Expatriot-Leben in Dubai. Friederike Winterhager schildert uns in loser Folge den Lebensalltag in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus einer persönlichen Perspektive.

1. Brief aus Dubai

Eine Liebesgeschichte

Als Kind habe ich gerne die Märchen aus tausendundeiner Nacht gelesen. Es handelte sich bei meinem Buch um eine Ausgabe mit sehr schönen, farbigen Illustrationen, an die ich mich noch gut erinnern kann. Heute lebe ich inmitten der arabischen Welt und wenn ich an die alten, zum Teil erotischen Märchen denke, empfinde ich sie in vieler Weise als widersprüchlich. Die Liebe wird hier durch ihr Umfeld oft beschattet oder sogar verhindert. Die Märchen wirken fast wie ein Anachronismus – einerseits …

Die Geschichte, die nun folgt, ist auch eine arabische Liebesgeschichte, aber es ist kein Märchen. Diese Geschichte hat sich vor kurzem zugetragen, hier in Dubai. Es ist die Geschichte einer deutschen Familie, die sich vor fünf Jahren aufgemacht hat, vom Niederrhein an den Arabischen Golf. Eine Frau, ein Mann und zwei Kinder. Was wussten sie von Arabien? Was erwartete sie? Sie unternahmen eine kurze Reise, um sich einen Eindruck zu verschaffen, kurz darauf zogen sie um.
Die beiden Söhne sind inzwischen Teenager. Auch sie hatten damals ihren deutschen Freunden Lebewohl gesagt und dann auf Neustart gedrückt: andere Schule, anderes System, andere Sprachen, anderes Wetter, andere Menschen, andere Sitten – alles war auf einen Schlag anders … Mit Mut und Neugier hatten sie sich, alle gemeinsam, auf dieses Abenteuer eingelassen. Sie waren unvoreingenommen, sie sahen die guten Dinge leichter als die schlechten, das neue Leben gefiel ihnen, sie fassten Fuß und wollten bleiben.

Und nun leben sie also hier, die Mutter, der Vater und der jüngere Sohn. Und der ältere Sohn? Er ist nicht mehr hier. Und dabei hatte für ihn alles so gut angefangen. Er, nennen wir ihn Daniel, hatte bei einem Auslandssemester ein halbes Schuljahr gutgemacht – die verschiedenen Systeme machen das möglich. Als er dann nach Dubai zurückkam, gab es nur eine einzige Schule, die sich darauf einlassen wollte, ihn nicht wieder zurückzustufen. An dieser Schule fiel er sehr auf, denn sie wurde vor allem von Asiaten und Arabern besucht. Daniel störte das nicht, er passte sich schnell an, er war den Wechsel inzwischen gewöhnt und tat sich leicht damit. Es gefiel ihm sogar. Wenn er sich mit seinen Freunden traf und ihm der Sinn danach stand, zog er auch schon mal die weiße Kandura an, befestigte die Kufiya mit einer Kordel auf dem Kopf und war dann mit seinen dunklen Haaren und Augen kaum noch von einem Einheimischen zu unterscheiden. Ich stelle mir vor, dass er sich vielleicht wie ein Fisch im Wasser gefühlt haben muss, wenn er sich so zwischen seinen Freunden bewegte und, dass er die Angst vor dem Fremden nicht kannte. Damals war er sechzehn.

In seiner Klasse gab es ein Mädchen. Nennen wir sie Eman, denn das ist ein typischer Name in dem Land, aus dem sie stammt. Ihre Eltern waren vor vielen Jahren aus dem Iran gekommen, während sie, Eman, schon hier am Golf geboren worden war.
Wann sich die beiden verliebt haben, bleibt ihr Geheimnis. Sie erklärten, dass man zusammen lernen müsse und solange das in der Schule geschah, fiel es niemandem auf. Irgendwann trafen sie sich bei Daniel zuhause. Sehr vorsichtig, so, dass es niemand mitbekam. Immer nur ein oder höchstens zwei Stunden nahmen sie sich, gerade so viel, wie eine erfundene Geschichte hergibt. Aber die beiden wollten noch mehr. Bitte geh zu ihren Eltern, bat Daniel seinen Vater, frag sie, ob wir uns sehen dürfen. Sag ihnen, dass ich mich an die Regeln halten werde, aber dass sie uns erlauben sollen, dass wir uns sehen. Daniels Vater verabredete sich mit dem Vater des Mädchens, die beiden trafen sich, aber sofort war es klar: die Familie von Eman war ganz und gar gegen diesen Kontakt und verbot den Kindern jedes weitere Treffen. Man sei eine muslimische Familie, hieß es, und manche Dinge passten eben nicht zusammen.

Schließlich war es Daniel selbst, der die Mutter des Mädchens bat, ihn zu empfangen. Er zog sein weißes Gewand an, machte sich auf den Weg in das Haus seiner Freundin, gab der Mutter einen ehrfürchtigen Kopfkuss, so wie man es hier macht, und dann trug er wieder den Wunsch der Liebenden vor. Alles wolle er tun, erklärte er, auch heiraten wolle er das Mädchen, aufrichtig seien seine Gefühle, ihre Ehre wolle er achten, nur um den Segen der Familie bäte er sie. – Nein! hieß es wieder und das Verbot wurde noch einmal betont. Und während Daniel und Eman verzweifelt um das Recht kämpften, sich sehen zu dürfen, stand der ältere Bruder des Mädchens dabei, und ließ erkennen, dass er den Wunsch seiner Mutter zur Not mit allen Mitteln durchsetzen würde.
Und tatsächlich geschah es nur wenige Tage später, dass er den beiden auflauerte, sie auf einer Straße stellte, als sie aus einem Taxi stiegen. Es kam es zu Handgreiflichkeiten, Grund genug für die Polizei, alle mit auf die Wache zu nehmen. Die unmittelbare Lösung für jedes Vergehen, sei es ein kleines oder ein größeres, ist hier das Gefängnis. So verschwanden die jungen Leute nach einer Aufnahme des Geschehens, nach Geschlechtern getrennt, in den Untersuchungszellen. Dieses Mal reichte die Anklage nur für einige Stunden Haft – dann durften sie, dann mussten sie, wieder nachhause.

Eman hielt es zuhause nicht mehr aus. Sie floh nach Ajman, in eines der Nachbaremirate. Im Appartement eines Freundes wollte sie sich verstecken, aber die Eltern schalteten die Polizei ein und nach einer guten Woche war ihr Versteck entdeckt. Daniel wurde unter einem Vorwand angelockt, und als er dort eintraf, schlug die Polizei zu. Eman wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo man sie untersuchte, denn schließlich musste einer der Hauptanklagepunkte noch bewiesen werden. Daniel hingegen kam ohne Umweg ins nächste Gefängnis.
Die Liebe hatte ihre Spuren hinterlassen, die Unschuld war dahin, wie es nun einmal geschieht, wenn die Zuneigung groß ist, und so verschwand auch Eman kurz darauf in einem Frauengefängnis im Zentrum Dubais. Ein Anwalt wurde eingeschaltet, das deutsche Konsulat wurde informiert. – Wenn Daniel und Eman verheiratet wären, meinte der Anwalt, das wäre sicher gut, das würde das Urteil vielleicht mildern … In diesen Tagen folgten viele Gespräche, Elterngespräche. Während die Mutter der Braut unversöhnlich blieb, verhandelten die Männer miteinander. Es ging um ein Geschäft, es ging um Geld, eine Summe als Abfindung. Daniels Vater stimmte zu. Alles Nötige wurde in die Wege geleitet, die Eheschließung wurde im Gerichtssaal besiegelt, anschließend wurde das Urteil verkündet: Eman durfte gehen. Daniel musste gehen. Seine dreijährige Haftstrafe wurde auf Bewährung ausgesetzt, aber umgehend sollte er das Land verlassen. Seine Familie war fassungslos. Wieder wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Das Konsulat bemühte sich, der Anwalt legte Revision ein, es kam zu einer weiteren Verhandlung, aber das Ergebnis blieb doch gleich, die Deportation wurde nicht aufgehoben, alles was der Anwalt erreichen konnte, war ein Aufschub.

Daniel ging zu seiner Familie. Eman ging zu ihrer Familie. Daniels Familie drängte auf die große Hochzeit, damit die beiden endlich ordentlich zusammen sein könnten, aber Emans Familie zögerte den Termin immer wieder hinaus. Und weil man sich darüber ärgerte, dass Eman an manchen Tagen erst spät nachhause kam, wenn sie Daniel besuchte, schloss der Vater sie eines Tages weg. Die Kommunikationsmittel wurden konfisziert, der Kontakt nach draußen war abgerissen. Was sollte Daniel tun? Was sollten seine Eltern tun? Welche Rechte hat ein junger Ausländer, gegen den ein Ausweisungsverfahren läuft? Nach drei Wochen dann endlich ein Lebenszeichen aus Abu Dhabi. Die Schwester von Eman rief an, sie ist hier, ihr könnt sie abholen, noch heute Nacht. Bestimmt war Daniel glücklich, bestimmt war er besorgt, bestimmt wollte er nichts anderes, als Eman wiedersehen, also bat er seinen Vater mit ihm die Strecke nach Abu Dhabi zu fahren, zu der verabredeten Adresse. Eine gute Stunde Autobahnfahrt liegt zwischen den beiden größten Städten der Emirate, es geht fast immer nur geradeaus, dazwischen gibt es kaum einen Abzweig. Als sie schließlich in Abu Dhabi eine kleine Seitenstraße in einer Wohngegend erreichten, wartete dort ein Streifenwagen auf sie. Sie seien angezeigt wegen Belästigung, sagte man ihnen, aber Daniel konnte erklären, dass er der rechtmäßige Ehemann sein. Das veränderte die Lage, aber dennoch forderte man sie auf sie mit auf das Revier zu kommen, um die Personalien aufzunehmen.
Dort sahen die Beamten im Computer Daniels Deportationsbescheid. Und das genügte, um ihn sofort wieder einzusperren. Und Eman? Sie könne gehen wohin sie wolle, erklärte der Beamte. Eman wollte zu Daniels Familie. Ihre Familie versuchte etwas dagegen zu unternehmen, aber der Beamte zuckte nur mit den Schultern; das Recht war auf Emans Seite.
Nur Daniel mussten sie zurücklassen. Einige Tage später wurde er von Abu Dhabi nach Dubai gebracht, und dieses Mal brachte man ihn in das Zentral-Gefängnis, irgendwo weit draußen in der Wüste.

Ich will die Geschichte abkürzen, obwohl ich glaube, dass sie sich hier für alle Beteiligten am längsten angefühlt haben muss, denn es vergingen Wochen, in denen sie sich vergeblich bemühten, Daniel frei zu bekommen. Die halbe Zeit verbrachte seine Mutter mit Fahrten zum Gefängnis um sich dort, während der Besuchszeiten, in die endlosen Schlangen einzureihen, und die andere Hälfte verbrachten sie und ihr Mann mit Gesprächen und Verhandlungen. Aber die Zeit lief weiter und Daniel ging es immer schlechter. Schließlich besorgte sein Vater ein Flugticket für Daniel. Einen Tag später wurde er in einem Gefängnisbus zum Flughafen gefahren, Terminal 2, Deportations-Center, abgeschlossener Bereich. Ausnahmsweise wurde den Eltern der Zutritt gestattet und so konnten sie sich von ihm verabschieden.
Daniel ist seither in Freiheit. Es geht ihm gut, heißt es. Und auch Eman, die ihm schon wenige Tage später nachgefolgt war. Seither sind beide nicht wieder zurückgekehrt.

erstellt am 10.6.2011

Dubai
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Fotos: Friederike Winterhager