstreik. Der Versuch scheitert. Schließlich sucht sie eine Arbeit und entscheidet sich, Polizistin zu werden. Ihre Erzählung beginnt in dem Moment, als Tarlan die Bewerbungsformulare ausfüllt. Warum geht sie diesen so stark von ihren Interessen abweichenden Weg?

Fariba Vafi: Tarlan lebt mitten in einer strengen Welt wie in einem Gefängnis. Darum ergreift sie die nächste Gelegenheit, um fortzukommen. Sie sucht vor allem Arbeit. Als groß gewachsene Frau ist sie geeignet, Polizistin zu werden. Ohne tiefer Nachzudenken geht sie darum diesen Weg. Sie selbst ist noch zart wie eine Seidenraupe, die an ihrem Kokon webt. Erst am Ende ihres Weges wird aus dem Kokon ein Schmetterling schlüpfen.

Tarlan will Autorin werden. Wie hat sich seit den ersten Jahren der Islamischen Revolution die Frauenliteratur entwickelt?

Anfangs gab es nur vier oder fünf bekannte Schriftstellerinnen wie zum Beispiel Simin Daneshvar oder Goli Taraghi. Nachdem Präsident Mohammad Khatami an die Regierung gekommen war, gab es eine Art Frühlingsstimmung und viel mehr Freiheit. Plötzlich tauchten auch viele Frauen mit ihren eigenen Texten auf. Sie hatten zuvor schon als Autorinnen gelebt und geschrieben, jetzt aber konnten sie ihre Werke in Zeitungen publizieren. Bis heute sind Frauen in den Bereichen Film, Literatur und Kunst stark präsent.

Tarlan zieht es an Orte, die karg und unwirtlich sind. Im Elternhaus zieht sie sich oft in den Keller zurück, wo Kakerlaken und Skorpione hausen. Warum?

Frauen hatten keine offenen Räume, die sie aufsuchen konnten. Wenn Tarlan eine Alternative gehabt hätte, wäre sie an einen angenehmeren Ort gegangen. Erst jetzt haben wir zum Beispiel Cafés und Parkanlagen, die Frauen zugänglich sind. Die ersten Jahre der Revolution waren unglaublich streng und brutal.

Im Buch heißt es: „Vielleicht bin ich an diesem rauen, traumleeren Ort, weil meine Träume verschwunden sind.“ Hat sich diese Stimmung der ersten Revolutionsjahre jetzt geändert?

Auf jeden Fall. Die Gesellschaft hat sich innerhalb der letzten dreißig Jahre erheblich verändert, sie ist weicher geworden. Ob das auch für die Polizeiakademie gilt, weiß ich allerdings nicht.

Tarlan zieht es in ihren freien Stunden zurück zur traditionellen Welt. Sie geht mit ihrem Bruder durch die Bazare, während andere Polizeischülerinnen tanzen gehen. Gab es damals solche Ausweichmöglichkeiten und warum haben die Frauen sie aufgesucht?

Während der Ausbildung lebten 150 Frauen gemeinsam in einer Schlafhalle. Alle haben die gleiche Uniform an und müssen auf dem Hof im Gleichschritt gehen, alle sehen gleich aus. Tarlan sucht den Basar auf, damit sie etwas anderes sieht. Versteckt gab es außerdem auch Räume, in die sich junge Frauen und Männer zurückzogen, um zu tanzen oder Alkohol zu trinken. Heute gibt es solche Orte viel mehr, sie sind allerdings nicht so offen wie hier.

Es gibt gegenüber äußeren Einflüssen einen kritischen Unterton im Buch. Die Tanzszene wird als Hölle bezeichnet, das ist ein stark negatives Bild. Auch revolutionäre kommunistische Befreiungsbewegungen verlieren an Glanz. Im Alltag bleibt von den Reden, in denen große Ideale beschworen werden, nicht viel übrig. Gelten sie als Bedrohung?

Ich spreche von einer Phase, in der die Ideale langsam hohl werden und nicht zum Erfolg führen. Es handelte sich um eine geschlossene Gesellschaft, alles wird in dieser Gesellschaft unterdrückt, nichts funktioniert mehr richtig, es gab damals einen totalen Umbruch. Kein Stein lag mehr auf dem anderen. Derjenige der seinen Idealen nachgeht, sich nach Kuba oder Tibet träumt, kann sie nicht verwirklichen. Tarlan wird auch in der Polizeiakademie ihrer Rolle nicht gerecht, ein jeder befindet sich am falschen Ort, es ist eine Art Pseudogesellschaft entstanden. In meinem Buch habe ich versucht, die großen Faktoren der Gesellschaft in verkleinerter Form wiederzugeben.

Wie ist das Leben jetzt?

Das Leben hat sich etwas geändert, das Wesentliche, die Säulen der Macht, sind jedoch gleich geblieben. Die internationalen Einflüsse wirken sich trotzdem auf die persische Gesellschaft aus. Die Frauen haben ihre Häuser verlassen und kämpfen für ihre Rechte, sie sind aktiv, ihre Unterdrückung ist nicht mehr so massiv. Die damaligen Einschränkungen sind jedoch nicht verschwunden. Viele Situationen, die ich in meinem Buch beschreibe, sind darum auch heute noch zutreffend. Vieles, was ich als Einengung betrachte, ist unverändert. Nicht überall trifft man auf offene Türen. Im Buch habe ich versucht zu zeigen, dass trotz der Einschränkungen kleine Freiräume zu spüren sind.

In ihren beiden auf Deutsch erschienenen Werken, „Kellervogel“ und „Tarlan“, thematisieren sie Optionen des Aufbruchs und Weggehens. Im ersten Buch wird der Ehepartner ins Ausland ziehen, während die Frau im Iran bleibt. In „Tarlan“ verlässt die junge Frau ihren Heimatort Tabriz, die Hauptstadt der Provinz Ost-Aserbaidschan, in der ja auch Sie selbst aufgewachsen sind, und zieht nach Teheran. Im nächsten Buch, das im Sujet-Verlag ins Deutsche übersetzt werden soll, geht es um den „Traum von Tibet“. Welche Bedeutung hat die Vorstellung vom „Aufbruch“ in ihren Werken?

Alle Hauptfiguren in meinen Geschichten können den Status quo nicht akzeptieren. Sie sind beständig auf der Suche. Wenn sie ihr bisheriges Zuhause verlassen, birgt das schon einen Moment der Freiheit. Die eine will ins Ausland, die andere wendet sich ihren Träumen zu oder hinterfragt alles, was das Schicksal ihr auferlegt hat.

Ist dieses „Schicksal“ durch eine höhere Gewalt oder durch die Gesellschaft bestimmt?

Es ist das Leben, das wir uns nicht selber ausgesucht haben. Was uns als Schicksal erscheint, ist ein gesellschaftlicher Zwang, wir müssen damit leben. Die Figuren in meinen Romanen möchten Freiheit, Sicherheit und ein etwas besseres Leben. Ein solches Leben wäre möglich, ist jedoch nicht Realität.

Sie schreiben über eine Abadanerin, die als einzige zentrale Figur keinen Eigennamen hat, sondern nach ihrem Herkunftsort Abadan benannt wird. Warum?

Im Iran gibt es viele Provinzen. Der Ortsname gibt Hinweis auf die Geschichte, die Menschen aus dieser Region geprägt hat. Abadan war zum Beispiel ein Kriegsschauplatz. Die schöne Stadt am Persischen Golf wurde in acht Kriegsjahren fast völlig zerstört. Ein persischsprachiger Leser assoziiert mit der Stadt sofort eine große Traurigkeit, die Abadanerin verkörpert diese Erfahrung.

Es gibt immer wieder Rückblicke auf die eigene Vergangenheit im Text. Wie stark sind Erinnerungen an die Schahzeit oder an die frühen Revolutionsjahre in der heutigen Gesellschaft noch präsent?

Ein junger, 23- oder 24-jähriger Mensch kennt die Ereignisse nicht, die in dieser Phase der Geschichte stattgefunden haben. Sie können sich nicht, wie wir, an die Schahzeit und die nachfolgenden Jahre erinnern, sie kennen nur ihre subjektive Vergangenheit.

Gibt es über Ereignisse dieser Zeit eine Form der kritischen Rückschau?

Das Bild, das von der Geschichte erstellt wird, ist konstruiert, manches wird falsch übermittelt. Sehr frei wird über die Schahzeit gesprochen, es werden Memoiren geschrieben, diese Zeitphase ist nicht Tabu. Parallelen zur Gegenwart werden allerdings besonders achtsam behandelt.

In Ihrem Buch erwähnen Sie Tolstois Anna Karenina. Gibt es Leitfiguren für Frauen, haben die Abadanerin oder Tarlan eine solche Bedeutung?

Ich hatte nicht die Absicht, eine Leitfigur zu entwickeln, es ist aber natürlich möglich, dass Leser es so aufnehmen. In den Jahren, in denen der Roman angesiedelt ist, gab es die digitale Welt noch nicht. Heute wählen sich junge Menschen im Internet selbst ihre eigenen Leitfiguren aus. Jeder hat zu allem Zugang. Damals gab es Internet und Mobiltelefon noch nicht, man bewegte sich in einem geschlossenen Raum.

Gibt es aus Ihrer Sicht ein weibliches Schreiben?

Mir wird nachgesagt, dass ich auf eine weibliche Weise schreibe. Überall, wo ich mich hinbegebe, werde ich zuallererst gefragt, warum ich über und aus der Sicht von Frauen schreibe. Ich antworte dann: weil ich die Frauen sehr gut kenne. Tarlans Geschichte kann ein Mann nicht schreiben, sie handelt von einem Ort, an dem nur Frauen zusammenkommen. Im Schlafsaal der Frauen werden ihre innersten Geheimnisse und Gedanken erzählt. Es ist nicht denkbar, dass ein Mann nuanciert über diese intimen Inhalte erzählt. Es gibt zwar gute Geschichten über Frauen, die von Männern geschrieben sind, doch müssen Frauen über sich selbst schreiben und dies nicht den Männern mit ihren Phantasien überlassen!

Im Buch sagen Sie: Schreiben heißt, Verantwortung zu übernehmen. Wofür übernehmen Sie Verantwortung?

Ich möchte meine Vorstellungen artikulieren. Wenn mir das gelingt, habe ich den Eindruck, als ob ich tausend andere Frauen mit artikuliert habe. Am Anfang war mir das nicht so bewusst, später habe ich beobachtet, wie jeder, der das Buch liest, sich darin wiederfindet und sagt: „Das bin ich!“ Wenn ich tief aus meinem Inneren schreiben kann, scheint sich zu allen anderen Frauen ein Kanal geöffnet zu haben. Ich schreibe somit stellvertretend für alle, die über diese Sprache nicht verfügen.

In einer Schlüsselszene des Buches wird Tarlan von einer Kommandantin geohrfeigt. Sie kann sich in diesem Moment nicht direkt wehren und wählt eine andere Form des Widerstands. Sie beginnt zu schreiben. Ist Literatur ein Weg der Befreiung?

Gegen die Ohrfeige kann sich Tarlan nicht direkt wehren, dazu fehlt ihr die Macht. Sie greift darum zur Feder, um gewichtig und kraftvoll zu schreiben.

Ist mit Hilfe dieses Denkens Änderung möglich?

Nein, nicht das Denken, sondern die Kreativität ändert die Welt.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier
Die Übersetzung aus dem Farsi erfolgte von Zokaie Madjid.

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erstellt am 06.11.2017

Fariba Vafi, Foto: Andrea Pollmeier

Fariba Vafi, geboren 1962 in Tabriz, der Hauptstadt der Provinz Ost-Aserbaidschan im Nordwesten des Iran, zählt zu den beliebtesten und erfolgreichsten Schriftstellerinnen Irans, u. a. wurde sie mit dem renommierten Houshang-Golshiri-Preis ausgezeichnet. Ihr erster Roman „Kellervogel“ liegt ebenfalls in deutscher Übersetzung vor (Rotbuch 2012, übers. Von Parwin Abkai, mit einem Nachwort von SAID.) Fariba Vafi lebt mit ihrer Familie in Teheran.

Fariba Vafi
Tarlan
Roman
Aus dem Farsi übersetzt von Jutta Himmelreich
229 Seiten
ISBN-978–3-944201–55-9
Sujet Verlag, 1.Auflage 2015

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Die deutsche und persische Ausgabe ihres Romans.

Hintergrund:
Am 16. Januar 1979 hat Reza Shah Pahlavi den Iran verlassen, wenige Tage später kehrt Ruhallah Musavi Khomeini aus dem Exil zurück, die alte Regierung wird gestürzt und die Islamische Republik Iran ausgerufen. Ein neues Ministerium für Islamische Führung übernimmt die Kontrolle der kulturellen Entwicklungen. Viele etablierte Künstler verlassen das Land. Mit der Reformpolitik Mohammad Khatamis ändert sich die Lage, liberale Tendenzen in Kunst und Kultur werden im Innern gefördert, eine Öffnung gegenüber dem Ausland setzt ein. 2003 war der Iran beispielsweise zum ersten Mal nach der Revolution wieder auf der Kunstbiennale in Venedig vertreten. 2006 publizierte Fariba Vafi in Teheran den Roman „Tarlan“, der die Geschichte einer jungen Frau in der Frühphase der Islamischen Revolution erzählt. Das Buch ist 2015 im Sujet Verlag in der Übersetzung aus dem Farsi von Jutta Himmelreich erschienen.