19. April 2017

Textland

Bedingt abwehrbereit

In „So, und jetzt kommst du“ erzählt Arno Frank noch einmal die Geschichte der alten Bundesrepublik mit Klepperzelt, Tupperware Party, Gulaschkanone, sputnikförmiger Zigarettendose und der Kesselschlacht in Opas Erinnerung

1984 diskutiert der Bundesbürger die vorzeitige Verabschiedung und zunächst unehrenhafte Entlassung eines Vier-Sterne-Generals. Der stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber für den Großraum Europa, Panzergrenadier Kießling, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, geschlechtlich mit anderen Männern zu verkehren. So einen kann der Russe leicht erpressen, das Risiko darf Verteidigungsminister Manfred Wörner von den Christlichen Demokraten nicht eingehen. Die Sache zieht sich wie Kaugummi, die Stammtische ätzen von Aachen bis zum Amt Südtondern, Homosexualität ist noch igitt und passt am Wenigsten zum Wesen eines Soldaten. Die „Krankheit“ untergräbt unsere Abwehrbereitschaft. Zweifellos käme auch ein dreikäsehoher “Dreckspatz” in der Pfalz, der sogar schon das mütterliche Dekolleté eingeschifft hat, zu diesem Ergebnis, wäre er nur ein bisschen mehr auf Zack und nicht ganz so hinter dem Mond daheim.

Das indes, also „schwer von Kapee“, ist der Erzähler in Arno Franks bildschönem Romandebüt. Als vorerst Letzter hat der Journalist die Vorlage einer westdeutschen Jugend abgepaust und so die Konturen der alten Bundesrepublik (dem gelobten Land, das in den Erosionen der Wiedervereinigung abgetragen wurde) nachgezeichnet. Der Erzähler heißt genauso wie der Autor, nach einem Großvater, der wusste, wo es lang geht, seine Tüchtigkeit jedoch nicht weitergab an einen Sohn, dessen zweitliebster Spruch den Titel liefert. Eine Vorstadtpersönlichkeit spielt den Weltmann. Auf Kaskaden abschüssiger Unternehmungen entgleitet Jürgen Frank seinen Wohlstandsträumen. Er ist der krumme Hund als toller Hecht. Der geborene Bankrotteur. Ein schneidiger Versager mit einem Faible für jene Handgelenkstasche, die in der Rackerauchzartwelt der Siebzigerjahre als Necessaire an den Mann gebracht wurde – und von der rheinländischen Oma als „enne Schwuhledäsch“ identifiziert wird. Im Roman folgt die Kießling-Affäre. Deshalb weiß der Leser, wann die ausladende, als Urlaub getarnte Absetzbewegung der Franks einsetzt. In lange Ferien fliehen neben und hinter Vater Jürgen, Mutter Jutta, Ich-Arno, Schwester Jeany, Bruder Fabian so wie die Hunde Riese und Zwerg erst einmal von Kaiserslautern zur „Kotasür“. Ein flotter Lügner steigt gerade in die Klasse der von Interpol Gesuchten auf. Vor den Flics versteckt sich “Monsieur Frank“ im Schrank. Seine Frau lächelt jede Katastrophe in Grund und Boden. „Vergisst (sie), ihr Lächeln auszuschalten“, glüht es gefährlich weiter wie ein stromintensiver Heizstrahler. Jeany beobachtet Verwesungsprozesse mit Vergnügen. Fabian trägt zur Beruhigung seiner Mutter Tag und Nacht Schwimmflügel, die schlaff kombiniert mit vollen Windeln zu einem Elendstableau beitragen, das wenig zu wünschen übrig lässt.

In Umkehrung gottgewollter Machtverhältnisse beißt Zwerg den großen „Fressfeind“. Die Wunde wird zum Einfallstor für Parasiten. „Riesen weisen die Zuwendungen von Zwergen üblicherweise zurück“, schreibt Frank im Nachgang der Beobachtung, dass der Kleine die offene Stelle gewohnheitsmäßig einspeichelt. Befangen im Brehm’schen Deutungswahn, unterstellt der Autor dem Nachrangigen elegisch ein schlechtes Gewissen. Auch Tücke könnte das Verhalten des Lutschers steuern.

Noch kommt viel Leben aus dem Fernseher. In Frankreich steht Arno ein italienisches Mofa, genannt Moped, als Alternative zur Verfügung. Da geht seine kriminelle Energie hin. Der Vater verzockt „einen Arsch voll Geld“, bis er am Steuer einer „Türkenschaukel“ in Portugal Afrika nahe kommt. In seinem erbärmlichen Gefolge bastelt sich Arno dazu einen Soundtrack: „Die Anfänge fehlen meistens, weil ich die Lieder über das Kassettendeck des Ghettoblasters aufgenommen habe, in das Ende plappert oft schon der Moderator hinein.“

Vor ein paar Wochen schrieb Frank als Delegierter der Kassettenrekordergeneration einen offenen Brief an den Radiokönig seiner Jugend. Vertrauensvoll berichtete er Elmar Hörig von einem Onkel, der fortwährend „Witze (erzählte), … meistens sexistisches und rassistisches Zeug. Negerwitze auch. Nicht Witze über Schwarze, Negerwitze. Und Judenwitze. Nicht jüdische Witze, sondern Judenwitze mit Auschwitz und Gas und so.“

Klingt wie eine Obsession. Im Roman ersetzt der Vater Onkel Elmar, um Alltagsrassismus mit „Schokobaby“ und “Negerpost” Beispiele zu liefern. In Lissabon improvisiert der Herrenmensch über seine Bedeutung als Manager einer kaum florierenden Begleitagentur. Er verschleiert sein Versagen, Einsicht wäre tödlich. Optimismus muss reichen. Die Hitze macht dem Selfmade-Grandseigneur zu schaffen. Das Einstecktuch hat seine dekorative Funktion verloren. Der Vater hält den Sohn bei der Stange, er braucht die Zuneigung von Eigenfleischundblut. Als alleinreisender Gelegenheitsmacher wäre alles einfacher, doch ist der Durchstecher Familienmensch.

Arno Frank, So, und jetzt kommst du, Roman, Tropen, 351 Seiten

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Arno Frank liest aus „So, und jetzt kommst du“

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erstellt am 18.4.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.